Andrzej Stasiuk
28.01.2010 | 11:00 3

Gekeile auf Weltniveau

Vertriebene Einen Vorteil hat der Streit um Erika Steinbach: Endlich können sich Deutsche und Polen die Wahrheit sagen. Ein Stück von Andrzej Stasiuk

Nichts eint die Polen so sehr wie diese Deutsche. Weder Russland, noch Amerika, noch die Juden, nicht einmal unser der Heiligkeit immer näher kommende Johannes Paul II. Jede ihrer Gesten, jedes ihrer Worte bringt das ganze polnische Volk in Wallung. Das ist nur einmal noch so gewesen, bei den Triumphen unseres Skispringers Adam Małysz. Nur war damals das Volk insgesamt positiv geeint, während es sich bei den Heldenstücken der Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach negativ gegen sie zusammenschließt, positiv dagegen in der Verteidigung des Polentums im weiteren Sinne. Also, am Ende doch positiv.

Das gibt es sonst nicht, dass Linke und Rechte mit einer Stimme reden. Das gibt es nicht, dass das ultrakonservative Radio Maryja mit seinem Chef Pater Rydzyk (der der Meinung ist, nur seine Hörer kämen in den Himmel, der Rest der Welt landete in der Hölle) mit der gleichen Zunge redet wie Władysław Bartoszewski, der dafür bekannt ist, dass er die meisten liberalen Sätze in der Minute sagen kann, auf Polnisch ebenso wie auf Deutsch.

Was also hat diese Steinbach, dass sie das ganze polnische Volk eint? Auf den ersten Blick kann man ihr kaum etwas vorwerfen außer diesen grausligen Kostümen, in denen sie sich ablichten lässt. Doch das ließe sich verschmerzen – bei uns sehen die Ehefrauen von wohlhabenden Provinzzahnärzten auch so aus. Also, welche Ängste und Traumata berührt sie, welche Losungen verkündet sie, dass sogar unsere ausgeglichensten und dezentesten Politiker sie für verrückt erklären? Meine deutschen Freunde sagten mir noch vor Kurzem auf meine Frage, Steinbach sei niemand Wichtiges, wir überschätzten ihre Bedeutung, sie sei eine Randfigur. Was also ist los?

Sie kreist wie eine Focke Wulf 189 über meiner Heimat, diese Deutsche, und wirft einen langen Schatten. So lang ist dieser Schatten, dass er sogar Herta Müller anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises erreichte. Die größte konservative Tageszeitung Polens, Rzeczpospolita, unterstellte in mehreren Artikeln, die schwedische Auszeichnung für die deutsche Autorin befördere das Bild von den „Deutschen als Opfer des Krieges und der Nachkriegsteilung Europas“. Also unterstüzten auch die Schweden und ihre Akademie – gewiss wegen des gemeinsamen germanischen Erbes – die Steinbach in ihrem slawenfeindlichen Kreuzzug.

Mit Vergnügen verfolge ich die patriotischen Gefechte in der polnischen Presse. Genüsslich betrachte ich die Fotografien der Frau Vorsitzenden im Netz. Dankbar nehme ich ihre Beteuerungen an, sie „verstehe die Sorgen und Ängste der Polen sehr gut“. Und ziehe den Hut vor ihrer scharfsinnigen Diagnose, dass „Hitler es war, der die Büchse unmenschlicher Grausamkeit geöffnet habe.“ Nichts macht im langweiligen, korrekten und heuchlerischen Geschäft der internationalen Politik soviel Laune wie ein Fünkchen Leben, ein bisschen Idiotie, wahres Gefühl. Dieser gerissenen Frau ist es zu verdanken, dass jetzt endlich ein richtiger Streit losgehen kann. Ein richtiges internationales Gekeile. Jetzt braucht man keine Rücksicht mehr zu nehmen. Wir haben unser strategisches Ziel erreicht – wir sind in der Europäischen Union. Die Deutschen müssen nicht mehr die „guten Deutschen“ spielen, also die hartnäckigsten Fürsprecher unseres Beitritts. Schluss damit. Endlich können wir uns die Wahrheit ins Gesicht sagen. Und das nicht nur in den Internetforen – in denen sich unverfälscht die Seelen der Völker spiegeln – sondern überall, im Fernsehen und in der Zeitung, Warschau gegen Berlin, Krakau gegen Nürnberg. Merkel stellt sich vor Kaczyński auf, und die Psychotherapie beginnt. Von Anfang an, von den frühesten Erinnerungen, damit es auch so ist wie in der richtigen Psychotherapie.

Vorhang auf:

Kaczyński: Und 966 mussten wir uns

taufen lassen!

Merkel: Was heißt mussten?

Alle ließen sich taufen.

Kaczyński: Aus Angst vor euch mussten wir! Damit ihr nicht ankommt und

uns zivilisiert!

Merkel: Lech, was meinst du nur?

Die Zivilisation ist doch etwas Gutes?

Kaczyński: Aber wir hatten unsere eigene!

Steinbach (zur Seite): Haltet mich fest ...

Merkel: Selbstverständlich, selbstverständlich, aber unser Angebot war, darf ich mal sagen, bei allem Respekt natürlich, doch etwas reichhaltiger und, wie man heute sagt, auch europäischer.

Kaczyński: Eure Priester habt ihr

uns geschickt!

Merkel: Damit sie euch Latein lehren, doch nicht Deutsch.

Steinbach (zur Seite): Hättet euch ja die Pfaffen aus Russland holen können.

Kaczyński (zu sich selbst): Aber vielleicht ging es nicht anders, vielleicht ging es nicht anders... Oh mein unglückliches Volk! Amerika! Was bist du so weit!

Steinbach (flüsternd): Der polnische

Kretin weiß nicht mal, dass es Amerika

damals nicht gab.

An dieser Stelle können wir unsere Helden sich selbst überlassen. An Themen wird es ihnen nicht mangeln, da dürfen wir sicher sein. Wir können sicher sein, dass sie nicht verstummen. Und wenn doch, dann findet sich immer jemand, der ihnen etwas flüstert, denn das Gedächtnis der Völker ist unerschöpflich wie ein Ozean. Kehren wir deshalb zu ihnen zurück, etwa tausend Jahre später:

Merkel: ... ja, ja, natürlich ...

Kaczyński: Aber Angela, bitte, sag es noch einmal!

Merkel: Aber ich habe doch ...

Kaczyński: Bitte!

Merkel: Okay. Ja, wir waren es, die

den Zweiten Weltkrieg angefangen haben!

Kaczyński: Danke.

Pater Rydzyk (zur Seite): Und den

Holocaust habt ihr gemacht.

Steinbach (zum Pater): Ihr habt ja noch nicht einmal einen Völkermord geschafft.

Pater Rydzyk: Nicht geschafft! Nicht geschafft! Weil wir seit Jahrhunderten damit beschäftigt waren, die germanische Expansion von Westen und die asiatische von Osten aufzuhalten, um den heiligen Katholizismus zu verteidigen, deshalb sind wir zivilisatorisch und technologisch im Rückstand! So ist das!

Steinbach: Endlich mal einer, der

es zugibt.

Pater Rydzyk: Aber geistig stehen

wir höher.

Steinbach: Tsss ...

Kaczyński (zu Angela): Na, dann entschuldige dich noch einmal.

Merkel: Lech, wie viele Male denn?

Kaczyński: Tausendjähriges Reich –

tausend Jahre Buße!

Pater Rydzyk: Recht hat er. Buße! Buße im Westen und Buße im Osten!

Steinbach: Leckt mich doch! Soll Hitler

büßen! Was hat denn Angela damit zu tun, und was die Frauen und Kinder?

Vorhang:

Ja. Der Vorhang fällt. Naive mögen glauben, es sei das letzte Mal. Diese Vorstellung wäre ein für alle Mal zu Ende. Aber sie wird ewig dauern. Wenigstens tausend Jahre, so wie das Reich, oder bis ans Ende der Geschichte, damit die Polen endlich vom Herrgott persönlich erfahren, was er ihnen zu sagen hat. Diese zwei Völker sind schließlich auserwählte Völker. Beide tragen an ihrer Sendung, seit es sie gibt. Beide sind überzeugt, ihnen werde der gebührende Platz vorenthalten. Beide sind überzeugt von der eigenen Größe, die geradezu proportional ist zu den Erniedrigungen, die sie zu ertragen hatten. Um des eigenen und des Weltfriedens willen sollten wir besser auf unterschiedlichen Halbkugeln leben. (Meiner privaten Meinung nach sollten die Polen überhaupt ihre eigene Halbkugel haben). Von Zeit zu Zeit fährt der Geist der Nation in einen Auserwählten. In eine Funktionärin mit fingierter Vertriebenen-Biografie oder in einen Priester, der zum Sektenführer wird. Tröstlich ist, dass der Geist der Nation in letzter Zeit zum Ausdrucksmittel der Farce greift. Und nicht wie bisher immer – der Tragödie. Dennoch heißt es wachsam bleiben und diesen Geist nicht aus den Augen lassen.

Pater Rydzyk: Ihr wart’s!

Steinbach: Nein!

Rydzyk: Ihr wart’s nicht?

Steinbach: Nein!

Rydzyk: Dann etwa wir?

Steinbach: Eben, ihr wart’s!

Rydzyk: Und ihr wohl nicht, oder?

Steinbach: Wir nur, weil ihr!

Rydzyk: Ihr nie so wie wir !!!

 Amen.

Andrzej Stasiuk, geboren 1960 in Warschau, arbeitet als Autor, Journalist und Literaturkritiker in Polen. Zuletzt erschien von ihm 2009 der Geschichtenband Winter

Übersetzung: Olaf Kühl

Kommentare (3)

zelotti 28.01.2010 | 15:57

Aja, es hat doch was sehr unterhaltsames. Die HB-Männchen aus Polen haben doch einen gewissen Reiz und ein schlechtes Gewissen aufzuarbeiten. Steinbach ist ein guter Massenkristall dafür.

Dabei hat man sich hierzulande damit abgefunden, dass Teile Deutschlands heute zu Polen gehören und die Vertriebenen einigermaßen sozial integriert wurden. Aus diesen doch sehr einseitigen polnischen Anwürfen lässt sich viel Selbstvorwurf lesen, auch warum die alte Steinbach so wichtig ist, als Projektionsfigur, sonst würden die Polen sich was anderes suchen...

Zeigt übrigens auch der autopoetische Infantilhumor.

carlfatal 11.02.2010 | 21:39

@zelotti
"Dabei hat man sich hierzulande damit abgefunden, dass Teile Deutschlands heute zu Polen gehören"

Ich bin mir da nicht so sicher, auch ohne Dresden und den 13. Februar. Mal abgesehen davon ist es immer noch eine Frage für sich, von welchen Teilen Deutschlands die Rede ist, die heute zu Polen gehören. In der Lausitz und im Spreewald lebt heute noch der Rest eines Völkchens, welches im Zuge der deutschen Ostkolonisierung Land und Kultur weitgehend aufgeben mußte, aber immerhin noch seine eigene Sprache behielt. Anderen wie den Pruzzen oder Obotriten ging es schlechter, sie wurden vernichtet, ausgerottet und ihre Geschichte ist vergessen.

Egal wie weit da Ressentiments auf polnischer Seite bis heute wirken sollten: der Autor ist ja durchaus kritisch genau darauf eingegangen, weshalb also wirklich kein Grund besteht, gehässig zu reagieren. Es geht halt gerade darum, sich endlich mal mit den Folgen des zweiten Weltkrieges zu arrangieren, hat doch auch Polen nach dem Krieg große Landesteile an die damalige UdssR abgeben müssen.

Oder, um es anders zu formulieren: Seit der Völkerwanderung haben in Europa (und auf der Welt) Grenzen selten allzulange Bestand gehabt, ihre trennende Funktion war nie von Dauer, Vertreibung Ansässiger selten zu umgehen, wenn wer das Land für sich und die Seinen beanspruchte. Eine Erika Steinbach sollte nicht vergessen, daß man sie und ihresgleichen durchaus auch als in Südwestpolen beheimatete Exösterreicher bezeichnen könnte. Also immer vorsichtig in solchen Dingen, sonst müssen wir bald über jeden Flecken Erde neu verhandeln, und daß es bei sowas selten friedlich zugeht, wissen wir schließlich alle.