Generation Wohlstand

Deutschland Sie sind im Kern unpolitisch, vor allem auf ihre Sicherheit bedacht – und das stärkste Gefühl, zu dem sie fähig sind, ist Selbstmitleid. Zum 50. Geburtstag der Babyboomer
Martin Rupps | Ausgabe 19/2014 30

Einemilliondreihundertsiebenundfünfzigtausenddreihundertvier. Wer über den Jahrgang 1964 schreibt, braucht Platz. Die Frauen und Männer dieses Jahrgangs erst recht. Niemals vorher und nie mehr später wurden in beiden deutschen Staaten so viele Kinder geboren. Einemilliondreihundertsiebenundfünfzigtausenddreihundertvier. Im Laufe dieses Jahres wird also immer irgendwo ein 50. Geburtstag gefeiert, das größte Fruchtbarkeitsfest in der deutschen Geschichte.

Aber was macht das eigentlich mit einem Land, wenn die größte deutsche Alterskohorte 50 wird? Einerseits nichts, andererseits sehr viel. Denn die Spitzenjahrgänge der frühen sechziger Jahre torpedieren jene natürliche Generationenfolge, die mal für Phasen der Konsolidierung, mal für dialektische Erneuerung sorgt. Diese Masse von Menschen wird im nun gerade beginnenden sechsten Lebensjahrzehnt nicht kürzer treten, wie noch deren Eltern und Großeltern es taten, sondern politisch relevant bleiben wollen. Plötzlich stehen nicht mehr die Jungen gegen die Alten, sondern die Alten gegen die Jungen. Das wird eine spannende Auseinandersetzung, denn die Babyboomer sind eine im Kern unpolitische, vor allem auf Sicherheit und Wohlstand bedachte Kohorte, die für die Anspruchsgesellschaft längst vergangener Zeiten steht. Reformen? Nein, danke! Umbau von Sozialsystemen? Bloß nicht! Generationengerechtigkeit für die Jüngeren und ganz Jungen? Mit uns auf keinen Fall!

Der Jahrgang 1964 als Spitzenjahrgang war dabei kein Unfall oder Zufall. Der Babyboom kam zwar wegen des Krieges mit Verzögerung nach Deutschland, zwischen 1949 und 1958 aber stiegen die Geburtenzahlen langsam und stetig an. Im Jahr 1959 nahm der Boom dann richtig Fahrt auf, um schließlich im Jahr 1965 einzuknicken, weil die Antibabypille, 1961 auf den Markt gekommen, ihre Wirkung zeigte. So hohe Geburtenzahlen wie in den Jahren der Babyboomer wurden seither nie mehr erreicht.

Kinder der Nachkriegskinder

Massenhafte 50.-Geburtstags-Feiern sorgen auch für eine massenweise Rückschau auf das individuelle, nunmehr ein halbes Jahrhundert alte Leben. Ein guter Anlass, einmal zurückzublicken und zu fragen: Warum sind wir eigentlich, wie wir geworden sind? Haben wir das Land geprägt oder das Land uns? Mit anderen Worten: Wer machte uns letztlich zu denen, die wir sind? Und: Haben wir unser Schicksal wirklich in die Hand genommen?

Die Eltern der Babyboomer waren die von der Journalistin Sabine Bode in ihrem Buch beschriebenen Nachkriegskinder, die in das Feuer zerbombter Städte und die Todesangst im Luftschutzbunker hineingeboren wurden. Die Kinder der Nachkriegskinder wissen davon nichts, sie haben keine Trümmer gesehen und nie wirtschaftliche Not erlebt. Dennoch, die Verhältnisse blieben erst einmal materiell bescheiden: Jüngere Geschwister trugen die Klamotten der älteren auf, „Tri Top“ mit Leitungswasser ersetzte teureren Orangensaft, Kinder schliefen im Stockbett, weil nur ein Zimmer zur Verfügung stand. Doch die Mütter und Väter waren zum gesellschaftlichen Aufstieg ihrer Kinder entschlossen. „Ihr sollt es einmal besser haben“, lautete das Mantra. Also länger zur Schule gehen, möglichst studieren, auf jeden Fall einen angeseheneren Beruf ergreifen als sie selbst.

Die Voraussetzungen waren dafür so günstig wie nie vorher und nie mehr danach. Die Wirtschaft florierte, das Einkommen der Väter stieg jedes Jahr kräftig (zum Beispiel 1973 im öffentlichen Dienst deutlich über zehn Prozent). Der Wohnungsbau florierte – 1974 erreichte der Absatz von Tapeten mit durchschnittlich 2,4 Rollen je Bundesbürger seinen absoluten, nie mehr erreichten Höhepunkt – und schuf moderne Kinderzimmer. 1973 hatten immerhin schon 37 Prozent der Grundschulkinder in der Bundesrepublik ein eigenes Zimmer, noch 59 Prozent teilten sich ein Zimmer mit den Geschwistern.

Die Bundesrepublik gab sich in der Zeit, als die Babyboomer groß wurden, so unpolitisch wie möglich. Bundespräsident Walter Scheel sang im Fernsehen Hoch auf dem gelben Wagen, so etwas kann nur einer, der keine anderen Sorgen hat. Oder sie verdrängt. Seine Frohnatur, Scheel wurde auch „Mr. Bundesrepublik“ genannt, verkörperte den Stolz der Westdeutschen. Politisch war das Land zwar ein Zwerg, aber wirtschaftlich ein Riese, und jeder Babyboomer-Papa wirkte mit seiner Arbeitskraft daran mit. Der Kabinettssaal im neuen Kanzleramt, das Helmut Schmidt 1974 bezog, war genauso holzvertäfelt wie die Republik.

Politisches Denken war in unserer Erziehung nicht angesagt. Eine prägende Auseinandersetzung mit historischen und politischen Fragen ist uns irgendwie entgangen. Meine Großväter waren während des Krieges beide Lokführer gewesen. Hatten sie Reichsbahnkunden und Soldaten befördert oder auch an Deportationen mitgewirkt? Ich weiß es nicht. Als ich ihnen diese Frage stellen wollte, waren sie schon gestorben. Was meine Großmütter wussten, traute ich mich nicht zu fragen. Ich wollte ihnen nicht wehtun. Ich glaube, auch wenn das keine Entschuldigung ist, viele meiner Generation haben es so gehalten.

Für unseren Geschichtsunterricht war das Fernsehen zuständig: Im Januar 1979 lief der Vierteiler Holocaust. Er löste bei unseren Großeltern und Eltern ein Erinnerungsbeben aus. Wir, 15 Jahre alt, waren ebenfalls bewegt; die Szene, in der man Juden in eine Kirche gesperrt und die Kirche angezündet hatte, die Schreie der Kinder und Frauen, werde ich nie vergessen. Doch wir Babyboomer begriffen das als eine deutsche Geschichte, die eine gefühlte Ewigkeit zurücklag. Wir sahen auch, anders als die 68er-Generation, um uns herum keinen Anlass zur moralischen Kritik. Mit 15 liebt man seine Großeltern, man attackiert sie nicht. Und meine Mutter war 1944 fünf Jahre alt, als das Mietshaus, in dem die Familie wohnte, vor ihren Augen in Flammen aufging. So wuchsen wir zwar mit politischer Bildung, aber nicht mit einem an Welt- und Feindbildern geschliffenen Bewusstsein auf.

Vor dem Fernseher vereint

Die Politik sorgte für uns, unser Leben war eine Art Kreuzfahrt an Land. Babyboomer-Frauen und -Männer, die damals mühelos eine Lehrstelle fanden, schlossen einen Vertrag über „Vermögenswirksame Leistungen“ (der Staat gab zum monatlichen Sparbetrag etwas hinzu) und später, beim Bankberater des Vaters, einen Bausparvertrag. Nach der Ausbildung fanden wir sofort Anstellung. Studenten erhielten Bafög; das erste Semester verbrachten sie am Strand oder auf der Skipiste. Wenn man das Studium abgeschlossen hatte, trat man in eine Laufbahn ein, wie es damals im Deutsch der ersten Mondlandung hieß, als Beamter oder Angestellter im öffentlichen Dienst. Wenn man das Studium abbrach, machte man auf Umwegen Karriere.

Die Babyboomer in der DDR konnten keine vergleichbare Kreuzfahrt machen. Sie wuchsen ebenfalls in eine mittlere Phase ihrer Republik hinein; ihr neuer Staats- und Parteichef Erich Honecker stand für ein stabiles System, in dem die wirtschaftliche Versorgung von Jahr zu Jahr besser klappte. Weil der Kalte Krieg zwischen Sowjets und Amerikanern tobte, war ein Burgfrieden zwischen beiden deutschen Staaten möglich. Doch auch in dieser mittleren Phase gab es stets viel mehr, was es nicht gab. Kindheit und Jugend eines Babyboomers Ost waren vom Mangel geprägt. Die Eltern brauchten viel Energie zur Sicherung der Lebensgrundlagen. An ein besseres Leben für die Kinder dachten sie dennoch.

Auch hier wurde ein unpolitisches Bewusstsein erzeugt, gleichwohl aus anderen Motiven: Die SED förderte den Rückzug ins Private, die Babyboomer gründeten früh Familien und traten selbst in den Lebenskampf ein, den schon ihre Eltern für sie geführt hatten. Sie ersehnten sich eine Wohnung mit Zentralheizung, hofften auf Bananen an Feiertagen und träumten vom eigenen Auto. Auch die Beschäftigung mit der Vergangenheit wurde „von oben“ gesteuert. Die DDR nannte sich einen antifaschistischen Staat, der den Faschismus überwunden hatte. Hitlerdeutschland lebte, so die offizielle Lesart, in den Traditionen der Bundesrepublik fort.

Dass die Babyboomer Ost dank des Westfernsehens mit denselben Heldinnen und Helden groß wurden wie wir, mit der Bezaubernden Jeannie und Bonanza, mit Peter Frankenfeld und Hans Rosenthal, brachte kaum Trost. Gern hätten sie sich, wie auf dem Raumschiff Enterprise, mal woanders hingebeamt, nach Hamburg oder auch nur nach West-Berlin. Aber es blieb bekanntlich bei der Sehnsucht. Diese gemeinsame Fernseh-Sozialisation erwies sich allerdings Jahrzehnte später als nützlich, sie erleichterte die Kneipengespräche zwischen Babyboomern Ost und Babyboomern West. Was hatte man sonst schon gemeinsam in einer politisch geteilten Kindheit?

In der DDR gehörten die Universitäten zu den Kaderschmieden des Staates. In der Bundesrepublik war ihnen dagegen seit Ausbruch der studentischen Protestbewegung 1967 nicht mehr zu trauen. Auch wir Babyboomer trauten dieser ersten und wahrscheinlich letzten politischen Generation der Bundesrepublik nicht. Ihre Wortführer wirkten auf uns schrill und selbstsüchtig. Wir finden, dass der moralische Hochmut der Generation von Joschka Fischer nervt. Wir teilen diesen Hochmut nicht und haben, dank der Gnade unserer späteren Geburt, nicht einmal das Gen dazu. Wir machen niemandem Vorhaltungen und Vorwürfe; reden und streiten nicht aggressiv; sind von unseren Eltern gut erzogen worden und bemühen nicht eigens eine Moral. Wir finden, dass uns der artige, gesellschaftskonforme Auftritt nicht zum Vorwurf gemacht werden darf. Trotzdem würden wir gern von den 68ern in unserem Sosein akzeptiert werden. Es kränkt uns, dass Wolfgang Schmidbauer, der Psychotherapeut der 68er-Generation, keine eigene Kohorte in uns sieht. Für ihn sind die 68er die letzte relevante Generation.

Weshalb haben die Babyboomer ihre Politisierung nicht als junge Erwachsene nachgeholt? Eine eigene Identität im Protest entwickelt? Während unserer politischen Prägezeit ging die Saat auf, die ältere Generationen gelegt hatten: Die Wiederaufbaugeneration eines Konrad Adenauers hat die Bundesrepublik gegründet, die Kriegsgeneration von Helmut Schmidt führte das Aufbauwerk fort. Die 68er sorgten für ein Aufbrechen der Strukturen. Willy Brandt stand für die Modernisierung des Landes, Helmut Schmidt zwang die Rote Armee Fraktion in die Knie. Den Deutschen Herbst erlebten wir zwar jung, aber bewusst mit. Die dunkle Schwüle jener Wochen, das Gefühl der Gefährdung und Bedrohung, ist uns immer im Gedächtnis geblieben. Es hat unser Bedürfnis nach Sicherheit verstärkt.

Keine echten Gegner

Gegen wen hätten wir da aufbegehren sollen? Gegen Eltern, die ohne kollektive Schuld waren und alles Geld in uns Kinder steckten? Gegen einen Staat, der es, anders als in der DDR, durchaus gut mit uns meinte? Wir profitierten auch von den neuen sozialen Bewegungen: von der Frauenbewegung oder der Anti-Atomkraft-Bewegung, die einen Diskurs über die deutsche Technik- und Fortschrittsgläubigkeit begann. Selten ist es Heranwachsenden so gut gegangen wie uns.

Frank Schirrmacher, ein Babyboomer des Jahrgangs 1959, hat recht: Unsere Generation hatte keine politische Idee. Aber das war kein bewusstes Desinteresse an der Politik, sondern Folge der biografischen Erfahrung, dass wir uns dank der Sänfte, in der wir groß wurden, nicht um öffentliche Dinge kümmern mussten, sondern persönliche Ziele verfolgen konnten.

Daran haben auch die politischen Großereignisse nichts geändert. Von 1981 bis 1983 tobte der Widerstand gegen die Raketen-„Nachrüstung“, mit Demonstrationen in Bonn und rekordverdächtigen Menschenketten zwischen Mutlangen und Ulm. Die Angehörigen des Jahrgangs 1964 waren da 17, also Schüler oder Azubis. In diesem Alter war Politik interessant, aber Schule oder Ausbildung genauso wichtig und die Liebe am wichtigsten. Manche von uns wurden eine Zeit lang von der Endzeitstimmung der Friedensbewegten angesteckt und sprechen 30 Jahre später gern noch mit nostalgischer Erinnerung davon. Aber das reden wir uns schön, und wir wissen es. Und beim nächsten Großerlebnis, der Wiedervereinigung, blieben die westdeutschen Babyboomer wieder Zaungäste. Ihre Altersgenossen von drüben waren natürlich zahlreich auf der Straße; aber dort kämpften sie mehr für ihre persönliche Zukunft als für ein neues politisches Projekt.

Wenn ein Babyboomer trotzdem in die Politik ging, tat er es um der Laufbahn willen; der Entschluss dazu wurde schon in der Schul- oder Studienzeit gefasst. Der Weg führte nicht – wie zu 68er-Zeiten – über biografische Eskapaden und Brüche. Die Parteifarbe war eine Frage der Opportunität. In einem „roten“ Bundesland trat man in die SPD ein, in einem „schwarzen“ in die CDU, in Bayern natürlich in die CSU. Junge Leute bei der FDP waren ein kleines, etwas belächeltes Häuflein. Das Ergebnis dieser politischen, vom eigenen Utilitarismus geprägten Sozialisation ist bekannt, früh gescheiterte Politikerbiografien wie die von Guido Westerwelle oder Christian Wulff stehen dafür. Die Babyboomer haben keinen bedeutenden Politiker oder eine bedeutende Politikerin hervorgebracht.

Das Land kann von Glück sagen, dass die Wiedervereinigung kam, sonst wären solche wie Roland Koch oder Christian Wulff früher oder später an die Macht gekommen. Pragmatiker, Techniker des Machterwerbs und Machterhalts, flexibel in den Zielen, ohne Überhöhungen und Zuspitzungen in der Sprache. Aus unserer Perspektive betrachtet: Politiker für die Generation, aus der sie kamen, deren Bedürfnisse sie genau kannten und bedienten. Ein Politiker kann, wenn er kein politisches Genie ist wie Willy Brandt, nicht besser sein als die Generation, der er angehört.

Wenn eines Tages eine Babyboomerin oder ein Babyboomer auf Angela Merkel folgt, mutmaßlich Ursula von der Leyen oder Sigmar Gabriel, werden wir nicht mehr die Leitgeneration sein. Dort trifft sie oder er auf Themen, mit denen sie oder er nicht groß geworden ist: Digitalisierung, Globalisierung, Klimakollaps. Die Kanzlerinnen oder Kanzler der Bundesrepublik werden auch in Zukunft den Themen der Zeit hinterherhinken.

Gleichwohl bilden wir allein wegen unserer Masse eine wichtige Kohorte. Die Industrie hat uns längst entdeckt, das Alter der „werberelevanten Zielgruppe“ endet nicht mehr bei 49. Auch die Politik kommt in den nächsten Jahren nicht an uns vorbei. Ein Menschenleben kennt Jugend, Erwachsensein und Alter. Wir wollen die Wohlstandserfahrung aus unserem frühen und mittleren Leben auch im Alter machen. Bei den Generationen vor uns waren immer mindestens eine, manchmal zwei, manchmal alle drei Phasen von politischen Katastrophen und wirtschaftlicher Not bestimmt. Bei den Babyboomern soll es nicht mehr so sein – und sie werden alles dafür tun, einen Knick oder gar Absturz zu verhindern.

Diese Offensive hat schon begonnen: Mit der Reform der Pflegeversicherung und der Rente mit 63 erlebt der Sozialstaat der siebziger Jahre, in dem die Babyboomer groß wurden, eine Renaissance – auf Kosten der folgenden Generationen. Arbeitsministerin Andrea Nahles mag darin sozialdemokratische Politik sehen, aber vielleicht nicht zufällig gehört auch sie zu den einstmals wilden Jusos (sie war sogar ihre Vorsitzende), die in der alten Bundesrepublik, wie es heute nostalgisch heißt, in der die Löhne ständig stiegen und die Arbeitszeiten immer kürzer wurden, ihre politische Sozialisation erfuhr. Nahles könnte die übernächste Bundeskanzlerin sein.

Nach uns die Sintflut!

Wenn heute ein Teil der Union gegen die Rentenpläne der Großen Koalition opponiert, ist das kein Konflikt zwischen Schwarz und Rot, sondern zwischen Alt und Jung. Doch die Babyboomer, die Alten von morgen, stehen gegen eine überfällige, durchgreifende Reform der Sozialsysteme. Sie setzen alles daran, dass „es“ sie noch nicht trifft. Nach uns die Sintflut!

Weil es um unseren Wohlstand geht, werden wir bei der Feier unseres 50. Geburtstags heftig politisieren. Wie viel vom Ersparten darf sich der Staat, der kräftig zu unserer Wohlstandsbiografie hinzugebuttert hat, zurückholen? Plötzlich werden Versicherungen versteuert, Beiträge für Versicherungen steigen. Noch nie war uns Sicherheit so lieb – und teuer.

Nach ein, zwei Gläschen Wein kommen wir bei unserer Feier auf die Bilanz unserer Alterskohorte zu sprechen. Der Jahrgang 1964 hat trotz seiner Masse nicht viele Helden hervorgebracht – Katarina Witt und Henry Maske, Jürgen Klinsmann und Hape Kerkeling. Alle haben den Zenit ihres Ruhms lange überschritten. Ben Becker singt jetzt auch noch. Und die wenigen Künstler der 64er, Thomas Demand und Juergen Teller, sind nicht da. Der eine lebt in Berlin und Los Angeles, der andere in London. Wir werden wohl nur wegen unserer Masse in die Geschichte eingehen.

Wer es immer gut hatte wie wir, reagiert auf das Älterwerden empfindlich. Wird bei politischen Fragen bockbeinig. Das stärkste Gefühl, zu dem die Babyboomer fähig sind, ist Selbstmitleid. Unsere stärkste Überzeugung lautet: Wir Babyboomer sind die letzte geglückte, weil politische, fleißige, sozial fähige, gebildete, weil lesende Generation. Jede Generation sieht sich als die letzte vor dem allgemeinen Niedergang von Sitte und Moral – wir auch. Auf uns Babyboomer folgte die Generation Golf, die erste Generation der Kinder mit eigenem Zimmer, mit Playmobil und einem VW Golf. Die Babyboomer finden, die Golfer sind die erste unpolitische, verwöhnte, behütete Generation der Bundesrepublik. Mit den Generationen danach kam es noch schlimmer. In Wahrheit aber begann es mit uns.

Martin Rupps ist natürlich auch Jahrgang 1964. Von ihm erschien vor einigen Jahren Wir Babyboomer. Die wahre Geschichte unseres Lebens im Herder Verlag

 

06:00 22.05.2014

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