Geister, die sie riefen

Freitag-Robinson Ein Jahr nach den Unruhen in Kenia liegen alle Hoffnungen auf der "Waki-Kommision", die aufklären will, wer an den Massakern verantwortlich ist. Käme das Tribunal zustande, wäre das für ganz Afrika eine Sensation

Sein Haus ist abgebrannt, die Ernte verkohlt, die Felder haben die Kühe zertrampelt, ja. Aber das Oberhemd sitzt makellos, frisch gebügelt, genau wie früher. Und er steht breitbeinig auf der Erde, die für ihn und seine Familie Heimat bedeutet. Eigentlich ist Charles Ndungu ein Flüchtling. Doch für die, die ihn vor Monaten aus dem Dorf getrieben haben, stellt er jetzt eine Bedrohung dar.

Es ist still. Charles sieht sich um. Wären nicht die rötlichen Schlieren im Weiß seiner Augen, er wirkte so souverän wie früher, stark, selbstsicher. Am linken Handgelenk trägt er eine Uhr mit einem Perlchen-Armband, am rechten einen bunten breiten Perlenreif. Charles Ndungu vom Volk der Kikuyu hat eine Strategie. Er wird mit den Kalenjin sprechen, mit seinen ehemaligen Nachbarn, Ex-Feinden und nun wieder Nachbarn. Wenn er sie in Sicherheit wiegt, dass er sich nicht wird rächen wollen, ihnen vielleicht etwas Geld zusteckt, dann werden sie ihm irgendwann erzählen, wo seine Möbel, seine Kleider und sein Vieh geblieben sind.

Wie überall in Kenia werden auch hier in Kamuyu Blicke ignoriert, Straßenseiten gewechselt, wird vergifteter Atem angehalten. Die Gewaltausbrüche nach den Wahlen vor einem Jahr haben die einzige Infrastruktur zerstört, auf die die bäuerliche Gemeinde im Rift Valley zählen konnte. Hier gab es nie Straßen, die diesen Namen verdienen, keinen Strom, keine Banken, keine Versicherungen. Aber hier gab es Nachbarschaft. Also versucht Charles, den Kalenjin Angst und Schuldgefühle zu nehmen. Sie sollen ihm verzeihen, dass sie ihn mit ihrem Hass verfolgt haben.

An der Wegbiegung taucht ein Mann auf. Am liebsten würde er schnell weitergehen, das ist nicht zu übersehen, aber Charles winkt ihn aufgekratzt herbei: "Komm doch mal rüber, Nachbar, wie geht´s?" Etwas gezwungen ergreift der Mann die dargebotene Hand und schiebt sich die Baseballkappe in die Stirn. Der Geruch der Kochfeuer weht durch die weichen, dunkelgrünen Hügel, weiße Wolken scheinen langsam in die Ebene zu sinken. Fensterlose Holzhäuser stehen verstreut zwischen den Feldern. Die Steinhäuser der Kikuyu sind alle verschwunden. Spuren des Massakers hat sich die Vegetation einverleibt, die Ruinen sind überwuchert, kein Blut mehr, keine Knochen. Charles stochert in einer dicken, nassen Schicht Asche, sein verbrannter Vorrat, Mais für ein Jahr.

Der Nachbar ist barfuß unterwegs, er trägt ein zerschlissenes Jackett. Sein gemurmelter Gruß ist kaum zu hören. Charles lächelt und spricht auf Kalenjin weiter. "Wir sind zusammen aufgewachsen. Ich habe oft bei ihm gegessen oder Milch getrunken. Und ich habe seiner Familie ausgeholfen, habe ihnen Kartoffeln geschenkt oder Arbeit auf meinen Feldern gegeben."

Der Nachbar senkt die Augen. Charles lässt ihn nicht zu Wort kommen, und das scheint ihm ganz recht zu sein. Denn Charles Ndungu war ein verhältnismäßig wohlhabender Bürger. Besitz, Macht, Einfluss - den Klassenunterschied kann selbst ein Krieg nicht so einfach neutralisieren. Auf konkrete Fragen nach der Gewalt reagiert der Kalenjin einsilbig. Wie kam es zu den Vertreibungen? Sijui. Weiß ich nicht. - Weiß man, wer die Häuser angezündet hat? Sijui. - Wer hat das organisiert? - Sijui.

Jovial kommt ihm der Kikuyu zu Hilfe. "Wir haben keine Probleme miteinander. Der Teufel ist in die Menschen gefahren." Er sieht sich beifallheischend um und legt dem Nachbarn die Hand auf die Schulter. "Und wo der herkam, weiß niemand. Nicht wahr?" Die Geschichte vom Teufel ist gut, meint Charles. Die Täter werden glauben, dass sie nichts dafür können. Was er wirklich denkt, werden sie erfahren, sobald er wieder ein Mensch ist.

Er verabschiedet sich. Frau und Kinder warten. Zu Hause? Zu Hause will er das nicht nennen. "Im Zelt." Im Transitlager, von dem aus Charles über das ganze Dorf schauen kann.

Wenn in einer Kirche dreißig Kikuyu bei lebendigem Leib verbrannten, wusste man, die Kalenjin sind schuld

Vor den Präsidentschaftswahlen im Dezember 2007 hatten Kenias Politiker, versucht, das Gemenge von über vierzig Ethnien zueinander auf einen Zweikampf herunterzubrechen. Die Kikuyu, traditionell Bauern gegen die Kalenjin, ein Hirtenvolk. Alt-Präsident Kibaki, selbst ein Kikuyu, stand seinem Herausforderer Raila Odinga gegenüber. Wie üblich, wurden die Kampagnen sehr personalisiert geführt, und bald sah man die kenianische Gesellschaft in zwei Lager geteilt. Hier die größte Volksgruppe der bäuerlichen, wohlhabenderen Kikuyu, dem Klischee zufolge "habgierige, arrogante Privilegierte" als Parteigänger des alten Mwai Kibaki. Dort die Kalenjin mit ihren Herden, bei Übelmeinenden als "arbeitsscheues Gesindel" verschrieen, die dem Lager Raila Odingas zugeschlagen wurden. Odinga gehörte zwar selbst dem Volk der Luo an, warb jedoch hauptsächlich um die Stimmen jüngerer und ärmerer Wähler. So sollten nun auch die Luo Feinde der "reichen" Kikuyu sein - wie viele kleinere Ethnien ebenfalls.

Dass die simple Aufteilung in zwei Gruppen an kaum einem Ort der Realität entspricht, dass Zeitläufe und der Pragmatismus des Alltags die Abgrenzungen aufweichen, ging im Getöse einfach unter. Wichtig war den Stimmenfängern, die verarmten Kenianer glauben zu machen, dass an ihrem Elend andere arme Kenianer schuld seien. Wo Not herrscht, ist Zündeln einfach. Schnell lief die Hetzkampagne wie von selbst.

Wenn in einer Kirche dreißig Kikuyu nun bei lebendigem Leib verbrannten, wussten die Kikuyu, dass die Kalenjin schuld sind. Und wenn einer Kalenjin-Frau vor den Augen ihrer Familie die Kleider vom Leib gerissen und beide Beine abgeschnitten wurden, wussten die Kalenjin, dass die Kikuyu schuld sind.

Ein paar zehntausend Schläger, die sich mit Benzin auskennen, mit Macheten und Kettensägen, nannten ihre Opfer nicht Mann, Frau oder Kind, nicht Bäcker oder Architekt, sondern Kikuyu, Kalenjin, Luo...

Die Lage der Kikuyu erschwerte, dass die britische Kolonialmacht deren ursprüngliches Territorium enteignet und weißen Siedlern übertragen hatte. Nach der Unabhängigkeit in den sechziger Jahren mussten sie neues Land kaufen, wo es gerade zu haben war, zum Teil mitten im traditionellen Gebiet anderer Ethnien. Wo sie nun in der Minderheit waren, wurden sie während der Unruhen verfolgt, enteignet, abgeschlachtet. Wo sie die Mehrheit bilden, rächten sie sich ihrerseits an den Stämmen der Verfolger.

Am Wahltag selbst hatte noch alles nach einem Sieg für Odinga ausgesehen. Als Kibaki plötzlich zum Präsidenten ernannt wurde, kochte der Volkszorn hoch. Innerhalb von 24 Stunden brannten Kenias Straßen.

Aus Bauern oder Slumbewohnern wurden Menschen ohne Heimat.

In einem Umschlag befinden sich die Namen von allen, die an Massakern teilgenommen haben sollen.

In einem Hotel in der Hauptstadt Nairobi steht Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan, die Hand an einem grauen Umschlag, den ihm der kenianische Richter Philip Waki reicht. 156 Zeugen aus allen Gesellschaftsschichten waren im Laufe mehrerer Monate vor die sogenannte Waki-Kommission getreten, einer Untersuchungskommission zur Gewalt nach den Wahlen, um auszusagen. Geklärt werden sollte die Frage, ob es sich bei den Massakern, Brandstiftungen, Vergewaltigungen nach den angeblich gefälschten Wahlen um spontane Gewaltausbrüche handelte - wie Raila Odinga erklärte - oder um Aktionen, die bereits während des Wahlkampfs geplant wurden.

Das Ergebnis ist ein über 500-seitiger Bericht und jener Umschlag, in dem sich eine Liste der Beschuldigten befindet - seitenweise Namen von Politikern, von Stadt- und Landräten, Polizisten, Pöstchenbesitzern und Geschäftsleuten. Beschuldigte, die sich nicht selbst die Hände schmutzig gemacht haben. Einflüsterer sollen sie gewesen sein, Schwüre abgenommen haben. Geld gegeben und in ihren Fahrzeugen Kämpfer und Waffen befördert haben, vor allem über die holprigen Landstraßen des nördlichen Rift Valley.

Es ist Freitag, der 17. Oktober, Annan und Waki blicken zuversichtlich in die Kameras. Der Umschlag wird von einem weißen Band zusammengehalten, denn sein Inhalt ist geheim. Auf dem Band prangt ein zerlaufenes Siegel, das aussieht wie eine schmierige blutige Masse.

Richter Waki schlägt an diesem Tag zwei Alternativen vor. Entweder kümmert sich Kenias Regierung selbst um die Beschuldigten auf der Liste, indem sie ein international besetztes Tribunal einsetzt. Sollte die Regierung jedoch länger als zwei Monate untätig bleiben, wird Vermittler Kofi Annan den Umschlag dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag übergeben. Die Namensliste wird unter Verschluss gehalten, weil man Rache, Einflussnahme und Liquidationen fürchtet. Dennoch kursiert eine inoffizielle Version der Aufstellung seit längerem im Internet. In Kenia weiß sowieso jedes Kind, von welchen Menschen die Rede ist.

Dass der Landwirtschaftsminister William Ruto laut "Unfug" rief, als er von der Waki-Deadline hörte, war ein erster, menschlicher Reflex auf eine Maßnahme, die wohl auch sechs der ranghöchsten Kabinettsmitglieder und fünf Parlamentarier betreffen wird. Anscheinend waren sich selbst die heutigen Minister nicht zu schade, ihre Schlägertrupps höchstpersönlich aufzuhetzen.

Käme das Tribunal tatsächlich zustande, führte der Waki-Report wirklich zu gerichtlichen Konsequenzen, wäre das nicht nur für Kenia, sondern für ganz Afrika eine Sensation. Doch Umfragen zufolge glaubt über die Hälfte der Kenianer nicht daran, dass der Gerechtigkeit diesmal genüge getan wird. Und selbst wenn es so käme ... das Leben der meisten hat sich im vergangenen Jahr tiefgreifend verändert, irreversibel.

Die Oberschicht verlässt sich darauf, dass die kleinen Leute ihre "nützlichen" Gefechte untereinander ausmachen

Kein Politiker musste je im Flüchtlingszelt übernachten, kein Manager für eine Schüssel Maisbrei anstehen. Wie immer, verließ sich die Oberschicht darauf, dass die kleinen Leute ihre nützlichen Gefechte untereinander ausmachten. Zu "ethnischen" Auseinandersetzungen war es bislang um jeden Wahltermin gekommen. Die Medien berichteten nicht einmal darüber. Kenia gehört weltweit zu den Ländern, in denen die Schere zwischen arm und reich am weitesten auseinander klafft, und so bleiben die meisten Reichen unbehelligt vom Leben im Staub.

Die Hauptstadt traf der Schock erst, als das Einkaufszentrum Nakumatt schließen musste. Normalerweise säuselt hier 24 Stunden am Tag die Konservenmusik. Die Einkaufszentren der kenianischen Kette sind ein Treffpunkt der Beautiful People. Rosa Neon beleuchtet "schmackhafte Vollnahrung" für Hunde, ein Plakat zeigt die Fußreflexzonen, 40 Sorten Shampoos kann man kaufen, frischen Fisch, süßes Brot, Vollmilch in Tüten. Perplex standen die Kunden an jenem Tag vor verschlossenen Gittertoren, als die Hetzrufe aus der Provinz die drei-Millionen-Metropole erreichten. "Da schleppten die jungen Kerle ihre tränenbegasten Hinterteile auf die Straßen, und das bürgerliche Nairobi konnte nicht mehr shoppen gehen. Ziemlich unpraktisch!", spottete die kenianische Schriftstellerin Wambui Mwangi in ihrem Blog.

Der Kampf weitete sich auf die Elendsviertel aus, in denen 70 Prozent der Stadtbevölkerung leben. Das Echo ihrer Schreie war bis hinter die gestutzten Hecken und Laserschranken der Villen zu hören. Dort begann man, sich ernsthafte Sorgen zu machen.

Kenia galt bisher als Musterland, treu den USA alliiert, da passte es nicht, dass nun CNN bis Al Djazira jetzt über Greuel berichteten. Kenia, das Hakuna-Matata-Land, sah auf den Bildschirmen plötzlich mörderisch aus wie Ruanda, finster wie der Kongo. Und der Qualm aus den Slums zog über die Stadt. In Huruma, dem Viertel rund um den Ziegen-Schlachthof, tobte die Gewalt wochenlang. Gemischte Wohngebiete verwandelten sich innerhalb von Tagen in "ethnisch reine" Zonen.

Im Wahlkampf umwarben "hochgestellte Persönlichkeiten" unbeschäftigte junge Männer. Sie suchten Milizen

Zwischen Backsteinhäusern stehen in Huruma Blechhütten mit Blechdächern, fensterlos, die Regenrinnen sind aus Kartons gefaltet. Eine asphaltierte Hauptstraße, der Rest Wildwuchs, Gassen ohne Namen. Wenn der Regen kommt, dann heftig, die Fußabdrücke füllen sich sogleich mit rötlichem Wasser. Ein vierjähriges Mädchen in Plastikschläppchen balanciert durch den Matsch und bleibt stecken, hilflos wie ein Käfer zieht es an ihrem linken Fuß, der Schuh hat sich festgesogen. Ein paar Jungs drängeln hinter ihr: "Schneller, schneller!" Sie zieht das nackte Bein an und bricht in Tränen aus. Tony hebt sie am Oberarm hoch und fischt mit einem Stock ihren Schuh aus dem Schlamm.

Tony Ochiengs* Jeans hängen in den Knien, wie es sich für junge Männer gehört, die zeigen wollen, dass sie streetwise sind. Der füllige Tony hat sein 24-jähriges Leben in Huruma verbracht, natürlich ist er streetwise, sensibel, furchtlos. Er gehört zum Volk der Luo, die Anfang des Jahres erbitterte Kämpfe mit den Kikuyu austrugen und das Viertel in zwei Hälften teilten.

Tony ist unterwegs zum "Fluss", wo die Luo-Milizen einen ganzen Häuserblock niedergebrannt haben. Die Straße überbrückt einen breiten Graben, in dem ein violett schimmerndes Rinnsal Müll führt. Im stinkenden Grund wühlt ein fettes, rosafarbenes Schwein. Kinder klauben Dinge auf, die zum Spielen taugen, Schraubenmuttern, Plastiktüten, Fäden. Manchmal finden sie auch Essbares, einen Fetzen Fleisch zum Beispiel, den man abwaschen und in Öl frittieren kann. "Hier durften nur die Leute durch, die auf diese Seite gehörten", erzählt er. "Man musste seinen Ausweis vorzeigen" - viele haben sprechende Namen - "oder ein paar Wörter sagen, damit sie sehen konnten, zu welchem Stamm man gehörte. Und wenn du zum falschen Stamm gehörtest ... Tja, sorry, da müssen wir wohl die Macheten sprechen lassen." Polizisten standen lachend dabei und ließen die Mörder gewähren. "Es war ein einziges Schlachtfeld."

Auch heute brennen in Huruma Reifen. Schwarze, ölige Schwaden lasten auf den Straßen. Eine Gruppe von etwa 70 Jugendlichen skandiert: "Ngare must go! Ngare must go!" Sie protestieren gegen den Mord an ihrem Freund, einem jungen Fußballer, der in der Nacht von einem Polizisten namens Ngare erschossen wurde. Ngare hat im laufenden Jahr schon mehr als 30 junge Männer auf dem Gewissen, und dazu bedurfte es keiner großen Vergehen. Es genügte schon, sich zu weigern, ihm Geld zu zustecken. Jedesmal drückte er seinem Opfer eine Spielzeugpistole in die Hand, so sah es nach Notwehr aus. "Ngare must go!" Die Tür der Wache geht auf, Polizisten erscheinen, sie tragen lange, gerade Kunststoffknüppel und Gewehre. "Euch können wir auch abknallen", droht einer. Die Jugendlichen verschwinden in den umliegenden Gassen.

Tony zuckt nur mit den Achseln. Er hat die Ordnungshüter noch ganz andere Dinge tun sehen, als die Unruhen über Huruma hereinbrachen. "Für sie war es einfach ein Geschäft. Wenn jemand in Sicherheit gebracht werden wollte, kostete ihn das 2.000 Shilling, zwanzig Euro. Wenn er seinen Hausrat mitnehmen wollte, waren es 3.000."

Die Polizisten marschieren weiter, biegen von der Hauptstraße ab. Schüsse sind zu hören. "Es war eben Krieg", meint Tony und erklärt, dass alle Männer, die an den Kämpfen teilnahmen, sich mit militärischen Rangbezeichnungen ansprachen. "Es gab Generäle, Sergeants, Captains." Und welchen Rang hatte er? "Ach." Pause. Er mustert den Abendhimmel, presst die Lippen aufeinander. "Das ist eine andere Geschichte. Darüber kann ich nicht sprechen. Ich bin ja selbst ein war monger, ein Kriegstreiber, gewesen."

In den Straßen wird es dunkel, die Jugendlichen lungern an Straßenecken, hocken mit wippenden Knien auf Zäunen, lehnen in den Türöffnungen der Bars. Auf gelben Schildern Bierwerbung: Tusker Beer makes us equal.

In solchen Vierteln gibt es keine Arbeit, aber auch kein Zuhause. Die Hütten sind zu eng, viele Kinder wachsen als Waisen auf. neunzig Prozent der Mütter sind alleinerziehend. Verbreitet sind alle Drogen, beliebt ein fermentiertes Gebräu mit Terpentin und Formalin, an dem man jung stirbt. Wer sich hier Dienste erkaufen will, braucht nicht viel auszugeben. Schon für 500 Schilling, fünf Euro, bekommt man einen Mörder, für 10.000 ein paar Massenmörder.

Im Wahlkampf tauchten überall "hochgestellte Persönlichkeiten" auf, die Milizen benötigten, inoffizielle Truppen. Sie umwarben in den Städten besonders die Jugendzentren und auf dem Land die "age groups", Gruppen von Heranwachsenden, denen die Beschneidung bevorstand. Die unbeschäftigten Jungmänner, die gebraucht werden wollen - sie bilden die explosive Masse, ein schier unerschöpfliches Reservoir, das die Politik sich zunutze machen kann. Während die Frauen versuchten, das Überlebensnotwendige zu erledigen, Medikamente durch die Linien zu schmuggeln, Babies zu ernähren, Kranke zu versorgen, wurde diese frustrierte Menge tobsüchtig gemacht und freigesetzt wie ein Virus.

Leise fährt Tony fort: "Es hieß immer, wir müssen viele sein, um den Feind zu besiegen. Dem Druck konnte man sich nicht widersetzen." Heute hilft er, den Frieden zu sichern. Wenn jemand während der Unruhen das Zimmer eines anderen in Beschlag genommen hat, nun aber die Möbel nicht herausrücken will, wird seine von der UN finanzierte Organisation aktiv und versucht zu schlichten. Es ist unmöglich, sich diesen sanften Jungen in Jeans und T-Shirt als "Sergeant" oder "Captain" vorzustellen, der ein Kind vierteilt oder einer Mutter den Schädel zertrampelt.

Silence! On developpe. Ruhe, wir entwickeln uns

Es ist unmöglich, sich das Ausmaß der Gewalt vorzustellen. Doch die Gewalt liegt nah. Wo Menschen an heilbaren Krankheiten sterben und Babies am Hunger ihrer Mütter, ist es zum Töten nicht weit. Gewalt ist üblich - in allen gesellschaftlichen Schichten Kenias. Noch nie wurde ein politischer Mord aufgeklärt und bestraft. Todesschüsse aus Polizistenwaffen gelten als normal. Auch das Volk richtet selbst. Weil man auf die Sicherheitskräfte nicht zählen kann, werden Diebe oft kurzerhand gelyncht. Und schließlich erfüllte die Gewalt ihren Zweck. Die Täter konnten den Besitz ungeliebter Nachbarn plündern, sich womöglich sogar ihr Land aneignen. Land ist seit jeher eine Währung: Der Lohn der Politiker für ihre Günstlinge.

Und vor allem: Ohne die Gewalt nach der Wahl wäre die Weltöffentlichkeit auf das Anliegen der Opposition nicht so schnell aufmerksam geworden. Gewalt schien vielen als das einzige Mittel, die Machtergreifung durch die Kikuyu-Politiker um Mwai Kibaki zu revidieren.

Selbst einige Akademiker, Intellektuelle, aufgeklärte Menschen vertreten den Standpunkt, Gewalt sei ein legitimes Mittel gegen ein antidemokratisches Manöver. Die ehemalige britische Kolonie in eine freiheitliche Staatsform zu überführen, ist ein mühsamer und schmerzhafter Prozess. Muss da nicht manches Individuum zu seinem Glück gezwungen werden?

Kenia wurde 1963 unabhängig, das ist so lange her wie Kennedys Ich-bin-ein Berliner-Rede, die von verfeindeten Lagern handelte. So lange wie Martin Luther Kings I-have-a dream-Rede, die von verfeindeten Rassen handelte. Dass keine schnellen Ergebnisse zu erwarten sind, nimmt man noch billigend in Kauf. An der Geduld der Menschen zerrt, dass kein öffentlicher Diskurs über die Landverteilung geführt wird. Der afrikanische Historiker Joseph Ki-Zerbo nannte das, fein ironisch wie stets: "Silence! On developpe." - Ruhe bitte, wir entwickeln uns.

Weshalb ereigneten sich die ersten Überfälle bereits fünf Minuten nach Verkündung des Wahlergebnisses?

Stau in Nairobi. "Nach Deutschland geht es schneller als einmal durch die City", seufzt der Fahrer und tritt bei jeder Lücke das blanke Gaspedal durch. Seinen blauen Matatu-Transporter hat er "Mayhem" getauft: Gemetzel, Chaos, Verwüstung. In den Schiebefenstern hängen Bilder aus Illustrierten, säuberlich ausgeschnitten: Vorn Obama, in der Mitte Bin Laden und hinten ein berüchtigtes Söldner-Duo aus Armenien. Draußen sind Hochhäuser zu sehen, Kreisverkehre mit ausgefallenen Blumenrabatten und die breiten Bürgersteige, auf denen im vergangenen Dezember nach der Wahl die Menschen gingen und zum Zeichen, dass sie gewählt hatten, fröhlich ihre blaugefärbten kleinen Finger hochhielten.

Wir steigen um in den voll besetzten Überlandbus. Zügig fährt er die Ausfallstraße entlang, vorbei an Verkaufstischen mit Topfpflanzen in allen Formen und Farben, an Händlern mit Bic-Rasierern, die sich todesmutig an der Mittellinie drängen. Die Häuser werden spärlicher, die Straße schlechter. Manchmal winken an den Straßenseiten Dorfbewohner und deuten auf Erdhaufen, mit denen sie Schlaglöcher geflickt haben. Der Bus soll darüberfahren, um sie einzuebnen. Wer die Felder kennt, weiß, hier müsste eigentlich Mais stehen. Doch zur Zeit der Aussaat waren die Bauern entweder vertrieben oder schon tot. An einer Biegung liegt ein großer Felsbrocken. Im Januar diente er als Straßensperre. Kalenjin-Milizionäre hatten ihn in einem Lagerfeuer zum Glühen gebracht, damit ihn niemand wegrollen konnte. Es waren 2.000 Mann. "Wie kann es sein, dass die ersten Überfälle bereits fünf Minuten nach Verkündung des Wahlergebnisses stattfanden?" Diese Frage wird häufig gestellt. Im Bus ist man der Meinung, Odinga hätte das Recht gehabt, allein zu regieren. "Und was hätten sie mit Kibaki machen sollen?" fragt eine Frau. "Genau", sagt ein Alter, "wenn in deinem Dach ein rostiger Nagel steckt, den Du nicht rausziehen kannst, schlägst du ihn besser mit dem Hammer rein."


In Kenia sagt man, es gibt zwei Motive, in die Politik zu gehen. Man kann es tun, um eine Spur in der Geschichte zu hinterlassen. Oder, um reich zu werden. Manchen gelingt beides, wie Jomo Kenyatta, der als Kämpfer um die Unabhängigkeit und Gründungspräsident der Republik Kenia zur Legende wurde und sich selbst mit saftigen Stücken des Landes belohnte, das die britischen Siedler 1963 hinterließen. Die exakte Größe seines Besitzes ist kaum zu beziffern, weil er geschickt auf eine weitverzweigte Familie verteilt wurde. Insgesamt befinden sich mindestens 800 Quadratkilometer im Besitz der Familie des verstorbenen Präsidenten, eine Fläche so groß wie New York inklusive Brooklyn, Staten Island und Bronx. Manche Berechnungen kommen sogar auf das Doppelte.

Auch Daniel arap Moi, der 1978 auf Kenyatta folgte und bis 2002 Präsident blieb, besaß unermesslich viel Land und zog sich nach seiner Amtszeit auf eine seiner unzähligen Farmen zurück. Dort lässt er Tee und Mais pflanzen, Kühe werden gezüchtet oder Luxusressorts für Touristen eingerichtet.

Moi war es, der ein Mehrparteiensystem zulassen musste, auf Druck der westlichen Geberländer. Auch damals, 1992, kam es im Vorfeld von Wahlen zu erblichen Unruhen. Unbewiesen, aber dringend ist der Verdacht, dass er die brutalen Auseinandersetzungen zwischen den Ethnien selbst provoziert hatte. Pfeil-und-Bogen soll er in großen Mengen aus Korea bezogen haben, und Regierungslastwagen fuhren die Milizen zu ihren Einsatzorten. So hatte Moi der Weltgemeinschaft beweisen wollen, dass Kenia nicht reif sei für die Demokratie.

Und Präsident Mwai Kibaki? Kibaki hat sich vierzig Jahre lang zum Großgrundbesitzer hochgearbeitet. Ende der sechziger Jahre erwarb er zunächst die 486 Hektar große Gingalily-Farm bei Nakuru, dann die 4.046 Hektar große Bahati-Farm und die 647 Hektar große Ruare-Ranch, dann weitere Farmen in Igwamiti und Rumuruti. Mit knapp geschätzten 132 Quadratkilometern entsprechen seine Ländereien der Grundfläche einer mittleren Kleinstadt.

Diese Besitztümer befinden sich alle auf fruchtbarem Land, auf den 17,2 Prozent der gesamten Fläche also, die nicht dürre sind. Den Rest teilen sich 35 Millionen Kenianer, von Brüderlichkeit zuweilen weit entfernt.

Für die "Operation Heimkehr" haben sich manche in Schale geworfen, obwohl es nichts zu feiern gibt

Robert Murithi* nennt es den Fünfjahres-Vertrag. "Unser Haus ist dieses Jahr zum dritten Mal niedergebrannt worden. Wir bauen auf, sie fackeln ab, in jedem Wahljahr das Gleiche..." Die zerschlissenen Planen der Armeelaster sind hochgeschlagen, Männer werfen Säcke, Bündel und Taschen auf die Ladefläche. Matratzen liegen herum. Das Flüchtlingslager am Ortsrand von Nakuru im südlichen Rift Valley besteht seit fast einem Jahr, und man sieht es ihm an. Unter wettergegerbten, längst nicht mehr weißen Zeltplanen kommen vereinzelt Menschen hervor. Sie tragen ihre Habseligkeiten über den ausgetretenen Mittelpfad zu dem Platz, auf dem die Laster warten. Die Motoren laufen schon. Ein junger Mann ruft die Zielorte ins Megafon: Molo! Kericho! Eldoret!

Für die "Operation Heimkehr" haben sich manche in Schale geworfen, obwohl es nichts zu feiern gibt. Sie tragen ihre besten Anzüge, weiße Tücher, die feinen Kleider, die so lange unbenutzt geblieben sind. Robert kichert, wie man hier kichert, wenn es nichts zu lachen gibt: "Sie sagen, es war nur ein Wind, der vorbeizog. Und weil der nun vorüber ist, sollen wir wieder zusammenleben."

Von den einst 20.000 Bewohnern des Lagers sind weniger als die Hälfte noch da. Denn im Frühsommer entzog die Regierung dem kenianischen Roten Kreuz die Lagerleitung und rief die "Operation Rudi Nyumbani" aus. "Meinen Kindern gehen die zerhackten Leichen nicht aus dem Kopf, das ganze Blut", eine Mutter unterdrückt die Tränen, "sie wollen auf keinen Fall zurück." Doch wer sich weigert, das Lager zu verlassen, muss mit Schikanen rechnen. Essensrationen werden gestrichen, die Hähne der Wassertanks abgeschraubt.

Die Heimkehrer bekommen 10.000 Schilling pro Familie und ein Zelt in einem der Transitlager. Vor dem Mann mit dem Megaphon stellt Stephen seine Tasche ab. Er ist 21 Jahre alt, sehr groß, sehr zornig, vor allem auf die Regierung, die ihn und seine Leute damals nicht geschützt hat. "Wir fordern echten Schadensersatz. Sonst nehme ich mir eben die 10.000 und kaufe mir einen Revolver." Sofort bildet sich ein Grüppchen um ihn, die Männer nicken. "Dann hole ich mir zurück, was sie mir gestohlen haben." Langsam redet er sich in Rage, ermutigt von seinem dankbaren Publikum. "Die Leute, die uns bestohlen haben, verkaufen jetzt unser Eigentum. Da kann ich mich ja wohl rächen! Dieser Krieg ist nicht vorbei. Das ist erst der Anfang." Einer wedelt mit einer zerfledderten Zeitung. "Ja, Meinungsfreiheit haben wir. Aber keine Handlungsfreiheit." Stephen brüllt: "Wenn ich nicht einmal mein Stück Land schützen kann? Wer bin ich dann? Ein Afrikaner, ein Kenianer. Das ist nicht genug für einen Mann!"

Die Frauen bleiben abseits stehen, einige haben Babies, die im Lager geboren wurden und nur den Schweißgeruch der Zelte kennen. Zu ihren frühkindlichen Eindrücken gehören Alkoholexzesse, Streit, Vergewaltigungen, weil das Lager für die traumatisierten Menschen kein Schutzraum war. Der Lagerleiter kommt aus seinem Büro, dessen Fenster mit einem blau-weißen Häkeldeckchen verhängt ist. Freche Kühe streifen über die Wege, ein paar Hühner haben halbe Maiskörner gefunden und picken mit starren Blicken, die Flügel gespreizt.

Robert hat das Camp letzten Monat für zwei Tage verlassen und ist in seinen Heimatort Kipkelion gefahren. Der Besuch hat ihm wenig Hoffnung gemacht. Die Nachbarn sagten es ihm ins Gesicht: "Du kannst kommen, aber du wirst wieder gehen." Resigniert schaut er zu den Zelten hinüber: "Ich habe Angst. Aber wo sollen wir sonst hin?"

Im vergangenen Dezember hat ihn jemand gewarnt. Er bekam eine SMS. Die Familie packte ein paar Sachen und sah vom Waldrand aus zu, wie Männer erst ihr Haus leer räumten - "Nur die Hunde haben sie nicht mitgenommen, vor denen hatten sie Angst!" - , dann mit kleinen Handpumpen Terpentin auf das Dach sprühten und es mit einer Fackel ansteckten. Erst später, in der Nacht, kamen die Milizen. Die Jungen trugen Sonnenbrillen und rannten schreiend über die Hauptstraße, bewaffnet mit Pfeil und Bogen, Macheten und Knüppeln. Einige Dorfbewohner führten sie an. Sie deuteten nach links, nach rechts, auf die Häuser der Kikuyu. Robert hätte die Denunzianten erkannt, doch er war schon auf der Flucht. Er kann sich glücklich schätzen: Seine Frau lebt, die Kinder leben. Als sie sich im Wald versteckt hielten, kam eine neue SMS, diesmal von seinem Mobilfunknetzbetreiber Safaricom: "Das Innenministerium bittet Sie dringend, das Versenden oder Weiterleiten von SMS zu unterlassen, die öffentliche Unruhen auslösen könnten. Andernfalls können Sie strafrechtlich belangt werden." Safaricom hatte aus dem Ministerium einen Befehl erhalten, diese Botschaft zu versenden.

Jetzt hockt Stephen, immer noch lamentierend, auf der Ladefläche, eine Frau, ihre beiden Babies im Tragetuch, lehnt sich an die Plane, Robert springt hinterher. Die Heckklappen werden geschlossen, letzte Bündel und Vorräte hochgereicht. Ächzend setzen sich die Laster in Bewegung. 15 Menschen auf dem Weg in ihre persönliche Freiheit. Die Lager-Bekanntschaften bleiben winkend zurück. "Pass auf dich auf!" ruft eine Frau und läuft den Abreisenden ein Stück hinterher. "Sieh zu, dass dir keiner die Kehle durchschneidet!" Ihre Freundin auf dem LKW lacht und winkt zurück.

Die "Operation Heimkehr" gilt als gelungen, die Zahl der Lager wurden auf ein Minimum geschrumpft. Die Politiker vertrauen auf die Versöhnungsinitiativen, die überall aus dem Boden sprießen, und betrachten ihre eigene Versöhnungsarbeit als beendet. Sie haben weder Zeit noch Geld, sich weiter um die Angelegenheit zu kümmern. Denn die Bildung der Großen Koalition war viel Arbeit. Aus vierzig Ministerien besteht nun die neue kenianische Regierung, es ist die umfangreichste in ganz Afrika. 92 Minister und Vize-Minister beziehen zusätzlich zu ihren Vergütungen als Parlamentarier jeweils 14.000 Euro pro Monat plus Spesen, Dienstwagen mit Chauffeur, Security. Im kenianischen Staatshaushalt wachsen derweilen die Löcher. Höchste Zeit, zur Normalität zurückzukehren und mit dem Wahlkampf für 2012 zu beginnen.

Inzwischen sind am Wegesrand der Rift-Valley-Pisten nur noch wenige verstreute Lager geblieben. Hier bei Burnt Forest sprenkeln ein paar weiße Punkte den Hang, ein Kikuyu-Lager. Auf Sichtweite, etwas bergauf, leben etwa vierzig Kalenjin in identischen Wellblech-Planen-Konstruktionen. Ihre Häuser wurden von Kikuyu niedergebrannt, bevor diese flüchteten. So sind die Kalenjin Täter und Opfer zugleich. Gewonnen haben sie nichts.

Ein junger Mann stellt eben sein Handy ab. Er hat einen Freund angerufen, der im anderen Lager lebt. Aber das darf niemand wissen. "Wir haben uns ja noch nicht ausgesöhnt." "Sprechen die Leute denn nicht miteinander?" "Noch nicht." "Aber ihr könnt Euch doch von den Zelten aus sehen". "Ja, aber sehen und sprechen sind zwei verschiedene Dinge." Er würde es nicht wagen, seine Kikuyu-Freunde zu treffen. Einerseits aus Angst vor Rache. Andererseits aus Angst, seinen Leuten als Verräter zu gelten. Auch mit der Liebe ist es jetzt vorbei. "Ein Rendez-Vous mit einem hübschen Kikuyu-Mädchen?" Er lacht verlegen. "Viel zu gefährlich! Das könnte ja eine Falle sein."

Der Wohlstand des Kikuyu wuchs. Der Neid der Kalenjin auch.

Charles Ndungu aus Kamuyu - der den Kalenjin die Angst vor seiner eigenen Rache nehmen will - blickt über die sanften, grasbewachsenen Hügel von Rift Valley. Er setzt seine Kappe ab, sie ist aus dem gleichen roten Stoff genäht wie sein Oberhemd. "Ich bin hier geboren, das ist meine Heimat.", sagt er. Sein Vater hat das Land rechtmäßig erworben. Es gehört zu einem Areal von 2.000 Hektarn Größe, das eine Gruppe von dreihundert Kikuyu-Familien 1964 einem britischen Siedler abgekauft hat. Charles legt die Kappe, die Öffnung nach unten, ins grüne Gras. "So entstand damals eine Kikuyu-Insel." In einem Gebiet, das die Kalenjin traditionell als das ihre betrachteten. Um die Integration in die neue Nachbarschaft zu fördern, schickte Charles´ Vater seine Kinder auf eine Kalenjin-Schule. Das soziale Gefüge rückte sich zurecht.

Die Kikuyu gelten als flexibel, als gute Bauern und Geschäftsleute. Aus ein paar Hektar Land holten sie schnell ein Mehrfaches an Gewinn heraus als die mit Viehzucht vertrauten Kalenjin. Auch Charles Ndungu handelte mit dem Ertrag seines Landes. Wenn der Preis für den Mais stieg, verkaufte er, wenn er fiel, besorgte er Saatgut. Die gesellschaftliche Stellung der Ndungus wuchs mit ihrem Vermögen, der Neid wuchs auch. Die Unruhen waren ein gutes Ventil für alte Missgunst.

Doch selbst wenn Charles wollte, er könnte sein Land jetzt nicht verkaufen. Die Kalenjin würden das Geld nicht aufbringen, und Kikuyu kommen als Käufer nicht in Frage. Die Landpreise sind im Keller. Also bleibt er. Macht weiter, hin- und hergerissen zwischen Hilflosigkeit und Berechnung. Gestern hat er den Kalenjin eine Kuh abgekauft. Womöglich war es die Kuh eines anderen Flüchtlings. Er zuckt die Achseln. "Ich habe sie günstig bekommen."

Die bloße Existenz des Waki-Reports ist für Kenia ein wichtiger Schritt

Seit der versiegelte Umschlag mit den Adres­sen der Beschuldigten in der Presse zu sehen war, können die Politiker die Füße nicht mehr stillhalten. Offiziell sind sie mit dem Waki-Tribunal einverstanden, immerhin ist es ein kleineres Übel als Den Haag. Auch Landwirtschaftsminister William Ruto vollzog eine Wendung, nahm das Wort "Unfug" für die Arbeit der Kommission zurück und findet den Waki-Report jetzt gut.

Böse sind die Geschichten, die im Internet über den Wahlkampf zu lesen sind. Ruto, der so weltmännisch und in perfektem Englisch parlierende Odinga-Verbündete, soll eine Brandrede gehalten haben. Darin hetzt er seine Kalenjin, die wegen ihrer Hirtenkultur auch "People of the Milk" genannt werden, gegen die Kikuyu auf: Milchmenschen, reißt das Unkraut aus, schüttelt die Wurzeln gut ab, werft alles auf einen Haufen und verbrennt es.

Und die Kikuyu-Führer, die die unschuldigen Opfer spielten, haben auch sie sich auf die Gewalt vorbereitet? Jedenfalls fanden wohl zwei Treffen zwischen hohen Regierungsmitgliedern und der berüchtigten, gewalttätigen Mungiki-Sekte statt. Eines im State House, das andere im Nairobi Safari Club.

Im stillen Kämmerlein mögen einige bereuen, dass sie mit dem Zündeln so weit gegangen sind. Doch jetzt wollen sie alles tun, das Tribunal wenigstens unter Kontrolle zu halten. Täglich fragen sich Kommentatoren in der kenianischen Presse, wie die Verdächtigen es wohl anstellen mögen, die Wahrheit zu verschleiern. Erfahrung haben sie genug.

Im Gesetzesentwurf für das Tribunal steht, dass die Verurteilten lebenslänglich ins Gefängnis kommen können, nie wieder öffentliche Ämter bekleiden dürfen. Doch hier ist es, das erste Schlupfloch: Der Präsident soll das Recht haben, sie zu begnadigen.

In seiner Rede zum Unabhängigkeitstag sprach Präsident Kibaki: "Gerechtigkeit muss mit Vergebung temperiert werden, damit die Aussöhnung Wurzeln schlagen kann."

Wahr ist, dass das bloße Zustandekommen des Waki-Reports für Kenia einen wichtigen Schritt aus der Vergangenheit bedeutet. Selbst wenn darüber hinaus nichts geschieht: Angstschweiß von Ministern kann Balsam für wunde Seelen sein.

Wahr ist, dass Gerichtsurteile nichts von dem ungeschehen machen werden, was im vergangenen Jahr geschah. Die Kenianer haben Besitz verloren, Heimat, Angehörige. Vor allem aber das Vertrauen in ihre Mitmenschen.

Vergangene Woche traf Marieke Wierda vom "International Center for Transitional Justice" in Kenia ein, die das Land bei der Bildung des Tribunals beraten soll. Zuvor hatte die Juristin Einsätze in Ex-Jugoslawien und Irak, in Uganda, Sierra Leone und im Libanon. Sie bremst Hoffnungen auf ein schnelles Verfahren. "Selbst wenn alles gutgeht, wird der Prozess sicher drei bis fünf Jahre dauern", meint sie. "Ob die Verhandlungen fruchtbar sind oder nicht, wissen wir ungefähr in zwei Jahren."

*Namen geändert

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00:00 26.12.2008

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