Geist aus der Maschine

Streaming In Sam Esmails neuer Serie „Homecoming“ gerät Julia Roberts in die Mühlen des militärisch-industriellen Komplexes
Geist aus der Maschine
Sie wird ein Fisch im Wasser sein, im tiefen dunklen trüben See, sie wird mit Schatten recht viel raufen und paar Wellen schwappen lassen

Foto: Amazon

Etwas im Leben von Heidi Bergman (Julia Roberts) muss gewaltig schiefgelaufen sein. Im Frühjahr 2018, so zeigt der eine Teil der Szenen der Amazon-Serie Homecoming, scheint alles noch in bester Ordnung: Die Sozialarbeiterin hat gerade erst einen wahren Karrieresprung gemacht. Ein großer Konzern hat ihr die Leitung einer neu eröffneten Einrichtung namens „Homecoming“ in Tampa, Florida, anvertraut. Dort ist sie für die Betreuung von US-amerikanischen Soldaten zuständig, die gerade aus Kriegseinsätzen in Krisengebieten zurückgekommen sind. Sie soll ihnen dabei helfen, ihre traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten, und ihnen so den Übergang ins Zivilleben erleichtern. Vier Jahre später, 2022, so zeigt der andere Teil der Szenen, lebt Heidi aber wieder im Haus ihrer Mutter und arbeitet als Kellnerin in einem typischen Kleinstadt-Diner. Das Leuchten, das sie bei ihren Gesprächen mit den Veteranen in den Augen hatte, ist verloschen. Ihre Gesichtszüge sind verhärmt, oft wirkt sie, als sei sie kaum anwesend. Ihre Arbeit verrichtet sie mit einer nahezu mechanischen Routine, und auch sonst zeigt sie praktisch keine Emotionen. Selbst als ein Fremder sie im Diner auf ihre Zeit bei „Homecoming“ anspricht und mit Vorwürfen gegen die Einrichtung konfrontiert, wirkt sie seltsam unbeteiligt und sagt einfach, dass sie sich nicht erinnern kann.

Homecoming, die neue Show des Mr.-Robot-Erfinders Sam Esmail, springt fortwährend zwischen diesen beiden Zeitebenen hin und her. Und so wie die von Julia Roberts gespielte Sozialarbeiterin zwei Gesichter zu haben scheint, präsentiert sich auch die Serie von zwei höchst unterschiedlichen Seiten. Die Szenen, die 2018 in Tampa spielen, hat Regisseur Sam Esmail in warmes Licht getaucht. Die Farben sind kräftig und beschwören eine lebhafte, von Zuversicht geprägte Atmosphäre herauf. Selbst in den Momenten, in denen sich ganz deutlich zeigt, dass der Schein trügt, schwingt in den Bildern noch die Hoffnung mit, dass es auch ganz anders sein könnte. Gerade in den Gesprächen zwischen Heidi und Sergeant Walter Cruz, einem der von ihr betreuten Heimkehrer, scheint immer wieder die Möglichkeit eines Lebens jenseits von Krieg und Kapitalismus auf.

Erbleichende Heidi

2022 hat sich jegliche Hoffnung in Luft aufgelöst. Für Visionen und Träume ist in den deutlich schmaleren Bildern, die nur noch einen Bruchteil des Fernsehbildschirms ausfüllen, gar kein Platz mehr. Heidis Welt ist aber nicht nur derart eng, dass ihr keinerlei Bewegungsfreiheit bleibt. Sie hat auch jedes Strahlen, jeden Glanz verloren. Die kraftlosen Farben der Bilder korrespondieren dabei mit Julia Robert’ bleichem Gesicht und ihrem ausdruckslosen Auftreten. Nichts verdeckt oder beschönigt mehr die Realität einer gesellschaftlichen Ordnung, die einer ungeheuer komplexen, kaum noch zu durchschauenden Maschine gleicht. Heidi selbst mag glauben, dass sie kein Rädchen mehr in diesem System ist, dass sie ihm entkommen sei. Doch in Wahrheit ist sie eine Gefangene eben jener Vergangenheit, an die sie sich nicht mehr erinnern kann.

Trotz unterschiedlicher Drehbuchautoren fügen sich die zehn halbstündigen Homecoming-Episoden bruchlos zusammen. In der Hinsicht ähneln sie eher einem langen Spielfilm als einer klassischen Serienstaffel. Regisseur Sam Esmail gelingt es, von Anfang an einen großen dramaturgischen Bogen zu etablieren. So baut er eine ganz eigene Spannung auf, die sich der Konventionen des Polit- ebenso wie des Psychothrillers bedient. Esmail flicht stilistisch ein weites Netz von Anspielungen und Verweisen, das Alfred Hitchcocks Filme der 50er Jahre und Alan Pakulas Paranoia-Trilogie aus Klute, Zeuge einer Verschwörung und Die Unbestechlichen ebenso umspannt wie Francis Ford Coppolas Der Dialog, Brian De Palmas Blow Out – Der Tod löscht alle Spuren und Steven Soderberghs Erin Brockovich. Eines ist dabei allen seinen Vorbildern gemeinsam. Sie erzählen von Außenseitern und Einzelgängern, die sich in einer Maschinerie verfangen, die eigentlich viel zu groß für sie ist. Allerdings glaubten ihre Schöpfer noch daran, dass es selbst einem Einzelnen möglich ist, Sand ins Getriebe des Systems zu streuen und die Maschine so zumindest ins Stocken zu bringen.

Diesen Glauben haben die Macher von Homecoming, zu denen neben Esmail auch noch die beiden Schöpfer des Homecoming-Podcasts Micah Bloomberg und Eli Horowitz gehören, längst verloren. In ihrer Welt gibt es keine Helden, weder tragische noch strahlende, und auch keine Antihelden. All ihre Figuren sind nichts als kleine Rädchen in einer von Franz Kafka ebenso wie von Maurits Cornelis Escher inspirierten Maschine. Aber nur einem von ihnen ist das auch bewusst.

2018 ist beim US-Verteidigungsministerium eine anonyme Beschwerde über „Homecoming“ eingegangen. In ihr heißt es, dass die ehemaligen Soldaten in der Einrichtung gegen ihren Willen festgehalten würden. Zudem werden in ihr zwei Namen genannt, zum einen der von Heidi Bergman, zum anderen der von Sergeant Walter Cruz. Heidis Chef Colin (Bobby Cannavale), der zwar nie vor Ort in Tampa war, sie damals aber ständig am Telefon instruiert und kontrolliert hat, wird dagegen nicht in der Beschwerde erwähnt. Als Teil der Hierarchie des Großkonzerns hinter „Homecoming“ bleibt er erst einmal unsichtbar für Thomas Carrasco (Shea Whigham), der die Untersuchung mit vier Jahren Verspätung aufnimmt. Dieser kleine Beamte des US-Verteidigungsministeriums, dessen einzige Aufgabe es ist, Beschwerden zu sichten und dann zu entscheiden, ob sich eine höhere Instanz mit ihnen beschäftigen muss, bezeichnet sich einmal selbst als Rädchen, das wiederum andere Rädchen in Bewegung setzt. So könnte die Maschine auch funktionieren. Allerdings trägt das von Bloomberg, Horowitz und Esmail imaginierte System deutlich kafkaeskere Züge. Schon der schonungslose Kamerablick auf Carrascos Arbeitsplatz, eine kleine Parzelle unter vielen in einem unscheinbaren Großraumbüro, vermittelt ein deutlich pessimistischeres Bild von diesen Rädchen. Hier geht jeder einfach nur seiner Tätigkeit nach, ohne zu wissen, was neben ihm oder gar über ihm geschieht.

Das System des militärisch-industriellen Komplexes, zu dem neben Rüstungskonzernen und dem Verteidigungsministerium auch die einzelnen Abteilungen des Militärs und mittlerweile immer mehr private Anbieter gehören, hat sich über die Jahre und Jahrzehnte hinweg perfektioniert. Ihm zu entkommen, ist praktisch unmöglich. Die von Heidi geleitete Institution heißt zwar „Homecoming“, aber die Odyssee der Soldaten endet dort nicht. Lediglich die Erinnerungen an sie verschwinden. Jeder Einzelne hat in dieser Maschine seine Funktion und kann wie ein Teil einer mechanischen Konstruktion jederzeit ersetzt werden. Auch Heidi, die Julia Roberts als gänzlich machtlosen Gegenentwurf zu der unbeirrbaren Kämpferin Erin Brockovich anlegt, und ihr Vorgesetzter Colin verfügen längst nicht über so viel Handlungsspielraum, wie sie selbst glauben. Wie wenig Macht beide haben, offenbart sich ausgerechnet in ihren vielen Telefonaten, die Sam Esmail immer wieder als Splitscreen-Montagen in Szene setzt. Diese Bildkompositionen überbrücken nicht nur den Raum zwischen ihnen. Sie zeigen beide zugleich auch als Gefangene ihrer jeweiligen Situation. In der Rangordnung des Konzerns mag Colin über Heidi stehen und sie fortwährend unter Druck setzen können. Aber letztlich gibt er nur den Druck weiter, der auf ihn ausgeübt wird.

Die Gegner sind unsichtbar

Der Konzern, für den Heidi und Colin arbeiten, heißt wie sein CEO Geist. Ein mehr als nur sprechender Name. Mr. Geist ist genau das: ein Geist, der nicht zu fassen ist. In einer Art Running Gag erinnern Colins Vorgesetzte ihn daran, dass er noch nie zu Besuch auf Geists Anwesen war. Sie schwärmen von der Immobilie, erzählen aber nichts von ihrem Boss, der letztlich auch für sie ein Gespenst bleibt. Der Geist in der Maschine hat längst das Ruder in die Hand genommen.

Ihm sind alle ausgeliefert, die kleinen Soldaten, die von Heidi umprogrammiert werden, genauso wie Colin und letzten Endes auch Geist selbst. Insofern ist es nur konsequent, dass es in Esmails Vision anders als in den stilbildenden (Polit)Thrillern vergangener Jahrzehnte keinen echten Antagonisten mehr gibt. Homecoming erzählt von einer Paranoia, die ein integraler Teil des Systems ist. Die Rädchen drehen sich um sich selbst, und die Maschine läuft immer weiter.

Info

Homecoming Sam Esmail USA 2018, 10 Folgen à 24 – 37 Min., Amazon Video

06:00 08.12.2018

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