Geliebtes Müller-Pathos

Ein Stück Heimatgeschichte Besuch bei der "Müller-Factory" in Lyon

Abfahren ist schon schwer genug. Ankommen muss nicht leichter sein. Im Klimasturzflug von Berlin-Tegel nach Lyon St. Exupéry - 38 ºC. Von dort im eisgekühlten Shuttle über die Autobahn in die Mitte der Stadt. Place de la Liberté - Avenue Franklin Roosevelt - Avenue Rockefeller. Araber sind im Fußvolk in der Überzahl, die Straßen der Sieger von Nomaden bewohnt. Der 11. September muss hier, nach den Graffiti zu urteilen, ein Feiertag sein.
Am Quai St. Vincent liegt der Bestimmungsort der Reise: Ein gehobener Ort; historisch bewältigt, staatlich subventioniert, luxuriös saniert. Les Subsistances (Verpflegungslager) stehen seit 400 Jahren am Rand der Altstadt von Lyon. Ehemals Lebensmitteldepot der französischen Armee; ehemals Kloster der Maria Heimsuchung; ehemals frühchristliche Siedlung, von Galliern angelegt, natürlich, aus denen Lyonnaiser wurden. Die Stadt bezieht - in Zeiten der Rezession, politischer, sportiver und sonstiger Krisen - ihre Reputation auf lokalpatriotischem Weg: also Geschichte. Die ausgeschüttet wird wie der Heilige Geist über den Ungläubigen. Wie das Eingemachte der Großeltern im Proviant vor der langen Wanderung durch die Ebenen der europäischen Gleichschaltung. Die Festung Europa, die Hitler im Krieg nehmen, doch nicht halten konnte, ist ein Markt geworden, den die Wirtschaft hält, hat Heiner Müller gesagt. Wie soll man sich da behaupten, sagen die Franzosen, als mit dem, was man wirklich und nur selber hat: also Geschichte. Überall sind die Bronzetäfelchen zu finden: "L´histoire de Lyon", französisch/englisch darauf die Stichpunkte zum jeweiligen Standort. Dass man sich mit Geschichte übernehmen kann, weiß das Museum für zeitgenössische Kunst, nördlich der Altstadt und neben der Weltzentrale von Interpol gelegen. Die kostspielige Installation von Laurie Anderson und Klangkünstlern New Yorks hat den Kulturtopf derart ausgelöffelt, dass mit Schließung ab August und bis auf weiteres zu rechnen ist, Lyon ist, wie so viele andere Kulturhauptstädte, pleite.
Die Kulturverpflegungslager Subsistances - seit zwei Jahren ein auf 16.000 Quadratmeter ausgedehntes Areal zur Erzeugung kultureller Groß- und Kleinereignisse - riskieren diesen Sommer ihren Ruf mit: Heiner Müller. "Dichter des Körpers und des Fleisches, der sein Werk über den Ruinen des Nachkriegs konstruiert hat." (Pressetext, französisch.) Ehemals Hoffnung der dramaturgischen Moderne zwischen Paris und Avignon, gestaltgewordene Synthese von Beckett, Brecht, Foucault und Pink Floyd. Nirgendwo war das Missverständnis erfolgreicher. Nun ist Müller hier so tot wie zuhause im doppelten Deutschland und seiner "wiederbereinigten Hauptstadt", wo er am tötesten ist. Die freie Compagnie Scènes richtet dagegen ein Theaterfestival unter dem hybriden Titel Müller-Factory aus. Ein Fest der Renitenten gegen den Zeitgeist, der auf den Bühnen der Welt eine Begegnung mit Müller so gut wie unmöglich macht.
Schlimme Träume werden wahr: Viertausend Studenten in Schwarz forsten durch die Sprachkaskaden der Hamletmaschine und späterer Dramenkomprimate. Dass die Innentemperatur 45 Grad übersteigt, kann die friedlichen Exzesse nur zur Folter machen. Der Kreuzgang, den die Revolution der Kirche abgenommen und dem Militär zugeschanzt hat, wird wieder zum sakralen Raum. Textanbetung, Müllervergottung, Totenbeschwörung. Kult, kein Dialog, und in der Hauptsache: schwer. Das Angenehmste sind die offenen Räume, die Passagen, die Zufallsblicke, die einem dann doch noch das Leichte, Helle zeigen: eine Hamletmaschine (Hamletmaschine, immer wieder Hamletmaschine) zum Beispiel - die zwischen Küche und Couch angelegt - immerhin die Kartoffeln zum Tanzen bringen kann.
Den Höhepunkt der ersten Woche habe ich verpasst, er kam aus Frankfurt/Main. Close Up, der Digest eines Tanzabends nach Müller-Texten, choreographiert von Wanda Golonka, ehemals Tänzerin bei Pina Bausch. Mir bleibt die Erinnerung der anderen, die gesehen haben, was ich noch hören kann von der liegengebliebenen CD, Einsam der Titel: "Ich: ein Frachter ohne Frachten / Ich: ein Segel ohne Wind ..." Das haben sie gesungen, auf einen verlorenen Akkord, und der Tonträger spult einem das in die Hörgänge wie ein Virus, der immun machen kann gegen die Infektion mit dem Müller-Pathos, das die Franzosen, wie sie selber sagen, beinahe wie eine Krankheit lieben.
Zur nächsten Nacht im schwarz verhangenen Lichthof wieder: Hamletmaschine. Dieses Mal als Gastspiel aus Marseille. Regie Dominik Barbier, ein Pionier der Götzenschmiede. Zwei Stunden übersteuertes Rauschen. Ein sagenhafter Komödiant aus Algerien, einer aus Lyon, eine Tänzerin aus Sizilien, und alle auf verlorenem Gelände, das vom Bombardement der Klänge und der immer wiederholten Bilder zugeschissen wird. Texte werden zumeist projiziert, der Rest entwickelt sich aus zu Sprechröhren geknebelten Körpern, die nicht mit sich und niemand sonst kommunizieren. Hier spricht Elektra. Hier spricht Ophelia. Hier spricht das Pathos, das Blei. Müllers kurzgefasste Theatertheorie - die Toten zum Sprechen zu bringen - ist hier bislang ins Gegenteil verkehrt. Tokio veranstaltet nächstes Jahr eine internationale Hamletmaschinenfabrik; möglicherweise hat Japan die bessere Technik im Totenausgraben.
Radio France Culture streift durchs Publikum mit Fragen: Warum ist Heiner Müller so vergessen in der Sprachheimat? Warum wird er hier gespielt? Interessiert Sie dieser Autor und wenn ja, warum? Jean Jourdheuil (Frankreichs Müller-Wegbereiter, Übersetzer, Autor, Regisseur) sagt, die Subsistances sind ein DDR-Zitat: überschaubar, innen alles monochrom, drumherum eine Mauer, draußen der Fluss, der Verkehr und die Werbung. Man will raus, aber man weiß nicht, wohin, also bleiben. Die Mauer ist das Denkmal des Wanderns, Dialektik im Stillstand. Ein Ort, von dem aus man nur nach Utopien suchen kann. Statt nach Wasser oder Öl muss hier nach Zukunft gebohrt werden im Material der Müller-Texte. Und das tun sie. Warum es die Franzosen, nicht die Deutschen sind, die das tun, hat vielleicht mit ihrem historischen Vorsprung zu tun. Die so geschichtsbewusste Grande Nation, Erfinderin der Menschenrechte und des roten Terrors, hatte als erste das "Ende der Geschichte erreicht", und wer sich am Ende eines Weges glaubt, sieht im Blick zurück vielleicht mehr. Das Schuldgefühl der ostdeutschen Mitläufer der Geschichte haben sie hier nicht, hier sind sie bloß Verlierer, vielleicht die produktivere Position.
Fremd bin ich ausgezogen, fremd zieh ich wieder ein. Müller (Heiner) mit Müller (Wilhelm) gelesen, muss nicht Situationsbeschreibung sein, hilft aber weiter. Das gewohnte Fremdheitsgefühl, das nach einem Vierteljahrhundert DDR-Biographie einem in der weiten Welt wie Kaugummi am Hacken klebt, wohin man auch wandert, bewährt sich hier. Von einem Ende der Geschichte komme auch ich: der Kommunismus stand unmittelbar bevor, die Kinderkrankheiten heilten gerade ab, danach käme das goldene, letzte Zeitalter; erst in der Sowjetunion, dann bei uns, dann überall, der Horizont pionierhimmelblau. Schön und beruhigend zuerst, dann zunehmend öde, leer und vor allem im Kontrast zur eindimensionierten Gegenwart. Also: Geschichte und der Wunsch, früher gelebt zu haben, früher und von vorne beginnen zu können. Heimat war ein Wort in Großbuchstaben, schwer wie ein Gesetz, und wenn man nach vorne nicht konnte, tauchte man ab ins Vergangene. Eine haltlos schwankende Situation, der ich wiederbegegne, auf der anderen Seite der Geschichte, auf derselben Bühne wie die Spieler hier.
Ausflug in die Berge. Ich, der bislang dachte, dass Westfalen oder Bayern die ausgefegteste Sterillandschaft hat, sehe mich belehrt; hier kannst du nur wegfahren, wo jeder Wanderweg mit Verbotsschildern verstellt ist, wo alltags Ruhetag ist, wo das EU-Regelwerk jeden Biotop marktgerecht kastriert hat. Wo Umweltverschmutzung, wie Müller gesagt hat, die letzte Hoffnung ist. Wo selbst die Natur nur zur Reklame steht für sich selbst.
Zurück in Lyon, Les Subsistances. Aus der falschen Welt draußen in die echte des Theaters. Scènes, 20 gleichberechtigte Schauspieler, Musiker, Ausstattungs- und Verwaltungsarbeiter, die seit 1987 dreißig Inszenierungen und acht Filme produziert haben, sehen die Factory als Resümee der vergangenen zehn Jahre. Das Müller-Repertoire wird ein letztes Mal gezeigt. Philippe Vincent, Kopf der Compagnie hat von Mauser bis Germania 3 neun Müller-Stücke inszeniert. Der kommerzielle Erfolg allerdings war mit Genet beschieden, den Zofen. Das wird die Factory nicht bieten können, der finanzielle Verlust wird den Produktionen der nächsten Jahre in den Rücken fallen. Arbeiten und nicht Verzweifeln; die nächsten zehn Jahre werden ohne Müller auskommen müssen. Vorerst und zum Abschied spielen sie Müller: Anatomie Titus Fall of Rome Un Commentaire de Shakespeare.
Die radikale, rasende Inszenierung von Müllers Spätcollage ("Der Menschheit / Die Adern aufgeschlagen wie ein Buch / Im Blutstrom blättern", das in der DDR noch unterschlagene Motto) nach Shakespeares The Most Lamentable Roman Tragedy of Titus Andronicus ist neben Brechts Fatzer die aufwendigste der Compagnie. Soviel Blut und Großbuchstaben hat Müller nie zuvor und nie danach gebraucht, und Vincent verbraucht das alles nach Brechts Theorie der Schwesterkünste, die Müller zum Grundsatz vom Demokratismus in der Ästhetik umformuliert hat: "Gleichberechtigung von Elementen, aus denen eine Theateraufführung sich zusammensetzt: das Licht ist genauso wichtig wie der Ton und die Kostüme und das Bühnenbild ist genauso wichtig wie das, was gespielt wird, wie der Text. Und das ist angenehm."
Angenehm ist nicht unbedingt, was Vincent inszeniert, aber was die Gleichberechtigung der Elemente in einem Spiel, das die Grenzen der Wahrnehmung übersteigt, angeht, ist das höchstes Niveau. Präzise, überfordernd, überbordend im Angebot. Vielleicht spielt Scènes das, was Müller einen Autorentraum genannt hat: Schreiben in der Geschwindigkeit des Denkens. Und wenn Denken tatsächlich frei machen kann, wird man hier, gesetzt, man lässt sich auf zwei und eine halbe Stunde Trommelfeuer ein, frei genug zum Denken. Mitdenken einer kollektiven Spielform, die Müller - mit seinem Aufriss von Kulturzusammenhängen, Brechts Lehrstücktheorie plus Kommentar plus Einbezug eines Autoren-Ichs - vorgibt.
Der letzte Tag. In der alten Boulangerie spielen sie mein Stück, das sie in ihrer Übersetzung Mon Pays en Pièces genannt haben, "mein Land in Stücken". Heimatstück, ins Französische nicht übersetzbar, weil es das Wort Heimat in ihrer Sprache wie in jeder anderen nicht gibt. Auch ich weiß nicht, was Heimat ist, außer, dass es etwas ist, wovon man ausging; ein Rätsel, ein Geheimbund vielleicht, zu dem nur die sich selbst so unbewusste Kindheit, höchstens Jugend Zugang hat, der Rest ist Suche bis zur letzten Landschaft.

00:00 26.07.2002

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