Gegen Seuchen und Dürre

Grüne Revolution Eine neue Reissorte könnte in Afrika Millionen Bauern schlagartig höhere Erträge bescheren

In unserer globalisierten Welt mit ihrer Echtzeitkommunikation und den vernetzten Märkten können die Ängste der Menschen auf einer Seite des Globus nicht mehr von denen auf der anderen ignoriert werden. Um ein Beispiel zu nennen, die Folgen grassierender Seuchen springen von entleerten Tierzuchtställen über - auf die globalen Märkte und die internationale Nahrungsmittelversorgung. Heute ist die Welt mehr denn je mit einer allgemeinen Unsicherheit bei der Menge und Qualität von Lebensmitteln konfrontiert.

Bereits 2003 riefen deshalb die Vereinten Nationen dazu auf, die Agrarwirtschaft an vorderster Stelle im Kampf gegen diese Herausforderung zu platzieren. Vier Jahre später wird noch immer debattiert, wie denn Afrika nun am besten landwirtschaftlich zu entwickeln sei. Immerhin sind eine Reihe von Organisationen - die Partnerschaft für Afrikas Entwicklung (NEPAD), der Rat für internationale Agrarforschung (CGIAR) und die erst kürzlich geschaffene "Allianz für die Grüne Revolution in Afrika" (AGRA) - um Antworten auf den Appell afrikanischer Regierungen bemüht, dank der nationalen Landwirtschaft einen eigenen Wohlstandspfad zu suchen.

Die viel gelobte "Grüne Revolution in Asien" vor vier Jahrzehnten dient als Modell und wird gern als Elixier für die Rettung von Milliarden Menschenleben zitiert - doch muss eine Grüne Revolution in Afrika wohl oder übel ihre eigene Geschäftsordnung finden.

Man stelle sich vor: Es gebe einen neuen, gegen Pest und Dürre resistenten Reis für Afrika, der um 30 bis 50 Tage schneller reift als traditionelle Reissorten, einen höheren Proteingehalt aufweist und sogar gut schmeckt. Kein futuristisches Szenario und keine Utopie. Das ist NERICA, der "Neue Reis für Afrika", der die Vorteile von hoch ertragreichem asiatischen Reis mit der Resistenz afrikanischer Reissorten vereint. NERICA ist bereits Wirklichkeit auf den Feldern von 30.000 Bauern in 20 Ländern. Deren Erträge sind drastisch gestiegen, deren Familien nutzen den Vorteil kürzerer Reifezeiten, um von einer zweiten Ernte mit Gemüse oder Hülsenfrüchten zu profitieren. Die breiteren Blätter der Reissorte bilden mehr Schatten und halten das Unkraut zurück.

IFAD, ein internationales Finanzinstitut der Vereinten Nationen, das Investitionen für den ländlichen Raum vergibt, um Armut auszurotten - hat die Genese von NERICA wesentlich unterstützt (vergeben wurden bisher insgesamt rund vier Milliarden Dollar an Krediten und Förderungen für etwa 345 Projekte in 51 afrikanischen Ländern). IFAD versorgte das Africa Rice Center (WARDA) mit Finanzmitteln und bemüht sich im Augenblick darum, die Verbreitung von NERICA in etlichen Ländern voranzutreiben, unter anderem in der Demokratischen Republik Kongo, in Sierra Leone, Guinea und Gabun. Nach den Schätzungen von IFAD könnten 1,7 Millionen Bauern in Afrika von NERICA profitieren und ihre Heimatländer von Ausgaben für den Import von Reis entlasten.

Eine besondere Anerkennung hat NERICA auch dadurch erfahren, dass die neue Sorte zusammen mit den Sorten, aus denen dieser Reis gewonnen wurde, fixer Bestandteil des neuen Svalbard-Saatgut-Tresors sein wird - eine Initiative der norwegischen Regierung, um Saatgutsorten als Ausweis der genetischen Vielfalt unserer Zivilisation zu speichern.

Wenn eine Grüne Revolution in Afrika erfolgreich werden soll, muss sie so viele Bauern wie möglich erreichen, vorrangig arme Selbstversorgungs- und Familienbetriebe, die dauernd von lokalen und globalen Gefahren bedroht sind und verkraften müssen, dass der Klimawandel ihre traditionellen Anbauweisen beeinträchtigt. Zudem schafft die Migration der Menschen vom Land in die Städte immer mehr Supermärkte und unterwandert die lokalen Bauernmärkte. Im Bemühen, die Bedürfnisse der Kleinbauern bei der Suche nach neuen Strategien, Gesetzen und Regulierungen zu berücksichtigen, investiert IFAD auch in Programme, von denen diese Spezies ganz unmittelbar angesprochen wird.

Afrikas Grüne Revolution braucht ein ausgewogenes Verhältnis von politischem Engagement und Unterstützung, von verbesserter Infrastruktur und Marktzugang, einen geschärften Blick für ländliche Belange. Sie braucht auch so etwas wie regionale Visionen für einen Kontinent, der darauf angewiesen ist, eine solche, keine andere Agenda für seine Agrarrevolution durchzusetzen.

Kanayo Nwanze ist Vizepräsident des Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD) und ehemaliger Generaldirektor des Africa Rice Center (WARDA).


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