Gelegentlich unter Beschuss

Kosovo Die EU-Polizei der Mission EULEX soll dem Rechtsstaat Geltung verschaffen. Doch ihr fehlen dazu Macht, Ausrüstung und die nötigen Befugnisse
Gelegentlich  unter Beschuss
Die feldmarschmäßige Ausrüstung der EULEX-Gendarmen genügt höchsten Ansprüchen

Foto: Sasa Djordjevic/AFP - Getty Images

Der Rechtsstaat endet auf einer Brücke im Stadtzentrum von Mitrovica, vor einem zwei Meter hohen Wall aus Geröll, Steinbrocken und Beton. „Nördlich von hier beginnt der von Serben bewohnte Teil der Stadt“, sagt Robert Sander und deutet in Richtung des Schuttbergs, der die Straße am Ende der Brücke blockiert. Dahinter ragen Wohntürme empor, an vielen Fassaden hängen serbische Fahnen. „Wenn hier Polizei- oder Militärfahrzeuge anrücken, ist innerhalb von fünf Minuten alles voller Menschen. Dann wird es ungemütlich“, sagt Sander.

Es ist ein warmer Sommertag. Auf den Betonsteinen am Ufer des Ibar sitzt ein Liebespaar. Vor der Brücke steht ein schwarzer Radpanzer. Sander nickt den beiden Uniformierten im Führerhaus zu. Er überquert den Fluss fast jeden Tag. Auf der anderen Seite gibt es jede Menge Arbeit für den Kriminalkommissar, der normalerweise in Thüringen lebt. Seit einem Jahr jagt er nun als Chef einer Sondereinheit der europäischen Rechtsstaatsmission EULEX Schwerkriminelle im Kosovo. Seine Crew zählt zehn Ermittler, ihr Einsatzgebiet ist der unruhige Norden des Kosovo.

Wenn Sander den Ibar überquert, trägt er statt seiner Uniform eine schwarze Fleecejacke, Jeans und braune Turnschuhe. Der schwere blaue Jeep mit dem EU-Emblem bleibt vor der Brücke stehen. Auch seinen Namen darf Sander nicht öffentlich machen. Eine Vorschrift, die ihn vor Nachstellungen schützen soll, denn dieser Einsatzort hat etwas Besonderes: Die Brücke von Mitrovica wurde zum Symbol für den Willen im Nordkosovo, sich keinem Vormund in Priština zu unterwerfen. So arbeiten die EU-Beamten in einer geteilten Stadt, mit verbarrikadierten Straßen und Seelen, sind Skepsis und Misstrauen ausgesetzt.

Ob ein Gast im Café mit serbischen Dinar oder Euro zahlt, ob sein Name auf „ic“ oder dem albanischen „ë“ endet, ist keine Bagatelle. Es sind die gleichen Fronten wie im Frühjahr 1999, als die NATO wegen der Provinz Kosovo einen Krieg gegen Serbien führte, nur mit dem Unterschied, dass in Mitrovica entlang der Demarkationslinie nun Fahnen gehisst werden.

Die Angst vor erneut eskalierender Gewalt geht um. Vor einem Jahr, Ende Juli 2011, wollten kosovarische Sicherheitskräfte mit Gewalt zwei Grenzposten im Norden übernehmen – und scheiterten. Heckenschützen töteten einen Angreifer, aufgebrachte Serben brannten Zollhäuschen nieder, die Zufahrtsstraße in den Norden wurde blockiert. Augenblicklich sichern Soldaten der internationalen Mission KFOR die Grenze zwischen dem Kosovo und Serbien. Zöllner müssen per Helikopter zu ihrem Arbeitsplatz geflogen werden.

Steine und Farbbeutel

Sander interessiert sich weniger für diesen Konflikt als für die kriminellen Strukturen, denen die Schwäche des Rechtsstaates nutzt. Es geht um Drogenhändler, Hehler, Schmuggler, organisierte Banden eben – um Serben wie Albaner, die in diesem Milieu ohne Reibungsverluste harmonieren. Die Kriminellen hätten sich hier vollkommen unbehelligt etabliert, weil Straftaten nur selten geahndet würden, meint Sander.

Tatsächlich haben die Gerichte in den Nord-Städten Mitrovica, Leposavić und Zubin Potok im Vorjahr nicht einen Fall verhandelt. Sander und seine Kollegen können ermitteln, Spuren sichern, Zeugen befragen, „Beschuldigte herausarbeiten“, wie es heißt. „Ein Dutzend Haftbefehle liegen auf meinem Schreibtisch“, erzählt Sander. „Bei den meisten wissen wir sogar, wo sich die Zielpersonen aufhalten, aber wir können sie nicht festnehmen.“

Denn auch die EU-Polizisten sind längst Teil des Konflikts. Immer wieder fliegen Steine und Farbbeutel auf EULEX-Jeeps, die gelegentlich sogar unter Beschuss geraten. „Es geht dabei nicht um den Beamten, der in seinem Auto sitzt. Es geht allein um die symbolische Handlung. Für viele Kosovo-Serben steht EULEX für den kosovarischen Staat. Und den lehnen sie ab.“ Kein Wunder, wenn der Norden inzwischen für die meisten EULEX-Mitarbeiter gesperrt ist.

Sander zeigt im serbischen Teil von Mitrovica auf gefälschte Turnschuhe in der Auslage eines kleinen Ladens, als wollte er auf die üblichen Geschäftsgebaren verweisen. „Viele Menschen, die ich im Norden kenne, sind der ständigen Anspannung müde. Die wollen ihrer Arbeit nachgehen, Geld verdienen und erleben, dass Kriminelle bestraft werden.“ Diese Serben seien es leid, sich an Barrikaden vorbeizuschlängeln oder die Grenze nach Serbien auf schlammigen Bergpisten zu überqueren, statt die Trasse entlang der kosovarischen Zollstellen zu nehmen. Anders sehen das naturgemäß die Schmugglerbanden im Norden, die vorhandene Spannungen anheizen, weil ihnen das nützt.

Am Morgen hat in Sanders Büro das Telefon geklingelt, ein Mann meldete sich auf serbisch: Er wolle eine Aussage machen. Es ging um einen Busfahrer, der sich entschieden hatte, seine Passagiere über den offiziellen Grenzübergang aus Serbien ins Kosovo zu fahren. Stunden später brannte der Bus. „Für diesen Mann sind wir die einzige Chance“, meint Sander. „Seiner eigenen Polizei kann er nicht trauen. Die Behörden halten im Norden die Füße still – aus gutem Grund.“ Also schickt er zwei Kollegen los, damit der Mann seine Aussage machen kann. Vielleicht wird daraus eine Festnahme, vielleicht sogar ein Prozess, vielleicht auch nur Haftbefehl Nr. 13 auf einem EULEX-Schreibtisch. „Es bleibt ein Abtasten. Telefonisch sagen die Leute normalerweise gar nichts. Erst wenn es gefährlich wird, kommen sie zu uns.“

Auf dem Weg durch Mitrovica biegt Sanders Geländewagen kurz vor dem Ortsausgang nach links ab, in ein Industriegebiet. Vorbei an einer Barriere aus Stahlträgern und Drahtgittern, vor der sich Autowracks stapeln. Daneben steht eine leer stehende Fabrikhalle. Kletterpflanzen überwuchern Holztore, roten Backstein, tote Fensterkreuze. Mitrovica war einst ein Industriestandort, allein schon wegen der Mine Trepca, die als ein Bergbauzentrum Jugoslawiens galt. Übrig geblieben sind die gewaltigen, rotbraunen Schornsteine, aus denen seit dem Krieg von 1999 kein Rauch mehr steigt. Trepca sollte privatisiert werden. Nur: Wer investiert schon in eine seit Langem stillgelegte Mine im Nordkosovo?

Hinter einer Mauer aus weißen Steinen weht die Europa-Flagge. Sander stoppt vor der Absperrung an der Einfahrt. Ein Mann in Uniform und gelber Warnweste geht eine Runde um den Wagen, schaut mit einem fahrbaren Spiegel unter das Auto, nickt Sander zu und öffnet die Schranke.

Granate unter der Decke

Die EULEX-Basis in Mitrovica ist eine Ansammlung von Containerbauten mit Wellblechdächern, dazwischen zwei haushohe, halbrunde Zelte. Sander hat seinen Arbeitsplatz in einem der Container: Blauer Teppichfußboden, Wände aus weißem Plastik, Schreibtische aus hellem Furnier, davon sieben in einem Raum. An einem roten Faden hängt die Imitation einer Granate wie ein Spielzeug von der Decke. Eine kugelsichere Weste lehnt an Sanders Tisch, so etwas wie die Standardausrüstung bei EULEX. Die Klimaanlage surrt, kurz übertönt vom dröhnenden Flattern eines Hubschrauber-Rotors – es ist Zeit für den Schichtwechsel in der Zollstation im Norden.

Etwa die Hälfte seiner Arbeitszeit sitzt Sander im Büro. Für jede Telefonüberwachung im Norden braucht er die Zustimmung des serbischen Innenministers. „Natürlich können wir dann nicht mit einem Antrag kommen, auf dem „Republik Kosovo“ steht. Wir brauchen eine englische Version mit serbischer Übersetzung und den EULEX-Stempel“, sagt Sander. Genau so läuft es umgekehrt: Wenn serbische Behörden nach Kriminellen im Nordkosovo fahnden, muss Sander vermitteln – und beschäftigt deshalb einen ganzen Übersetzerstab. „Diese Spiele werden jeden Tag gespielt – und wir sind mittendrin. Aber in 95 Prozent der Fälle bekommen wir, was wir wollen.“

Auch an anderer Stelle muss er sich mit den Verhältnissen arrangieren. „Wenn ich zum Beispiel im Krankenhaus von Mitrovica jemanden vernehmen will, muss ich den Hospitalchef um Erlaubnis bitten. Und der Mann hat sechs Bodyguards.“ Diese Klinik sei das einzige serbische Krankenhaus im gesamten Kosovo, einer der wenigen Arbeitgeber im Norden und werde durch Staatsgelder aus Belgrad finanziert. „Da kommt niemand einfach so rein. Nur wenn der Krankenhauschef nickt und zwei seiner Leute ständig dabei sind.“

Vorübergehend kann Sander auf fünf neue Ermittler zurückgreifen – er hätte Arbeit für 50. Die meisten EULEX-Polizisten bleiben ohnehin nur ein Jahr. Aus Sicht der Polizeibeamten könne er das verstehen, meint Sander. „Man lässt schließlich seine Familie zurück, ebenso seine Dienststelle im Herkunftsland. Aber für einen Ermittler ist diese Zeit einfach zu kurz.“ Drei oder vier Monate könne es dauern, sich in einen aufwendigen Fall einzuarbeiten. „Aber man muss sich eben an die Gegebenheiten gewöhnen. In Deutschland bearbeiten 20 Polizisten einen Fall. Hier bearbeitet einer drei.“ Dann richtet er sich in seinem Drehstuhl auf. „Wir haben unsere Erfolge. Und unseren Ansporn.“

Die Rückschläge aber sind ebenso unverkennbar. Dazu zählen nicht nur die Zusammenstöße und Schießereien im Nordkosovo. An einem Whiteboard im Büro hängt das Porträt eines Mannes, er trägt Uniform, den Hemdkragen am Hals hochgeschlossen. „KP officer killed on duty“ steht neben dem Foto. Der Mann war kosovarischer Polizist, die Uniform trug er, als ihn am 26. Juli 2011 eine Kugel traf. Er sollte mit einer Spezialeinheit eine Zollstation im Norden einnehmen. Die Täter sind noch nicht gefasst.

Urs Spindler wurde bei seinen Recherchen durch ein Stipendium der Otto-Brenner- Stiftung unterstützt und von Journalisten des Netzwerks Recherche betreut

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08:30 24.07.2012

Ausgabe 38/2020

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