Genossen retten Feierabend

Gastronomie Riefensberg bei Bregenz drohte das bekannte Schicksal: Wirtshaussterben, Leerstand, Öde. Dann kam Herr Schwarz

Beim Betreten öffnet sich der Blick auf einen großzügig angelegten Tresen. Der Schankraum ist in grün und schwarz gehalten, als farbliche Ergänzung zum Holzton des Fußbodens. Dem Gastraum zugewandt steht eine Glasvitrine, unter der Kuchen und Torten angerichtet sind, an der Rückwand dominiert eine blitzblank geputzte italienische Kaffeemaschine. Geradeaus schaut der Gast durch die bodentiefen Fenster auf eine Terrasse, dahinter liegt das Panorama der hügeligen Vorarlberger Landschaft. Alles wirkt luftig, geradlinig und warm, wie ein neues Lokal in den schickeren Ecken von Berlin oder München.

Aber das hier ist das Gasthaus der 1.000-Einwohner-Gemeinde Riefensberg im österreichischen Vorarlberg, 30 Kilometer entfernt von Bregenz am Bodensee, ganz nahe der deutschen Grenze. Hinter dem Dorf endet die Straße im Wald, einen kleinen Skilift gibt es dort und in der Ortsmitte eine Kirche und einen Lebensmittelmarkt.

Entworfen hat den eleganten, neuen Gasthof ein Bregenzer Architekt, gebaut haben ihn lokale Handwerker mit regionalen Materialien. Riefensberg ist nicht gerade der Ort für architektonische Überraschungen, doch beim Bartle ist vieles anders: Hier ist der Bürger Wirt. Das Gasthaus gehört einer Genossenschaft, hinter der die Dorfbewohner stehen.

Vor einem Jahr stand es nicht gut um das Dorfleben in Riefensberg: „Der Leidensdruck war hoch“, sagt Richard Bilgeri vom Genossenschaftsvorstand. „Man hat sich nirgends mehr einfach so getroffen.“ Drei Jahre stand das Gebäude – früher schon ein Wirtshaus – leer, nachdem der Besitzer gestorben war. Es gab zwar noch den Gasthof Adler, aber dessen Wirtin öffnete unregelmäßig und oft gar nicht mehr. Das Restaurant im Golfclub, außerhalb von Riefensberg, kam für ein spontanes Feierabendbier auch nicht in Frage.

Bilgeri ist ein kleiner, drahtiger Mann, der im Ort geboren wurde und dort jeden kennt, ebenso wie in den umliegenden Siedlungen, allein schon seines Berufs wegen: Der 50-Jährige reinigt als Kaminkehrermeister regelmäßig die Schornsteine der Riefensberger. Er setzte sich mit einer Handvoll Engagierter zusammen – Männer und Frauen, die im Schützenverein Ehrenämter übernommen haben oder sich in der Kirche und im Sportverein einbringen. Sie überlegten, wie sich ein zentraler Treffpunkt für den Ort zurückgewinnen ließe. Die Gruppe fragte Urs Schwarz um Rat: Er ist bei der Vorarlberger Raiffeisenbank für neue Geschäftsmodelle zuständig.

Schwarz kennt die Gegend um Riefensberg gut, er stammt aus einem Nachbardorf und war mehrere Jahre als Regionalmanager in dem Landstrich zwischen Bodensee und Kleinwalsertal tätig. Der 34 Jahre alte, schlanke Mann lebt sein eigenes Modellprojekt für Regionalentwicklung: weitgereist, offen und freundlich, zurückgekehrt ins Heimatdorf, wo er ein gemeinsames Haus für seine Eltern, seine Frau und sich gebaut hat. In der Freizeit züchtet er Ziegen, spielt Theater im Dorfhaus, zuletzt stand Nikolaj Gogol auf dem Spielplan. Und er entwickelt im Gemeinderat Willkommenspakete für Zuzügler mit.

Es geht um die Existenz und nicht um den Profit

Als der Kreis der Engagierten entschied, eine Genossenschaft zu gründen, da bremste Schwarz zwar die Euphorie: „Rein von den Ausgangszahlen hätte man es eigentlich nicht machen können.“ Doch die Gruppe ließ sich durch Modellbeispiele in Deutschland motivieren, holte sich von deren Initiatoren Tipps und Informationen. Etwa von den Menschen hinter dem „Bolando“, einem der bundesweit ersten Genossenschaftsgasthäuser, oder von einer Landfrauengenossenschaft, die ein Café betreibt. Beide Einrichtungen liegen in der Nähe Freiburgs, etwa 200 Kilometer von Riefensberg entfernt.

„Wir haben gemerkt, dass es da eine Bewegung gibt, gerade in ländlich geprägten Strukturen“, sagt Schwarz. Diese Beobachtung bestätigt Bernhard Brauner vom Genossenschaftsverband in Frankfurt am Main. „Es gibt einen Trend hin zu neuen bürgerschaftlichen Genossenschaften“, sagt der Gründungsberater. Der Genossenschaftsverband ist eine der großen Prüfstellen für diese Organisationsform und hat damit einen guten Überblick über die Branche in Deutschland.

Brauner glaubt, dass die Entwicklung vor allem bei Dorfgasthäusern weiter in diese Richtung gehen wird. „Es wird immer schwieriger für einen Einzelnen, den ganzen Tag hinter dem Tresen zu stehen und damit Gewinn zu erwirtschaften“, sagt er. Bei einer Genossenschaft komme es hingegen nicht auf den Profit an. Der Wert für Mitglieder sei oft schlicht, dass das Gasthaus weiter existiert.

So auch in Riefensberg. Zur Genossenschaft gehören Alteingesessene, die die bestens vernetzte Familie um Vorstand Bilgeri kennen. Zugezogene wie der Schreiner Daniel Bock, der im 30 Kilometer entfernten Immenstadt im Allgäu arbeitet und täglich pendelt, weil er sich in Riefensberg angenommen und wohl fühlt. Handwerksbetriebe im Dorf, die schon deswegen mitmachen, weil auch der Konkurrenzbetrieb sein Scherflein leistet. Bürgermeister Herbert Dorn, der anfangs zweifelte, ob aus der Idee tatsächlich ein finanziell tragfähiges Geschäft wird: „Wir hätten das Gebäude als Gemeinde ja auch gekauft, aber dann kamen die Leute an und haben gesagt, das machen wir selber. Da haben wir sie machen lassen und abgewartet“, sagt er.

Abseits von Wintersportzentren und Wandertourismus ist die Gemeinde seit jeher darauf angewiesen, sich aus eigener Kraft am Leben zu halten. Es gibt mehr als zehn Vereine, darunter die Juppenwerkstatt, in der die traditionelle Vorarlberger Frauentracht hergestellt und verkauft wird. Das Handwerk drohte vor 20 Jahren unterzugehen, als ein älteres Ehepaar den Betrieb in einem Nachbarort aufgab. Bürgermeister, Land, Bürger und Heimatverein in Riefensberg taten sich damals zusammen, kauften ein leerstehendes Gebäude am Ende der Dorfstraße – auch ein ehemaliger Gasthof – und holten das Gewerbe nach Riefensberg. Organisiert ist es seither als Verein, inzwischen kommen regelmäßig Busladungen mit Vorarlbergerinnen in den Ort, um sich mit Trachten einzudecken. Das Gebäude hat derselbe Architekt umgebaut wie nun den neuen Gasthof.

Auf dessen Realisierung musste Bürgermeister Dorn nicht lange warten. Innerhalb weniger Wochen traten 130 Menschen der Genossenschaft bei und erwarben Anteile im Gesamtwert von 300.000 Euro. Der Preis für einen Anteil liegt bei 1.000 Euro.

Es reichte, um das Gebäude zu kaufen. Die Genossenschaftsmitglieder haften und tragen das finanzielle Risiko gemeinsam. Die Kosten für den Umbau müssen aus dem laufenden Betrieb beglichen werden, außerdem arbeiteten Helfer insgesamt 4.000 Stunden ehrenamtlich bis zur Eröffnung: Sie schreinerten, putzten, backten Kuchen.

Drei Helfer und ein Koch aus Paderborn

Architekt und Vorstand beschlossen, den Schankraum nach vorn, in die Blickachse des Eingangsbereichs zu verlegen. Sie modernisierten das Innere des Gasthauses komplett und doch behutsam. Ein Teil des Fußbodens ist erhalten, an der Wand hängt eine antike Uhr. Ein Raum lässt sich nun leicht abteilen und für Vereinsfeiern, Vorträge und Filmabende nutzen. Die Formen des Mobiliars sind modern und klar, die Sichtachsen verbinden Innen- und Außenraum.

Vorarlberg ist bekannt für seinen hohen architektonischen Anspruch. Selbst für Bushaltestellen in Dörfern werden Wettbewerbe ausgeschrieben, immer wieder fallen Wohnhäuser durch ihre Verbindungen zwischen Moderne und Tradition auf, Kombinationen aus schlichten Formen und heimischen Hölzern. Decken, Boden und Handläufe im Bartle kommen aus lokaler Produktion – der Gasthof ist kostenlose Werbung für die Handwerksbetriebe.

Vergangenen Dezember, weniger als ein Jahr nach Gründung der Genossenschaft, war es so weit – das Bartle feierte Eröffnung. An einem Sonntag nach der Kirche weihte der Pfarrer das Gasthaus, das ganze Dorf war da. Bartle – der Name erinnert an die Geschichte des Hauses, es ist der Spitzname des einstigen Wirts. Es gibt einen Mittagstisch, freitags und samstags ist abends geöffnet, sonntags ab dem Frühschoppen. Donnerstags hat das Bartle zu.

Vier Teilzeitkräfte sind angestellt, neben Helfern in der Küche und hinter dem Tresen gehört dazu der Koch. Rainer Götte, eigentlich Rentner, arbeitet seit 39 Jahren in der Gastronomie. Auf den Job ist er über Bekannte aufmerksam geworden. Götte ist gebürtiger Paderborner und lebt mit seinen drei Kindern im nahen Allgäu. Wenn es abends spät wird und er nach Küchenschluss ein Glas Wein mit den Gästen trinken möchte, bleibt er in Riefensberg. Die Genossenschaft hat ihm eine Zweizimmerwohnung einen Kilometer östlich vom Gasthaus organisiert.

Das Hochdeutsche unterscheidet Götte von den anderen im Gasthaus, die mit ihrem Vorarlberger Dialekt eine ganz eigene, bisweilen schwer verständliche Sprache pflegen. Das ist aber auch der einzige Unterschied: Götte gehört dazu im Dorf. „Irgendwie ist das hier anders“, erzählt der große, kräftige Mann mit den etwas längeren, grauen Haaren und dem Spitzbart. Das Dorf sei offener für neue Menschen als er es von anderen Orten kenne, gleichzeitig sei da eine Gemeinschaft. „Mit dem Gasthaus macht man wirklich etwas für die Jugend, sie hat jetzt wieder einen Treffpunkt“, sagt der Koch. „Und die jungen Leute kommen, das finde ich gut.“

Vorher gab es vor Ort nichts für die Jugendlichen außer den Vereinsfesten oder der Möglichkeit, am Wochenende nach Bregenz zu fahren, in die Stadt. Jetzt haben sie einen Grund zu bleiben, und sie bleiben auch: Sie gehen in „ihr“ Gasthaus. Viele junge Riefensberger haben beim Umbau geholfen oder springen bei Bedarf hinter dem Tresen ein.

Koch Götte würde gern einen Auszubildenden einstellen, nur seien die Arbeitszeiten dafür noch zu wechselhaft, der Betrieb müsse sich erst stabilisieren. Fachlich reizvoll sei die Stelle, erklärt er: „Wenn wir ein ganzes Reh ausnehmen und dann aufteilen, so etwas kriegt man in anderen Häusern gar nicht mehr mit.“ Er kann die Speisekarte selbst gestalten. Acht Gerichte stehen auf der Standardkarte, eher Heimisches von Braten bis Knödel, doch auch Fleischloses ist im Angebot, dazu immer zwei Tagesgerichte.

Heute sind die Genossenschaftsmitglieder zugleich Eigentümer als auch Kunden ihres neues Gasthauses. Dieses erwirtschaftet mittlerweile einen Gewinn, wobei der ehrenamtliche Einsatz nach wie vor hoch ist. Diese Kombination aus betriebswirtschaftlicher Basis und freiwilligem Engagement sieht Gründungsberater Brauner als entscheidenden Vorteil für einen dauerhaften Bestand eines solchen Projektes. „Es muss Menschen geben, die bereit sind, auch ohne Lohn manche Phasen zu überbrücken“, sagt er.

Ob Bereitschaft und Sachverstand zusammenkommen, sehe man oft schon in der Gründungsphase. Brauner hat bundesweit einige wenige Genossenschaften scheitern sehen. Oft sind dann aber externe, nicht abzusehende Einflüsse die Ursache – etwa wenn einem Dorfladen ein Discounter vor die Nase gesetzt wird.

Richard Bilgeri, der umtriebige Kaminkehrermeister, beschreibt das Riefensberger Modell mit „Solidarität statt Profit“. Und erklärt, warum das Bartle donnerstags geschlossen hat: Das ist der Adler-Tag – der einzige Abend, an dem der andere Gasthof im Dorf noch geöffnet habe. „Da ist es ja sinnvoll, sich zu ergänzen anstatt zu konkurrieren.“

Kristina Pezzei ist Journalistin und Autorin des Buchs Verkaufen können wir selber! Wie sich Landmenschen ihren Laden zurück ins Dorf holen

06:00 11.03.2015

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