Genie und Günstling

Porträt Valery Gergiev ist Chefdirigent der Münchner Philharmoniker und Ziel der Kritik Alexej Nawalnys
Genie und Günstling
Er reist nicht nur viel – er reißt, wenn er nicht zu spät kommt, auch mit. Seine Gage in München soll obszön sein, über deren Höhe schweigen die Stadträte jedoch eisern

Foto: Vladimir Barbanov/Imago Images

Valery Gergiev „liebt“ Putin, „lebt aber lieber im Westen“. Deshalb, so das Opfer eines Giftanschlags, Alexej Nawalny, jüngst in der Bild-Zeitung, sei Gergiev ein „Heuchler“, und der Westen sollte ihm die Einreise verweigern. Also mal langsam.

Der russische „Held der Arbeit“ heuchelt keineswegs, wenn er sagt: „Präsident Putin ist einmalig. Er interessiert sich für Kinderchöre und hat Zeit dafür!“ Der erste Satz verleitet dazu, ihn aus dem Zusammenhang zu reißen. Verteidigt Gergiev doch Russlands Präsidenten Wladimir Putin auch im Konflikt mit der Ukraine und überhaupt.

Das klingt dann zum Beispiel so: „Das Wort ‚Demokrat‘ ist heute weit gefasst. Wenn Sie Putin mit Jelzin vergleichen, ist er ein wirklicher Demokrat.“ An was uns das erinnert? An das Prädikat „lupenreiner Demokrat“ eines anderen Putin-Freunds. Sollen wir auch über Sanktionen gegen Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder diskutieren?

Aber nein, Gergiev zählt nicht zu den Duckmäusern. Er hält, was er sagt, für richtig, redet nur leider auch über Dinge, die er nicht verstehen will. Und er lässt sich einspannen, mal als Reklamefigur für Gazprom, mal als Werbeträger für das Regime. Politisch einfältig ist er nicht, doch sieht er eben vieles aus der Perspektive seiner Interessen.

Gergievs atemberaubende Karriere wäre ohne Putins Liebe zur Musik nicht denkbar gewesen. Schon der damalige Stadtregent von St. Petersburg und erst recht der Herrscher Russlands erfüllte ihm alle Träume. Das altehrwürdige Mariinski-Theater hat er restaurieren, für eine halbe Milliarde Euro ein zweites Haus gegenüber bauen lassen. Seit 1998 ist Gergiev dort Chefdirigent und Intendant. Unter seiner Führung ist es zu einem der weltweit renommiertesten Opernhäuser aufgestiegen – und zu einer Marke geworden.

Inzwischen gibt es den Konzertsaal Mariinski III sowie Mariinski IV in Wladiwostok, Mariinski V in Wladikawkas – überall hat Gergiev den Hut auf. Er gründete und leitet Festivals. Er hat den berühmten Tschaikowsky-Wettbewerb zu neuer internationaler Blüte geführt. Und mit der Eisenbahn ziehen seine Ensembles und er regelmäßig durch die Provinz bis ins hinterste Sibirien. Einer, der nur absahnen will, würde sich das ersparen. Zweifellos hätte Gergiev in Russland mehr als genug zu tun. Wer also behauptet, er lebe „lieber“ im Westen, muss das erklären.

Einer wie Valery Gergiev wird überall gebraucht, er kann nur nicht überall sein, obwohl er sich nach Kräften bemüht. Er leitet auch Festivals in Holland, Japan, in der Schweiz. Er dirigiert nicht nur regelmäßig an den wichtigsten Opernhäusern der Welt, in New York, in London, in Wien, sondern herrscht nach acht Jahren an der Spitze des London Symphony Orchestra seit fünf Jahren auch über die Münchner Philharmoniker. Der Vertrag wurde bis 2025 verlängert. Die Gage soll obszön sein. Doch die Münchner Stadträte schweigen darüber parteiübergreifend so eisern wie einst die Freunde der italienischen Oper.

Der im Nordkaukasus, dem heutigen Nordossetien, aufgewachsene, 1953 in Moskau geborene Dirigent ist wahrscheinlich der am besten bezahlte Künstler seines Landes. Moskau gab schon vor ein paar Jahren allein sein russisches Einkommen mit 6,2 Millionen Euro an. Zweifellos ist Valery Gergiev in der schmalen Riege der internationalen Pultstars ein Spitzenverdiener. Gier ist nur das eine. Seine internationale Geltung macht ihn unabhängig von Putin – auch so herum wird ein Schuh daraus. Möglich, dass er das braucht, wenn er in den Spiegel blickt. Russland ist dem nimmersatten Berserker längst zu klein.

Hat seine Kunst das verdient? Fest steht: Ohne überragendes Talent hätte auch Putin nicht geholfen. Gergievs Weltkarriere begann 1977, als der damals Vierundzwanzigjährige den Herbert-von-Karajan-Wettbewerb gewann. Er besitzt unverwechselbare Klangvorstellungen und kann sie, das ist das Schwerste, genau vermitteln. Er prägt seine Orchester.

Doch auch Genies kommen in der Musik nicht ohne Üben aus. Gergiev hat sich einige Male spektakulär übernommen. Etwa bei seinem Debüt in Bayreuth 2019. Die besondere Akustik des Festspielhauses bedarf der Erfahrung, und wenn die fehlt, akkurater Arbeit. Gergiev aber kam, sah und wurde nach der Tannhäuser-Premiere ausgebuht. Er sei durch die Partitur geirrlichtert, an einer Totalhavarie entlanggeschrammt, schrieben Kritiker. Nur leider wissen auch die Rezensenten nicht immer genau, ob sie den Musiker verreißen oder den Putin-Freund. Wie soll man das auch immer unterscheiden!

Was ihm vor allem fehlt, ist Zeit. Dass er nicht rechtzeitig erscheint, ist an der Staatsoper in Wien zweimal kurz hintereinander vorgekommen. Gage und Spesen wurden ihm gestrichen. Diese Sprache versteht der polyglotte Gergiev am besten. Probenfleiß ist nicht seine Sache. Assistenten erledigen weitgehend den Job. Er hat exzellente Assistenten; wer in seiner Gunst steht, kommt voran.

Die Orchester schätzen die Quality-Time mit ihm. Sie setzen darauf, dass ihm magische Momente gelingen. Er reist nicht nur zu viel, er reißt, wenn er denn da ist, auch mit. Dabei ist seine Schlagtechnik unorthodox, gewöhnungsbedürftig, aber eben auch vollkommen unautoritär. Er kommt ohne herrische Gesten aus. Nicht mit dem Taktstock, sondern mit einem kurzen Stummel flattert die rechte Hand über dem musikalischen Geschehen. Wer ihm folgt, muss mit ihm fühlen. Und sich auch mit dem Geflatter seiner Gedanken arrangieren.

Wolfgang Herles schreibt Opernkritiken für den Freitag, berichtete zuletzt etwa von den 100. Salzburger Festspielen (der Freitag 34/2020)

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06:00 19.10.2020

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