Gejubelt wird für Kameras

Nordkorea Der kleine Staat faucht die USA nicht aus Angriffslust an – sondern weil er Angst hat. Besuch im bitterarmen Disneyland

Nordkorea ist ein anachronistischer Staat. Mal wirkt er wie ein Relikt aus stalinistischer Zeit, mal wie ein Operettenstaat, dessen diktatorischer Familienclan sich als gottähnliches Wesen verehren lässt. Ein Staat, der sich eine futuristische Hauptstadt mit Prachtstraßen und Luxusgeschäften leistet, während der größte Teil der liebenswürdig scheuen Bevölkerung in bitterer Armut lebt. Trotz Steuer- und Mietfreiheit und kostenlosen staatlichen Grundnahrungsmittelrationen. Ein Staat, der die USA inzwischen fast täglich mit geballter Faust und Atomwaffen provoziert. Wie ist Nordkorea wirklich?

Neun Tage lang versuchte ich das zusammen mit dem vielfach preisgekrönten Fotografen Ali Nouraldin herauszufinden. Noch nie wurde ich so systematisch an einer freien Recherche gehindert. Fast alles in Nordkorea ist geheim und verboten. Als ich ein nicht ganz so prächtiges Viertel von Pjöngjang besuchen wollte, bekam einer unserer beiden freundlichen Begleiter fast einen Herzanfall. Auf der Rückfahrt von der Grenze zu Südkorea war die Erregung noch größer – weil wir die malerische Seitengasse eines Dorfes betreten wollten. Der westliche Besucher soll die Armut einer Mehrheit des Volkes nicht sehen.

Fast alles, was Ausländern in Nordkorea vorgeführt wird, ist Show. Theaterkulisse im Disneyland-Stil. Das Regime hat Angst zuzugeben, dass sein angeblich sozialistisches Gesellschaftsmodell trotz größer werdender marktwirtschaftlicher Nischen und trotz eines leichten wirtschaftlichen Aufschwungs die Armut der Mehrheit der Bevölkerung nicht beseitigen konnte. Nur Funktionären und Anhängern des Regimes geht es gut, gerade in Pjöngjang, dessen Wolkenkratzer- und Luxuskulisse dem Ausland eine heile Welt vorgaukeln soll.

Gezeigt wurden uns eine Landwirtschaftliche Produktionsgesellschaft, in der die Bäuerin mit goldener Armbanduhr an ihren in tiefem Wasser stehenden Reispflanzen arbeitete. Eine privatwirtschaftliche Markthalle, in der Handwerker und Bauern gegen eine Standgebühr einen Teil ihrer Produkte privat verkaufen können. Zu Preisen, die sich nur die angeblich nicht existierende Oberschicht und ausländische Diplomaten leisten können. Das Kilo Kirschen zu fünf Dollar. Eine Fabrikarbeiterin verdient umgerechnet 20 bis 25 Dollar pro Monat. Ein Luxusgeschäft, in dem modisch gekleidete Käufer nicht nur Kaviar, sondern trotz Sanktionen auch Bitburger kaufen können. Arbeiter oder Bauern konnte ich unter den Käufern keine entdecken.

In der großen Universität Pjöngjangs durften wir eine Klasse besuchen, in der Deutsch unterrichtet wurde. Als ich anschließend um den Besuch einer echten Vorlesung bat, erklärte man mir, heute gebe es keine Vorlesungen. Obwohl aus mehreren Räumen Stimmen zu hören waren. Also ging ich einfach zu einem der Vorlesungssäle, öffnete die Tür, schüttelte dem Professor herzlich die Hand und grüßte die Studenten noch herzlicher. Das führte erneut zu Protesten unserer Begleiter, die noch zunahmen, als die Studenten fröhlich zurückwinkten. Danach durften wir die 200 Quadratmeter große mietfreie Wohnung eines der Professoren besichtigen, der stolz erklärte, eine solche „Luxus-Wohnung“ mit Panoramablick hätten alle Lehrkräfte. Weniger schöne Dinge zu besichtigen oder zu fotografieren war verboten. Etwa tief gebeugte Lastenträger entlang der Straßen. Oder Schüler und ganze Familien, die in ihrer Freizeit das Unkraut aus den Grünanlagen Pjöngjangs zupfen und diese mit Wasserkanistern gießen. Szenen, die unser Fotograf nur aus dem Auto heraus aufnehmen konnte.

Stolz raunten uns unsere Begleiter am Dienstag vergangener Woche zu, dass das Regime um 15.00 Uhr im staatlichen Fernsehen etwas sehr Wichtiges verkünden werde. Punkt drei meldete die Moderatorin mit unnachahmlichem Pathos den Start der ersten nordkoreanischen Interkontinentalrakete, die die USA erreichen kann. Unter Marschmusik und vaterländischen Liedern flimmerten Panzer, Kampfjets und Raketen über den Bildschirm. Immer wieder ballte der Oberste Führer Kim Jong-un triumphierend die Faust.

Gefährliches Spiel

Im Saal jubelte oder tanzte niemand. Ich sah nur ernste, nachdenkliche Gesichter. Auch in der Stadt war kein Triumph zu spüren. Gejubelt wird für die Kameras. Um der Welt zu signalisieren, dass das Volk begeistert hinter dem Regime und der Militarisierung des Landes steht.

Der Hauptgrund der ständigen Demonstration militärischer und neuerdings nuklearer Macht ist banal: Das Regime hat Angst, ein ähnliches Schicksal wie der Irak und Saddam Hussein zu erleiden, die, nachdem sie unter internationaler Kontrolle abgerüstet hatten, von den USA angegriffen wurden. Nordkorea fühlt sich zu Recht oder zu Unrecht durch die USA bedroht. Durch die massive Aufrüstung Südkoreas und durch die regelmäßigen Militärmanöver der USA.

Der Tiger Nordkorea faucht die USA nicht aus Angriffslust an, sondern aus Angst. So wie ein Igel mit seinen aufgestellten Stacheln nicht angreifen, sondern abschrecken will, plant Nordkorea nicht, seine Atomwaffen gegen andere präventiv einzusetzen. Nordkorea will jedem Angreifer klarmachen, dass er einen Überfall mit Millionen Toten bezahlen müsste.

Diese manchmal fast paranoide Furcht hat reale geschichtliche Hintergründe. Die brutale Kolonisierung durch Japan in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der Koreakrieg kurz danach, in dessen Verlauf zwei Millionen Menschen starben, allein in Nordkorea. Auch danach haben die USA ihr großes strategisches Interesse an Nordkorea nie verheimlicht. Auch wenn der Westen sich daran gwöhnt hat, den nordkoreanischen Machthaber als wirre Witzfigur zu sehen, ist doch das Bestreben, sich durch den Besitz von Atomwaffen unangreifbar machen, höchst rational.

Und gleichzeitig ist das atomare Spiel brandgefährlich. Jederzeit kann es zu einer ungewollten nuklearen Katastrophe kommen. Das Säbelrasseln auf beiden Seiten muss daher so schnell wie möglich beendet werden. Wir brauchen auch im Koreakonflikt eine kluge und konsequente Entspannungspolitik. Beginnend mit sofortigen Verhandlungen zwischen den USA und Nordkorea.

Das wird manchem US-Politiker schwerer fallen. Aber Verhandlungen sind ihre Pflicht und Schuldigkeit. Alle US-Kriege der Nachkriegszeit – vom Koreakrieg über den Vietnamkrieg bis zum Irakkrieg – endeten als Desaster. Nordkorea wird auf vernünftige Vorschläge der USA am Ende vernünftig reagieren. Trotz allen Propaganda-Getöses.

Eine völlige Vernichtung der bereits vorhandenen Atomwaffen Nordkoreas wird es angesichts des Misstrauens Nordkoreas kurzfristig nicht geben. Langfristig darf das Ziel einer Denuklearisierung derRegion jedoch nicht aufgegeben werden. Der Westen sollte verbindlich anbieten, dass er auf einen Total-Abbau aller nordkoreanischen Atomwaffen mit internationalen Sicherheitsgarantien, einem großzügigen Marshallplan und der vollen Aufnahme Nordkoreas in die Weltgemeinschaft antworten würde. Ziel muss die friedliche Koexistenz der unterschiedlichen Systeme Nord- und Südkoreas sein.

06:00 17.07.2017

Kommentare 11

Avatar
Dieser Kommentar wurde versteckt