Geht es nicht besser?

Hintergrund Von Griechenland bis Norwegen: Der Stand der Gleichstellung in anderen Staaten Europas

Griechenland

Der aktuellste Gender Datenreport des deutschen Bundesfamilienministeriums gibt eine Beschäftigungsquote von 73 Prozent bei griechischen Männern an, während lediglich 44 Prozent der Frauen 2003 einer Arbeit nachgingen. Der Anteil von Frauen in Griechenlands Parlament lag 2005 bei 12,5 Prozent. Der Global Gender Gap Report 2010 führt Griechenland auf dem 58. Rang. Ein Jahr zuvor hatte sich das Land noch auf Platz 85 wiedergefunden. Selbst wenn eine gesetzliche Frauenquote nicht in Sicht ist, sind die Verbesserungen in den vergangenen Jahren sicherlich auch auf die Umsetzung des nationalen Programms zur Gleichstellung der Geschlechter zurückzuführen.

Litauen

Viele Staaten der ehemaligen Sowjetunion gelten als fortschrittlich, was die Gleichstellung von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt angeht. Laut Gender Datenreport lag die Beschäftigungsquote von Männern und Frauen zwischen 15 und 64 im Jahr 2003 nah beieinander: 60 Prozent der Männer, respektive 58 Prozent der Frauen, gingen einer bezahlten Arbeit nach. Damit lag Litauen im europäischen Vergleich an dritter Stelle, hinter Schweden und Finnland. Der Frauenanteil im Parlament war zur Zeit des EU-Beitritts der Litauer im Jahr 2004 allerdings recht niedrig: Nur 22 Prozent der Abgeordneten waren weiblich. Seit 2009 haben die Litauer aber mit Dalia Grybauskaité eine Staatspräsidentin.

Frankreich

Es sollte ein eindeutiges Zeichen für mehr Gleichstellung sein: Im Juni wurde die französische Wirtschafts- und Finanzministerin Christine Lagarde zu Dominique Strauss-Kahns Nachfolgerin auf dem Chefposten des Internationalen Währungsfonds gewählt. Seit Januar dieses Jahres hat Frankreich auch eine gesetzlich verankerte Frauenquote. Ihr Ziel: Bis 2014 sollen 20 Prozent der Positionen in Aufsichtsgremien von Unternehmen mit mindestens 500 Mitarbeitern durch Frauen besetzt sein. Bis 2016 soll diese Zahl dann auf mindestens 40 Prozent steigen. Schon heute liegt die Erwerbsquote der 25- bis 54-jährigen Frauen bei etwa 80 Prozent, fünf Prozentpunkte über dem EU-Durchschnitt. Die Regierung betrachtet dies als Zeichen dafür, dass Frauen in Frankreich Beruf und Familie besonders gut miteinander vereinbaren können. In jedem Fall bekommen Französinnen mehr Kinder als viele andere EU-Bürgerinnen – nämlich im Durchschnitt etwa zwei.

Spanien

Auch nach der Franco-Diktatur blieben alte Rollenbilder in Spanien zum Teil lange fest verankert. So wurde zum Beispiel das Scheidungsverbot erst 1981 abgeschafft. Seither hat sich aber einiges getan. Zur Wiederwahl des derzeitigen Regierungschefs José Zapatero im Jahr 2008 saßen im Kabinett mehr Frauen als Männer. Solche Erfolge sollten allerdings auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Spanien zu den Staaten gehört, die eine erschreckende Bilanz häuslicher Gewalt aufweisen. Amnesty International etwa kritisiert, dass die häufigste Todesursache von Frauen zwischen 16 und 44 in Spanien die Gewalt durch Männer sei. In naher Zukunft will Spanien dennoch mit einer Frauen­quote hohe Ziele erreichen: Bis 2015 sollen die Positionen in den Aufsichtsratsgremien zu 40 Prozent durch Frauen besetzt sein.

Italien

2008 bezeichnete Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi das spanische Kabinett noch weitgehend unwidersprochen als „zu rosa“ und spielte damit auf den hohen Frauenanteil unter Spaniens Ministern an. Nach den Wahlen 2008 saßen im italienischen Senat von 322 Senatoren nur 59 Frauen, 18,4 Prozent. Der durchschnittliche Frauenanteil in Parlamenten weltweit liegt dagegen bei 25 Prozent. Der Gender Datenreport zeigt, dass in Italien das Einkommen von berufstätigen Frauen 2003 bei 94 Prozent des Einkommens der Männer lag. Laut des jährlich erscheinenden Global Gender Gap Reports 2010 des Weltwirtschafts­forums belegt Italien dennoch lediglich Platz 74 in der Welt. Im Februar dieses Jahres gingen denn auch 100.000 Italienerinnen auf die Straße, um gegen das Frauenbild ihrer Regierung zu demonstrieren. Immerhin: An einem Gesetz, das Frauenquoten ermöglichen soll, wird derzeit gearbeitet.

Finnland

Finnland ist stolz darauf, das Wahlrecht für Frauen bereits 1906 eingeführt zu haben. Italien und Frankreich zum Beispiel benötigten dafür bis nach dem Zweiten Weltkrieg. 2010 noch hatte Finnland eine Frau als Ministerpräsidentin. Und Mari Kiviniemi war bereits die zweite Frau an der Spitze einer finnischen Regierung. In ihrer Amtszeit bildeten Frauen zudem die Mehrheit im Kabinett: 63 Prozent. 2011 wurde Kiviniemis Regierung jedoch abgewählt, was der Spiegel als „Revolution der zornigen Männer“ bezeichnete. Es waren vor allem junge Männer gewesen, die die rechtspopulistische Partei „Wahre Finnen“ gewählt und so Kiviniemis Regierung aus dem Amt gejagt hatten. 2011 sind nur noch 86 von 200 Abgeordneten in Finnland weiblich. Eine gesetzliche Frauenquote hat das Land nicht.

Norwegen

Was die Gleichstellung der Frauen angeht, scheinen viele skandinavische Länder dem Rest Europas voraus zu sein. Der Global Gender Gap Report 2010 verzeichnet Norwegen auf Rang Zwei, direkt hinter Island, gefolgt von Finnland und Schweden. Die Norweger haben bereits seit 2003 eine gesetzliche Frauenquote. Bis 2008 sollten 40 Prozent Frauen in den Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen vertreten sein. Laut einer Evaluation der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung erreichte der Anteil bis 2010 zumindest 39 Prozent. Seit Kurzem besetzen Frauen zehn von 19 Ministerposten der Regierung. Kritik müssen sich die Norweger allerdings auch gefallen lassen: Trotz verbesserter Präsenz sind weiterhin nur drei Frauen Vorsitzende in einem Aufsichtsrat.

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