Gelem, Gelem

Roma protestieren gegen Abschiebung Ein Polizeichef zeigt Sympathie, ein Bischof betet, die Verantwortlichen zucken mit den Schultern

Kurz vor Mitternacht erhebt sich in einer Asylunterkunft am Nordrand der Stadt Essen eine traurige Melodie. "Gelem, Gelem" singen rund 1000 Männer, Frauen und Kinder. Selbst die Kleinsten kennen die traditionelle Weise, die von der Wanderschaft der Roma und ihrer vergeblichen Suche nach einem Platz zum Leben erzählt. Das Lied bricht ab und die Menschen drängeln sich um drei Männer. Einer von ihnen ist Bozin M., geboren in Serbien und vor Kriegsbeginn aus Ex-Jugoslawien geflohen. Mit seiner Frau, vier Kindern, Schwiegertochter und bald dem ersten Enkel lebt er seit zwölf Jahren in Deutschland. Wie seine Geschwister und deren Familien ist er lediglich geduldet, besitzt kein Aufenthaltsrecht, keine Möglichkeit zu arbeiten, ist gezwungen sein Dasein in Flüchtlingsheimen und von Sozialhilfe zu fristen. "Ich will wohnen und arbeiten, Weihnachtsgeld kriegen und in Urlaub fahren, die gleichen Rechte haben wie die Deutschen", fordert er beider jeder Gelegenheit. In dieser Nacht jedoch spricht der orthodoxe Christ lediglich ein kurzes Gebet. Ein Teil der Menge antwortet mit "Amen" und dem Kreuzzeichen. Andere stehen still, bis der Mann an Bozins Seite eine Sure gesungen hat, fahren sich über Stirn und Gesicht, vollziehen die rituelle Reinigung ihrer Seele. Dann ergreift Metus Berati das Wort. Er ist anerkannter Anführer von Roma-Familien aus Essen und umliegenden Städten, die seit sieben Wochen gegen ihre drohende Abschiebung und für ein Bleiberecht kämpfen.
Wie alles anfing, erzählen verschiedene Geschichten. Immer wieder zu hören, ist von Samsedin Demiri, wie er vor einem Monat in aller Frühe von Polizisten aus dem Bett geholt wurde. Keine Zeit hatte, sich von Frau und Kindern zu verabschieden. Erst eingesperrt und dann im Flugzeug weggebracht wurde. Nach Belgrad, wo er jetzt in Hauseingängen schläft. Und dann ist da noch Nicola, der Dicke mit dem Bart aus Ratingen. Vor wenigen Wochen mit Gewalt abgeschoben wurde auch er. Die serbische Polizei, so heißt es, hat ihn misshandelt und seine Ersparnisse gestohlen. Jetzt ruft er regelmäßig bei Verwandten und Bekannten an. Bittet um Geld, damit er Schlepper bezahlen kann, die ihn nach Deutschland zurückbringen.
Ob es ein Einzelfall war, der das Fass zum überlaufen brachte, oder der seit Anfang des Jahres allgemein steigende Abschiebedruck auf Roma aus Ex-Jugoslawien, sei dahingestellt. Fest steht, dass am 27. April ein rot-weißes Band um die Essener Asylunterkunft Portendiekstrasse gezogen wurde und sich zu den Familien, die dort offiziell untergebracht sind, mehr und mehr andere flüchteten. Wer keinen Platz im Haus mehr fand, campierte draußen. Schnell glich das Gelände einem Zeltdorf. Und nicht minder schnell überzeugte sich Polizeipräsident Herbert Schenkelberg persönlich davon, dass keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung besteht, nicht einmal Lärm oder eine sonstige Belästigung der AnwohnerInnen zu verzeichnen ist. Denn von Anfang an zeigen die protestierenden Flüchtlinge, darunter mindestens 300 Kinder, eine unglaubliche Disziplin. "Da liegt keine Dose, keine Zigarettenschachtel, kein Abfall rum," bestätigt Bernd Brack von Pro Asyl Essen. "Und ab 21 Uhr herrscht absolute Ruhe."
Neben der PDS und der Gesellschaft für bedrohte Völker zählt seine Organisation zu den wenigen UnterstützerInnen des Protestes, der von den Roma autonom organisiert wird und über Wochen an Entschlossenheit gewinnt. Nach außen hin lange Zeit ohne sichtbaren Erfolg. Rat und Verwaltung der CDU-geführten Stadt Essen stellen sich taub. Ähnlich die Medien und schlimmer noch die örtliche SPD-Fraktion, die auf der Stelle handfeste Maßnahmen zur Beendigung der "Versammlung" fordert. "Wir können das Problem nicht aussitzen", ereifert sich allen voran Ratsfrau Angelika Kordfelder. "Die Leute haben Angst vor der Überfremdung, sie fühlen sich belästigt vom Krach und Müll der Roma."
Hinter den Kulissen geschieht jedoch einiges. Schließlich erklärt sich Bremens Innensenator Dr. Böse, derzeit Vorsitzender der Bundesinnenministerkonferenz, zu einem Gespräch mit einem Vertreter des Zeltlagers bereit. Am 28. Mai findet das Treffen statt. Die Bitte der Roma, ihr Problem auf die ministerielle Tagesordnung zu setzen, wird rundweg abgelehnt. Noch am gleichen Tag packen die Menschen ihre Sachen, verstauen Matratzen, Zelte und Lebensmittel in die vorhandenen Fahrzeuge und stehen schließlich wie beschrieben gegen Mitternacht bereit, um in ordentlichen Reihen, gefolgt von den randvoll beladenen Autos in die Innenstadt zu ziehen.
Dreieinhalb Stunden dauert der nächtliche Marsch, keine zwei das Aufschlagen des Camps auf dem Burgplatz, direkt neben dem Essener Dom und an der Einkaufsmeile. Alles geschieht, schnell, effektiv und vor allem leise. Nicht um die Verlagerung des Protestortes zu verheimlichen. Die Polizei wurde frühzeitig informiert und schaut den Ereignissen zu. Vielmehr soll sich kein Bürger und keine Bürgerin gestört fühlen. Dass die ersten morgendlichen Passanten dennoch entsetzt sind, ein "Zigeunerlager" mitten in der City vorzufinden, versteht sich. Und vor allem der Domprobst gerät ins Schwitzen. Am nächsten Tag soll die Fronleichnamsprozession finden, Essens neuer Bischof Franz Grave die Eröffnungsmesse halten. Nicht umsonst ist der Burgplatz schon mit Fahnen geschmückt, in seiner Mitte eine Bühne für den Altar aufgestellt. Jetzt sitzen rauchende Männer auf den Stufen, spielen Kinder unter dem Gerüst Verstecken.
Einen "Zielkonflikt zwischen den Grundrechten der Versammlungs- und der Religionsfreiheit" konstatiert Polizeichef Schenkelberg. Medienleute eilen heran. Einigen stehen die Schlagzeilen schon im Gesicht geschrieben. "Hunderte Roma campieren in Essener City" - "Fronleichnamsfeier gefährdet" Das sind Meldungen, die interessieren und nicht, ob Menschen in ein Land abgeschoben werden, das - wie Dzoni Sichelschmidt, einer der Sprecher der Roma formuliert - von "Gewalt, Hass, Rassismus und Krieg" geprägt ist. Doch weder die Kirchenfunktionäre noch polizeilich Verantwortlichen und schon gar nicht die Roma geben der Sensationsgier weitere Nahrung. "In Gottes Namen und mit Respekt vor der Polizei beenden wir die Aktion auf dem Burgplatz" erklärt Metus Berati. Im Gegenzug werden er und seine Leute zur Teilnahme an der Prozession eingeladen. Und so geschieht es, dass die Roma in Windeseile ihre Zelte wieder einrollen und in die Portendiekstrasse zurückkehren; andererseits der Bischof demonstrativ eine kleine Abordnung von ihnen am Rande der Prozession begrüßt sowie öffentlich dafür beten lässt, dass "dem Anliegen der Sinti und Roma ein gutes Ende" beschieden sein möge.
So weit ist es allerdings noch lange nicht. Vielmehr steht zu befürchten, dass mit Beschluss der Bundesinnenministerkonferenz, die während Drucklegung dieser Zeitung in Bremerhaven tagte, der bestehende Abschiebeschutz für Roma aus dem Kosovo aufgeweicht und die gewaltsame Vertreibung aus Serbien stammender Familien in Zukunft noch intensiviert wird. Und dies ungeachtet des Umstandes, dass die Roma aus dem Ruhrgebiet ihr Protestcamp bereits vor Tagen an den Ort des Ministertreffs verlagert haben, wo ihr anhaltender Widerstand mittlerweile durch Roma aus Bremen und Niedersachsen Verstärkung findet.

00:00 07.06.2002

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