Von wegen Gender-Gaga: Sprache verändert sich eben

Kulturkampf Der Autohersteller Audi hat sich einen internen und externen Leitfaden in Sachen gendergerechter Kommunikation gegeben. Das schmeckt nicht allen. Ein Mitarbeiter verklagt den Konzern wegen Männerfeindlichkeit
Vorsicht! Zerbrechliche Männlichkeit bei manchen Audi Mitarbeitern – besser mit Samthandschuhe anfassen
Vorsicht! Zerbrechliche Männlichkeit bei manchen Audi Mitarbeitern – besser mit Samthandschuhe anfassen

Foto: Alexander Hassenstein/ Getty Images

Die Gender-Frage ist wieder da. Diesmal ist der Streit so groß, dass er vor Gericht gelandet ist. Alexander B. gegen Audi. Er ist Audi-Mitarbeiter und fühlt sich von seinem Arbeitgeber diskriminiert. Weil der Autokonzern Anfang 2021 beschloss, dass ab sofort in der internen und externen Kommunikation gegendert werden solle. Alexander B. möchte aber in seinen Mails nichts von „Audianer_innen“ lesen. Audi soll es unterlassen, in der Kommunikation mit ihm zu gendern. Wenn nicht, soll der Autobauer verpflichtet werden, 100.000 Euro Strafe zu zahlen. Gegenüber der Bild sagte Alexander B., der Gender-Leitfaden von Audi sei „unausgewogen und sogar männerfeindlich“.

Das Gendern ist zu einem Kulturkampf geworden. Angefeuert vor allem von Menschen, die unter keinen Umständen gendern möchten. Sie reden von „Gender-Gaga“ und von „Gender-Wahnsinn“ und wähnen sich in einer Sprachdiktatur. Das Gendern ist wie so viele andere gesellschaftlichen Fragen zur Ideologie geworden. Dabei gehört es dort überhaupt nicht hin.

Wir wissen, dass unser Gehirn das generische Maskulinum in der Regel mit einem Mann verbindet. Hören wir „Die Lehrer“ oder „Die Busfahrer“, assoziiert unser Gehirn das mit dem männlichen, nicht mit anderen Geschlechtern. Weil wir das so gelernt haben. Das heißt, dass das weibliche und andere Geschlechter in der Sprache ausgeschlossen werden. „Mitgemeint“ funktioniert nicht. Das macht unser Gehirn nicht mit. Wenn Alexander B. also sagt, dass die gegenderte Form „männerfeindlich“ sei, argumentiert er für das Gendern. Nur anscheinend ohne sich der Ironie seiner Worte bewusst zu sein.

Sprachveränderungen sind kein linearer Prozess

Sprache verändert sich, konstant. Wir sprechen heute anders als vor zwanzig Jahren. Es entstehen neue Wörter, andere verschwinden. Wir drücken in unserer Sprache Werte aus, die Art, wie wir reden, zeigt, wie wir denken. Nun gibt es immer mehr Menschen, die in ihrer Sprache inklusiv sein möchten, weil ihnen dieser Wert besonders wichtig ist. Sie beschäftigen sich mit diskriminierungssensibler Sprache und gendern. Andere werden das nicht tun. Das heißt nicht, dass sie nicht inklusiv denken. Vielleicht wollen sie ihre Sprache nicht verändern, vielleicht sind sie noch nicht so weit, vielleicht wissen sie auch nichts vom Gendern, weil sie es nirgendwo hören und nicht jeden Tag auf Twitter unterwegs sind und die Debatten mitbekommen.

Sprachveränderungen sind kein linearer Prozess, nicht alle Menschen sind gleichzeitig gleich weit. Wenn viele Menschen das Gendern für gut und sinnvoll halten, wird es sich in der Sprache durchsetzen. Ge- und Verbote bringen wenig, Diskussion und Austausch schon mehr. Vielleicht wird irgendwann die Mehrheit der Menschen gendern, vielleicht auch nicht. Das Gendern macht niemanden zum besseren oder schlechteren Menschen, es ist einfach eine Entscheidung. Und es hilft, wenn es, wie zum Beispiel im Fall von Audis Gender-Leitfaden, Vorbilder – nicht nur in der Wirtschaft – gibt.

Menschen wie Alexander B. oder der „Verein Deutsche Sprache“, der seine Klage unterstützt, wehren sich gegen diesen Prozess der Sprachentwicklung. Weil sie wissen, dass die Sprache sich verändern wird. So wie sie das schon immer getan hat. Also erfinden sie einen Feind, den es nicht gibt. Bei Alexander B. ist Audi zum imaginären Feind geworden. Bei anderen ist es die „woke“-Szene. Die Alexander B.s dieser Welt ideologisieren, schreien, klagen. Sie könnten auch einfach weiter nicht gendern, niemand hindert sie daran.

Und genau deswegen kann für alle anderen gelten: Keep calm and gender on.

Gilda Sahebi ist Journalistin und Trainerin für diskriminierungssensible Sprache

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