Geküsst und geschlagen

Retrospektive Das Wiener Filmfestival erinnert an einen übersehenen Einzigartigen: den Komiker Jerry Lewis
Ausgabe 46/2013

Jerry Lewis ist ein Komiker, der extreme Ablehnung und Zuneigungen ausgelöst hat. In Frankreich wird er geschätzt, in Amerika und hierzulande dagegen nicht für voll genommen. Bei den Vorführungen der Viennale- Retrospektive war nun das Filmmuseum Wien gut gefüllt, mit Jung und Alt, es gab schöne und persönliche Einführungen des Filmkritikers Jonathan Rosenbaum und von Chris Fujiwara, der eine intelligente Studie verfasst hat (Jerry Lewis), dazu Schnipsel aus der legendären Colgate-Comedy-Hour mit Dean Martin.

Und trotzdem scheint etwas zu fehlen. Die 2002 verstorbene Frieda Grafe schrieb einmal: „Der Erfolg des ungebärdigen Jerry Lewis beim großen Publikum gereicht beiden zur Ehre, weil er ein Bewusstsein von der Schizophrenie und Labilität der eigenen Situation zu erkennen gibt. Das komische amerikanische Kino baute nie auf Identifikation, Zentrierung und Dressur.“ Das Kino des Jerry Lewis hatte dem guten Geschmack den Kampf angesagt, stringente Plots interessierten ihn kaum. „Ich hasste sie voller Rachegefühle“, hat er über die Szenen gesagt, die er als Plotklebstoff drehen musste.

Jerry Lewis’ Komik knüpft an die Nummernstruktur des frühen Kinos an und an die Gags der elterlichen Vaudeville-Performances im „Borscht Belt“, den legendären Ferienorten der jüdischen Mittelklasse in den Catskill Mountains nördlich von New York (in denen Dirty Dancing spielt). Lewis trat dort schon als Fünfjähriger auf: eine Körperintelligenz, die ausschlägt, er ist der nur langsam erwachsen werdende Master of Desaster. In immer neuen Dienstleistungsfiguren – Page, Laufjunge, Krankenpfleger, Zimmerkellner, Plakatierer – agiert er soziale Unangemessenheit aus, zuckt bei Befehlstönen zusammen und rattert los, bevor die Order fertig ausgesprochen ist. Lewis pulsiert in einer Geschäftigkeit, die immer wieder leerläuft.

Der Hotelmanager in The Bell Boy (1960), der in dem von Morris Lapidus, dem Architekten des „Zu viel ist niemals genug“, entworfenen Luxus-Hotel Fontainebleau in Miami Beach spielt, verkündet vor den militärisch aufmarschierenden Pagen: „Was ihr während der Arbeit macht, ist unsere Sache, und was ihr nach der Arbeit macht, auch.“ Jerry als der „himmlische Superschlepp“ Stanley möbliert dann auch in übermenschlicher Geschwindigkeit den 9000-Personen-Ballsaal zu einem Superkino um in diesem Hotel, in dem jeder Raum schon eine Hyperisierung ist – bis hin zu den Hängedecken mit frei geformten Käselöchern und einer Riesentreppe ins Nichts hinein. The Bell Boy war Lewis’ erster Film als total filmmaker.

Jerry Lewis unterhält ein poröses, überempathisches Verhältnis zur Welt. Unter lauter Großmäulern und Klassengewinnlern, Fachidioten und Distinktionsmafiosi spielt er eine „randständige männliche Subjektivität“ (Kaja Silverman) aus, einen abweichenden Geschlechterentwurf, den er in wiederkehrenden Doppel- bis Mehrfachrollen mit den Karikaturen des um sich selbst kreisenden, aggressiven Supermanns spiegelt. Festen, rigiden Subjektpositionen verweigert er sich beharrlich.

Und die Witze gehen auch schief, das Lachen bleibt hängen. Der zum Star hochdressierte Zimmerkellner in The Patsy (1964) reüssiert zwar doch, als seine bedrohliche Crew (Peter Lorre in seiner letzten Rolle) ihn im Stich lässt, weil sie von seinem Scheitern überzeugt ist. Wir Zuschauer bekommen diesen geglückten Auftritt aber nicht zu sehen. Dass uns gehöriger Hetero-Liebesschmalz beigegeben wird, geht unter in selbstreflexiven Drehungen oder wie in The Nutty Professor (1963) in gleich drei möglichen Enden des Films.

In dem ebenfalls in Wien gezeigten Film Jerry and Me (2012) schreibt die in den USA arbeitende Filmemacherin Mehrnaz SaeedVafa mit hinreißend interpretierten Filmausschnitten ihre Autobiografie anhand von Begegnungen mit dem amerikanischen Kino – insbesondere mit den Filmen von Jerry Lewis. Die vielen Identitätswechsel in Lewis’ Filmen liest sie zusammen mit der von Erniedrigung und Schmerz geprägten Erfahrung, nicht der Mehrheitsgesellschaft anzugehören. Die Jekyll-und-Hyde-Farce The Nutty Professor suggerierte ihr demgemäß „einen Trank zu trinken und zu einer glücklichen weißen Frau zu werden, wo ich doch ein dunkelhäutiges, hyperverantwortliches, ernstes junges Mädchen war“. Vielleicht fehlte doch nichts.

Madeleine Bernstorff stellt Filmprogramme zusammen, unterrichtet, schreibt und filmt

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