Geliebt, geraucht, gesoffen

Plädoyer eines Landarztes Die Gesundheitspolitik sollte sich an den Beispielen einer erfolgreichen und effizienten Hausarzt-Medizin orientieren

Ein gut aussehender Doktor kümmert sich 24 Stunden am Tag an 365 Tagen im Jahr kompetent und meist gut gelaunt um menschliche Konflikte und Wehwehchen zwischen Hausgeburt und hundertstem Geburtstag, wenn er nicht gerade Golf spielt. Die Vorstellungen über die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum sind nicht selten von einschlägigen Fernsehserien geprägt. Als Beiwerk ist eine Musterfamilie nebst adretter Gattin, schickem Landhaus und mehreren Autos der gehobenen Mittelklasse selbstverständlich.

Die Stereotype, denen ich als Landarzt in Niedersachsen immer wieder begegne, sehen natürlich anders aus: überalterte Bevölkerung mit unterdurchschnittlichem Einkommen, vergleichsweise schlechtem Gesundheitszustand und dennoch messbar höherer Lebenserwartung als in der Großstadt. Die Vorstellungen von Gesundheit sind - abgesehen von einer zunehmenden Zahl meist jüngerer, sich sportlich betätigender Bürger und einzelner Esoteriker - geprägt von der Erwartung eines leidfreien, möglichst langen Daseins, das keine eigene Disziplin erfordert. In den Worten des Schriftstellers Eugen Roth: "Gelebt, geliebt, geraucht, gesoffen, und alles dann vom Doktor hoffen." Aber das gilt wahrscheinlich für die ganze Republik. In den Augen allzu vieler Bürger ist die Medizin zur Ersatzreligion geworden, die vollkommenes Heil ohne eigene Anstrengungen und auf Krankenschein gewährt. Patienten begehren nur noch, und das gefällt der Pharmaindustrie.

Die Arztdichte im ländlichen Raum ist eher gering, sie wird repräsentiert von Ärzten für Allgemeinmedizin, die eine inzwischen fünfjährige Weiterbildungszeit absolviert haben müssen und meist noch in Einzelpraxen tätig sind. Die Arbeitszeit beträgt bis zu 60 Stunden wöchentlich, Nacht- und Wochenenddienste nicht gerechnet. Entgegen gängigen Vermutungen ist der finanzielle Ertrag eher bescheiden, obwohl Landärzte sehr effizient ihren Dienst tun. Im Vergleich zur Großstadt entstehen sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich deutlich weniger Kosten. Allein durch Hausbesuche zu jeder Tages- und Nachtzeit - inzwischen durch kollegiale Vertretungsringe familienfreundlich organisiert - vermeiden die Ärzte auf dem Lande 50 bis 80 Prozent sonst notwendiger Krankenhauseinweisungen. Weil sie die Lebensumstände ihrer Patienten kennen, können sie Symptome besser erkennen als ihre Kollegen in der Stadt und zu einer Gesamtdiagnose integrieren.

Diese Rundumbetreuung wird allgemein geschätzt, sie ist aber nicht möglich ohne Mitarbeiterinnen in der Praxis und bei der Pflege, die zwar hoch motiviert sind, aber schlechter bezahlt werden als ein Handwerker. Trotz der immer wieder von Politikern und Krankenkassen propagierten Förderung der Hausarzt-Medizin blieb diese bisher eine schöne Floskel in Sonntagsreden. So werden zum Beispiel in der Region Verden (Niedersachsen) in den nächsten zehn Jahren mindestens 30 Prozent der Landärzte ihre Praxen aus Alters- und Gesundheitsgründen aufgeben, ohne dass eine Nachfolge gesichert wäre. Sie werden aber gebraucht, um für die Patienten, die im Medizindschungel kaum noch eine Orientierung finden, optimierte Untersuchungs- und Behandlungsabläufe zu organisieren. Als Beispiel sei hier ein Patient genannt, der wegen einer Darmblutung morgens in der Praxis erschien. Nach entsprechenden Untersuchungen und Vorbereitungen wurde er noch am selben Tag ambulant bei einem Spezialisten "gespiegelt" und durch Polypenabtragung geheilt. Die Nachbetreuung wurde durch den diensthabenden Landarzt gewährleistet. In einer Großstadt hätte sich in diesem Fall eine Krankenhausbehandlung kaum vermeiden lassen. Auch deshalb ist dort die Gesundheitsversorgung fast doppelt so teuer wie auf dem Lande, aber nur halb so effektiv. Spätestens nach 18 Uhr werden die Kranken nahezu ausschließlich dem Rettungsdienst überlassen, so dass beispielsweise Migränepatienten in der Neurologie aufgenommen werden, wo sie nicht hingehören.

Der Kontrast zwischen städtischer und ländlicher Medizin zeigt sich auch bei der Begleitung eines Sterbenden in seinem häuslichen Umfeld - eine originäre landärztliche Aufgabe, bei der die Belastbarkeit auch von Pflegekräften und der Angehörigen des Patienten manchmal wochen- und monatelang auf eine harte Probe gestellt wird. Für diese Tätigkeit, bei der wir regelmäßig unsere Seele preisgeben, wird uns wie auch dem Pflegepersonal nur ein lächerliches Honorar zugestanden, das weit unter dem Pflegesatz für einen einzelnen Krankenhaustag liegt. Ebenso bescheiden ist die Unterstützung von Familien durch die Pflegeversicherung. Dass sich besonders die Frauen manchmal bis an den Rand der Selbstaufgabe um Pflegebedürftige kümmern, wird nur selten gewürdigt.

Ein großes Problem im ländlichen Raum ist die mangelnde Verknüpfung von Rettungsdienst und kassenärztlichem Notdienst. Durch lange Anfahrtswege der Rettungswagen sinken die Chancen auf erfolgreiche lebensrettende Maßnahmen drastisch. Landärzte, die häufig auch ausgebildete Notärzte sind, werden aufgrund von Kompetenzgerangel viel zu selten in das Rettungssystem mit einbezogen, obwohl eine solche Kooperation angesichts zunehmender Personalprobleme in den Krankenhäusern sehr sinnvoll wäre. Tatsächlich aber wird die Zusammenarbeit eher schwieriger, und aufgrund von Privatisierungen sinkt der ärztliche Einfluss auf Entscheidungen.

Insgesamt hat sich nach meinem Eindruck das kommunikative und medizinische Niveau von Krankenhäusern deutlich verschlechtert, so dass telefonische Anmeldungen von Patienten zu Routineoperationen bis zu einer halben Stunde dauern und Entlassungsbriefe manchmal erst nach mehreren Monaten ihren Adressaten erreichen. Diagnostische Prozesse und Therapien auch von häufigen Krankheitsbildern entsprechen längst nicht immer neuesten Standards, und niedergelassene Ärzte müssen hier unbezahlte Nacharbeit leisten. Eine verbesserte Versorgung der Bevölkerung durch Klinikambulanzen erweist sich schon jetzt als kostentreibende Illusion. Nach stationären Behandlungen werden umfangreiche und teure Verordnungslisten auf eine vertretbare Menge wirtschaftlicher Präparate reduziert, und Senioren, die besonders leicht zu verunsichern sind, müssen mühsam davon überzeugt werden, dass die neuen grünen Pillen genauso gut wirken wie die alten gelben. Das kostet unnötig Zeit und Vertrauen.

Entgegen dem vom Gesundheitsministerium behaupteten Reformunwillen haben besonders im ländlichen Raum Ärzte verschiedener Fachrichtungen umsetzbare Konzepte für eine verbesserte Patientenversorgung erarbeitet, vor allem zur nachhaltigen Behandlung chronischer Krankheiten. So wurden etwa Diagnoseprogramme zur Vermeidung unnötiger Untersuchungen, neue Modelle der Kooperation mit Kliniken und darüber hinaus Methoden gezielter Rehabilitation insbesondere älterer Patienten entwickelt.

Mein Fazit lautet also: Im ländlichen Raum wird eine hoch qualifizierte Medizin praktiziert, die auch im internationalen Maßstab keinen Vergleich zu scheuen braucht. Grundlegende Verbesserungen wird es mit der jetzigen Regierung jedoch nicht geben. Die eigentlichen Herausforderungen der deutschen Gesundheitspolitik liegen nach Ansicht der Weltgesundheitsorganisation WHO außerhalb der Möglichkeiten der kurativen Medizin und damit außerhalb des Versorgungssystems jetziger Prägung. Beispielsweise ist eine Trendwende bei der Entstehung, Behandlung und Verhinderung häufiger chronischer Krankheiten nicht erkennbar. Es ist zu befürchten, dass die deutsche Gesundheitspolitik diesen Herausforderungen nicht wird begegnen können, solange fachfremde Akteure sie auf Kostenaspekte verengen und ihren Regulierungswahn an uns auslassen.

Dr. med. Karl Aeffner ist Facharzt für Allgemeinmedizin und Rettungsmedizin sowie Kreistagsabgeordneter der SPD Nienburg (Niedersachsen).


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00:00 28.11.2003

Ausgabe 39/2020

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