Geht mehr ins Intime

Ideale Brautpaare Geheiratet wurde im deutschen Fernsehen schon lange vor "Gülcans Traumhochzeit". Es hat Erfahrung damit

Läuft alles nach Plan, wird die von der Viva-Moderatorin zur Allzweck-Quasselstrippe aufgestiegene Gülcan Karahanci am 7. August den Bäckermeister Sebastian Kamps heiraten und dieses Ereignis von ProSieben live in deutsche Haushalte übertragen lassen. Den Weg dorthin schildert seit über zwei Wochen die siebenteilige Reihe Gülcans Traumhochzeit. In ähnlicher Weise hatten sich im Sommer 2005 unter der Überschrift Sarah Marc in Love schon Sängerin Sarah Connor und ihr Auserkorener Marc Terenzi der Kamera hingegeben.

Wenn die Zuschauerschaft seit einiger Zeit Eheschließungen im Doku-Soap-Format präsentiert bekommt, dann ist zwar die gewählte Form noch relativ jung, das Thema aber eines, das nicht nur in medialem Zusammenhang auf Aufmerksamkeit hoffen darf. In katholischen Kirchen kann man beobachten, dass die Bänke bei Trauungen über Freunde und Verwandte des Paares hinaus mit völlig Fremden besetzt sind. Ob in sakraler oder profaner Umgebung, immer treten die Brautleute vor ein Publikum, das eine aufs Sentiment abzielende Vorstellung erwartet: die Anmutung momentanen Glücks, verknüpft mit der Illusion, das vergängliche Gut könne von Dauer sein. Die Zuschauer hoffen auf emotionale Teilhabe an einem Ereignis, das verklärend als "schönster Tag des Lebens" bezeichnet wird, mit dem sich in der bürgerlichen Folklore schwärmerische Vorstellungen von einem idealisierten Zusammenleben verbinden.

Das Fernsehen sucht seit je von dieser flüchtigen Romantik zu profitieren. Schreitet man in der Programmgeschichte zurück, begegnet man allein in der Sparte Show unter anderem der Traumhochzeit (RTL), Sag ja - Willkommen zu deiner Hochzeit (Sat.1) und dem Flitterabend der ARD. Der Fernsehfunk der DDR feierte 1975 Das Brautpaar des Jahres. Das heftig um Zuschauer buhlende ZDF machte kurz nach seinem Sendestart im Jahr 1963 mit der von Hans-Joachim Kuhlenkampff moderierten Show Ihre Vermählung geben bekannt auf sich aufmerksam, die als Finale eine reale Eheschließung zeigen sollte. Damals ein Aufsehen erregender Vorgang und damit ein gelungener Coup: knapp fünf Millionen Zuschauer machten die frühe Reality-Show zur vierterfolgreichsten der Mainzer Unterhaltungsabteilung. Dabei blieb es aber auch, denn die Kritik war schroff und die Führung des Hauses christlich-konservativ eingestellt.

Ein Schlager aus dem Jahr 1951 fasste die Sehnsüchte, die sich mit dem Tag der Hochzeit verbinden, in gefühlvolle Worte:

"Wir sind füreinander bestimmt/
unsre Herzen, die schlagen vereint./
Jeder Tag wird jetzt schön,/
weil wir beide uns verstehn."

Mit viel Schmelz in der Stimme besang der in jenen Tagen insbesondere vom weiblichen Publikum gern gehörte Willy Schneider den Bund der Ehe und dies nicht ohne Grund: Der von Piet Hase (alias Kurt Feltz) getextete und von Gerhard Winkler (Caprifischer) komponierte Foxtrott war die Erkennungsmelodie der Radio-Unterhaltungssendung Das ideale Brautpaar.

Die Idee zum Spiel kam, wie so viele der deutschen Funkunterhaltung, aus dem Ausland, in diesem Fall von der Schweizer Rundfunkgesellschaft Studio Genf. Dort hatte André Savoy Gespür bewiesen, als er mit Concours des fiancés modèles ein Sendekonzept entwickelte, das in der Hauptsache daraus bestand, junge Brautpaare auf heitere Weise auf die Probe zu stellen. Braut und Bräutigam mussten separat dieselben Fragen beantworten, Übereinstimmungen wurden mit Punkten belohnt, in der deutschen Fassung dann jeder Punkt mit einer D-Mark honoriert. Es gewann das Paar mit dem besten Ergebnis.

Der Kölner NWDR-Unterhaltungsredakteur Peter Kottmann hatte 1950 die Rechte an der Idee redlich erworben - schon damals eher die Ausnahme; der Formatklau ist keine Erfindung unserer Tage. Der Nebenerwerbsmoderator und erprobte Karnevalist Jacques Königstein wurde als Spielleiter gewonnen. Vom Vorbild blieb wenig erhalten, die deutschen Lizenznehmer entschieden sich für alltagsbezogene Fragen und griffen dabei auf ihren eigenen Erfahrungsschatz zurück. Im November 1951 hatte der einmal pro Monat angesetzte "heitere Kursus für Ehekandidaten" Premiere. Der Erfolg zeichnete sich ab, als binnen kurzem 1.000 Eintrittskarten für die Aufzeichnung verkauft waren. Und er trat tatsächlich ein, als eine Woche später, am 10. November, gesendet wurde.

Die Redaktion war von Briefen überschwemmt worden, die mögliche Fragen an die Kandidaten enthielten. Die Anfragen von Eheleuten in spe kamen so zahlreich, dass die Teilnehmer ausgelost werden mussten. Einige Vorwitzige erbaten sogar Terminvorschläge, denn es gehörte zum Prinzip der Reihe, das die Sendung am Tag der Hochzeit des Gewinnerpaares ausgestrahlt wurde.

Die Rundfunkzeitschrift Hör zu brachte im April 1952 eine Fotostrecke zu der Sendung, um die Reaktionen der Mitwirkenden auch einmal im Bild zu präsentieren. Im zugehörigen Text wurde über die Popularität der Reihe sinniert: "Wenn der hoffnungsvolle Bräutigam nach der Antwort auf eine Frage sucht, die ›sie‹ schon beantwortet hat, dann ist das für den Hörer so spannend wie ein Kriminal-Hörspiel. Und was kommt manchmal an echtem, unfreiwilligem Witz und Humor dabei heraus!"

Praktische Überlegungen zu Heim, Herd und künftigem Zusammenleben waren Gegenstand der Fragen, aber nicht ungern provozierte Königstein auch ungewollte Zweideutigkeiten. In einem Buch über seine Erfolgssendung notierte er 1952, dass die Reaktionen auf seine Frage "Was würden Sie tun, wenn Ihr Bräutigam 24 Stunden vor der Hochzeit sagen würde: Eigentlich möchte ich mir´s noch einmal überlegen!?" etwas trocken ausfielen. Königstein wählte eine Strategie, die Jahrzehnte später als akuter Verfall der Unterhaltungskultur beklagt werden sollte: "Ich ging daher mehr ins Intime."

Das Publikum störte sich nicht daran, sondern war begeistert. Die Sendungen versammelten teils bis zu 90 Prozent aller Hörer vor den Geräten. Auf Wunsch örtlicher Veranstalter ging der Tross aus Orchester, Interpreten, Technikern auf Tournee und gastierte nicht nur im unmittelbaren Sendegebiet, sondern auch in Berlin. Ohne dass dies bewusst angestrebt worden war, wurde das Format zum Ausdruck einer gesellschaftlichen Grundstimmung, indem es lebensweltliche Aspekte und romantische Sehnsüchte vereinte. Hier traf mancherlei zusammen, was viele Zuhörer zu dieser Zeit bewegte. Jacques Königstein berichtete später: "Unzählige Menschen - Ehepaare, Brautpaare, Liebespaare und Einzelgänger - wandten sich an den NWDR oder an mich mit ihren Sorgen, Wünschen und Zweifeln. Oft kam der Brautvater sich vor wie ein Beichtvater, oft wie der klassische Zauberlehrling (...) Ein harmloses, heiteres Spiel, ein Scherz (ohne Satire und Ironie) gewann tiefere Bedeutung."

Dieses Spiel lebte wesentlich von der Schlagfertigkeit der Beteiligten, aber auch von deren Äußerem. Eine naheliegende Idee also, die Sendung in das Versuchsprogramm des NWDR-Fernsehens zu übernehmen. Am 28. Mai 1952 wurde die zehnte Ausgabe der Reihe parallel im Hörfunk und TV gesendet, nunmehr als Live-Übertragung. Ein Kritiker des Hamburger Abendblatt bezeugte: "Am liebsten hätte der Karl-Heinz seiner Ingeborg auf dem Musikhallen-Podium einen Kuß gegeben, als sich herausstellte, daß sie in allen vier Ideales-Brautpaar-Fragen total einig gewesen waren. Aber 2.000 Menschen in Parkett und Rängen schauten zu, als der NWDR Köln auf ›nordischer Brautfahrt‹ war. Und das war selbst für einen unerschrockenen Referendar des Hansischen Oberlandesgerichts zuviel. Schließlich ist er noch kein ›Vorsitzender‹, der den Saal einfach hätte räumen lassen können. So drückten sich die beiden so nett verliebten jungen Leute fest die Hände."

Die große Publikumsresonanz hatte ein Phänomen zur Folge, das man zu dieser Zeit noch kaum vermutet hätte: Merchandising- und Franchise-Produkte. Jacques Königstein verfasste ein Buch zur Reihe, das Fernsehen ließ am 30. Mai 1952 mit Wir decken eine Hochzeitstafel für das ideale Brautpaar eine Art Ableger des Erfolgstitels folgen, und auch das Kino war zur Stelle: Am 21. Januar 1954 startete der Film Das ideale Brautpaar. Die Regie hatte Robert A. Stemmle, Jacques Königstein war Koautor und Mitwirkender. Der film-dienst befand: "In lässig und läppisch aneinandergekoppelten Episoden werden die ersten und alles entscheidenden Begegnungen von vier Brautpaaren skizziert. Das törichte Lustspiel profitierte seinerzeit von der - inzwischen verblichenen - Popularität einer Unterhaltungs- und Quizsendung des NWDR und ihres jovialen Moderators Jacques Königstein."

Zu diesem Zeitpunkt war nach 20 Sendungen bereits das letzte "ideale Brautpaar" in die Flitterwochen entlassen worden. Die Hör zu meldete Anfang 1954: "Das ideale Brautpaar, einige Monate unbestritten an der Spitze aller Sendungen, fiel schließlich dem Mangel neuer zündender Fragen zum Opfer."

In seinem "Nachruf" auf die Sendung schrieb Königstein: "Also gehe ich jetzt und komme vielleicht einmal wieder." Die Weissagung erfüllte sich, 1959 wagte das WDR-Fernsehen eine Neuauflage des früheren Knüllers mit Königstein und prominenten Gaststars wie Lonny Kellner und Peter Frankenfeld. Doch es blieb beim Versuch - Ansprüche und Bedürfnisse des Publikums hatten sich geändert. Und der korpulente, behäbig-altväterliche Jacques Königstein, der gern Formulierungen wie "das reizende Bräutchen", "die kleine, unerfahrene Frau", "die kleine Braut im Sendesaal" verwendete, war längst keine Idealfigur mehr für ein Fernsehen, das sich gerade anschickte, zu einem modernen Massenmedium zu werden.

Der Hör zu-Kolumnist Televisor urteilte scharf: "Das ideale Brautpaar war einmal - vor Jahren - eine amüsante Rundfunk-Reihe. Heute ist es eine abgestandene Sache. Der Fragen-Komplex ist erschöpft, das Interesse des Zuschauers desgleichen. Es ist unmöglich, hiervon noch gefesselt zu sein. Selbst der pompöse Apparat, den die Kölner Fernseh-Gestalter um diese liebe alte Rundfunk-Großmutter aufbauen, erfreut nicht, sondern verärgert. Man fragt sich, wer wohl die Umstandskrämer sind, die sich in Köln so ungeniert austoben können. Diese Leute bringen die Hauptsachen in den Nebensätzen unter und die Nebensächlichkeiten in den Hauptsätzen. Sie bauen bemerkenswerte Kulissen auf und engagieren, was gut und teuer ist, und dann verstecken sie alles hinter einem langweiligen Geschwafel."

Bemerkenswert aber bleibt der früh schon übliche, auch anderweitig feststellbare Zugriff von Hörfunk wie Fernsehen auf private Belange von Spielteilnehmern. Ohne Das ideale Brautpaar namentlich zu nennen, vielmehr mit Blick auf das gesamte Unterhaltungsprogramm des Hörfunks, monierte ein Kritiker der Funk-Korrespondenz im Februar 1954, dass dort "die natürliche Scheu des Dilettanten vor der Öffentlichkeit" totgeschlagen werde. "Und so summiert sich die Wirkung dieser Sendungen dahin, dass der Lautsprecher an der Sphäre des Privaten, Intimen und Familiären saugt, vieles aus ihr herausschleppt, um es draußen achtlos zu verstreuen."

Vierzig Jahre später hätte ein gleichgesinnter Kollege fraglos Richard Sennetts abgedroschene Wendung von der "Tyrannei der Intimität" in Anschlag gebracht, vielleicht weniger blumig, aber mit gleichem Tenor argumentiert, kulturpessimistisch lamentiert und dabei im Subtext ein diffuses "Früher-hätte-es-sowas-nicht-gegeben" anklingen lassen. Was sich bei näherer Beschäftigung mit der Programmgeschichte als Irrtum erweist. Das Private, sei es dokumentiert oder inszeniert, hat Leser, Hörer und Seher seit jeher über die Maßen fasziniert. Nur die Formen und die Manieren haben sich gewandelt.


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00:00 06.07.2007

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