Genau die andere Seite

Medientagebuch Nach Hitler - radikale Rechte rüsten auf

Hitler zieht immer. Das weiß nicht nur der Spiegel, der den "Gröfaz" darum gerne auf den Titel hebt. Auch das ZDF hat längst erkannt: Hitler bringt Quote. Und darum lässt es unseren Lehrer Doktor Knopp laufend dokumentarische Lehrstücke anfertigen - Hitlers Helfer, Hitlers Frauen, Hitlers Velours-Tapete. Auch die zuletzt in der ARD und auf Phoenix gezeigte Dokumentation führt Hitler im Titel. Doch sie widmete sich erstmals der Geschichte des Rechtsextremismus von 1945 bis heute - und verließ dabei dankenswerterweise Knoppsches Flachgewässer.

Nach Hitler - radikale Rechte rüsten auf versuchte sich in drei Teilen an einer umfassenden Gesamtdarstellung: Täter, Führer, Verführer. Das Ergebnis war eine ebenso sehenswerte wie beeindruckende Dokumentation, deren Autoren Jan Peter, Yuri Winterberg und Rainer Fromm ohne schmerzhaft simple Erklärungsmuster auskamen. Allerdings bewies bereits der erste Teil Täter: Manchmal ist die Wahrheit simpel. Auf dem rechten Auge war die Staatsmacht blind - hüben wie drüben. Im Westen begnügte man sich mit dem Feind Linksaußen, im Osten stand der Feind im Westen. "So beharrlich wie die Rechtsextremen seit 50 Jahren marschieren, so beharrlich werden sie verharmlost - und daraus beziehen sie ihre Kraft" - lautete die Anfangsthese des Films. Dabei begann der rechtsradikale Terrorismus in der Bundesrepublik spätestens 1979 mit den Anschlägen auf Sendemasten, die die Ausstrahlung der US-Fernsehserie Holocaust verhindern sollten. Es folgte die Bombe auf dem Münchner Oktoberfest, deren Explosion 13 Menschen in den Tod riss.

Zwar führten die Spuren immer wieder ins Umfeld der "Wehrsportgruppe Hoffmann", doch gerade das bürgerliche Lager sprach nach wie vor von "Versprengten". So muss dann auch Gerhart Baum, Bundesinnenminister a.D., eingestehen: "Rechtsextreme sind seit dem Krieg immer wieder unterschätzt worden."

Gleiches galt auch für die DDR. Dort pflegte die Staatsführung das offizielle Bild, dass Jugend "aus blaubehemdeten Frührentern" bestand, so der Film. "Die stärkste Opposition gegen den antifaschistischen Staat war die genau andere Seite", erklärt Ingo Hasselbach, prominenter Aussteiger der ostdeutschen rechten Szene. Schlüssig legte der Film nahe, wie sich Anfang der achtziger Jahre unter Hooligans eine neonazistische Szene entwickeln konnte. Doch das wollte niemand wahr haben, sagt die Soziologin Loni Niederländer, deren Studie über Rechte in der DDR Ende der Achtziger bei Parteiführung und Staatssicherheit Panik auslöste. Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte, verschwand die Studie im Giftschrank. Zu dem Zeitpunkt hatte man bereits begonnen, Rechtsextreme in Gefängnisse zu stecken, wo einsitzende Alt-Nazis die Gesinnung der Jung-Nazis erst richtig förderten, wie Hasselbach am eigenen Leib erfuhr. Radikalisiert und ideologisch gestärkt wurden die nach der Wende Amnestierten dann auf eine großteils orientierungslose Jugend losgelassen, in der sie regen Anklang fanden. Damit legte der Film erfreulicherweise eine etwas tiefgründigere Erklärung für die Ursachen ostdeutschen Rechtsextremismus nahe als: arbeitslos-gelangweilt-rechtsradikal.

So gehörten die Passagen über die DDR zu den aufschlussreichsten Momenten dieser Dokumentation. Schade nur, dass der Film nichts über Rechtsextremismus in der jungen DDR erzählte. Gab es den vor den Achtzigern nicht? Die Vorkommnisse in Hoyerswerda, Rostock und Solingen wurden wohl nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Viel Neues erfuhr man nicht. Auch aktuelle Anzeichen des neu aufkeimenden rechten Terrorismus fanden nur sehr kurz Erwähnung. Zwar berichteten Aussteiger von immer radikaleren Gruppen, die sich für gezielte Attentate Waffen beschaffen, aber hier blieb der Film nebulös. Verfassungsschutz-Chef Heinz Fromm sprach zwei nichtssagende Sätze. Und half auch nicht weiter.

Um so konkreter widmete sich der zweite Teil Führer den Köpfen des politisch organisierten Rechtsextremismus. Auch wenn die Autoren die angekündigte Darstellung der Verflechtungen in der rechten Szene schuldig blieben, wurde doch erneut deutlich, wie tief der braune Sumpf war und ist. Ausgangspunkt war Alt-Nazi Otto Ernst Remer, der nach dem Krieg im Geist der NSDAP die Sozialistische Reichspartei führte, bis sie Anfang der fünfziger Jahre verboten wurde. 1964 vereinigte sich die extreme Rechte erneut, diesmal in der NPD. Sie verpasste 1969 unter Adolf von Thadden nur knapp den Einzug in den Bundestag. Einige Wähler waren wohl verschreckt von den Gewaltexzessen des NPD-Ordnungsdienstes, der Versammlungen in SA-Manier vor Gegen-Demonstranten "schützte", wie die eindringlichen Originalaufnahmen zeigten.

Erst 1978 fand die rechtsradikale Jugend wieder einen Führer in Michael Kühnen. Sein Konzept war die Provokation: "Natürlich sind wir Nationalsozialisten", gab er unumwunden zu. Doch sein Einfluss währte nur kurz. Immer wieder wurde er zu Haftstrafen verurteilt. Spätestens, seit seine Homosexualität bekannt wurde, verlor er die Kontrolle über die "Bewegung". Sofort nach dem Mauerfall tauchte er wieder auf und begann, die Ostberliner Szene zu organisieren, erinnert sich Hasselbach, dem damals gar nicht klar war, "dass wir deren Rettungsanker waren".

Schönhuber und seinen Reps gaben die Autoren ebenso Raum in der Dokumentation wie Gerhard Frey und seiner DVU. Vor allem dessen Millionengeschäft mit brauner Traditionsliteratur und Devotionalien wurde im dritten Teil Verführer behandelt. Wie auch die heutigen "Hauptverführer": Plattenfirmen, die Musik rechtsradikaler Bands verlegen. Eine Investition in die rechte Zukunft, wie Torsten Lemmer, Chef des größten rechten Musikimperiums erklärte: "Mit 30 hören die Leute vielleicht auf, die Musik zu hören, aber sie hören nicht auf, rechts zu denken." Gerade im Osten Deutschlands gibt es inzwischen mehr als nur Ansätze zu einer rechten Jugendkultur. So war dann auch die Erkenntnis des dritten Teils: Nazi ist Pop. Rechts ist schick. Hitler zieht eben immer.

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00:00 29.06.2001

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