Gen Smolensk

Literatur Alexander Kluges Buch über Russland ist assoziativ, überraschend, schlau – ein 400 Seiten währendes Lesevergnügen
Gen Smolensk
Ein unbestimmtes Fernweh kann auch in Brandenburg beginnen: Mosaik am Rechenzentrum in Potsdam

Foto: Imago Images

Die „Russland-Liebe“ seiner Schwester Alexandra (1937 – 2017) habe ihn zu diesem Buch inspiriert, bekennt Alexander Kluge. Beide wurden sie in Halberstadt geboren und gingen dort zur Schule. Alexandra allerdings wurde noch von der DDR geprägt und lernte Russisch, während ihr älterer Bruder nach der Trennung der Eltern mit der Mutter nach Westberlin zog und dort sein Abitur machte. Im Buch steckt also auch eine deutsch-deutsche Geschichte, allerdings viel mehr als das. Es ist kein Sachbuch über Russland, eine Streitschrift gar für bessere bilaterale Beziehungen, doch wer derlei sucht, kann auch das im „Kontainer“ finden, muss aber tief graben und für Zwischentöne aufmerksam sein. Denn nur so lässt sich Alexander Kluges Arbeit genießen: indem man seinen Assoziationen folgt. Indem man die abgezirkelten Wege rationaler Festlegungen verlässt, diesen umzäunten Gedankenpark, wo alles voraussehbar scheint wie in einem altbekannten Film. Raus aus diesem Szenario! Ins Weite, ins Unbekannte.

Hinunter in die Weiten

Lesevergnügen über 400 Seiten. Seltsames Glück schon zu Beginn. Plötzlich kam mir die Erinnerung an einen Dachboden zu Kinderzeiten, wo ich stöbern durfte, während der Vater unten bei seiner Cousine saß. Staubteilchen im schräg hereinfallenden Sonnenlicht, Kartons voller ungeahnter Schätze: Bücher, Fotos, Schreibutensilien, Briefmarken sogar. Kaum tragen konnte ich, was ich so gern mit nach Hause genommen hätte. So steckt auch Kluges „Kontainer“ voller Überraschungen. Wovon handelt das Buch eigentlich? Der „ungeknechtete Stoff“, der den Materialien und dem Leser die „Freiheit lässt zu atmen“ – das ist seit jeher Alexander Kluges künstlerisches Metier gewesen. Natürlich gibt es eine wohlüberlegte Komposition, aber in die sind Leerstellen eingebaut, Freiräume. Und das in Bezug auf das Russland-Thema? Unbedingt. Schwarz-Weiß-Denken wird gar nicht erst in Betracht gezogen. Wenn Heiner Müller von einem „großen Rätsel“ sprach, das „für uns im Osten liegt“, ist damit der Energiestrahl benannt, auf dem sich die Texte bewegen. Viele, viele Abschnitte in fünf Kapiteln.

Das erste, „Alle Seelen Russlands weisen mit ihren Wurzeln zum Himmel“, beginnt mit Mussorgskis Oper Chowanschtischna, den Altgläubigen in Russland und führt weiter zu einer Nachricht an Außerirdische, die in einer russischen Weltraumsonde steckt. Wir werden die russische Astronomin Karina Sedowa kennenlernen, die uns noch einmal bewusst macht, dass wir nicht „nach oben in den Kosmos blicken, sondern von der Erdoberfläche hinunter in die Weiten des Himmels“. Ihr werden wir später nochmals begegnen. Aber erst einmal kommt uns Heiner Müller mit seiner auf der Bitterfelder Konferenz ausgesprochenen Prognose, dass das Energiereservoir der Sterne irgendwann ausgebeutet werden würde, was Alexander Kluge zu einer Vision von Trotzki aus dem Jahre 1922 bringt, zu den „Biokosmisten“ von 1917 und ihrem Traum von der Auferweckung der Toten, dem sowjetischen Raumfahrtprogramm und zur „Grundschwingung des Baikalsees“. Weiter geht es zur russischen Zirkuskunst und zu den Ansichten des Mönchs Andrej Bitow (nicht mit dem Schriftsteller zu verwechseln) über „morphische Felder“ in der Zeit. Dass Russland 1918 vom julianischen zum gregorianischen Kalender wechselte, hatte Folgen ...

Ausflüge in Bereiche, wo wir vielleicht noch nie waren, wo wir uns nicht recht auskennen. Reagieren deutsche Leser da anders als russische? Ist unsereins womöglich stärker befangen im Anspruch an vernünftige Struktur? Alexander Kluge hat mit Hilfe von Thomas Combrink so viel Material zusammengetragen – zu den Texten gibt es Fotos, Zeichnungen, Abbildungen von Filmszenen –, dass selbst der Anmerkungsapparat von über 40 Seiten interessante Lektüre bietet. Aber ein ihm unbekanntes Buch (weil auf Russisch) wäre ihm noch zupassgekommen: „Mentalitäten der Völker der Welt“ von Georgij Gatschew, der auf faszinierende Weise Gefühlslagen in Deutschland und Russland vergleicht. Kluge geht ja einen ähnlichen Weg, indem er in der Größe Russlands mehr als eine geografische Besonderheit sieht.

„Die Naturkräfte (des Geistes, der Körper, die Gelände) verhalten sich im großen Russland nicht schulmäßig“, lesen wir auf Seite 76, wo Juri Andropow, damals noch KGB-Chef, sich von Akademiemitglied Welizki Friedrich Engels’ Dialektik der Natur erklären lässt. Wir würden gern weiter zuhören, aber schon sitzen wir 1941 neben Joseph Goebbels im Flugzeug Richtung Smolensk. Ein Schneesturm erzwingt die Umkehr. Wie Napoleons und Hitlers Truppen siegesgewiss in die russischen Weiten eindrangen und gleichsam von ihnen gelähmt und verschlungen wurden, wird den Autor später noch ausführlicher beschäftigen. Womit sich Russlands Unbesiegbarkeit begründet, diese Frage bewegt ihn die ganze Zeit. „Die Fläche verzehrte den Stolz der Armee“, aber es kommt noch ein subjektives Moment hinzu und manches nicht Fassbare. Bei Schwester Alexandra stand Puschkin zwölf Mal im Regal. „Oft gehe ich als Schutzengel umher und erteile freundschaftlichen Rat“, heißt es bei ihm. Puschkins Novelle Der Schneesturm zeigt, so Alexander Kluge, wie sehr er Bruder in der Weltseele mit Heinrich von Kleist ist, und die Weltseele besteht, wie man weiß, nicht aus einem Geist, sondern „aus Milliarden Bruderschaften von Lebenden und Toten“. Menschenschicksale in vielen Episoden. Das „Gemütswasser, in dem unsere Entscheidungskräfte schwimmen“ – hier findet es mehr Anerkennung als üblicherweise.

Erkundung von Wortfeldern

Ansteckend ist die Begeisterung, mit der Alexander Kluge das „Vaterland der Besonderheiten“ (Andrej Platonow) erspürt, beginnend schon mit der Sprache. Mit Hilfe der Übersetzerin Rosemarie Tietze hat er nicht nur Bezeichnungen in Kyrillisch beigefügt, wenn ihn ein Wort besonders interessiert, er hat immer wieder auch „Wortfelder“ erkundet, am Schluss die Bezeichnungen für Weite und Freiheit: prostor und dal sowie swoboda und wolja. Dazu die Wörtchen awos, nebos und wrode. Die Sprache, da ist er nahe bei besagtem Georgij Gatschew, sagt viel über die Seele eines Volkes. Im Heute stecken Jahrhunderte bis zur jüngsten Gegenwart. Treffend Kluges „Memento für die verlorengegangene Perestroika“, bedenkenswert die Warnung des einstigen US-Außenministers James Baker 1991 vor der Demütigung einer Großmacht. „Die Rache aber werde die Vereinigten Staaten in etwa 40 Jahren unvorbereitet treffen …“

„Es war ein Raubzug.“ Wie das kam, wird in aller Knappheit hintergründiger als anderswo erklärt. Wissen in Andeutungen. Das macht die Lektüre so spannend. Abgebildet sind die „Räuber von Minsk“. Gespräche gibt es mit mehr als einem Geheimnisträger. Aber reizvoller noch ist für den Autor die Suche nach den „in unsere Realität eingerollten Dimensionen“. Bekenntnis auf Seite 272: „So schreibe ich in diesem Kontainer in Wahrheit auch nur von mir.“ Von der Sehnsucht, erstaunt zu werden, von der Sehnsucht nach Utopie. „Das innere Licht überdeckt von Waren“ – er will es, auch für sich, wieder hervorscheinen lassen. „Gibt es in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts einen Utopie-Horizont?“ Das ist die große Frage, und mir scheint, dass Alexander Kluge mit seinen 88 Jahren gern eine positive Antwort darauf hätte.

Sein Russland-Kontainer ist übervoll und für entdeckungshungrige Leser unerschöpflich. Ich komme vom Dachboden, glücklich, und kann kaum tragen, was mir interessant erscheint. „Das kannst du unmöglich alles mit nach Hause nehmen, du weißt, dass du nur ein ganz kleines Schränkchen für dich hast“, sagt mein Vater. „Aber wenigstens dieses Buch pack ein“, tröstet die Tante. „Ihr kommt ja wieder her …“

Info

Russland-Kontainer Alexander Kluge Mitarbeit Thomas Combrik, Suhrkamp 2020, 444 S., 34 €

Die Autorin und Literaturkritikerin Irmtraud Gutschke beschäftigt sich seit ihrer Jugend mit dem Thema Russland

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06:00 14.06.2020

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