„Geld ist ein soziales Gestaltungsmittel“

Interview Der Volkswirtschaftler Reinhard Loske propagiert einen radikalen Umbruch
Hannes Koch | Ausgabe 43/2014 12
„Geld ist ein soziales Gestaltungsmittel“
Reinhard Loske
Bild: Presse

der Freitag: Herr Loske, Sie werben für die Geldwende. Was soll das sein?

Reinhard Loske: Wir stellen eine Analogie her zur Energiewende. Dabei ist der Begriff Geldwende noch nicht so kohärent wie sein Vorbild. Beim Thema Energie wussten wir, dass es darum geht, die Atomkraftwerke abzuschalten und ein neues, regeneratives System aufzubauen. Daraus entstand eine klare Agenda. Bei der Geldwende gibt es jedoch eine unglaubliche Fülle verschiedener Ansätze.

Wer ist das „wir“, von dem Sie sprechen?

Damit meine ich eine wachsende Zahl von Initiativen, Foren und Wissenschaftlern, die sich seit ein paar Jahren um gemeinsame Positionen bemühen. Es gibt Leute, die überlegen, wie man Geld ethisch investieren kann. Andere interessieren sich dafür, das Bankwesen sozialer zu machen, Regionalwährungen einzuführen, die Schulden von Entwicklungsländern zu streichen oder die Geldschöpfung wieder bei den Zentralbanken zu konzentrieren.

Angesichts dieser Heterogenität erscheint die Bezeichnung „Geldwende“ etwas gewagt. Gibt es überhaupt einen gemeinsamen Nenner?

Das einigende Band besteht darin, Geld wieder als soziales Gestaltungsmittel einzusetzen. Es soll dem Gemeinwohl dienen und nicht die Gesellschaft beherrschen. Die Anhänger der Geldwende wollen sich nicht mit dem Spruch abfinden: „Geld regiert die Welt.“

Reinhard Loske, 55, ist Professor für Politik, Nachhaltigkeit und Transformationsdynamik an der Universität Witten/Herdecke. Er hat eine Banklehre absolviert, VWL studiert und saß zwischen 1998 und 2007 für die Grünen im Bundestag

Welchen Zielen sollte Geld denn dienen?

Die größte Herausforderung heute besteht darin, einen Entwicklungsweg der Nachhaltigkeit einzuschlagen, um die natürlichen Ressourcen zu schützen und mehr soziale Gerechtigkeit zu erreichen. Aus dem Geldsystem heraus erwachsen aber viele Zwänge, die es erschweren, nachhaltig zu wirtschaften. Einerseits geht es also darum, Geld besser zu verwenden, andererseits um eine neue Geldordnung, die sich am Ziel der Nachhaltigkeit orientiert.

Die Finanzkrise hat eine neue kapitalismuskritische Debatte ausgelöst. Trotzdem ist ethisches Investment bisher eine absolute Nische. Wo ist die breitere Bewegung, auf die Sie mit der Idee der Geldwende bauen?

Die Einübung von sozialer Praxis in gesellschaftlichen Nischen ist immer die Voraussetzung dafür, dass neue Entwicklungen in den Mainstream hineinwachsen können. In der Gelddebatte sind wir jetzt auf einem Stand, den wir in der Energiepolitik vielleicht vor 20 Jahren hatten. Und doch geht der Einfluss von ethischen Banken heute schon weit über ihre vergleichsweise kleinen Bilanzsummen hinaus. So fragen sich auch viele Manager von Sparkassen und Volksbanken, ob sie die Geschäftsmodelle von Instituten wie GLS-, Umwelt-, Ethik- und Triodosbank nicht teilweise kopieren und von einer entsprechenden Image-Aufwertung profitieren könnten.

Welchen Vorteil haben solche ethischen Geldinstitute?

Diese Banken bieten ihren Kunden nicht nur die klassischen Anlagekriterien – Rendite und Sicherheit. Sie sagen darüber hinaus, dass sie das Geld im Sinne des Gemeinwohls anlegen. Es wird in Kredite und Vorhaben investiert, die bestimmten politischen, sozialen und ökologischen Kriterien genügen. Das können Windparks, Biobauernhöfe, Sozialbetriebe oder Schulen sein. Weil es ihnen vornehmlich um die Unterstützung der realen Wirtschaft von Bürgern und Unternehmen geht, verzichten diese Institute auch auf die Spekulation an den internationalen Finanzmärkten. Geld bekommt damit einen gesellschaftlichen Sinn jenseits der Rendite, der den großen Geschäftsbanken weitgehend abhandengekommen ist. Das ist eine Stärke der Geldwende-Bewegung. Und dies sollte die Politik auch fördern.

Bei der Energiewende ist die garantierte Einspeisevergütung für Ökostrom der entscheidende politische Hebel. Deshalb ist die Zahl der Wind- und Sonnenkraftwerke so stark gestiegen. Welches Instrument wollen Sie für die Geldwende einsetzen?

Das werteorientierte Banking müsste das neue Standardmodell werden. Dafür bräuchten wir – um in der Analogie zu bleiben – ein Einspeisegesetz für gutes Geld. Dieses Gesetz könnte festlegen, dass Kredite künftig nicht nur aufgrund von Bonitäts-, sondern auch von Nachhaltigkeitskriterien vergeben werden. Zumindest müsste man den Banken stärkere Transparenzpflichten auferlegen. In einer Gemeinwohlbilanz sollten sie veröffentlichen, für welche Zwecke sie welche Summe zur Verfügung stellen und welchen gesellschaftlichen Nutzen diese Investitionen mit sich bringen. Obwohl viele Kunden solche Informationen heute gerne hätten, ist das konventionelle Bankensystem völlig intransparent.

In der Schweiz gibt es eine Volksinitiative für die Einführung einer sogenannten Vollgeld-Reform. Nur noch der Staat soll Geld schöpfen können, nicht mehr die Privatbanken. Was würde das bringen?

Heute findet die Geldvermehrung im Wesentlichen bei den Geschäftsbanken statt. Denn sie dürfen Kredite in nahezu beliebiger Höhe vergeben und müssen nur eine geringe Mindestreserve halten. Das kann zu gefährlichen Aufblähungen der Geldmenge, zu Inflation und spekulativen Blasen führen. Der Anstieg der Immobilienpreise und Kurse risikoreicher Wertpapiere vor der Finanzkrise waren Beispiele dafür. Andererseits kann eine Unterversorgung mit Geld entstehen, wenn die Banken in einer Rezession die Kreditvergabe stark einschränken. Um beides zu verhindern, bekäme die Notenbank das alleinige Recht, die Geldmenge zu steuern.

Deshalb könnten die Geschäftsbanken weniger Kredite ausgeben als heute. Die Wirtschaft und der Wohlstand wüchsen langsamer. Wollen Sie das?

Wenn die Notenbank den Hut aufhat, kann sie die Geldmenge am Stand der Realwirtschaft orientieren. Firmen und Bürger würden die Kredite bekommen, die sie brauchen. Aber die Entwicklung würde verstetigt. Gefährliche Ausreißer nach oben und unten kämen hoffentlich seltener vor.

Weiß denn beispielsweise die Europäische Zentralbank besser als die einzelnen Institute, wie sich die Wirtschaft entwickelt und welche Geldmenge sie braucht?

Ich nehme an, dass die Volkswirte der EZB die Lage ziemlich gut einschätzen können. Deren Annahmen würde ich im Zweifel eher vertrauen als Geschäftsbanken, die ihr Profitinteresse in den Vordergrund stellen.

Finden Sie die Idee der Vollgeldreform auch deshalb interessant, weil sie das Wachstum bremst?

Durch die extensive Geldvermehrung bei den Geschäftsbanken entsteht Wachstumsdruck auf die Realwirtschaft. Denn größere Kreditsummen müssen ja höhere Gewinne abwerfen, Produktionsmenge und Umsatz sollen unentwegt steigen. Beschränkte man im Gegenteil die Kreditsumme der Banken, verringerte das den Zwang zum Wachstum. Ja, ich halte es für besser, wenn sich die Gesellschaft bewusst entscheiden kann, welche Bereiche größer und welche kleiner werden sollen. Denn in seiner heutigen Form ist der Finanzkapitalismus definitiv nicht zukunftsfähig. Wir brauchen die Wiedereinbettung der Ökonomie in Natur und Gesellschaft.

Das Gespräch führte Hannes Koch

06:00 05.11.2014

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