Geiler Bock, Staatsbeamter

Entdeckung Was für eine Großtat: Samuel Pepys’ Tagebücher liegen erstmals vollständig auf Deutsch vor – da möchte man doch sofort zehn Tage blau machen

Für all diejenigen, die Pepys bisher nur vom Hörensagen kennen: Die ordinären Stellen sind auch alle drin. Und nun zur Sache. Wie soll man anfangen, dieses Wunder der Diaristik und Literatur zu beschreiben? Probieren wir es so: Am 6. Januar 1664 ist Samuel Pepys bester Dinge. Wir erfahren, dass seine erste eigenhändige Rasur nicht nur Geld und Zeit spart, sondern ihm auch Vergnügen bereitet. Er fasst den Entschluss, es ab jetzt immer so zu halten, und hält diesen Entschluss im Tagebuch fest. Ohne Übertreibung: Die Epoche des realistischen Romans zeichnet sich ab.

Ist das spannend? Für Pepys schon. Wie Myriaden von anderen Dingen, die er überliefert, immer streng subjektiv: Politik, Religion, Arbeitswelt. Alltag, Ehebruch, Reue, Intrigen! Neue Bücher, neue Musik, Theater, technisches Gerät, wissenschaftliche Forschung! Der englisch-niederländische Seekrieg, die Pest in London 1665, die große Feuersbrunst 1666! Das alles vor dem Hintergrund einer holprig anlaufenden Restauration der Monarchie mit Charles II. , einem weitgehend unfähigen König, der vor allem im Vergleich zum gefürchteten, aber respektierten Lordprotektor Oliver Cromwell wie ein Trottel aussieht. Pepys notiert es seufzend. Hier wird auch die Notwendigkeit der Geheimhaltung des Tagebuchs deutlich:

„Heute erzählte mir Pearse von dem neuesten Unfug, den sich Sir Charles Sedley und Buckhurst geleistet haben: sie seien die ganze Nacht mit entblößtem Hintern durch die Straßen gelaufen, hätten sich mit der Wache einen Kampf geliefert und seien eingesperrt worden. Doch der König sei ganz auf ihrer Seite. Lordoberrichter Kelyng habe sogar den Konstabler der Wache festgenommen, der sich am nächsten Gerichtstag dafür verantworten muß – es ist wirklich eine Schande. […] Als der Herzog von York seinen Diener schalt, weil niemand den König von Sedley und den anderen Zechern fernhalte, antwortete dieser fröhlich, niemand wolle seinen Kopf riskieren – wenn der König sich behandeln lassen wolle wie ein gemeiner Trinkkumpan, so könne man da nichts tun. Was für eine verrückte Welt. Gott steh uns bei.“ (23.10.1668, gekürzt)

Pepys verfasst nebenbei den ersten Ein-Mann-Blog der Weltgeschichte, den er neuneinhalb Jahre lang beinhart durchhält, bis er im Frühjahr 1669 aus Angst zu erblinden das Tagebuchschreiben einstellt. Mehr als 4.000 gedruckte Seiten. Eigene Erlebnisse und Befindlichkeiten, Klatsch und Tratsch aus Straßen, Amtsstuben und Kaffeehäusern. Ohne Web, ohne Resonanz, nur für sich allein. Denkt er an die Nachwelt? Wer weiß: Einerseits ist das Tagebuch in einer Geheimschrift gehalten, andererseits setzt Pepys Pointen und baut Spannungsbögen, die er für sich allein nicht nötig hätte. Außerdem finden sich die Bücher feinsäuberlich gebunden in seiner wohlgeordneten Sammlung in Cambridge, wo man sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts als das entdeckt, was sie sind: eine Fundgrube der Alltagsgeschichte des 17. Jahrhunderts, geschrieben von einem hellen Kopf, „arbeitsam und neugierig“, wie es sein Freund John Evelyn in einem Nachruf 1703 schrieb, dabei noch arg untertreibend. Obwohl die Publikation der Tagebücher sofort eine Erfolgsgeschichte ist und verschiedenste Editionen erscheinen, sollte es bis 1970 dauern, bis die erste vollständige Transkription von Latham und Matthews publiziert wurde.

Sofort eine Erfolgsgeschichte

Wer ist dieser Autor, dem das Große und das Kleine, der Alltag und das Exotische gleichermaßen bemerkenswert erscheinen? Samuel Pepys, Sohn eines Schneiders aus London, arbeitet nach einem Studium seit Mitte der fünfziger Jahre als Faktotum für seinen adligen Vetter Edward Montagu. In diese Zeit fällt auch seine Heirat mit Elizabeth St. Michel, einer Fünfzehnjährigen aus einer verarmten hugenottischen Familie – eine für die Zeit ungewöhnliche Liebesheirat, denn beide Familien haben einander wenig zu bieten. Von Montagu protegiert wird er 1660 Erster Sekretär des Flottenamts, einige Zeit später zusätzlich Schreiber im Siegelamt – beides außerordentlich wichtige, lukrative Posten. Dabei ist er durchschnittlich korrupt, aber überdurchschnittlich fleißig und effizient, als früherer Cromwellanhänger geprägt vom puritanischen Arbeitsethos, und begabt für diesen Job, in dem Kungeln, Improvisieren und Organisieren zum Alltagsgeschäft gehören, zumal in Krisenzeiten. Seine Lebensgeschichte in diesen Jahren ist auch die Geschichte eines rasanten sozialen Aufstiegs. Zum Ausgleich gibt er sich ganz unpuritanisch dem süßen Leben hin, wobei mehr als einmal vom Pfad der Tugend abweicht und ein Enthaltsamkeitsgelübde nach dem anderen bricht, nur um unverdrossen wieder Besserung zu geloben. Bruch und Erneuerung werden jeweils akribisch festgehalten, mal selbstironisch, mal lamentierend. Work hard play hard – und bis ins peinliche Detail dokumentiert. Man muss es gelesen haben, um es zu glauben.

Pepys sieht seine Welt wahlweise mit den Augen des staunenden Kindes, des Künstlers, des Wissenschaftlers, des Buchhalters, des politisch interessierten Staatsbeamten, des geilen Bocks, des gottesfürchtigen Mannes. Jederzeit kann er blitzschnell die Perspektive wechseln, was seinen Lesern einiges abverlangt. Er ist nicht durchweg sympathisch, auch sich selbst nicht, aber er schont sich nicht. Seine Intriganz gegenüber ungeliebten Kollegen, die Unfähigkeit, Gelübde zu halten, die ewige Fremdgeherei, der Lebenshunger, der gelegentlich in eine fast moderne Gier, bloß nichts auszulassen, umkippt – er hat seiner Umgebung, vor allem Elizabeth, einiges zugemutet, und es gewusst. Dennoch ist er liebenswert, und seine Liebe zum Leben und zu dem, was das irdische Leben an Freude und Arbeit zu bieten hat, ist geradezu ansteckend. Um ihn herum wird tüchtig gestorben in diesem Jahrzehnt: Pest, Feuer, Krieg, und die alltäglichen Krankheiten dieser Zeit. Pepys macht das Beste daraus, und er weiß, wieviel Glück er hat: „Gebe Gott, dass ich mir stets ein dankbares Herz bewahre“ (31. 12. 1663).

Apropos Dank: Haffmans Tolkemitt sowie Zweitausendeins haben mit diesem Projekt ein ganz großes Ding gedreht und die anderen halbherzigen Pepys-Übersetzungen mit einem Schlag überflüssig gemacht. (Als Appetizer und Reisebegleiter mag die einbändige Leipzig-Insel-Ausgabe von 1980 noch Bestand haben.) Die Übersetzung ist von kleineren Macken abgesehen zuverlässig, und, wenn man bedenkt, dass fünf Übersetzer daran laboriert haben, erfreulich einheitlich und schön zu lesen. Ob es eine gute Idee war, den Vertrieb exklusiv über Zweitausendeins und Amazon laufen zu lassen, wird sich zeigen, zumal die Shop-in-Shop-Zusammenarbeit von Zweitausendeins mit anderen Buchhandlungen allenfalls mittelmäßig läuft, wenn sie nicht bereits wieder beendet ist. Aber verdient hätten es alle Beteiligten, nicht zuletzt der Herausgeber Heiko Arntz, der im Companion einen glänzenden Aufsatz über Pepys abgeliefert hat. Es ist das überzeugendste Buchprojekt der Frankfurter seit Ewigkeiten, eine wunderschöne Ausgabe in bester Haffmans-Tradition, und preislich geradezu nachgeschmissen. Pepys wäre gewiss „mächtig zufrieden“, dass man dreihundert Jahre nach seinem Tod so viel Gewese um ihn macht.

Bitte ein Register!

In all die Begeisterung mischt sich ein Wermutstropfen. Die Herausgeber haben die unbegreifliche Fehlentscheidung getroffen, das Tagebuch ohne Index zu publizieren. Mag ja sein, dass das Projekt auf Kante genäht ist. Doch ohne Personenregister mit Seitenangabe wird man schier wahnsinnig, wenn man sich an eine Stelle nur halb erinnert und sie wieder auffinden möchte. Und nur ein Sachregister ermöglicht bei diesem Tausendsassa eine thematisch fokussierte Lektüre. Es wäre ein Leichtes gewesen, das Register der Latham-Matthews-Ausgabe zu übernehmen und mit den neuen Seitenzahlen zu versehen. Das nicht getan zu haben ist eine Eselei. Es wäre ein Jammer, wenn die Ausgabe zu einem reinen Schmöker verkäme, in dem man herumliest so wie man durchs Netz surft – eine mögliche und legitime Lektüreweise, aber eben nicht die einzige.

Aber das ist ja heilbar. Vielleicht fasst sich jemand ein Herz und stellt ein Register zusammen. Und da wir gerade bei Wünschen sind: eine Übersetzung der Pepys-Biographie von Claire Tomalin ist ebenfalls überfällig, allein wegen der spannenden Jahrzehnte nach dem Tagebuch. Wer packt es an? Einstweilen wollen wir uns daran freuen, dass es endlich den ganzen Pepys auf Deutsch gibt. Keine Anrufe in den nächsten Wochen, bitte.

Die Tagebücher 1660-1669 Samuel Pepys Vollständige Ausgabe in neun Bänden nebst einem Companion, Hrsg. Gerd Haffmans und Heiko Arntz, Haffmans Verlag bei Zweitausendeins, 2010, 4.416 S., 169,90

Marc Fabian Erdl rezensierte im Freitag zuletzt den Band Wir sind doch nicht blöd

16:35 10.10.2010

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