Genosse Mustermann

Peter Hartz „Hartz IV ist nicht das, was er vorhatte, das war gut durchgedacht.“ Wo man den Vater der Hartz-Gesetze einen guten Mann sein lässt. Eine Spurensuche im Saarland

„Aber abseits, wer ist’s? / Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, /Hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen, / Das Gras steht wieder auf, / Die Öde verschlingt ihn.“ (Goethe, Harzreise im Winter)

Kein Tag, an dem nicht Millionen seinen Namen nennen. Er selbst, Hartz, Peter, Prof. Dr., beides honoris causa, ist hinter seinem Werk verschwunden. Hinter der größten Sozialreform der BRD, hinter Hartz I (Ausweitung der Zeitarbeit), Hartz II (Ich-AG, Ein-Euro-Job), Hartz III (Arbeitsagentur), unter dem Löschschaum von Hartz IV.

2002 präsentierte er mit Kanzler Schröder im Französischen Dom zu Berlin seine „Bibel des Arbeitsmarktes“: „So sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass es machbar ist, zwei Millionen Arbeitslose in drei Jahren beginnend ab heute 11.00 Uhr – dass wir das schaffen können!“ 2005 trat er als VW-Personalvorstand zurück und sprach die Worte: „Dann, wenn ich wieder in meiner Heimat, dem Saarland, bin“. 2007 wegen Begünstigung und Untreue (Paragraph 257, 266) vor Gericht, gab er als Wohnsitz Rehlingen-Siersburg an. Im Telefonbuch zweimal Hartz, aber kein Peter.

Die Doppelgemeinde liegt hinter St. Ingbert (37mal Hartz im Telefonbuch), hinter Saarbrücken (40mal), hinter Völklingen (Saarstahl AG), hinter Dillingen, an der Saar, nahe der französischen Grenze. In Rehlingen raucht eine Hilfskraft am Lieferanteneingang des Supermarkts. Hartz kennt sie nicht, nur Hartz IV, Arbeitslosengeld II, wie es seit 2005 rund fünf Millionen Deutsche beziehen: 351 Euro plus Heizung plus Miete plus Rentenversicherung plus Krankenversicherung plus 208 Euro pro Kind. Das ALG II ist der arbeitslosen alleinerziehenden Mutter nämlich gestrichen worden. Von einem Pflegedienst, der sie einstellen wollte, hatte sie bei der Festlegung der Arbeitszeit Rücksicht auf ihre kleinen Kinder verlangt. Arbeitsverweigerung. Nun arbeitet sie auf Stundenbasis. Ohne es zu wissen, ist sie mit ihrem Minijob jetzt auf Hartz II.

Sie ahnt nichts vom neuesten Konzept von Peter Hartz, entwickelt in der von seinem Sohn Michael geleiteten gemeinnützigen Stiftung „Saarländer helfen Saarländern“: „Minipreneure“, „ein transdisziplinäres Projekt, das in ganzeinheitlicher und differenzieller Weise langzeitarbeitslose Menschen in den Blick nimmt.“ Wissenschaftliche Berater: Prof. Dr. Hüther, Hirnforscher, Prof. Dr. Schuler, Personalpsychologe, Leistungsforscher, Prof. Dr. mult. Hilarion Petzold, Prof. Dr. Christoph Wagner, Kunsttheorie der Neuzeit. Kern des Projektteams: HR Diagnostics Stuttgart, spezialisiert auf Personalauswahl.

Bananen in Itzbach

Vor der Sparkasse weiß man, dass Peter Hartz „da hunne“ in Siersburg wohnt, und in Siersburg, dass er in Itzbach wohnt. Am Briefkasten des repräsentativ-modern umgebauten Gehöfts – gestutzte Hecken, breite Einfahrt – steht „K. Mustermann“.

Die Nachbarschaft ist voll des Lobes: „Immer nett und freundlich.“ „Geht hier immer mit dem Hund spazieren.“ „Grüßt.“ „Hartz IV ist nicht das, was er vorhatte, das war gut durchgedacht.“ „War von seinem Buch ganz begeistert.“ „Weiß 20, 30, die ihn um Hilfe gebeten haben, hat immer geholfen“. „Man bittet nicht gern um Hilfe. Man muss eine Schwelle überwinden, bevor man klingelt.“ „Hat es nicht verdient, dass man ihn so runtermacht. Immer korrekt.“ „Der Mann hat doch nichts gemacht. Wird hier im Ort sehr hoch eingeschätzt.“ Ob er noch in der SPD ist? „Kann gut sein.“ „Freilich.“ „Sicher, warum auch net?“ „Name Hartz in unserer Arbeitslosenwelt immer noch ein Begriff.“

Und die VW-Affäre? 44 Straftaten, zwei Jahre Gefängnis auf Bewährung, eine Geldstrafe, 360 Tagessätze? – „Keine Ahnung. Jeder bescheißt im Rahmen seiner Möglichkeiten.“ „Würde jeder machen.“ „Eine Partei soll sich auch weiterentwickeln.“ „Sehr heikles, kritisches Thema, aber vom Grundsatz her Sozialdemokrat.“ „Begehrlichkeiten, die entstehen können.“

Bei Geldstrafen wird der Satz nach dem täglichen Einkommen festgesetzt. 360 Tage entsprachen bei Peter Hartz 576.000 Euro. Zugrundegelegte Tageseinnahme: 1.600 Euro. Geldquellen: ein Aktiendepot und drei Renten, als ehemaliger Arbeitsdirektor der Dillinger Hütte, als ehemaliger Personalchef von VW und die gesetzliche Rente.

„Dass nicht noch mehr rauskommt, hat er den Kopf hingehalten.“ „Wenn man in so einem Unternehmen drinsteckt.“ „Da passiert so viel. Der Name Hartz hat hier einen guten Klang.“ „Kenne niemanden namens Hartz, der irgendwie auf der schiefen Bahn wäre. Sind alles im Prinzip honorige Leute.“ „Kriminell veranlagt ist er mit Sicherheit nicht.“ „Das ist wie überall. Wir sind inzwischen so eine kleine Bananenrepublik, das ist gang und gäbe.“

Im Itzbacher Wirtshaus, nach der Mitgliederversammlung der SPD: „ Sicher. Sicher ist er Mitglied. Warum auch net?“ „ Ganz normal.“ „Das ist so in den oberen Etagen.“ „Hatte mit Sicherheit gute Absichten.“ „Hat viel getan als Arbeitsdirektor in der Dillinger Hütte.“ – Und VW? – „ Sie sind ein Idealist.“ „Er hat nur getan, was andere auch tun.“ „Er hat nur einen Fehler gemacht, er hat sich erwischen lassen.“ „Selber nichts davon gehabt.“

Aber war er nicht dabei bei den Sausen rund um den Globus mit dem VW-Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer? Mit Schuster? Mit Nina aus dem Hamburger „Sexworld“? Mit Vivien? Der ganze Schampus! Und was war mit Joselia? Mit den Brasilianerinnen aus dem Etablissement in Lissabon? Was mit der Braunschweiger Wohnung in der Kurt-Schumacher-Straße, eingerichtet für 31.000 Euro VW-Geld? – „Bumsen“. – Im kleinen Kreis wird gelacht. – Schön und gut, aber wer zahlte? VW ist zu zwei Prozent im Besitz des Landes Niedersachsen. Und was mit den 1.949.600 Euro von Hartz verantworteten „Sonderbonuszahlungen“, mit denen der Betriebsratsvorsitzende Klaus Volkert „gekauft“ wurde?

Skandal gab’s da nicht

Was musste da erkauft werden? Was wusste der VW-Vorstandsvorsitzende, der Porsche-Chef Ferdinand Piech? Er hatte Hartz zu sich in den 13. Stock geholt, Büro vis-a-vis. Heute hat Porsche die Macht bei VW. Hat all das der SPD nicht geschadet? – „Kann ich nicht erkennen.“ „Es ist nicht so, dass Hartz IV von Grund auf falsch wäre.“ – Und der Demokratie, hat er nicht geschadet? Angesichts dessen, was auf uns zukommt? Bei den Hunderttausenden, die Bekanntschaft machen werden mit den Ideen des Professors? Die Mitglieder der ältesten deutschen Partei betrachten mich verwundert. In meinem Hirn rattert es. Ist Hartz am Ende nach all dem noch immer Mitglied der Gewerkschaft? Unmöglich? Hatte er nach seinem Sturz nicht die „Professor Dr. h.c. Peter Hartz GmbH“ gegründet? Firmenzweck: „Beratung, Unternehmensführung und Controlling“? Ich wage nicht zu fragen.

Stattdessen mache ich mich auf nach Unterwürzbach, ein Dorf bei St. Ingbert, der Heimat der drei Brüder Hartz. Peter ist der jüngste. Kurt, der Älteste, leitete 30 Jahre lang die saarländische IG Metall und saß 20 Jahre lang für die SPD im Landtag. Rudi führte den Handballverein TV Niederwürzbach in die Bundesliga, bis mit einem Schlag die Sponsorengelder von VW ausblieben. Abstieg. Seine Firma – Aluminum-Fensterrahmen – hat er inzwischen seinem Sohn übergeben.

Eine ältere Frau auf der Straße: „Die Eltern waren sehr einfache Leut‘. Skandal gab’s da nicht.“ Vater Hartz arbeitete in einem Drahtwerk in St. Ingbert. Mutter Hartz half mit in der Wäscherei der Schwester, beim Mangeln. Peter war Ministrant. „Scheinheilig. In der Schule ein Anbringer. Aber intelligent.“ Kurt wohnt jetzt in Blieskastel. Das Elternhaus ist abgerissen, Rudi hat neu gebaut. Ich frage mich durch. Ein schwerer Wagen steht vor einer Garage. Ich klopfe an die Scheibe. Sie wird heruntergekurbelt. Man mustert mich. „Suchen Sie etwas?“ „Ja, das Anwesen Hartz.“ „Wieso?“ Die Ähnlichkeit ist schlagend. „Sind Sie der Bruder von Peter Hartz?“ „Ja, warum?“ „Eine Frage: Ist er noch in der Gewerkschaft?“ „Ja.“

Ich fasse es nicht, rufe die IGM-Bezirksleitung in Frankfurt/M. an. „Sagen Sie, Peter Hartz, ist der denn noch Mitglied der IG Metall?“ „Verraten Sie mir, warum ich Ihnen das sagen soll?“ „Ich schreibe einen Artikel. Ist doch eine ganz normale Frage.“ „Wer soll dieser Peter Hartz sein?“ „Prof. Dr. Peter Hartz.“ „Hartz?“ „Ja, mit tz.“ „ Das mache ich ungern. Ha – A – Er – Te – Zet? Peter?“ „Prof. Dr.“ „Wo wohnt der, wenn ich fragen darf?“ „Rehlingen-Siersburg.“ „Jo, der ist noch Gewerkschaftsmitglied.“ „Wussten Sie das?“ „Nö.“ Ich lasse mich mit der Pressestelle des Vorstandes verbinden. Frau Neumann hat keinen Zugriff auf die Datenbank. Ich warte vergebens auf den Rückruf. „In Dickicht-Schauer/ Drängt sich das rauhe Wild,/ Und mit den Sperlingen/ Haben längst die Reichen/ In ihre Sümpfe sich gesenkt.“

Ulrich Enzensberger wurde 1944 in Wassertrüdingen geboren. Er lebt als Autor in Berlin. Zuletzt erschien von ihm: Die Jahre der Kommune I. Berlin 1967-1969, Kiepenheuer & Wietsch, 2004

05:00 14.05.2009

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