Geisterbeschwörung mit Gästen

Die Dingsbums Alle Versuche, sich sich von alten Dingen im Haushalt loszusagen, sind zum Scheitern verurteilt. Das besagt zumindest ein japanischer Glaube
Sarah Khan | Ausgabe 04/2017 2

Ist Ihnen schon aufgefallen, dass in jedem Haushalt eine verborgene, geheime Kraft existiert, die dafür sorgt, dass alte Küchenutensilien, die eine schwere Macke besitzen, auf Gäste eine magische Anziehungskraft ausüben? Als würden die Dinge unablässig nach jemandem flüstern, aber nur ein Gast hört ihren Ruf.

Diese ungeliebten Gegenstände befinden sich meist in den hintersten Winkeln der Schubladen, in den kleinsten Fächern des Besteckkastens, aber wegschmeißen mag man sie auch nicht. Die stumpfen Kartoffelschäler voller Flugrost – ein eisernes Ersatzbataillon. Die Spargelschäler für Linkshänder – eines Tages wird ein linkshändiger Spargelfreund kommen, und es wäre schade, wenn er oder sie nicht beim Schälen helfen könnte. Die Grapefruitlöffel mit den reißerischen Zähnchen an den Löffelseiten – die sind toll für ein spritzfreies Auslöffeln der Fruchtfleischkammern, aber man darf sie sonst nie einsetzen, es reißt einem sonst den Mund auf. Das Sushimesser, das so schrecklich scharf ist, dass ich lieber warte, bis die Kinder ausgezogen sind, um es zu benutzen, deshalb lagert es in ein Geschirrhandtuch gewickelt. Der Eierpiker, der vor Gebrauch entsichert werden muss, wenn man es nicht tut, ist das Ei kaputt und große Sauerei. Kaum über die Türschwelle getreten, schaffen es Gäste, die verbannten Gegenstände zu finden, ein Malheur damit anzurichten, und ich stehe als Volltrottel da: „Wieso besitzt du so etwas Sinnloses? Hast du keine anständigen Löffel? Ich blute! Wieso ist diese Haushaltsrolle so hässlich bedruckt?“

Früher beschäftigten sich Gäste mit der Plattensammlung, während man in der Küche abgelenkt war. Sie holten die Platten liebevoll aus dem Schrank, lasen das Kleingedruckte auf dem Cover laut vor, prahlten mit ihrem raren Wissen. Das war schön, selbst wenn es auch da Konflikte um die Handhabung des Plattenspielers gab, mit welcher Armbewegung der Staub von den Rillen zu wischen sei, ob man die Nadel vorm Aufsetzen noch mal anpusten darf oder bei Todesstrafe nicht. Dass Gäste ihre verlorene Musikalität nun kompensieren, indem sie Küche und Bad auf den Kopf stellen, geht aber zu weit.

Es gibt auch eine Sorte Gast, die eigene problembehaftete Dinge mitbringt und vergisst: eine unauffällige Dose Espresso, der sich, nachdem man sich von ihm bedient und zwei antriebslose und misslungene Tage verbracht hat, als entkoffeiniert herausstellt, danke! Eine große Flasche Flüssigseife, auf der in roten Lettern das Wort „Intimwaschlotion“ prangt und die die Atmosphäre im Bad grundlegend verändert, dagegen helfen nicht mal drei Pfund Strandmuscheln auf dem Klokasten. Babywischtücher, auch Öltücher genannt, die sich im Gegensatz zu Feuchttüchern nicht im Wasser auflösen und die Kanalisation verstopfen.

Aber alle Versuche, sich von ungeliebten oder alten Dingen loszusagen, sind immer zum Scheitern verurteilt, heißt es im japanischen Volksglauben, wo die Ding-Geister auf den Namen Tsukumogami hören. Menschen, die alte Dinge gedankenlos wegschmeißen und ihnen keinen Respekt zollen, heißt es da, müssen die Rache der beleidigten Ding-Geister fürchten. Mein liebster Tsukumogami ist der Boroboroton, ein alter, schmuddeliger Futon, der nachts kommt und den Schlafenden umschlingt, um ihn zu erdrosseln. Und wenn man Glück hat, hört man als Letztes noch das Lachen der Bake-zori, der wandelnden Reissandalen, die durch die Wohnung klackern und ihre höhnenden Lieder singen.

Sarah Khan schreibt von dieser Ausgabe an die monatliche Kolumne „Die Dingsbums“ im Freitag-Alltagsressort

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