„Gender raus! Oder ich werd zum Nazi!“

Gastbeitrag Sarah Waterfeld vom Kollektiv „Staub zu Glitzer“ über die Situation vor der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Hygienedemos, linke Gegenproteste – und mediales Versagen
„Gender raus! Oder ich werd zum Nazi!“
Obwohl man zumindest momentan ein gemeinsames Interesse teilt, gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der Polizei schwierig

Foto: Odd Andersen/AFP/Getty Images

Schon damals gab es Leute, die sich nicht damit abfinden wollten, dass sie nicht eingeladen waren zur Spielzeiteröffnung 17/18, zu B6112 – einer queerfeministischen, antirassistischen transmedialen Inszenierung des Kollektivs Staub zu Glitzer an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

„Gender raus! Oder ich werd zum Nazi!“ plärrte es aus den Lautsprechern bei einer Kundgebung vor dem Theaterhaus nach der polizeilichen Räumung, bei der möglichst viele zu Wort kommen sollten. Wir taten das als plumpe Provokation ab. Hätten wir diese Drohung doch nur ernst genommen.

Alarmiert war die linksaktivistische Szene Berlins unmittelbar, als vor sieben Wochen ein sogenannter „Demokratischer Widerstand“ auf den Plan trat. Eine durch die Corona-Krise aufgepeitschte Gruppe erklärte öffentlich, die aktuelle Regierung samt der parlamentarischen Ordnung unverzüglich abschaffen zu wollen und zugleich die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zu beanspruchen. Aktuelle und parallel stattfindende linke Proteste, Besetzungen, Demonstrationen oder Online-Diskussionen ignorierten sie dreist und erklärten sich vollmundig zur letzten kritischen Instanz einer ansonsten verblendeten und obrigkeitshörigen Bevölkerung.

Während linke Aktivist*innen noch darüber diskutierten, ob die Hygiene-Organisator*innen womöglich an einer krisenbedingten Psychose litten und ob das überhaupt relevant sei, waren sich zeitgleich alle über die politische Verortung der Gruppierung einig. Schlagwörter und Phrasen der rechtsradikalen Szene, Verweise auf rechte Magazine, NS-Vergleiche, Denunziationen und ein neurechter Jargon in den Internetauftritten ließen keinerlei Raum für Zweifel: Da wanzten sich rechte Hetzer*innen an einen linken Kulturort heran.

Die Presse verschlief den Gegenprotest

Staub zu Glitzer informierte die Volksbühne, nachdem das Kollektiv Emails von besorgten Anwohner*innen erhielt, die sich fragten, ob das Theater wohl in die verschwörungsideologischen Umtriebe vor ihrer Haustür involviert sein könne. Immerhin behaupteten das die Hygiene-Initiator*innen, indem sie das Theater als Redaktionssitz ihrer Hetzzeitung angaben. In der Volksbühne jedoch hatten sie noch gar nicht mitbekommen, was sich da vor dem Haus zusammenbraute, denn das Theater befindet sich in Corona-Pause, Mitarbeiter*innen arbeiten im Homeoffice.

Etwa zeitgleich sprangen auch Presse und antifaschistische Recherchenetzwerke wie Friedensdemowatch oder Berlin gegen Nazis auf die neurechte Protest-Formation an. Nach diversen Telefonaten und dutzenden Rundmails trafen sich Mitte April fünfundzwanzig Delegierte linker Gruppen, Vereine, Bündnisse und Arbeitsgemeinschaften in einer ersten Online-Konferenz, um ein gemeinsames Statement zu formulieren. Mit dabei Vertreter*innen der Jugendtheatergruppe der Volksbühne (P14), Linksjugend Solid, FAJOC, LiJa, JAP, VVN-BdA, AStA TU, Berg- und Mieter-Partei und von Kollektiven wie Linie206, Potse, Drugstore, Syndikat und Reptiloide.

Am 24. April wurden Presse und Öffentlichkeit über das neu entstandene Bündnis in Kenntnis gesetzt, und schon am Tag darauf folgte die erste angemeldete und genehmigte Gegenkundgebung des frischen Zusammenschlusses. Die Presse verschlief den Gegenprotest weitgehend, denn mehrere hundert freakige Hygiene-Covidiots mit Grundgesetzen vor geschwollener Brust boten ein wesentlich spektakuläreres Bild als die erlaubten zwanzig Vertreter*innen von dreimal so vielen verantwortungsvollen Antifaschist*innen.

Dass die bloße physische Anwesenheit im Zuge der Infektionsschutzverordnung anders bewertet werden muss als sonst, war vielleicht noch nicht ins allgemeine Bewusstsein vorgedrungen. In Anbetracht mimetischer medialer Verbreitung von Handlungsoptionen ein verheerender Fehler. Medienverbände sind sich mit Verweis auf den „Werther-Affekt“ weitgehend darüber einig, nicht oder nur im äußersten Extremfall über Suizide zu berichten. Diesen mimetischen Effekt jedoch auch auf andere gesellschaftliche Phänomene zu übertragen, gelingt ihnen leider nicht. Schon klar, es ist immer ein Abwägen, Informationspflicht, Sülz – aber können wir nochmal über den Nazi-Effekt sprechen, bitte.

Der rechten Querfront-Strategie auf den Leim gegangen

Die über die Lockdownwochen aufgeheizte gesellschaftliche Situation hätte ein deutlich schnelleres Umdenken von Journalist*innen erfordert. Dann hätten sie mit ihren Berichten vielleicht nicht die bundesweite Neonaziszene auf den Plan gerufen, sondern sachlich dargestellt, dass da ein wesentlich größeres Bündnis gegen die Querfront auf die Straße ging – und zwar ohne Menschenleben zu gefährden und in enger Kooperation mit Versammlungsbehörde und Gesundheitsamt. Leider obsiegten in diesen ersten Wochen unseres Gegenprotests die voyeuristischen Reflexe.

Und auch in der Beschreibung der politischen Gemengelage gelang es vielen auf Anhieb nicht die rechte Querfront-Strategie zu entlarven. Die politische Situation gestaltet sich eben komplex und unübersichtlich und das nicht erst seit der Corona-Pandemie. Wie umgehen mit der Tatsache, dass die AfD völlig legal Willy Brandt und Sophie Scholl auf ihren Wahlplakaten abbildet und verunglimpft und so zum „Widerstand“ aufruft? Freilich gegen einen behaupteten „links-grün-versifften Merkel-Faschismus“ und nicht etwa gegen rechte Ideologien, Ausbeutung, Rassismus und Patriarchat.

So berichteten dann auch beinahe alle einschlägigen Tageszeitungen über die Hygiene-Demos, es handele sich bei den dort Anwesenden um eine Mischung aus linken und rechten Demonstrant*innen. Das ist faktisch falsch. Richtiger wäre es gewesen, darauf hinzuweisen, dass sich den Hygiene-Protesten offenbar auch Menschen angeschlossen haben, die sich fälschlicherweise oder aus strategischen Gründen als links bezeichnen.

Ebenfalls fehlinterpretiert wurde die Anwesenheit von jungen Menschen im klassischen Antifa-Look. Sie waren über unsere Netzwerke zwar nicht explizit eingeladen worden, denn die begrenzte Teilnehmer*innenzahl wurde in der Öffentlichkeitsarbeit stets mitkommuniziert, kamen aber dennoch, um Gesicht zu zeigen und gegebenenfalls Gespräche mit Verwirrten oder Orientierungslosen zu führen.

Linke tragen keine Horst Wessel-Shirts

Wenn ihnen der Zutritt zu unserer Gegenkundgebung von Ordnungskräften verwehrt wurde, stellten sie sich etwas abseits auf mit ihrem Schild oder Transparent, in der Hoffnung, dass ihre Botschaften wohl unmissverständlich als Gegenprotest zu erkennen wären. Vermutlich nicht die beste Idee, wenn auch gutgemeinter Support.

All dies blieb weitgehend unerwähnt in Zeitungs- und Fernsehberichten, die weiterhin vom Links-Rechts-Bündnis schwadronierten und offenbar nicht einmal den historisch gewachsenen Querfrontbegriff durchdrungen hatten. Querfront bedeutet nicht, dass sich Linke und Rechte zusammentun. Querfront bezeichnet eine rechte Strategie: die Vereinahmung linker Positionen durch Rechte. Nazis tragen dann etwa ein T-Shirt mit Che Guevara-Print und faseln von nationalsozialer Revolution. Es sind eben keine Linken, die Horst Wessel-Shirts tragen und sich megaperfide als Nazis tarnen, eigentlich aber globalen queerfeministischen Anarcho-Kommunismus wollen.

Erst am 8. Mai endlich erwähnte die rbb-Abendschau unsere mittlerweile 4. Gegenkundgebung. Vielleicht tat sie es zwangsläufig, denn von den Hygiene-Leuten waren einfach zu wenig aufgetaucht. Diesmal waren Dinosaurier und Reptiloide, die sich mit Antifa-Flagge zu Muezzinklängen auf den Stufen der Volksbühne bewegten spektakulärer als die leicht verdatterte NewWorldOrder-Impfgegner*innen-Fraktion. Sogar den antispeziesistischen Scherz der Bergpartei, die sich schon allein wegen der Absurdität der Gesamtsituation zur Reptiloiden-Verteidigung provoziert sah, hatten sie in den Nachrichten richtig wiedergegeben. Eine Woche zuvor wurde noch berichtet, es seien auch Personen vor Ort, die für Reptilien demonstrieren. Haben wir gelacht!

Die Richtigstellung erfolgte ziemlich schnell, wenn wir bedenken, dass es den meisten Autor*innen bis heute nicht gelingt, zwischen dem queerfeministischen Künstler*innen-Kollektiv Staub zu Glitzer als Urheber*innen und der transmedialen Inszenierung B6112 zu unterscheiden.

Lieber nicht die säuberlich zurechtgelegte Meinung kaputt recherchieren

Genausowenig scheinen sie begriffen zu haben, dass die Forderung nach einer strikten 50%-igen Frauenquote in allen Theater-Abteilungen, nach basisdemokratischen Prozessen, einer kollektiven Intendanz und der Zusammenarbeit mit der queerfeministischen linksradikalen Szene Berlins so ziemlich das Gegenteil der Castorf-Intendanz bedeutet. Wir bleiben „castorfhörige Jugendliche“ und „Kids“, die künstlerisch nix zu bieten hatten und politisch indifferent waren und sind. Schon Harry Frankfurt wusste von der großen Gefahr, die von „Bullshittellern“ ausgeht.

Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass bestimmte Leute überhaupt gar kein Interesse daran haben sachgerecht über Linksradikalität zu berichten. Vielleicht wollen sie sich ihre schöne Meinung auch einfach nicht kaputtrecherchieren. Ob Autor*innen damals und in den vergangenen Wochen den hufeisentheoretischen Bezugsrahmen wählten, weil sie es nicht besser wussten oder weil ihnen an der Verunglimpfung linkradikaler Positionen gelegen ist, muss jeweils im Einzelfall bewertet werden.

Im Gegensatz zu den rechten Verschwörungsideolog*innen sehen linksradikale Gruppen nämlich nicht etwa eine von ominösen Kräften „gleichgeschaltete“ Presse, sondern ganz unaufgeregt und schlicht eine bürgerliche Presse mit all ihren Vor- und Nachteilen, ihren progressiven und reaktionären, ihren opportunistischen und engagierten Vertreter*innen. Null Verschwörung – just business as usual.

Die Selbstbeschreibung von Personen sollte jedenfalls bei ihrer politischen Einordnung durch Journalist*innen und Wissenschaftler*innen eine untergeordnete bis gar keine Rolle spielen. Zu untersuchen sind vielmehr Forderungen und Ziele, Menschenbild, Verweise, Referenzen und Jargon. Menschen, die sich als linke Patrioten bezeichnen, sind nun mal Rechtsradikale. Klingt komisch, is’ aber so.

Eine Reichsbürger-Demo ist kein antifaschistischer Widerstand

Entsprechend schwierig gestaltete sich für unser linksaktivistisches Bündnis in den vergangen Wochen die Zusammenarbeit mit Polizei und Versammlungsbehörde, mit denen uns, bei allen sonstigen Differenzen, in der momentanen Lage zumindest das Interesse verbindet gegen die Corona-Leugnenden und deren demokratiefeindliche Radikalisierung vorzugehen.

Am 9. Mai zum Beispiel wurde uns telefonisch erklärt, dass auf dem Platz direkt neben uns noch eine weitere antifaschistische Kundgebung genehmigt worden sei. Wir bezweifelten die behauptete politische Ausrichtung vehement, denn über alle in Mitte geplanten Kundgebungen aus unserem politischen Spektrum waren wir informiert.

Bei unserer Ankunft stellte sich auch schnell heraus, dass es sich tatsächlich um Reichsbürger*innen und Esoteriker*innen im Hippielook handelte, die dem Aufruf Ken Jebsens gefolgt waren und gegen den vermeintlichen Impfzwang anmeditierten, oder so. Sie verfielen dann auch in Applaus, als eine unserer Redner*innen die bei den Hygiene-Demos anwesenden AfD-Rechtsaußen-Politiker*innen aufzählte. Mit Faschismus meint diese rechte Globuli-Posse nämlich den angeblichen „Merkel-Faschismus“ – erschreckend antisemitische „Kapitalismuskritik“, Antifeminismus und islamophobe Umvolkungsphantasien inklusive. Eine Verharmlosung der NS-Verbrechen und des Holocausts durch ihre Vergleiche wollen oder können diese Menschen in ihrer Selbstgerechtigkeit nicht erkennen. Om, Shanti, Om.

Nicht weniger verwirrend muss die Situation für die Intendanz der Volksbühne gewesen sein. Am 27. April wurde mit leichter Verzögerung eine Distanzierung von den Hygiene-Demos formuliert, nachdem unser Bündnis und Anwohner*innen schon seit Wochen plakatierten und flyerten, was das Zeug hielt und sich auch die Jugendgruppe P14 dem Bündnis öffentlich angeschlossen hatte. Für die Intendanz sind die Hygiene-Organisator*innen keine Unbekannten, denn in einem Gespräch vor zwei Jahren forderten sie als Mitglieder des NIE-Kollektivs nach dem Rückzug von dem Typen mit dem Schal und dem Einzug von dem Typen mit dem Hut den grünen Salon für ihre Theatergruppe und 1,5 Millionen Euro Budget.

Weiterhin die Hufeisentheorie zu bemühen, wäre fahrlässig

Aufgrund unüberwindbarer politischer Differenzen waren sie Monate zuvor aus dem queerfeministischen Staub zu Glitzer-Kollektiv ausgeschlossen worden und waren fortan bemüht, sich einen Namen in der Off-Theaterszene zu machen. Mit wechselnden Mitgliedern und in unterschiedlichen Konstellationen wurden im Neuköllner „Kellerclub“ Partys, Jam-Sessions, Diskussionsformate und Theaterabende veranstaltet. Einmal saß Simon Strauß auf dem Podium. Zufall?

Eindeutig politisch positionieren wollte sich die Gruppe schon 2018 nicht. Feminismus, Antirassismus oder Antikapitalismus waren ihnen „gefährliche Ideologien“, die die Totalität der Kunst gefährdeten. Feministinnen waren für sie Spalter*innen, Links-Rechts-Verortungen überholt. Motive, die sich heute auch im Hygiene-Narrativ wiederfinden lassen. Kontakte in die linke Szene gab es über die Jahre zahlreiche, doch viele Gruppen und Weggefährt*innen wandten sich entsetzt ab. Heute wissen wir, dass sie gut daran taten.

Mittlerweile will auch das NIE Kollektiv nichts mehr mit dem Hygiene-Lager zu tun haben und wird wohl in den kommenden Wochen vieles aufarbeiten müssen. Es bleibt ihnen zu wünschen, dass sie noch mal ganz hart über ihre Position zum Patriarchat reflektieren. Doch damit sind sie nicht allein, denn auch andere Verlage und Initiativen werden sich intern mit unangenehmen Fragen zu angeblichen Nebenwidersprüchen auseinandersetzen müssen.

Dass die Volksbühne Berlin ihren Schriftzug und das Räuberrad verhüllte und Botschaften aussendete wie „Unteilbar“ oder „LeaveNoOneBehind“ waren richtige Schritte. Nun liegt es an den Publizist*innen, die komplexe Situation hinreichend zu analysieren und querfrontlerischen Stolperfallen rechtzeitig auszuweichen. Hier weiterhin die Hufeisentheorie zu bemühen, wäre fahrlässig und wird den vielen engagierten Antifaschist*innen unserer Stadt, die auch in der kommenden Zeit gegen faschistoide Gesinnungen in unserer Mitte angehen werden, nicht gerecht. Und wenn sich die Neurechte noch so große Mühe gibt, unsere Idole, Symbole und Erzählungen zu vereinnahmen, gewiss ist, dass Anwohner*innen, Volksbühne und linke Gruppen den Rosa-Luxemburg-Platz nicht und niemals einer rechten Querfront überlassen werden.

Verzweiflungszynismus ist keine Option

Gleichzeitig werden wir – gänzlich unabhängig von den Gefahren dieser Pandemie und ohne Unterlass – das Patriarchat, jeglichen Rassismus, Antisemitismus, Homo- oder Transphobie, Klassismus, Ausbeutung und Sklaverei, die Zerstörung der Umwelt, Grenzen und deren mörderische Sicherung bekämpfen und gleichwertige, solidarische Lebensverhältnisse für alle Menschen fordern, weil Verzweiflungszynismus keine Option ist, weil wir die Menschheit noch nicht aufgegeben haben.

Alerta!

Sarah Waterfeld ist Sprecherin des Künstler*innen-Kollektivs „Staub zu Glitzer

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14:21 12.05.2020
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