Geisteswissenschaftler an die Front

Kriegsforschung Ironie als Forschungsthema und als militärische Strategie: Nachruf auf ein gescheitertes Projekt

Laut Thomas Mann bedeutet Ironie, aus der Not eine Überlegenheit zu machen. Zwei amerikanische Geisteswissenschaftler an der Princeton Universität folgten Manns Motto.

Angefangen hat es mit einer Ausschreibung des multinationalen Rüstungskonzerns Lockheed Martin. Der Rüstungsriese hält regelmäßig an Universitäten nach vermarktungsfähigen Forschungsideen Ausschau. Als der drittgrößte Militärdienstleiter der Welt im April eine Ausschreibung an der Princeton Universität bekannt gab, reagierten Graham Burnett, Professor für Geschichte, und Literaturdozent Jeff Dolven mit einem unerwarteten Vorschlag: Sie plädierten im Rahmen des „Human Terrain System“ (HTS) für die wissenschaftliche Erforschung von Ironie. HTS ist ein Programm der United States Army, das Anthropologen, Sozialwissenschaftler und andere geisteswissenschaftliche Experten zusammen mit dem Militär in Krisengebiete entsendet, um die Offiziere vor Ort bei strategischen Entscheidungen mit entsprechendem Fachwissen zu unterstützen. Auch beim Kontakt mit Einheimischen sind die HTS-Mitarbeiter anwesend. Um diese Kommunikation zu verbessern, sollte mit dem potentiellen Risikofaktor Ironie gekonnt umgegangen werden, so die Junior­professoren.

Eine schlagkräftige Definition

Damit plädierte das Wissenschaftlerduo für der Widerspenstigen Zähmung. Grund: Die Vielschichtigkeit und Plastizität der Ironie macht sie zu einem heiklen Forschungsschwerpunkt. Als besonders hilfreich für das Unterfangen nennen Dolven und Burnett die sprachwissenschaftliche und psychologische Disziplinen.

Sprachwissenschaftler begannen erst Mitte der 60er Jahre vereinzelt mit der Analyse von Ironie. In den 70er und 80er Jahren widmeten sich Linguisten und Psychologen langfristig dem vielschichtigen Mittel. Doch sie gerieten bereits beim Versuch, Ironie zu definieren ins Stocken: „Die traditionelle auf Grammatik- und Semantiktheorien konzentrierte Linguistik stand und steht dem Phänomen der Ironie relativ hilflos gegenüber“, schrieb Psychologe Norbert Groeben Mitte der Achtziger. Eine grundlegende Erklärung, was Ironie eigentlich sei, blieb damals aus. Sprachwissenschaftler Heinrich Löffler schrieb, Forscher hielten sich in auffälliger Weise davor zurück, Ironie präzise zu charakterisieren oder ein Procedere vorzuschlagen, wie sie in Alltagssituationen mit Sicherheit erkannt werden könnte.

Eines der vielen anfänglichen Probleme bestand darin, Ironie wissenschaftlich zu verorten: War Ironie in den Sprachwissenschaften oder eher in den Literaturwissenschaften zuhause? Eine Antwort kam von Inger Rosengren, die Ironie – entgegen der Meinung einiger Kollegen – in den sprachwissenschaftlichen Kontext einfügte. Laut Rosengren galt Ironie jedoch nicht als Sprechakt, sondern ist dem Kommunikationsprozess zugehörig. Als grundlegendes Charakteristikum der Ironie sah die Expertin den „Widerspruch zwischen wirklicher und ausgedrückter propositionaler Einstellung.“ Edgar Lapp wiederum definierte das Phänomen, im Unterschied zu Rosengren, mit einem normativen Unterton: Ironie sei „Simulation der Unaufrichtigkeit“, so der Sprachwissenschaftler. Auch die Frage, ob Ironie überhaupt als Ironie betrachtet werden kann, wenn der Adressat sie nicht als diese erkennt, wurde für die Definition des Phänomens erwogen.

Nicht minder wichtig war und ist für die Forscher die emotionale Ebene der Ironie, wenn sie in der Alltagskommunikation benutzt wird. Ende der 70er Jahre machte Sprachphilosoph Paul Grice bereits darauf aufmerksam, dass Ironie der Ausdruck einer Emotion sei, die auf feindliches oder abwertendes Urteil hindeute. Seine Kollegen blickten über die Grenzen der Sprachwissenschaft hinweg, in Richtung der Psychologie. Sie fungierte nicht so häufig wie erhofft als informative Quelle für die Sprachwissenschaft, weil viele psychologische Studien vorab keine sorgfältige ­Abgrenzung des Begriffes der Ironie unternommen hatten. Wie auch: Der Mangel ­einer allgemein anerkannten wissenschaftlichen Definition verhinderte es. Ein Psychologe, der den Kollegen der sprachwissenschaftlichen Disziplin mit seiner Definition einen Dienst erwies, war Norbert Groeben: „Ironie manifestiert sich darin, dass etwas anderes gesagt wird, als es gemeint ist oder etwas bildhaft gesagt wird; Indikatoren dieser Manifestationen sind Mimik, Gestik und/oder Betonung.“

Abwehr negativer Kräfte

Im Anschluss an die Klärung der Definition, kam die Frage auf, welcher Emotion die Ironie entspringe. Grice These, Ironie sei die Folge eines feindliches, negativen Gefühls, wurde von Geoffrey Leech entkräftet. Leech: „Ironie kommt auch entsprechend einem Höflichkeitsprinzip zum Einsatz.“ Man würde sie keinesfalls nur in negativen Situationen einsetzen, sondern auch um Kritik am Gesprächspartner abzuschwächen.

Im Jahr 2006 hat die Psychologin Deirdre Wilson vom University College London Studienergebnisse veröffentlicht, die zwei andere emotionelle Gründe für den Einsatz von Ironie suggerieren: „Erstens, Ironie wird wie ein Echo der eigenen Gedanken verwendet, in dem sich der Sprecher von dem Gesagten dissoziiert. Zweitens, Ironie spielt mit einem Schein, einer Verstellung, von der sie erwartet, ihr Gegenüber verstünde sie und ihre Absicht des Spottes.“

All diese Ansätze deuten auf die Komplexität der Ironie hin. Bis heute bleiben die meisten ihrer Manifestierungen – ob im Alltag, in der Literatur oder Politik – unzureichend erforscht.

Wie Ironie genau analysiert werden sollte, verrieten auch Dolven und Burnett nicht. Stattdessen präsentierten sie in ihrem Projektvorschlag die Forschungsziele. Aber nicht allen Ernstes: Die Geisteswissenschaftler erklärten nämlich, sie wollten ein globales enzyklopädisches Verzeichnis aller bekannten Strukturen und Strategien von Ironie anlegen. Ferner schlugen sie auch die Entwicklung von „Irony Kits“ vor. Die könnten mithilfe von Speichelproben den Ironiker auf frischer Tat ertappen. Mit weiteren haarsträubenden Vorschlägen machten Burnett und Dolven rasch klar, dass Ironie nicht ihr Forschungsthema, sondern ihre Strategie war. „Wir Geisteswissenschaftler verfügen über essentielles Wissen, beispielsweise, dass Sprache, Kultur und Geschichte eine große Rolle zukommt und Gewalt als fördernde und restaurative Kraft nur eine äußerst begrenzte Wirksamkeit hat“, erklärt Burnett. Mit dem ironischen Vorschlag wollten er und Dolven den Rüstungsriesen auf das Potential der Geisteswissenschaften aufmerksam machen.

Ein abgekartetes Spiel

Und wieso taten sie es mithilfe der Ironie? Weil Lockheed Martin in diesem Fall keine potentiellen Förderer waren – sie hatten bereits, bevor sie die offizielle Ausschreibung an die Fakultäten schicken ließen, bestimmte Forschungsprojekte in Princeton ausgewählt, mussten jedoch den gesetzlichen Vorschriften folgen und eine öffentliche Ausschreibung durchführen, um mit den gewünschten Wissenschaftlern kooperieren zu dürfen. Burnett: „Das ist die eigentliche Ironie an der ganzen Situation.“

Lockheed Martin hatte einmal mehr die Verbesserung der technologisierten Konfliktaustragung vor Augen. Die Erforschung der verbalen Verständigung und ihres friedensstiftenden Potenzials blieb wieder einmal außen vor. Und Ironie, in der Lage Spannungen und Konflikte zwischen Gesprächspartnern zu erzeugen, wird weiter ein potenzielles Problem und unter-erforschtes Phänomen bleiben, bis an einem bestimmten Punkt das Sprechen aufhört und der Einsatz von Lockheed Martins Produkten beginnt.

Anna Gielas forscht als Gastwissenschaftlerin in Harvard über die Psychologie politischer Konflikte und promoviert in St. Gallen mit einer Arbeit über den internationalen Austausch kultureller Güter

14:25 15.09.2009

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