Geld & Liebe

A–Z „Liebe in Zeiten des Kapitalismus“, so heißt das neue Buch von Robert Misik. Auszüge daraus bekommen sie hier, kostengünstig und knackig: im Wochenlexikon

A

Angst Unsere Erfolgsgesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass man Erfolg ausstellen muss. Wo niemand über seine Angst redet, sondern nur über Angst als gesellschaftliches Phänomen, bleibt ihr schieres Ausmaß unsichtbar. Angst davor, dass die Waschmaschine kaputtgeht und man sich keine neue mehr leisten kann. Angst vor der Steuernachzahlung. Angst vor der Mahnung. Angst, dass irgendeiner schneller, billiger, jünger, besser ist als du. Angst, dass du aus deiner Wohnung fliegst, dass dein befristeter Mietvertrag nicht verlängert wird, die Miete böse nach oben schnalzt.

Befristetheit ist ein Signum der Zeit. Man kann auf nichts mehr bauen. Vom Mietvertrag über den Arbeitsvertrag bis zur immer schon potenziell befristeten Lebensabschnittspartnerschaft (➝ Tinderisierung): alles befristet. Man könnte auch von „befristeter Gesellschaft“ sprechen. Fragte man die Leute, wovon sie gerne frei wären, würden sie wohl spontan sagen: Von dieser Angst wäre ich gerne frei.

C

Celebrities sind paradigmatische Figuren des zeitgenössischen Kapitalismus. Sie sind nicht mehr bloß in der Unterhaltungskultur, dem Pop, dem Film, der Mode beheimatet, die Kulturen greifen ineinander über, einer großen Landnahme hin und her gleich. Längst ist die Celebritykultur in der Politik angekommen. Parteien wirken altmodisch (➝ Zeit), können das aber – bestenfalls – mit glänzenden Anführern überstrahlen, wenn die sich nicht gleich von den Parteien lossagen (➝ Freiheit) und politische Ich-AGs gründen. Politiker müssen selbst Celebrities sein, Projektionsflächen.

Was wäre der Appeal von Barack Obama ohne diesen Glanz gewesen? Auf unterschiedliche Weise versuchen Emmanuel Macron, Sebastian Kurz, selbst der traurige Christian Lindner, das irgendwie nachzumachen. Und ist nicht auch Donald Trump auf seine Weise ein solcher Politstar, jedenfalls eine Type, eine unverwechselbare Figur?

E

Experten sind Menschen, die heute das eine, morgen das Gegenteil behaupten, immer im Gestus aufgeblasener Angeberei. Natürlich darf man nicht alle in einen Sack werfen: luzide forschende Fachleute mit sogenannten „Wirtschaftsexperten“, Talkshow-Experten, die die Fernsehdiskussionssendungen vollsitzen:

Hans-Werner Sinn, Hans-Olaf Henkel oder Gertrud Höhler, von denen spitze Zungen sagen, sie seien ohne festen Wohnsitz, weshalb sie abwechselnd bei Jauch, Maischberger und Lanz unterschlüpfen („weil das so ökonomisch ist“). Es ist dieses Expertenwesen – oder -unwesen –, das an die Wendung Max Friedländers von 1921 denken lässt: „In neuerer Zeit aber hat das Expertentum an Umfang und Bedeutung zugenommen, ist ein Beruf, sogar ein Geschäft geworden und üppig ins Unfughafte ausgeschlagen.“ Das Fernsehen fördert solche Experten, es braucht zu jedem Themenkomplex zwei, drei Fachleutedarsteller, die eingängige Weisheiten in 50 Sekunden zu formulieren vermögen und sich mit der Aura unangreifbarer Fachkundigkeit umgeben.

F

Freiheit Die Gleichheit ist nicht der Antipode der Freiheit, sondern ihr Zwilling. Die vielbeschworene „Optionen- und Risikogesellschaft“ bedeutet in der Realität: Optionen für die einen, Risiko für die anderen. „Freiheit“ unter den Bedingungen von grober Ungleichheit heißt Freiheit für die Begüterten, aber Optionenmangel für die Unterprivilegierten. Dass eine egalitäre Gesellschaft nur auf Kosten der „Freiheit“ zu haben ist, ist vielleicht die allergrößte Lüge der neuen Konservativen. Gleichheit meint nämlich, dass alle die „Freiheit“ haben, aus ihrem Leben etwas zu machen. Ein anderes, ein freieres Leben ist möglich.

Die Unterprivilegierten haben sich gegen ihre Armut aufgelehnt, aber auch gegen Drangsalierung, Rassismus, Versklavung und Unfreiheit. In all den Jahrhunderten waren die linken Bewegungen die Speerspitze der Aufklärung. Sie waren der Meinung, dass auch Arme und Ungebildete das Recht und die Fähigkeit besäßen, selbst zu denken – jeder Einzelne. Sie waren deshalb auch eine mächtige Kraft des Individualismus.

G

Gleichheit Auch moderne Gesellschaften verfügen über starke Gerechtigkeitskulturen, doch die sind so kompliziert wie das Leben selbst. So ist den Menschen die Frage der Gleichheit eher wichtiger geworden. Sie bestehen darauf, als Gleiche behandelt zu werden („Wieso glaubt er, etwas Besseres zu sein als ich?“). Die Feststellung, dass Ungleichheit besonderer Rechtfertigung bedarf, aber dies für die Gleichheit nicht gilt, ist ohne Zweifel richtig. Diesen Gedanken hat auf eindringliche Weise der russisch-britische Philosoph Isaiah Berlin entwickelt: „Wenn ich einen Kuchen besitze und es zehn Personen gibt, unter denen ich aufteilen will, dann entsteht nicht automatisch ein Rechtfertigungsbedarf, wenn ich jeder Person ein Zehntel des Kuchens zukommen lasse. Wenn ich jedoch von diesem Grundsatz der Gleichverteilung abrücke, wird von mir erwartet, besondere Gründe dafür anzugeben.“

I

Integration Wenn ich ein Zuwanderer in dieser Gesellschaft wäre, und ich würde das Wort „Integration“ hören, ich würde regelmäßig die Krise kriegen. Ich würde sagen: Ich kann dieses Wort nicht mehr hören! Integration, das tut so, als wäre es ein gesellschaftliches Ziel, zu meinen Gunsten (➝ Gleichheit), damit ich voll integriert bin .

Aber in Wirklichkeit wird das Wort längst anders benutzt: gegen mich. Es ist eine anherrschende Forderungsvokabel, das sprachliche Pendant einer vorgehaltenen Pistole: Integriere dich! Aber dalli! Aber was ausreichende Integration ist, das bestimmen wir! Wie sehr du dich anstrengst, wie sehr du dich bemühst, es wird dir nicht gelingen, es wird für uns immer zu wenig sein! „Integriert euch“ bedeutet: Wir wollen euch hier nicht! Ich sage: Schluss mit eurer ollen Integration!

L

Liebe Die Vorstellungen romantischer Liebe, die durch kulturindustriell produzierte Bilder geformt sind, verbinden Liebe mit Schönheit, Jugend, Glanz und verführerischer Kraft. Werbung arbeitet damit und „assoziiert Liebesromantik ... systematisch mit den Motiven Jugend und Schönheit, Kreativität und Spontanität“, meint Eva Illouz. Liebe und Romantik sind also eng mit einer Ästhetik verbunden, die aus der Konsumkultur stammt. Aber auch unsere Praxen der Liebe sind vom Kaufrausch und von der unbegrenzten Auswahl kontaminiert. Wir sind von Mama und Papa neurotisiert, von den Medien ummontiert, von Pornos (➝ Sex sells) und Tinder (➝ Tinderisierung) versaut.

S

Sex sells – das ist so banal, dass man es kaum auszusprechen wagt. Willst du ein Auto verkaufen, pappe eine halbnackte Frau auf den Katalog. Aber das sind nur Oberflächenphänomene. Im Kulturkapitalismus gehen zeitgenössische ökonomische Muster und jahrtausendealtes Patriarchat verwirrendste Bündnisse ein. Mädchen bekommen von früh an eingeimpft, dass sozialer Status mit sexueller Attraktivität zusammenhängt.

„Der Spätkapitalismus brandet ziemlich buchstäblich die Körper von Frauen“, schreibt Pop-Feministin Laurie Penny in Fleischmarkt. Feminität kann man kaufen, mit Hilfe der Waren und Dienstleistungen, die der unendliche Markt bietet, bei der Kosmetikindustrie (Waren) angefangen. So ist das Begehren im Feld des Sexuellen immer schon infiziert von Mustern der Konsumkultur, und umgekehrt ist die „sexuelle Performance“, die zu einer eigenen Art von Leistung wird, nicht ohne Auswirkung auf Status und Prestige und auf die Rollen, die wir im Berufsleben spielen. Sexuelle Attraktivität ist heute ein diffuses Statusmerkmal.

T

Tinderisierung Der zeitgenössische Kapitalismus zeichnet sich dadurch aus, dass er von grenzenloser Auswahl geprägt ist. Und die Praxen der Liebe gleichen sich dem an. Es fällt uns schwer, uns zu entscheiden. Partnerschaften schieben wir auf, oder zumindest eine tiefe Verbindlichkeit wird gerne durch das Ungefähre ersetzt. Es fällt ja schwer, sich im Ozean der Auswahl zu entscheiden, und wer mag sich schon zu einem Partner bekennen, wenn übermorgen um die nächste Ecke ein noch besserer Partner kommen könnte? Man kann das die Tinderisierung jeden Sozialverkehrs nennen. „Eine der Paradoxien der Auswahl ist, dass sie paralysiert statt befreit“, sagt der Psychologe Barry Schwartz.

Und noch etwas hat Schwartz in seinen Studien herausgefunden: „Selbst wenn wir es dann schaffen, eine Entscheidung zu treffen, sind wir unzufriedener, als wenn wir aus weniger Möglichkeiten auswählen.“ Es gibt dafür eine Reihe von Gründen. Etwa: Je mehr Alternativen wir ausschlagen, umso wahrscheinlicher ist, dass wir eine der ausgeschlagenen Alternativen unbewusst später für besser halten als die, für die wir uns entschieden haben (➝ Angst). Ein anderer Grund: Eskalation der Erwartungen. Je mehr wir uns an grenzenlose Auswahl gewöhnen, umso eher werden wir uns nur mit den superoptimalen Möglichkeiten zufriedengeben. „Das Geheimnis des Glücks: niedrige Erwartungen“, lacht Schwartz.

W

Waren Mode bietet dank der Warenästhetik eine Identifikationsmöglichkeit. Wir, die Konsumenten und Konsumentinnen, können damit unsere Identität zum Ausdruck bringen. Das heißt, Mode ist nützliche Ware, die mit Kultur aufgeladen ist.In kulturskeptischer Attitüde können wir nun sagen, Mode ist es dann, wenn ein nützliches Gut mit nicht so nützlichen Aspekten aufgeladen ist. Aber halt! Stimmt das so?

Oder ist das schon die Falle einer sehr bescheidenen Definition von Nützlichkeit? Können wir nicht auch sagen: Es ist nützlich, sich etwas anzuziehen, weil man dann nicht friert, aber es ist auch nützlich, sich etwas anzuziehen, was den eigenen ästhetischen Stil zum Ausdruck bringt, das die Identität, die man haben will, zum Ausdruck bringt, das den jeweiligen Typ darstellt, der oder die man sein will? Diese kulturellen Aspekte haben ja für den Konsumenten, die Konsumentin sehr wohl ihre Nützlichkeit.

Z

Zeit Zeitmetaphern sind heute auch politisch und gesellschaftlich umstrittene Konzepte. Tempo und Beschleunigung sind Kennzeichen des technischen Fortschritts wie der Entgrenzung von Arbeitsrhythmen, zugleich ist Entschleunigung etwas, von dem viele träumen. Oft stehen einfach zwei Romantizismen gegeneinander: einerseits derjenige der Langsamkeit, einer Zeit ohne Takt und Akkord, Muße, Flanieren, viel Raum, um in Gedanken zu versinken. Der Begriff „Entschleunigung“ evoziert Bildblitze einer Idylle, etwa der dörflichen Langsamkeit, die Utopie einer versunkenen Welt.

Dem gegenüber steht ein spiegelverkehrter Romantizismus: der Geschwindigkeit, des Lebens am Limit, von Risiko, sensorischer Reizung und permanenter Überreizung. Lebe schnell und intensiv. Zeit ist Frist, das heißt, sie ist knapp und drängt – es gibt ja so viel zu erleben.

06:00 19.02.2018

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