Gelber Fluss im leeren Bett

Sündenbock China Die Volksrepublik wird im Westen gern als Umweltschädling Nr. 1 abgestempelt

Schwung für die Klimakonferenz in Bali wollten die ostasiatischen Staaten mit einem gemeinsamen Pakt über Umwelt- und Energiefragen holen. Das zumindest war die erklärte Absicht ihres dritten Gipfels vom 21. bis 26. November in Singapur. Die Zeitung China Daily titelte euphorisch: Für den Klimaschutz reichen sich die Nationen die Hände! Wenn es doch so wäre. Tatsächlich wird gerade in Asien die Debatte über die Erderwärmung gehörig eingeheizt und spart pauschale Kritik an China nicht aus - angespornt durch Stimmen aus Nordamerika und Westeuropa. Bereits 2006 habe die Volksrepublik die USA als größten Emittenten von Kohlendioxid überholt, insistiert die niederländische Environmental Assessment Agency - Peking trage die Hauptschuld an einem erhöhten CO2-Ausstoß im vergangenen Jahr. Die Internationale Energiebehörde prophezeit hingegen, China übernehme wohl erst ab Ende 2007 Platz 1 bei den Kohlendioxidemissionen, allerdings werde das Land - zusammen mit Indien - für einen "katastrophalen Temperaturanstieg um sechs Grad Celsius bis 2030" verantwortlich sein, wenn es weiter bindenden Klimaschutzzielen ausweiche und alle Schuld für den Klimawandel den Industrienationen anlaste.

Die Volksrepublik blafft zurück. Die historische Verantwortung für die Erderwärmung liege doch kaum bei den Chinesen, empören sich aufgebrachte Internetnutzer auf den Webportalen Sina und Sohu. Länder, die so gut wie nichts für einen effizienten Klimaschutz täten, sollten sich nicht an China abreagieren. Wer uns ständig an den Pranger stellt, "der ignoriert einige grundlegende Fakten", so Premier Wen Jiabao auf dem Gipfel in Singapur. Der Pro-Kopf-Ausstoß seines 1,3-Milliarden-Volkes liege ein Drittel unter dem Durchschnitt der Industrieländer. "Da wir uns aber bemühen, den Lebensstandard dieser 1,3 Milliarden zu heben, werden unsere Emissionen noch etwas ansteigen."

Dennoch weiß man in China genau, wie sehr auch die eigene Entwicklung bedroht ist. Der im Juni veröffentlichte erste Nationale Klimaplan ließ aufhorchen: Bei einem Temperaturanstieg von etwa drei Grad bis 2050 würden die Gletscher im Himalaya-Gebirge um ein Drittel schrumpfen, hieß es da. Dadurch könnten Chinas Binnenflüsse mehr und mehr austrocknen. Im zurückliegenden Sommer sank der Yangtse auf den niedrigsten Pegelstand seit 140 Jahren. Der Gelbe Fluss, der bislang den Norden mit Wasser versorgt, ist bereits an durchschnittlich 225 Tagen im Jahr nahezu ausgetrocknet. Hinzu kommen Sandstürme und Wüstenbildung - eine wachsende Instabilität für die Agrarproduktion scheint unausweichlich. Kein Wunder, dass die chinesische Führung den Klimawandel als eine Frage der "nationalen Sicherheit" einstuft.

Also gelten hehre Ziele, die Volksrepublik will mehr erneuerbare Energie und mehr Kernkraft erzeugen, mehr energiesparende Technologien einsetzen. Dadurch könnte die Emission von Schadstoffen schon bis 2010 um ein Zehntel im Vergleich zu 2005 sinken. 2011 soll der Energieverbrauch gemessen am erzeugten Bruttoinlandsprodukt um 20 Prozent gefallen sein. Freilich musste die Regierung im Vorjahr einräumen, Teilziele verfehlt zu haben, weil mit Kohle noch immer fast 70 Prozent der Energiegewinnung bestritten werden. Anders als bei Öl und Gas hat China genug davon und außerdem Grubenbesitzer, die sich jedem vernünftigen Energiemix mit dem Verweis auf drohende Massenarbeitslosigkeit in den Kohleregionen verweigern.

Aber Anzeichen dafür, dass beim Klimaschutz härter durchgegriffen wird, sind kaum zu übersehen. Erstmals ist der Ausstoß von Schwefeldioxid in den ersten neun Monaten dieses Jahres im Vergleich zu 2006 um zwei Prozent gesunken. Nach 2008 soll es für Unternehmen verbindliche Umweltzertifikate geben. Wer deren Normen verfehlt, müsse notfalls schließen, so der Chef der staatlichen Umweltagentur, Zhou Shengxian. Ab sofort bleibt Firmen, die gegen geltende Umweltschutzauflagen verstoßen, der Weg an die Börse versperrt.

Auch wenn manche Absichtserklärung zweifelhaft wirken mag: Fakt ist, dass Peking für eine effiziente Umweltpolitik auf kostengünstige Technologietransfers aus dem Westen angewiesen ist und in einem Punkt recht hat: Die westlichen Länder, die ihren Wohlstand lange Zeit zu Lasten der übrigen Welt ausgelebt haben, müssen erst selbst zum glaubwürdigen Vorbild in punkto Klimaschutz werden, bevor sie andere reglementieren.

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