Geld oder Leben

Bildung Wer weniger Kriminelle und Arbeitslose will, muss vor allem ­Kindern aus Problem­bezirken gute Kitas bieten. Den Kleinen hilft das nebenbei auch

Im Jahr 1962 begann in der amerikanischen Kleinstadt Ypsilanti, Michigan, ein Experiment. 58 Jungen und Mädchen aus einem armen Stadtviertel durften einen kostenlosen Halbtags-Kindergarten besuchen. Das Projekt war pädagogisch ambitioniert, schien aber nicht unbedingt revolutionär: Besonders gut ausgebildete Lehrer sollten Kindern aus armen Familien einen guten Start ins Schulleben ermöglichen. Nach zwei Jahren war diese „Perry Preschool“ beendet, und die Kinder wechselten in die erste Klasse der benachbarten Grundschule. Scheinbar nichts Spektakuläres.

Doch im Jahr 2011 reist nun ein Nobelpreisträger um die Welt und verkündet, dass das Experiment von Ypsilanti lohnender sei als jede andere Sozialpolitik: „Die Perry Preschool hatte ungeheure Vorteile – sie war hilfreich für die Kinder und extrem lohnend für Staat und Gesellschaft“, sagt James Heckman, Nobelpreisträger für Ökonomie.

Und die Zeitschrift Science, weltweit eine der wichtigen Publikationen für Forschungsergebnisse, stellt das Experiment von Ypsilanti in den Mittelpunkt einer aktuellen Ausgabe: „Das Ergebnis der Preschool von Ypsilanti ist, dass die Gesellschaft für jeden Dollar, der dort investiert wurde, bis zu 16 Dollar gespart hat, weil die Kinder später besser in der Schule abschneiden, bessere Jobs finden und seltener im Gefängnis landen“, so Science im August 2011.

Nun lassen sich die Folgen sozialer Projekte mit Rechentricks schönen. Die Erfolgsbilanz von Ypsilanti aber zählt zum Robustesten, was die Sozialwissenschaft in diesem Bereich liefert. Denn neben den 58 Kindern in der Preschool gab es eine gleich große Gruppe von Kindern, die aus dem gleichen Milieu stammten, aber nicht in der Kita gefördert wurden. Deshalb können die Wissenschaftler heute, Jahrzehnte später, vergleichen: Wie entwickelten sich die Kinder aus der Pre-school? Und was wurde aus der Kontrollgruppe?

In der Schule ist es zu spät

Die Unterschiede sind enorm. Zum Beispiel bei der Kriminalität: ein Drittel weniger Eigentumsdelikte in der Experimentalgruppe, ein Drittel weniger Gewaltverbrechen, halb so viele Morde und 60 Prozent weniger Drogenkriminalität. Entsprechend verteilten sich die Haftstrafen. Die Jungen aus der Perry Preschool waren bis zu ihrem 40. Geburtstag im Schnitt 27 Monate inhaftiert – nicht gerade wenig. Doch diejenigen, die ohne das Kita-Programm ins Leben starteten, kamen auf deutlich höhere Werte. Sie brachten es auf durchschnittlich 45 Gefängnismonate – beinahe doppelt so viele.

Und weil den modernen Staat kaum etwas so teuer kommt wie die Kriminalität seiner Bürger, stellen Ökonomen wie James Heckman ihre Erfolgsbilanzen auf: Jeder männliche Versuchsteilnehmer, der einst als Kind nicht in die Vorschule ging, verursachte bis zu seinem 40. Geburtstag etwa um 150.000 Dollar höhere „Kriminalitätskosten“ als derjenige, der die Perry Preschool besucht hatte.

In einer Zeit der Jugendkrawalle machen diese Zahlen neugierig. Vielleicht, so überlegt man, wären solche Kitas das wichtigste Element einer Aufsteigerrepublik, in der auch Kinder aus armen Familien eine Chance auf Beteiligung und Wohlstand haben? Vielleicht hilft es den 20 Prozent der Kinder, die in Armut leben und an den einfachsten Pisa-Aufgaben scheitern? Doch man fragt sich natürlich auch: Kann ein bisschen Kindergarten solche gigantischen Erfolge haben?

Es kann. In den vergangenen Jahren haben Entwicklungspsychologen und Hirnforscher gezeigt, wie viel sich in den ersten Lebensjahren entscheidet. Menschen beginnen eben nicht erst in der ersten Schulklasse mit dem Lernen. Schon im Alter von fünf Tagen hat ein Baby ein phonetisches Muster seiner Muttersprache begriffen: Wenn es französischsprachige Eltern hat, klingt sein Geschrei eher so, als werde es auf der zweiten Silbe betont („Wää-ÄÄH“), während der Nachwuchs deutscher Eltern eher am Wortanfang betont („WÄÄ-äh“), wie Angela Friederici vom Max-Planck-Institut für Kognitionswissenschaften nachweisen konnte.

Im Alter von vier Monaten erkennen Babys einen Unterschied zwischen zwei und drei aufgemalten Punkten; im Alter von neun Monaten verstehen sie beim Film­gucken den Unterschied zwischen Jäger und Gejagtem, wie Sabina Pauen von der Universität Heidelberg feststellt. Sobald sie 15 Monate alt sind, können Kleinkinder die Absichten anderer Menschen nachvollziehen; sobald sie etwa zwei Jahre alt sind, wissen sie schon etwas darüber, was andere Menschen wissen. „Kinder sind zu jedem Zeitpunkt ihrer Entwicklung weitaus kompetenter, als wir bisher angenommen haben“, sagt der Göttinger Neurowissenschaftler Gerald Hüther.

Aus diesen Ergebnissen kann man zwei Schlüsse ziehen, einen richtigen und einen falschen. Der richtige ist: Jede Bildungsdebatte, die sich auf die Verbesserung der Schulen konzentriert, greift zu kurz. Weil alle Bildungskarrieren lange vor dem ersten Schultag beginnen, geht es um die rechtzeitige Unterstützung des Lernens. Wer sich auf Zehnjährige oder Achtzehnjährige konzentriert, hat den richtigen Zeitpunkt längst verpasst.

Die falsche Schlussfolgerung allerdings wäre, dass ein Staat nun viel mehr Geld in alle Kindergärten investieren sollte – gemäß dem Prinzip: Was den Kindern von Ypsilanti geholfen hat, wird allen anderen Kindern genauso nützen. Man kann sich schon vorstellen, wie ambitionierte Akademiker in Berlin-Prenzlauer Berg oder in München-Schwabing für ihre dreijährigen Kinder eine Förderung wie in der Perry Preschool verlangen: „Dieses Experiment zeigt doch, dass sich jeder Euro lohnt, den der Staat für unsere Kinder ausgibt“, hört man diese Eltern argumentieren. Bloß: Genau das zeigen diese Experimente nicht.

Die Versuche in den USA – in Ypsilanti wie in einigen anderen Städten – waren Versuche mit Kindern aus miserablen Verhältnissen. Diese Kinder lebten meist bei alleinerziehenden Müttern, die wenig Geld und schlechte Ausbildungen hatten. Die Väter waren oft abgehauen oder im Gefängnis, die Kinder hatten sehr niedrige Intelligenzquotienten, und ihnen fehlte etwas, was viele Kinder in Deutschland von ihren Eltern bekommen: Unterstützung. Für diese Unterstützung sorgten die exzellent ausgebildeten Lehrer der Perry Preschool. Sie hörten den Dreijährigen zu, lasen ihnen Bücher vor, unterstützten ihr Spiel und ihre Ideen und nahmen sie ernst. All das glich Defizite der Eltern aus, die es in einzelnen deutschen Familien auch gibt – aber längst nicht in allen.

Man kann dies mit Blick auf die Mittelschichten noch schärfer formulieren: Ein kleines Kind, das in einer behütenden, fördernden Familie aufwächst, wird von einem ambitionierten Preschool-Programm wenig profitieren. Denn die Defizite dieser Mittelschichts-Eltern sind viel geringer als die Defizite der Eltern von Ypsilanti; deshalb kann der Nutzen nicht so groß ausfallen wie in dem US-Experiment.

Ein anderes US-Experiment mit früher Bildung hat dies – unfreiwillig – gezeigt: Im „Infant Health and Development Program“ gingen Kleinkinder aller Schichten in eine exzellente Kita; die einzige Voraussetzung war: Sie mussten als Frühgeburten zur Welt gekommen sein; diese Preschool sollte typische kognitive und körperliche Entwicklungsrisiken dieser Kinder lindern. Doch der Erfolg des Programms war beinahe null, wie die Forscher feststellten.

Spielen für den Frieden

Offenbar hatten die Eltern dieser Kinder ihren Job ganz gut gemacht: Ihre Kinder hatten gute Lernchancen und wurden selten vernachlässigt. Sicher, auch diese Kinder fanden einen exzellenten Kindergarten toll – bloß war das für sie nicht der scharfe Gegensatz zum Leben zu Hause, sondern eine Ergänzung.

Die Kinder aus den schwierigsten Familien brauchen also die beste Unterstützung. Wer exzellente Kindergärten wie die Perry Preschool schafft, macht sich verdient um die ganze Gesellschaft. Es dient dem sozialen Frieden, wenn ein Dreijähriger aus dem Berliner Wedding bessere Chancen auf ein Leben hat, das ihn nicht ins Gefängnis führt. Es dient dem Budget des Staates, wenn der gleiche Junge im Alter von 17 Jahren fähig ist, eine normale Stelle anzunehmen, statt in wirkungslosen Trainings von der Arbeitsagentur auf sein Leben als Dauerarbeitsloser „vorbereitet“ zu werden. Es dient der wirtschaftlichen Prosperität, wenn dieser junge Mann für anspruchsvolle Jobs zur Verfügung steht, sobald wegen der demografischen Lücke noch mehr Fachkräfte fehlen. Und es dient der politischen Stabilität der Republik, wenn sich Neukölln (das natürlich auch anders heißen könnte: München-Hasenbergl etwa oder Nürnberg-Südstadt) nicht zu einer Banlieue entwickelt, wo frustrierte Jugendliche leben, die die Autos der vermeintlich Wohlhabenden abfackeln.

Wenn wir die Jüngsten in den schwächsten Stadtvierteln gezielt unterstützen, bekommen jene Kinder eine Chance, die heute keine haben. Dann schaffen wir das, was Deutschland so bitter fehlt: Bildungsgerechtigkeit. Wenn unser Land daran scheitert, wird die neue Klassengesellschaft zementiert. Dann verschleudern wir unseren Wohlstand. Wir haben die Wahl.

Felix Berth ist Redakteur der Süddeutschen Zeitung. Soeben ist sein Buch Die Verschwendung der Kindheit. Wie Deutschland seinen Wohlstand verschleudert (Beltz Verlag) erschienen

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08:00 15.09.2011

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