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SETZKASTEN DER TRASHKULTUR Tanja Dückers Szene-Roman »Spielzone«schwebt die Berliner Mitte auf Fruchtwölkchen

Schlaghosen, Kaktusbrillen, Paech-Brot, Plastikkrokodile, Schaumstoffmöhren - in Tanja Dückers Szene-Roman Spielzone geht es zu wie in Rudis Reste Rampe. Man wühlt sich durch irrsinnige Warenmengen und verliert in dem Kuddelmuddel unnützer Sächelchen schon mal den Überblick. Dieses Buch ist ein Setzkasten der Trashkultur. Dückers hippe Youngsters zwischen vierzehn und dreißig aus Berlins Szenekultur setzen Flokati gegen Armani. Denn mit der Billigkultur kann man sich gut abgrenzen gegen die neuen Spießer. Tanja Dückers ist 1968 in Berlin geboren. Das ist natürlich ein hartes Schicksalsjahr. Vielleicht artikuliert sie in ihrem Roman deshalb so rotzig und emphatisch das Lebensgefühl einer Generation, für die die 68'er ätzende Eltern sind, die »Klär-Gespräche« führen, weh mütig die Stones hochhalten und abends vor der Glotze in die »Nachrichten-Hör-Körperhaltung« fallen. Vor allem ist ihr Roman aber ein literarisches Dokument des Mitte-Fiebers. Das ist derzeit Berlins beliebtester Integrationszement, mit der sich höchst entgegengesetzte soziale Substanzen legieren lassen. Bei Dückers erzählen die Randständigen der neuen Streetlife-Kultur, wie sie sich im Bann dieser imaginären neuen Mitte weit nach Nordosten bewegen.

Im Spiegel hatte die Autorin, bislang hauptsächlich als gute Slam!Poetry-Interpretin aufgefallen, kürzlich unter dem Titel »Spaßhaus Mitte« ein klischeereiches Manifest der Avantgarde dieser unkonventionellen Spaßkultur im Herzen der Hauptstadt abgeliefert. Natürlich ist etwas dran daran, dass der Westen langweilig und behäbig und der Osten aufregender ist. Aber sehen wir einmal davon ab, dass der Zug nach Mitte längst gestoppt hat und die wahre Szene Richtung Friedrichshain geschwenkt ist. Dückers Roman schwankt zwischen dem Aufsitzen auf dem Klischee vom Neuland, wo angeblich »jeden Tag Klassenfahrtsstimmung« herrscht, und seiner etwas unbeholfenen Entzauberung.

Als im drögen Neukölln der Brandmauern und Kampfhundbesitzer »Die »Glitzernden« durch einen Verkehrsunfall sterben, ist es soweit. Das Pärchen mit den glänzenden Satinhosen und kobaltblauen Plateau-Stiefeln, Symbol des wilden, freien Lebens, das man endlich selbst leben muss, hatte Katharina in der Thomasstraße immer abends vom Dach eines Familiengrabes auf dem Friedhof gegenüber beobachtet. Jetzt geht es selbst ab in das Vibrationszentrum zwischen Oranienburger und Gleimstrasse, wo man über die Dächer laufen kann und an jeder Ecke eine Party steigt. Tatsächlich ist da alles schön bunt und schräg. Man trifft Lesben, die im Hinterhof Kuchen backen. In den Clubs werden phosphoreszierende Flyer verteilt, die besten Freunde tragen plötzlich millimeterkurze, blondgefärbte Haare und machen auf bi. Die da von einer geilen location zur nächsten ziehen, feiern den Moment und die Ziellosigkeit: »Ich weiß nicht, was ich will« denkt eine ihre Protagonistinnen in der leeren, neuen Wohnung in der Sonnenburger Strasse in Prenzlauer Berg, »Nicht verspießen, aber auch nicht zum postmodernen Eisblock werden«. Doch das ganz wilde Leben will sich trotzdem nicht recht einstellen. Zwar kann man sich in Mitte schon mal tagelang die Birne weich vögeln. Meistens nuckeln alle aber nur süchtig an Liebessurrogaten wie Minzbonbons und Nougatpralinen und üben sich im Kostümwechsel. Diese Spiel- und Spaßrepublik, wo man lieber »Fruchtwölkchen«-Joghurt löffelt als auf Kurdendemos mitzulatschen, steckt im Fruchtzucker der Befindlichkeiten. Sie ist so stabil wie Geleeherzchen und so langlebig wie eine Lila Pause.

Vollends ins Klischee stürzt der Roman deshalb nicht ab, weil Dückers mit verschiedenen Erzählerperspektiven arbeitet, denen sie eine hermetische Binnenperspektive unterlegt. Trotz atemlosen event-huntings verkriechen sie sich in ihre Innenwelten, brechen urplötzlich in Schwindelanfälle und Weinkrämpfe aus. Ihr Horizont reicht nicht weiter als bis zum nächsten Discount oder zur unterirdischen Disco. Freilich ist die Horizontverengung der Szene auf sich selbst auch ein blinder Fleck der Autorin. Dückers zieht diesen mit psychologisierender Beize gut belegten doppelten Boden aber ungefähr so filigran ein, wie ein Neu-Mitte-Bewohner seine Holzdielen selbst abzieht. Am liebsten setzt sich Ada an die zugemauerte Tür im vierten Stock, wo das Treppenhaus in der Sonnenburger Strasse im Prenzlauer Berg endet. In das Grenzenlose dahinter möchte sie hinaustreten. Aber hinter dieser unüberschreitbaren Grenze lauert auch das Nichts. Manchmal weint sie davor. Gefühle statt feeling - so »superabgebrüht, supergleichgültig, superbisexuell« sie tagelang durch die Gegend ziehen, sich am Ende aber doch eine ganz normale Zweierbeziehung wünschen, ist das natürlich ein überraschend altmodischer Schluß, in den Dückers die Sehnsucht nach dem großen Freiraum münden läßt. Immerhin schälen sich nach und nach die Sehnsucht, die Einsamkeit und die Distanz der zickzackenden Neonfischchen dieses »Aquariumlebens« heraus.

»Erlebnisvielfräße« seien sie, läßt Dückers eine ihrer Szene-Protagonistinnen sagen. Wer den häufigen Besuch beim Nachtkauf auf der Schönhauser oder von Boy-Band-Sängern backstage dazu zählt, kann ihr Recht geben. Der größte Vielfraß heißt eigentlich Tanja Dückers. Diese Autorin hat einen unbändigen Wortappettit. Aber auch das modische patchworking will gelernt sein. Dückers kann skurrile Geschichten erfinden und hat ihrer Szene die schnodderige Sprache gut abgelauscht. Doch detailselig häuft sie auf die Beschreibungen der abgefahrenen Second-Hand-Klamotten und Trashfood auch noch Unmassen farbgebender Adjektive wie flaschengrün, zitronengelb und quietschbunt in den Text. Selbst wenn man das nicht als Gestaltungsunfähigkeit tadelt, sondern zur additiven Ästhetik adelt, die uns die Leuchtsteinchen einer neuen Vielfalt und Kombinationsfreiheit aufreihen und uns sagen will, dass der Weg zum Sinn des Lebens ein lebenslanger Slalom um Nippes ist: bad taste schützt vor product placement nicht. Mit diesen Zutaten schmeckt der Roman nicht nur wie ein mit zuviel Zitronat gefüllter Szenestollen. So läuft Tanja Dückers auch Gefahr, genau auf das labelling hereinzufallen, das ihre geliebte Anarchie in Mitte gerade zum Markenzeichen einer ganz anderen Gesellschaft umcodiert: Etikettenwirtschaft.

Tanja Dückers: Spielzone. Roman. Aufbau-Verlag, Berlin 1999, 207 S., 34,- DM

00:00 01.10.1999

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