Gehen zu keinem Zweck

Wüstungen und Paradiese Zum Tod des Dichters Harald Gerlach

Seine letzte große Reise führte ihn zu jenen beschwerlichen Traumpfaden, auf denen sich einst der junge Goethe aus einer fundamentalen Lebenskrise gerettet hatte. Vor zwei Jahren durchquerte der Dichter Harald Gerlach von Straßburg aus die »völlig paradiesische Gegend« vom nördlichen Elsass bis nach Lothringen, Saarbrücken und Neunkirchen, um auf der langen Wanderung herauszufinden, was den jungen Frühlingsreisenden Goethe im Frühjahr 1770 Levitation verschafft haben mochte.

Es ist dieser Gestus des nomadischen Aufbrechens und Weggehens, der Werk und Vita Harald Gerlachs seit je geprägt hat. Gehen. Zu keinem Zweck/ als: / unterwegs sein, heisst es in seinem Gedicht Le Flaneur: Ruhe ist nur/in der Bewegung. Die Schlaglöcher/ zwischen Königsberg und Bordeaux./ Verbote vergessen... Das unruhige Vagabundieren Gerlachs begann schon mit dem Fluchttrauma von 1945, als der Fünfjährige gemeinsam mit seiner Familie aus dem niederschlesischen Bunzlau Hals über Kopf fliehen musste und nach einer langen Irrfahrt durch die Kriegsschrecken in der äußersten Südostecke Thüringens landete, in dem Grenzstädtchen Römhild.

Die »verlorenen Pfade« Schlesiens und das südthüringische Grabfeld bilden dann später auch die topographischen Konstellationen, in die sich seine Gedichte, Geschichten und Romane verwurzeln. »In Schlesien hat man gelernt, mit dem Schmerz zu leben«, konstatiert etwa der DDR-Bürger Benjamin, Held des Romans Windstimmen von 1997: »Schlesien ist Grenzland, seine Geschichte ist von Grausamkeit gezeichnet und mit Blut ausgemalt.« Um mit dem Schmerz leben zu können, verwandelte sich der junge Steinbrucharbeiter und Totengräber Harald Gerlach um 1962/63 in einen Dichter. Den Anmaßungen der neuen Staatsmacht war er zuvor mit erstaunlicher Renitenz entgegengetreten. Da er als Wehrdienstverweigerer keinen Studienplatz erhielt, entschloss sich der Zwanzigjährige im Dezember 1960 zu einer wagemutigen Grenzüberschreitung. Mit Hilfe einer Freundin gelangte er nach Ostberlin, wechselte dort mit der S-Bahn in den Westen der Stadt, erwarb ein Nachtflugticket nach Hannover, ließ sich im Lager Friedland einen bundesrepublikanischen Pass aushändigen und verschwand schließlich in Richtung Italien. Schon damals diente ein Buch Goethes als Navigationshilfe, die Italienische Reise. Als er nach einem halben Jahr des Vagabundierens durch Italien und Frankreich in die DDR zurückkehrte, wurde er verhaftet und als Spion denunziert.

Belehrt durch solche Erfahrungen mit dem Sozialismus, war dann später mit dem Dichter Harald Gerlach kein Staat zu machen. Als im Herbst 1977 sein Förderer Reiner Kunze aus der DDR vertrieben wurde, reagierte Gerlach mit einem Theaterstück über den schlesischen Frühaufklärer Johann Christian Günther. Die szenische Montage Die Straße erzählte die Geschichte eines jungen dichterischen Außenseiters, der von der Obrigkeit gezwungen wird, das Land zu verlassen. Prompt wurde die Uraufführung wie viele andere Theaterarbeiten Gerlachs verboten und erst nach absurden kulturpolitischen Verrenkungen dann doch aufgeführt. Gerlach indes erhob immer wieder Ketzer, Marginalisierte, Landstreicher und Abweichungskünstler jeder Art zu seinen lyrischen und dramatischen Helden.

Den konzentriertesten Widerspruch zu den literarischen Imperativen des SED-Staats formulieren jedoch Gerlachs Gedichte, in die sich eine pessimistische Anthropologie eingeschrieben hat. Bei den Erkundungen von Landschaft und Geschichte meidet Gerlach jedes Pathos und sucht, bei zunehmender Tendenz zur Verrätselung, eine Sprache,/die sich nicht feilbieten muß. Unter dem Einfluss des späten Günter Eich treibt er seine Gedichtsprache in einen grimmigen Lakonismus hinein, der »Bildverzicht« übt und mit kryptischen Anspielungen arbeitet. In den sarkastischen Versen des Bandes Wüstungen (1989) wird jede Utopie verabschiedet: Ohne Tritt in der Dämmerung, gardegrau,/ die gealterten Revolutionen, übermüdet, irren/ nach ihren Inhalten. Ein Molotow-Cocktail/ auf fremder Bettkante, im Nacken die/ abgeschriebene Frage WERWEN, in heißer Scham/ vergraben, Vorhaut der Klasse, tremoliert/ Urintervalle über depressivem Ostinato.

Nach der Wende verließ Gerlach sein thüringisches Domizil und bezog mit seiner Frau Bettina und seinen drei Söhnen ein altes Winzerhaus in Leimen bei Heidelberg, wo sich endlich jene »Zukunft« zu öffnen schien, die im gleichnamigen Gedicht aus dem Band Nachricht aus Grimmelshausen (1984) noch als unerreichbar beschrieben wurde. Doch gegen die »Zukunft« setzte sich ein Satz aus dem Roman Windstimmen durch: »Wir leben bloß in dem Moment, in dem wir begreifen, dass es das Leben nicht geben wird, auf das wir gewartet haben.« Am 19. Juni ist Harald Gerlach an den Folgen eines Hirntumors gestorben.

Die Bücher Harald Gerlachs sind im Berliner Aufbau-Verlag erschienen. Im Herbst wird dort der nachgelassene Roman Blues Terrano aufgelegt. Im Gollenstein Verlag erscheint bereits im August die Reiseprosa Die völlig paradiesische Gegend. Auf Goethes Spuren zwischen Rhein, Saar und Mosel., Hrsg. v. Ralph Schock

00:00 20.07.2001

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