„Geht mich das was an?“

Interview Ein Künstler teilt auf Facebook rechtsextreme Ansichten, sein Galerist Christian Seyde trennt sich von ihm
„Geht mich das was an?“
„Die weiteren Künstler, die wir vertreten, haben uns gefragt, wie wir damit umgehen“: Kleindienst, Seyde (r.)

Foto: Nils A. Petersen

Im Sommer beendete die Leipziger Galerie Kleindienst die Zusammenarbeit mit dem Künstler Axel Krause aufgrund seiner Facebook-Aktivitäten. Der Fall löste eine Debatte über die Freiheit der Kunst aus, die Galerie sah sich einem Shitstorm ausgesetzt. Was bleibt, ist die Frage, welche Verantwortung Galeristen tragen.

Der Freitag: Herr Seyde, im August hat sich Ihre Galerie vom Künstler Axel Krause getrennt. Warum?

Christian Seyde: Die Einträge auf der privaten Facebook-Seite des Künstlers wurden während der vergangenen zwei Jahre inhaltlich zunehmend einseitig. Er referierte und verlinkte eindeutig rechtsextreme Seiten, bis hin zu verschwörungstheoretischen Ideen, die meinen persönlichen Ansichten total widersprechen. Er hat ominöse Quellen zitiert und die AfD bedingungslos unterstützt. Ich war darüber entsetzt und auch überrascht, dass ein Mensch und Künstler, der mir nahesteht, solche Meinungen vertritt und äußert.

Haben Sie mit ihm darüber gesprochen?

Nein. Ich hatte die Hoffnung, dass sich diese Aktivitäten wieder legen würden. Ich habe mit mir gerungen, ob es seine persönliche Sache ist oder ob mich das etwas angeht. Ab einem gewissen Punkt waren die Posts so eindeutig, dass es keine Erklärung oder Entschuldigung oder Argumente mehr brauchte, die mich hätten umstimmen können.

In der Leipziger Kunstszene sorgten seine Kommentare bereits seit Monaten für Diskussionen. Standen Sie unter Zugzwang?

Ja. Insbesondere die weiteren Künstler, die wir vertreten, haben uns gefragt, wie wir damit umgehen. Auch sie haben Anfragen bekommen, mussten unsere Entscheidung für den Künstler sowie die gegen ihn mitverteidigen. Wir haben das sehr lange herausgeschoben. Das war unser Fehler. Wir hätten schon vor einem Jahr reagieren müssen. Für Oktober war eine Einzelausstellung zum 60. Geburtstag von Krause geplant. Da war es höchste Zeit, sich dem zu stellen.

In welchem rechtlichen Verhältnis standen Sie zum Künstler?

Wir haben keinen einzigen Vertrag mit einem unserer Künstler. Wir repräsentieren sie.

Ein Museum muss Kunst sammeln, bewahren, forschen und vermitteln. Eine Galerie muss verkaufen. Was gehört noch zu Ihren Aufgaben?

Es gibt Einzelausstellungen in der Galerie und Messebeteiligungen. Wir pflegen die Werkliste des Künstlers, machen seine Öffentlichkeitsarbeit, sind regelmäßig im Atelier und reden über die Kunst. Wie genau die Zusammenarbeit sich gestaltet, darüber gibt es keine schriftliche Vereinbarung. Man muss sich verstehen und aufeinander verlassen können. Das ist eine Vertrauensgeschichte, die jederzeit aufgehoben werden kann.

Wie hat Axel Krause auf das Ende der Zusammenarbeit reagiert?

Er ist aus allen Wolken gefallen und hat sich sehr über unser vermeintliches Redeverbot echauffiert. Das sei wie in der DDR, wir würden einem Mainstream folgen und wären diesbezüglich Arschlöcher. Das war eine kurze, emotionale Zusammenkunft. Er hat am selben Tag noch den Mitteldeutschen Rundfunk informiert. Für zwei Wochen hatten wir einen Shitstorm, vor allem per Facebook. Auch Anrufer haben sich negativ geäußert. Eine Morddrohung erreichte mich per E-Mail.

Wie haben Sie reagiert?

Die Reaktionen unter der Gürtellinie habe ich nicht ernst genommen. Ich habe geschaut, welche Argumente die Kunstwelt und die Fachpresse bringen. Die Entscheidung war nicht einfach, und es bleiben auch Zweifel. Als ich Axel Krause seine Bilder zurückbrachte, fragte er mich: Und, habt ihr es schon bereut? Auf den Gedanken bin ich tatsächlich nicht gekommen.

Innerhalb der Kunstwelt hat die Entscheidung eine Debatte über die Freiheit der Kunst ausgelöst, viele haben das ethisch verantwortungsvolle Handeln der Galerie gelobt.

Es gab viel Unterstützung, etwa von Daniel Hug von der Art Cologne. Der Fall hat gezeigt, dass die Kunstwelt nicht nur links und progressiv ist. Dass darüber diskutiert wurde, ist gut. In der Debatte haben sich Informationen über unsere Beweggründe zum Teil verselbstständigt, und ich hatte das Gefühl, ich müsste mich verteidigen. Aber das muss ich nicht, denn für mich ganz persönlich und das Umfeld der Galerie war eine Grenze erreicht. Viele meinten, es sei eine Win-Win-Situation. Ich hatte kein Interesse daran, dass der Fall öffentlich wird.

Gibt es denn jetzt neue Kaufinteressenten?

Unser Name ist jetzt vielleicht mehr Leuten ein Begriff, aber im ökonomischen Sinne hat sich das nicht bemerkbar gemacht. Käufer schreckt die politische Dimension eher ab. Viele finden die Einschränkung, die wir vorgenommen haben, grundsätzlich negativ. Wir sind im Hinblick auf unser Programm eine explizit apolitische Galerie. Mich hätte interessiert, wie andere Galeristen entschieden hätten, insbesondere als der Vorwurf kam, wir hätten die Chance des Dialogs verpasst. Ich finde nach wie vor, dass unsere Reaktion die einzig mögliche war.

Zur Person

Christian Seyde führt mit Matthias Kleindienst auf dem Gelände der Spinnerei in Leipzig die Galerie Kleindienst. Sie vertritt unter anderem Christoph Ruckhäberle, Rosa Loy, Annette Schröter und Sebastian Stumpf. Axel Krause, 1958 in Halle geboren, wird der Neuen Leipziger Schule zugerechnet. Er stellte zuletzt 2015 in der Galerie aus

Suhrkamp hat sich von den Äußerungen von Uwe Tellkamp distanziert, jedoch nicht die Zusammenarbeit beendet. Wäre das vorstellbar gewesen?

Ich habe das überlegt. Aber was hätte das bedeutet? Dass ich mich bei der Eröffnungsrede politisch distanziere? Diese Frage hat mir schlaflose Nächte bereitet. Ich hatte die Idee, aus der Facebook-Timeline einen Katalog zu produzieren und diesen zur Ausstellung zu veröffentlichen. Aber wir haben nur einen begrenzten Auftrag und müssen zwischen Ausstellungsräumen und kommerziellen Verkaufsräumen unterscheiden.

In der Debatte wurde kaum über seine Kunst gesprochen.

Formal und inhaltlich steht er für die Leipziger Idee der figurativen, narrativen, surrealistischen Malerei. Die Bilder haben etwas Zurückgewandtes. Einen Touch Retro. Die Requisiten lassen sich in den 30er und 50er Jahren verorten. Er ist dieselbe Generation wie Neo Rauch, mit dem er mal ein Atelier geteilt hat. Da gibt es Ideenverwandtschaften, die bei ihm kalkulierter und gezielter ausgelebt werden. Es sind sehr symbolische Bilder.

Sehen Sie seine Kunst heute mit anderen Augen?

In einem Interview mit Arte hat Krause wohl erläutert, dass ein Bild, auf dem eine Straßenwalze einen Zaun niederfährt, visionär sei, weil es für das Einströmen von etwas stehe, das die Idylle kaputt mache. Für mich hat sich seine politische Haltung nie in den Bildern geäußert, auch jetzt nicht. Aber in der zeitgenössischen Kunst kann ich die schaffende Kraft nicht vom Werk trennen. Die meisten Käufer wollen Biografisches wissen: Wo hat der Künstler studiert? Wo hat er ausgestellt? Was macht er noch so? Der eine ist DJ, der andere hat einen Verlag. Das sind Kontextvariablen, die wir auch vermitteln. Wir sind ja kein Auktionshaus. Mich interessiert auch, wer bei mir kauft und ob die Bilder in gute Sammlungen gehen.

Was machen Sie, wenn ein Käufer sich auf Facebook vergleichbar äußert?

Das würde vergleichbare Überlegungen mit sich ziehen.

Inwieweit wird der Fall Axel Krause noch einmal öffentlich diskutiert werden?

Ich fühle mich in der Verantwortung, das zu initiieren. Ich habe dem Künstler verweigert, meine Räume zu nutzen. Gesellschaftlich erhöht das die Konfrontation und bestätigt sicher seine Fantasien, dass seine Meinung unterdrückt wird. Wir haben noch ein Jahr bis zur Landtagswahl, und es wäre ideal, jetzt drei, vier, fünf Gesprächsrunden zu machen. Ich würde mich freuen, wenn die Initiative von anderen kommt, etwa vom Museum der bildenden Künste.

Welche Konsequenzen ziehen Sie persönlich aus dem Fall?

Der Fall hat dafür gesorgt, dass sich Galeriemitarbeiter und Künstler zusammengefunden haben, die als Privatpersonen etwas tun wollen. Auch ich bin für diesen Verein engagiert, der Kulturinitiativen in der ländlichen Region in Sachsen unterstützen möchte.

Könnten Sie sich vorstellen, ein Leitbild der Galerie zu veröffentlichen, das verdeutlicht, wofür Sie stehen?

Eine programmatische Orientierung, die ein freiheitliches und tolerantes Wirken der Kunst, der Künstler und Galeristen in den Mittelpunkt stellt, wäre vorstellbar. Bisher erschien es uns zu selbstverständlich, um extra ausformuliert zu werden.

06:00 07.01.2019

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 5