Gekaufte Zeit

Essay Eingefrorene Eizellen ermöglichen Frauen, weit jenseits der vierzig noch Kinder zu kriegen. Ist das ein Fortschritt?
Millay Hyatt | Ausgabe 12/2014 23
Gekaufte Zeit
Auf Eis gelegt: Der Traum vom eigenen Kind

Foto: Lex van Lieshout

Bei den Reizbegriffen "Biologische Uhr" und "Torschlusspanik" denken wir meist an Frauen, nicht an Männer. Denn ja, die weibliche Fruchtbarkeit verfällt schneller und auch abrupter als die männliche. Der Druck, der dadurch für Frauen entsteht, sich früher Gedanken über den Nachwuchs zu machen, kann sie, wenn sie mit Mitte 30 noch kinderlos sind, in die schwierige Situation bringen, ihre persönlichen und beruflichen Verhältnisse allein auf den Kinderwunsch ausrichten zu müssen – während ihre männlichen Altersgenossen noch entspannt auf den richtigen Zeitpunkt und die richtige Partnerin warten können.

Doch nun gibt es eine Technik, die sich laut ihrer Befürworter so revolutionär auswirken könnte wie in den sechziger Jahren die Einführung der Antibabypille: das Social Egg Freezing. So wie die Pille den Frauen die Kontrolle über ihre Fruchtbarkeit gab, verspricht dieses medizinische Verfahren Frauen das Loslösen des Kinderkriegens vom Altern des eigenen Körpers – und somit eine größere Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann, als es sie in Sachen Fruchtbarkeit je gegeben hat.

Da nicht das Alter der Frau an sich, sondern das ihrer Eizellen relevant ist, lassen sich beim Egg Freezing junge Frauen Eizellen entnehmen, die tiefgefroren aufbewahrt werden, bis eine Lebenssituation entstanden ist, in der ein Kind Platz hätte: Also der richtige Partner gefunden und berufliche sowie finanzielle Sicherheit etabliert sind. Dann werden die Eizellen wieder aufgetaut, mittels künstlicher Befruchtung mit den Spermien des künftigen Vaters oder eines Samenspenders verschmolzen und eingepflanzt. Die Chancen auf eine erfolgreiche Schwangerschaft sind aufgrund der nicht gealterten Eizellen höher, als wenn die nun in der Regel Vierzig- bis Fünfzigjährige – theoretisch ist das Alter nach oben offen – mit frisch entnommenen Eizellen einen Versuch durchführen oder es auf natürlichem Weg probieren würde.

Das Verfahren wurde ursprünglich für Krebspatientinnen entwickelt, die vor ihrer Chemo- oder Strahlentherapie Eizellen hinterlegen können. Zunehmend wird Egg Freezing aber auch von gesunden Frauen genutzt, um sich vom Druck des Fruchtbarkeitsverlustes zu befreien und gelassener die Familien- und Lebensplanung anzugehen. Um den Unterschied zum medizinisch indizierten Egg Freezing aufzuzeigen, wurde das Wort „Social“ vorangestellt.

Bescheidene Erfolgsquote

Torschlusspanik also adieu? So zumindest das Versprechen. Die Kritik, die bisher an der neuen Praxis geübt wird, betont vor allem die Unwägbarkeiten: Weit davon entfernt, eine Garantie auf späte Mutterschaft darzustellen, hinkt die Erfolgsrate von künstlichen Befruchtungen mit zuvor eingefrorenen Eizellen immer noch der mit frischen Eizellen hinterher. Zwar holt sie dank einer neuen Einfriermethode auf, doch auch wenn sich die beiden Verfahrensweisen annähern, liegt laut Deutschem IVF-Register 2012 die Rate der Lebendgeburten pro behandeltem Zyklus nur zwischen 12 und 23 Prozent – frische sowie eingefrorene Eizellen miteinbezogen.

Nimmt man noch den finanziellen Aspekt hinzu, ergibt sich das Bild eines relativ unsicheren Geschäfts: Zu den Kosten einer künstlichen Befruchtung, die mehrere tausend Euro pro Zyklus betragen und im Fall von Social Egg Freezing von der Krankenkasse auch nicht übernommen werden, kommen die Lagerungskosten der Eizellen hinzu. Das sind noch einmal mehrere hundert Euro pro Jahr.

Eine weitere Schwierigkeit: Biologisch gesehen wäre der günstigste Zeitpunkt für die Eizellentnahme zwischen 16 und 25 Jahren, allerdings machen sich die wenigsten Frauen in diesem Alter Sorgen über ihre zukünftige Fruchtbarkeit. Und selbst wenn sie es täten, scheint es in diesem Alter eine nicht so sinnvolle Entscheidung: Desto jünger die Frau bei der Entnahme ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie später die eingefrorenen Zellen brauchen wird, desto länger wird sie aber die Lagerungskosten bezahlen müssen. Sogar die Interessensvertretung der amerikanischen Reproduktionsmediziner, die American Society for Reproductive Medicine, warnt in einer neuen Mitteilung, dass die Daten zur Sicherheit, Wirksamkeit, Wirtschaftlichkeit und den emotionalen Risiken nicht ausreichten, um diese Methode zu empfehlen.

Solche Mahnungen zielen vor allem auf die mangelnde Erfahrung und die Unsicherheit des Verfahrens. Und sie stehen im Widerspruch zu der auch in Deutschland teils offensiv betriebenen und kommerziell motivierten Vermarktung. Davon abgesehen stellt sich aber die viel grundsätzlichere Frage, ob Social Egg Freezing tatsächlich einen Fortschritt für Frauen darstellt.

Oder anders formuliert: Warum ist es in unserer Gesellschaft für Frauen derartig problematisch, dass sie im Vergleich zu Männern ein engeres Fruchtbarkeitsfenster haben? Denn obwohl dies ein biologischer Fakt ist, hat er nicht zu allen Zeiten und in allen gesellschaftlichen Zusammenhängen die gleiche Bedeutung. In einer Gesellschaft, in der es eine Selbstverständlichkeit ist, dass Frauen in erster Linie Mütter werden sollen und von ihren Männern finanziell unterstützt werden, hat das frühere Ausklingen der Fruchtbarkeit durchaus auch Vorteile: Die Schwangerschaften und Kinder kommen zu einer Zeit der hohen körperlichen Strapazierfähigkeit und lassen dann mit dem Altern des Körpers nach. Der gesellschaftlich vorgeschriebenen Berufung der Frau als Mutter werden so natürliche Grenzen gesetzt.

In unserer Gesellschaft gelten dagegen andere Selbstverständlichkeiten: Es wird von Frauen im gleichen Maße wie von Männer gefordert, dass sie finanziell für sich selbst sorgen und viel Energie in ihre Ausbildung und ihren beruflichen Werdegang investieren. Ob eine Frau auch Mutter wird oder nicht, ist offiziell eine Privatfrage, doch die stillschweigende Erwartung ist weiterhin, dass sie es tut – zumindest wenn sie heterosexuell ist und in einer festen Beziehung lebt.

Bei niedrigeren Löhnen, als sie an Männer gezahlt werden, bei immer späteren Eheschließungen und bei der sich nach wie vor hartnäckig haltenden Vorstellung, dass es die Frau ist, die sich vorrangig um die Kinder zu kümmern hat, ergibt sich eine Situation, in der es eindeutig von Nachteil ist, dass die weibliche Fruchtbarkeit vergleichsweise früh versiegt. Und zwar gerade zu dem Zeitpunkt, an dem es oft erst passen würde, über eine Familie nachzudenken. Es gibt also einen klaren Widerspruch zwischen der gesellschaftlichen Ordnung und der weiblichen Biologie.

Fokussierung auf die Biologie

Social Egg Freezing verspricht eine Lösung dieses Problems, indem es einen Eingriff in die Biologie vornimmt – und die gesellschaftlichen Strukturen unangetastet lässt. Die Tatsache, dass die Unvereinbarkeit von Ausbildung, Beruf und Familie immer mehr Frauen dazu verleitet, die Familiengründung so lang aufzuschieben, bis es zu spät ist, ist aber nicht in erster Linie ein biologisches, sondern ein gesellschaftliches Problem.

Warum stellt ein Kind für eine Frau ein weit größeres Karriererisiko dar als für einen Mann? Doch nicht nur wegen des Mutterschutzes. Warum wird von Frauen erwartet, was nie von Männern erwartet wurde: Dass sie sich 100 Prozent dem Beruf und 100 Prozent der Familie widmen, während sie gleichzeitig mehr Kraft aufbringen müssen, um beruflich mit ihren männlichen Kollegen mitzuhalten? Warum werden Frauen sowohl ausgebuht, wenn sie mit kleinen Kindern voll arbeiten, als auch wenn sie sich entscheiden, mit ihnen zuhause zu bleiben, während das eine für Männer selbstverständlich ist, das andere dagegen Anlass für überschwängliche Lobeshymnen?

Diese Fragen lässt das Angebot von Social Egg Freezing unbeantwortet – ja, schlimmer noch, es zementiert diese Widersprüche sogar, indem es mit der Verheißung lockt, dass Frauen diesen unvereinbaren Erwartungen doch gerecht werden können. Was gesellschaftlich ungelöst bleibt, wird ins Private verschoben, und von Frauen aus eigener Tasche und mit dem Einsatz des eigenen Körpers bezahlt.

Obwohl die Anbieter mit panikmachenden Botschaften über die tickende biologische Uhr künftige Kundinnen aus einer falschen Sicherheit aufrütteln wollen („Ich habe ja Zeit, Gianna Nannini hat auch erst mit 54 ein Kind bekommen“), könnte die Praxis, wenn sie sich in der Masse durchsetzt, paradoxerweise dazu führen, dieses falsche Gefühl der Sicherheit noch zu verstärken („Ich habe ja Zeit, ich habe 20 Eizellen auf Eis“). Männliche Fruchtbarkeitsstörungen, die bei etwa der Hälfte aller ungewollt kinderlosen Paare eine Rolle spielen, werden hier genauso ausgeblendet wie die erhöhten gesundheitlichen Risiken für spätgebärende Frauen. Familienplanung wird so wieder zur reinen Frauensache.

Als ich mit 27 bei einer Frauenärztin vorsprach, weil meine Regelblutungen immer seltener wurden, war ich mir sicher, dass ich keine Kinder wollte – nicht jetzt, nicht später. Sie schickte mich mit dem Gefühl wieder nach Hause, mir keine Sorgen um meine Gesundheit machen zu müssen. Als ich fünf Jahre später doch ein Kind wollte, war es zu spät: Ich war vorzeitig in den Wechseljahren. Wenn es damals die Möglichkeit gegeben hätte, einen Vorrat an Eizellen einzufrieren, hätte mich mein Mann vielleicht dazu überreden können. Aus heutiger Sicht hätte mich das vor dem größten Kummer meines Lebens bewahrt.

Zwar wäre das dann ein indiziertes und kein frei gewähltes Egg Freezing gewesen, aber dieses persönliche Beispiel zeigt, dass eine solche Technik für Einzelne die Welt bedeuten kann. Und ja, ein fehlender Partner und der Wunsch, nicht mit dem nächstbesten Mann eine Familie zu gründen, ist eine genauso nachvollziehbare „Indikation“. Wie bei jeder Technik ist aber auch das Social Egg Freezing keine Lösung für ein gesamtgesellschaftliches Problem. Es besteht in diesem Fall hingegen die Gefahr, dass sie das Problem noch verschärft.

Millay Hyatt, geboren 1973, ist eine Berliner Journalistin und Buchautorin. Zuletzt erschien von ihr: Ungestillte Sehnsucht. Wenn der Kinderwunsch uns umtreibt (Ch. Links Verlag)

06:00 02.04.2014

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