„Gelogen wurde immer“

Interview Der Podcaster Virgil Texas steht für Linkssein und vulgäre Witze. Dass Trump die Realität leugnet, findet er nur konsequent
„Gelogen wurde immer“
Gott, sind die böse, schräg und irgendwie anti

Illustration: Graeme Shorten Adams

Fanatiker, Frauen- und Fremdenfeind, einer, der die englische Sprache so foltert, dass George W. Bush in Verlegenheit geriete. Das ist der Sermon vieler US-Linker über Donald Trump. Eine der ärgerlichsten Folgen seiner Wahl vor zwei Jahren ist, dass legitime Kritik sich nun oft zu nah am Klischee bewegt. Jenseits des Klischees bewegen sich Chapo Trap House. Der Podcast, der sich durch Crowdfunding finanziert, hat sich auf die Scheinheiligkeit vieler Demokraten genauso eingeschossen wie auf republikanische Vetternwirtschaft, ungerechte Sozial- und Wirtschaftspolitik.

Chapo Trap House, die sich nach dem mexikanischen Drogenboss Joaquín „El Chapo“ Guzmán benannt haben („Trap House“ ist ein Slangwort für Drogenlabor), sind ein Megafon für den Frust über ein System, in dem Trump Präsidentschaftskandidat und Bernie Sanders als aussichtsreichster demokratischer Kandidat parteiintern sabotiert werden konnte. In ihrer Mischung aus Kapitalismuskritik, Vulgarität, Videospiel- und Memekultur kanalisiert die Show den Ärger einer „dreckigen“ Linken („dirtbag left“, ein Begriff, den Amber A’Lee Frost geprägt hat), einer Generation mit bescheidenen wirtschaftlichen Aussichten. Gemäßigte Demokraten sieht sie als willfähriges Instrument des Neoliberalismus, der die Ungleichheit im Land bloß vergrößert. Trotz heftiger Kritik auch von links hat man vor allem in der Bewegung der Democratic Socialists of America (DSA) ein großes, politisch aktives Publikum. Dass sich deren Kandidatinnen Alexandria Ocasio-Cortez oder Julia Salazar gegen mächtige Amtsinhaber durchsetzen konnten, ist sicher nicht Verdienst eines mit Respektlosigkeiten gespickten Podcasts. Geschadet hat er ihnen sicher nicht.

der Freitag: Wie erklären Sie Leuten mit gesetzlicher Krankenversicherung die „dirtbag left“?

Virgil Texas: Ich glaube, Ihre Leserschaft ist eine der wenigen, denen ich versichern kann: „Wir sind ganz normale Leute.“

Welche Rolle spielten Sie beim Aufstieg von Kandidaten der Democratic Socialists?

Ich unterstütze die DSA, aber mein Engagement ist beschränkt. Es gibt viele, die beim Aufbau einer sozialistischen Massenbewegung die wirkliche Arbeit leisten. Wie viele Linke habe ich einen Standpunkt. Obwohl das großspurig klingt, versuche ich, ihn anderen nicht aufzudrängen. Niemand weiß ja genau, was Mobilisierung in einer Zeit, in der der Kapitalismus gewonnen hat, bedeutet. Ich unterstütze Gewerkschaften und Kandidaten, die antikapitalistische Ziele verfolgen, wie Ocasio-Cortez und Salazar. Ich habe große Hoffnungen in die DSA, denn jede andere Perspektive ist Nihilismus.

Ihr Buch zeichnet die USA als bösen, globalen Puppenspieler. Inwiefern ist das, was Sie machen, spezifisch amerikanisch?

Ich glaube nicht, dass wir die USA jemals einen bösen Puppenspieler genannt haben. Klingt aber extrem cool und erinnert an Insane Clown Posse, unsere zweitliebste Rapband nach Capitol Steps. Dass meine Perspektive sehr amerikanisch ist, hat nichts mit Chauvinismus zu tun, sondern damit, dass meine gelebte Realität amerikanisch ist. Die USA sind das Herz der globalen kapitalistischen Ordnung. Ich glaube nicht, dass sich in ihrer Einflusssphäre ein Sozialismus entwickeln kann, solange CIA und Dollar noch existieren. Ich kenne die Stimmung in Europa nicht, aber ich denke, dass die meisten Ihrer Leser es höchst bedauerlich finden, dass Österreich oder Ungarn der extremen Rechten anheimfallen. Wenn die USA faschistisch würden, fänden sie das aber sicher katastrophal.

Zur Person

Virgil Texas ist neben Will Menaker, Matt Christman, Felix Biederman und Amber A‘Lee Frost Teil des Podcasts Chapo Trap House. Zur Institution wurde die Show während der Vorwahlen zur US-Wahl 2016. Vor kurzem erschien The Chapo Guide to Revolution: A Manifesto Against Logic, Facts, and Reason (Touchstone), das es sofort auf die Bestenliste der New York Times schaffte. Auf der Plattform Soundcloud kann man sich mit eigenen Ohren davon überzeugen, wie sich Chapo Trap House anhören: https://soundcloud.com/chapo-trap-house

Andrew Beitbart dachte, und darin folgte er dem Hegemomnietheoretiker Antonio Gramsci, dass Politik der Kultur nachgeordnet sei. Zwischen halbarschigem Marxismus und halbarschigem Gramscianismus sei Ersteres vorzuziehen, sagen Chapo Trap House.

Generell sind wir uns einig, dass die linksliberale Fixierung auf den Kulturkampf kontraproduktiv ist. Aber ich sehe es nicht so starr. Natürlich hat Kultur, also Nachrichtenmedien, Unterhaltung, Kunst und Religion Einfluss auf die Ansichten der Leute. Sie kann Vorurteile herausfordern oder verstärken. Stellen Sie sich vor, die hart rechten Typen hätten totale Medienkontrolle. Jede Fernsehsendung würde propagieren, dass LGBT-Personen Tiere und Nicht-Weiße arbeitsscheue Vergewaltiger und Terroristen sind. Ich bin sicher, dass deutsche Leser diesem Gedankenexperiment folgen können.

Die Bestätigungsanhörungen für Brett Kavanaugh und die Aussage von Christine Blasey Ford, die ihn des sexuellen Übergriffs bezichtigt, wurden in den amerikanischen Medien als ein Wendepunkt bezeichnet. Wie sehen Sie das?

Die Leute, die vor den Anhörungen Arschlöcher waren, werden nicht aufhören, Arschlöcher zu sein. Ich denke aber, dass eine beträchtliche Zahl von zuvor schwankenden oder unentschlossenen Frauen sich nun dauerhaft von der Republikanischen Partei entfremdet hat. Die GOP hat Kavanaugh nur deshalb durchgedrückt, um das Patriarchat zu stützen. Ich glaube, sie werden dafür einen Preis zahlen. Das hängt aber davon ab, ob man politische Strukturen aufbauen kann, die aus dem weit verbreiteten Widerwillen gegen diese selbsternannten und räuberischen Privatschulen-Eliten, die einen Großteil unserer Regierung ausmachen, Kapital schlagen.

Viel von dem Misstrauen gegenüber und ein großer Teil der Kritik an Donald Trump konzentriert sich auf seine Lügengeschichten und Täuschungsmanöver. Ist Trumps Verlogenheit das Hauptproblem?

Die Frage ist, ob die Heuchelei größer geworden ist. Ich bin mir da nicht sicher. Ich bin alt genug, um mich an die Lügen über den Krieg im Irak oder gegen den Terror zu erinnern. Die Politik im Kalten Krieg hat Millionen Menschenleben gekostet. Trumps Realitätsverleugnung bildet den logischen Endpunkt eines halben Jahrhunderts Konservatismus. Die Unglaubwürdigkeit von Demokraten, die auch das imperialistische Projekt verfolgten, macht es nicht besser. Als Sozialist erkenne ich demokratische Institutionen und Entscheidungen auf Faktenbasis an. Momentan denke ich aber, dass es im besten Falle müßig ist, sich ganz dem Kampf gegen Dummheit und Unehrlichkeit zu verschreiben.

Im Freitag nannte Joshua Cohen Alec Baldwin, der in der Comedy-Sendung „Saturday Night Live“ Donald Trump spielt, einen Hofnarren. Er sagte auch, dass Satiriker heute kein Risiko mehr eingingen, denn sie hätten keine Konsequenzen zu fürchten.

Mr. Cohen hat recht. Aber Kunst sollte ästhetisch beurteilt werden, nicht nach ihrer politischen Wirkung. Baldwins Trump ist deshalb so ätzend, weil er ätzend spielt und das Drehbuch ätzend ist. Wenn SNL ein wirklich wirkungsvolles Trump-Bild zeichnen wollte, sollten sie einen Fettsack in einer Windel zeigen, der in jedem Sketch schreit und sich zuscheißt. Allerdings sollte niemand auch nur einen Funken Hoffnung in die Kunst haben, wenn es darum geht, materielle Verhältnisse zu ändern.

Die Überschreitung „guten Geschmacks“oder des „politisch Korrekten“ scheint Sache der Rechten geworden zu sein. Ist Provokation heute schwieriger?

„Politisch korrekt“ heißt meist, dass Frauen, Nicht-Weiße, Behinderte und LGBT-Personen höflich darauf bestehen, dass ihre Würde geachtet wird. Als Künstler spüre ich keinen Druck von dieser Seite. Natürlich ist unser Humor oft transgressiv. Manche regen sich auf, aber damit hat es sich dann.

Nach den Charlie-Hebdo-Morden gab es international Diskussionen, ob die Karikaturen islamophob oder rassistisch waren. Es gab auch Kritiker, die sagten, dass die Karikaturisten und Verleger unverantwortlich gehandelt hätten. Was ist Ihre Meinung dazu?

Als überzeugter Verteidiger der freien Meinung verspreche ich, niemals das zu tun, was sie getan haben. Allen Feinden der freien Meinung sage ich: Bitte tötet mich nicht. Vielen Dank.

Sie wurden für Kritik an Obama und Clinton auch von links angegriffen. Sind die gemäßigten Demokraten Ihr Hauptgegner?

Ich glaube nicht, dass wir einen Hauptgegner haben. Wir machen über ziemlich viele Leute unsere Kommentare. Was Sie „gemäßigte Demokraten“ nennen, ist nur eines der dankbarsten Ziele für Satire.

Wie reagieren Sie auf Trolle und Hasskommentare?

Geduldig alle Interviewfragen beantworten.

06:00 05.12.2018

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