Geh zu Irene

Alltag In Irene Runge, Mitbegründerin des jüdischen Kulturvereins Berlin, brennt das Wort "fremd". Sie tritt für Solidarität zwischen Juden und Moslems ein

Die Referenten des Workshops "Wellness im Kiez" sind vollständig anwesend. Igor Chalmiev, der Integrationsbeauftragte des Jüdischen Kulturvereins, heißt die Gäste willkommen. Er stellt die einzelnen Programmpunkte vor. Er weist darauf hin, dass es im Nebenraum Kaffee und Tee gibt.

"Noch nicht jetzt", unterbricht ihn eine Frau in der ersten Reihe. Sie tritt nach vorn. Es ist die Vorsitzende des Jüdischen Kulturvereins, Irene Runge. Sie schiebt die Brille mit dem Mittelfinger näher an die hellbraunen Augen. Sie wird einige Worte zum Essen sagen. "Für das Buffet ist später eine Pause vorgesehen. Ich werde das Zimmer jetzt schließen, nicht, dass niemand essen soll, es ist nur, damit der Raum kühl und die Speisen frisch bleiben."

Igor Chalmiev fährt in seiner Eröffnungsrede fort, doch die Gäste verweilen in Gedanken noch einen Moment bei den Platten mit Käse und Fisch, dem Salzgebäck, Mandarinen, Weintrauben, den rötlichen und weizengelben Brotsorten.

In der Pause füllen die afrikanischen, arabischen, jüdischen und türkischen Soziologen, Psychologen, Sozial- und Medienarbeiter am Kosher-Style-Buffet des Jüdischen Kulturvereins ihre Teller und diskutieren weiter. Ihre Gespräche drehen sich um die Lebens- und Wohnsituationen älterer türkischer Ehepaare, die gern am Maybachufer und in das nächstgelegene Kaufhaus ausgehen, um russische Juden, die lieber am Ku-Damm leben, und wenn das nicht möglich ist, dann wenigstens in einer nahegelegenen Hauptstraße, keinesfalls am Stadtrand und um die allein erziehenden arabischen Frauen, deren Männer oft nur zum Schlafen nach Hause kommen, weil sie sich schämen, das Geld für die Familie nicht mit den eigenen Händen erarbeiten zu dürfen, sondern von einem Amt abholen zu müssen.

Man schichtet Käse und Fisch auf das Brot, schält Mandarinen, schlürft Tee und erzählt, woher man kommt, was man macht, wie es an anderen Orten ist, in London zum Beispiel, wo die Leute aus den ehemaligen Kolonien selbstverständlicher ins Bild der Stadt gehören, und warum gerade in Deutschland über Migration meist im sorgenvollen Kontext berichtet wird.

"Manchmal bestehe ich darauf, dass auch ich eine Migrantin bin", sagt Doktor Irene Runge, die den Workshop organisiert hat. "Um den Begriff ad absurdum zu führen."

Irene Runge war sieben Jahre alt, als ihre Eltern mit ihr aus dem New Yorker Exil nach Berlin zurückkehrten. In jenem Jahr wurde die DDR gegründet. Sie erinnert sich an das Heimweh nach New York. Als sie zehn ist, bekommt sie ein Radio geschenkt und hört nachts unter der Bettdecke den amerikanischen Sender AFN.

Sie erinnert sich an golden umrahmte Fotos von Männern in Nazi-Uniform in den guten Stuben der Mitschüler. Da hat sie das Gefühl, an einem verbotenen Ort zu sein.

Sie erinnert sich, dass sie komisch fand, was die Leute in Berlin essen und vor allem, wie sie essen. Zu Hause bei ihren Eltern isst man anders, gewissermaßen in jeder positiven Steigerungsform: länger, in drei Gängen mindestens, bunter, leichter, schwerer, süßer, würziger, belangvoller. Oft sind Gäste da: Leute, die in Spanien gekämpft haben, amerikanische Kommunisten auf der Durchreise in die frühere Heimat Polen oder Genossen, die während des Krieges in Moskau gelebt haben. Mit 14 Jahren wird sie fast verrückt bei dem Gedanken, schon ebenso lange in Berlin gelebt zu haben wie in New York. "Mein Herz war halb Manhattan, halb Berlin", sagt sie.

Auf der Schweißnaht ihres Herzens glüht das Wort "fremd". Das will und will nicht abkühlen. Es lässt sie nicht mehr los, das Paradox "fremd", diese Merkwürdigkeit der menschlichen Natur: Jeder ist einzigartig, nicht identisch mit jedem anderen Individuum, doch definiert er seine Identität über die Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen von Menschen, in denen er dann von außen nicht mehr als einzigartig wahrgenommen wird. Die Deutschen. Die Türken. "Dass Staatsbürgerschaft zu einem besonderen Charakteristikum werden sollte, fand ich schon immer idiotisch", sagt sie.

Später, als Wissenschaftlerin, seziert sie das Wort "fremd". Sie beobachtet es unter dem Einfluss verschiedener Milieus. Sie definiert die Bedingungen, unter denen sich das Paradox auflöst. Diese Bedingungen fasst sie in der Zustandsbeschreibung "Stadt" zusammen. "Was mich an Großstadt begeistert, ist, dass es jede Stunde etwas Neues zu entdecken gibt, andere Lebenswelten, aus denen neue Zusammenhänge werden. Schichten. Es ist gleichzeitig ein Problem, wenn sich aus dieser Bewegung heraus Viertel bilden, in denen der größte Teil der Bevölkerung sozial benachteiligt ist. Die Gesellschaft muss handeln, wenn die sozial Schwachen eine größere Gruppe bilden als der Mittelstand. Das ist aber ein soziales Problem, kein ethnisches."

Wenn sich der Zustand "Stadt" auch schwer über Längen- und Breitengrade ermitteln lässt, so findet die Wissenschaftlerin doch einen Ort, der für sie den Eindruck erweckt, "Stadt" zu sein: Manhattan. Das ist das Zimmer, das sie von Zeit zu Zeit aufsucht, um sich zu entspannen. Hier fühlt sie sich Menschen nahe, die den harten Wechsel der Lebenskulturen erfahren mussten. Wie die Gefährten ihrer Eltern, die Wandernden, die in der Welt zu Hause sind, mehr als in den Wohnungen, die ihren Aufenthaltsort beschreiben.

In Berlin trifft sie Johann Colden, der wie sie im Exil der Eltern geboren ist. Sie trifft Andreas Poetke, dessen Eltern die Nazis in einem Berliner Versteck überlebten. In den letzten Tagen der DDR gründen sie den Jüdischen Kulturverein. Stadt braucht Identitäten als Fundament, Räume, die sich durchdringen und offen bleiben. Die Vorsitzende des Jüdischen Kulturvereins engagierte sich am Zentralen Runden Tisch der DDR dafür, die Landesgrenzen für sowjetische Juden zu öffnen. "Als im Sommer 1990 die ersten kamen, da war uns klar, dass wir Integrationsarbeit leisten müssen", sagt sie.

Der Verein bietet Hilfe von Bettwäsche bis zum Kinderspielzeug. Er sorgt für Deutschkurse und Veranstaltungen in russischer Sprache. "Geh zu Irene", sagen die neuen russischsprachigen Berliner ihren Landsleuten, wenn es Probleme mit einem Amt gibt. "Zugegeben, ich war ein bisschen enttäuscht. Ich hatte gedacht, dass sie politischer sind, engagierter. Aber dafür, dass wir ein falsches Bild im Kopf hatten, können sie ja nichts. Das mussten wir korrigieren."

15 Jahre später sieht Irene Runge die Idee der Stadt von einer anderen Seite gefährdet. Mit Igor Chalmiev, der in der Vielvölkerstadt Baku in Aserbaidshan Tür an Tür mit Muslimen und Christen gelebt hat und seit einigen Jahren als Integrationsbeauftragter im Jüdischen Kulturverein arbeitet, verfasst sie im November 2004 einen öffentlichen Aufruf Wider die Islamophobie.

"Antisemitismus und Islamophobie scheinen zunehmend die zwei Seiten einer Medaille zu sein", schreiben sie. Sie werfen Politikern und Medien eine "selbstgefällige Polemik" vor, "die den Islam und mit ihm die gesamte muslimische Gemeinschaft zur verdeckt sprudelnden Quelle jenes extremistischen Terrors erklärt, der gerade gegen unser Volk gerichtet ist."

Die solidarische Jüdin ist vielen Muslimen längst bekannt. Seit dem 11. September 2001, seit der "Kampf der Kulturen" in Talkshows, Büchern und Magazinen heraufbeschworen wird, festigt der Jüdische Kulturverein die Beziehungen zu vielen Migrantenvereinen, darunter muslimische Organisationen.

Die erste jüdisch-muslimische Begegnung findet ausgerechnet am 12. September 2001 statt. Das seit dem Sommer geplante Treffen mit türkischen Senioren in der AWO-Begegnungsstätte Kreuzberg steht in der Ratlosigkeit des Tages eins nach den Anschlägen natürlich in Frage, wird letztendlich aber von beiden Seiten als dringend empfunden.

"Ich hatte bis dahin nicht gewusst, wie vielfältig Migration in Berlin ist", sagt die Verteidigerin der Stadt. "Ich kannte die intellektuelle türkische Szene Kreuzbergs nicht. Ich wusste nichts vom gewerkschaftlichen Engagement der in den Zeiten der Diktaturen eingewanderten Spanier, Portugiesen und Griechen. Ich hätte vorher nicht gedacht, mit studierten jungen Frauen zu sprechen, die das Kopftuch tragen."

Eine der ersten Aktivitäten der türkisch-jüdischen Koalition: Man fegt die Straßen in Kreuzberg. Man bringt neue Denkansätze in die Workshops der jeweils anderen Seite. Man feiert gemeinsam. Auf dem Chanukkafest tanzen orthodoxe Rabbiner, muslimischen Afrikaner, jüdische Studenten und türkischen Senioren zusammen im Kreis.

Man trifft sich anlässlich des feierlichen Fastenbrechens nach dem Ramadan in der Moschee oder in Restaurants. Man isst gemeinsam. Nach der getrockneten Dattel und einem Gebet folgen Linsen- und Joghurtsuppe. Die muslimischen Studenten erzählen den Leuten vom Jüdischen Kulturverein vom Fastenbrechen zu Hause in ihren Familien. Aber mitten im Semester könnten sie nicht nach Hause fliegen. Deswegen seien sie zum Feiern in die Moschee gekommen. Man isst Reis und Fleisch. Man isst verschiedene Couscous-Salate mit Gemüse. Die muslimischen Studenten finden die jüdischen Speisevorschriften ziemlich kompliziert. Was Schweinefleisch betrifft, ist man sich ja einig, aber darüber hinaus noch ungefähr dreihundert weitere Speiseregeln... Die muslimischen Studenten finden, dass sie es leichter haben. Zwar trinken sie keinen Alkohol, doch müssen sie milchige und fleischliche Speisen nicht trennen. "Das jüdische Fastenbrechen nach Jom Kippur ist wesentlich bescheidener", erzählt Irene Runge den Studenten. "In den Synagogen gibt es Süßes, auch Hering oder Eiersalat und belegtes Brot". Bevor sie wieder auseinandergehen, trinken sie gemeinsam Tee.

Irene Runge in ihrer Wohnung. Sie sitzt in einem Polstersessel, über dessen Kopfende ein kleines Kissen hängt. "Living well is the best revenge" steht in Kreuzstichen darauf gestickt. Sie liebt bequeme Sessel. Sie könnte sich jetzt zurücklehnen. Sie könnte sich ausruhen. Vor zwei Jahren wurde sie sechzig Jahre alt.

"Möglich, dass Berlin in 20 Jahren die interessanteste jüdische Metropole Europas ist", sagt sie. Da will sie noch dabei sein. Sie träumt von einem Wiener Kaffeehaus mit Judaica und Internet, mitten im Prenzlauer Berg, vor allem für die vielen jungen jüdischen Leute aus den USA, Israel und Frankreich, die sich von jeder Synagoge fernhalten. Ein Ort, der sich herum spricht, wo man jüdische Zeitungen in vielen Sprachen liest und auf Menschen aus aller Welt trifft. Ein Ort der Vielfalt, der Ideen, ein Ort zum Weiterdenken. Vorausgesetzt, sie findet in nächster Zeit einen Konditor der alten Schule, denn der Kuchen sollte ausgezeichnet sein.


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00:00 04.03.2005

Ausgabe 38/2020

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