Genre is in the Haus

Krimi Ein Thriller bei Suhrkamp? Einst war das unvorstellbar, doch Andreas Pflüger zeigt, wie’s geht: Mit Adrenalin, Feinmechanik und Expressionismus
Genre is in the Haus
Ein Krimi, spannend wie eine Stuntman-Biografie

Foto: Jens Koehler/Imago

Den Untergang des Abendlandes sahen einige Literaturkritiker heraufziehen, als Suhrkamp Anfang 2009 den Start einer Kriminalroman-Reihe ankündigte. Die aufgeschäumten Reaktionen von damals sind vorbei. Im Oktober 2017 belegten Suhrkamp-Bücher gleich fünf der zehn Plätze der Krimi-Bestenliste. Damit nicht genug: „Thriller“ auf dem Cover, erst auf dem Innentitel folgt dann „Roman“ – diese vormals undenkbare Konnotation findet sich gerade auf einem der Spitzentitel des Hauptprogramms, auf Andreas Pflügers Niemals. Also in unmittelbarer Nachbarschaft zu Robert Menasses Die Hauptstadt.

50 Probeseiten in einer gut besetzten Auktion hatten Pflüger zu Suhrkamp und einem Zwei-Buch-Deal gebracht. Buch eins war der im März 2016 erschienene Thriller Endgültig, mit Niemals liegt nun dessen Fortsetzung vor – und trägt dazu bei, die Mauern zwischen U und E weiter einzuebnen. Spannungsliteratur gleichberechtigt neben der „hohen“ in einem renommierten Verlag – das ist hierzulande immer noch eine Ausnahme. Anderswo ist man längst weiter. Der erste Roman von Dashiell Hammett erschien prominent bei Alfred A. Knopf im Jahre 1929, ebenso wie der erste Chandler 1939. Den hiesigen Literaturkanon überschattet jene Grenzziehung, die 1951 von Wilhelm Müller in der Bibliothekarszeitschrift Bücherei und Bildung so beschrieben wurde: „Wir stehen einem bis an die Zähne bewaffneten Gegner gegenüber. Wir sind von einem tiefen Misstrauen erfüllt gegen alles ‚Literarische‘, das sich in der Massengesellschaft großer Beliebtheit erfreut, und wir dürfen zu keinen Konzessionen bereit sein, wenn es gilt, unsere untere Grenze diesseits der Dschungellandschaft des Thrillers zu legen.“

Dschungel und Thriller, Adrenalin und Puzzle, vor allem aber Action und Feinmechanik, als könne man einer exquisiten Uhr ins tickende Innenleben schauen, das sind die Romane von Andreas Pflüger in der Tat. Beträchtlicher literarischer Mehrwert kommt hinzu. Pflüger liebt expressionistische Lyriker wie August Stramm oder Jakob van Hoddis ebenso wie Mangas und Actionfilme, obskure indonesische inklusive. Zu seinen kulturellen Ikonen zählen Primo Levi, Flann O’Brien, Ben Hecht, Alfred Hitchcock, Jacques Prévert und Max Frisch. Mein Name sei Gantenbein ist das Lieblingsbuch seiner Heldin Jenny Aaron, eine wunderbare Rilke-Stelle sitzt zentral, immer wieder gibt es, fein dosiert, expressionistische Bilder. In einer Rom-Sequenz purzeln ockerfarbene Häuser zum Tiber hinab, da wirkt eine Erinnerung wie ein Muttermal, da werden Gemälde von Hieronymus Bosch oder Lucas Cranach erfunden oder es wird vom „Masse-Mensch-Kraftwerk“ gesprochen. Der Dichter Browning, „der so heißt wie Aarons Lieblingspistole“, wird zitiert mit: „Klammerst du die Liebe aus, ist die Erde ein Grab.“ Pflügers Ikonografie ist bemerkenswert, zum einen urdeutsch und blaublumig romantisch, zum anderen vom Actionkino geprägt. Und als wäre das nicht genug, gibt es als durchgängigen Faden den Bushidō, dem seine Hauptfigur folgt – den Ehrenkodex und das Ethos der Samurai.

Ein wenig irrsinnig

Das „Niemals“ des Titels ist das Damoklesschwert der dauerhaften Erblindung, das über der Ausnahmepolizistin Jenny Aaron hängt, seitdem sie in Barcelona bei einer Verfolgungsjagd eine Kugel in den Kopf bekam. Aaron, „gefährlich wie ein Raubtier in freier Wildbahn“, und eine überaus interessante Frauenfigur, gehört zu einer international operierenden Sondereinheit, der „Bad Bank der deutschen Polizei“, nur „Die Abteilung“ genannt. 40 Männer und eine Frau, die „dorthin gehen, wo der Einsatz anderer Kräfte nicht zielführend wäre“ und die in Berlin-Mitte als „Institut für Gesellschaftsanalyse“ vier Stockwerke belegen. (Ja, Humor hat Pflüger auch.)

Es klingt ein wenig irrsinnig, dass der Verlag den Plot schon auf der Umschlagseite verrät: „Stell dir vor, du erbst zwei Milliarden Dollar – von deinem Todfeind.“ Aber es stellt sich heraus, dass das nur der Dosenöffner für eine heftigere Geschichte ist. An den Adrenalingehalt dieses Buches reichen vermutlich nur Rennfahrer- und Bergsteiger-Biografien heran. Doch auch das intellektuelle und literarische Vergnügen ist beträchtlich. Plot und Dialoge funkeln, die Sprache ist straff wie Klavierdraht. Ganz im Sinne Elmore Leonards sind alle überflüssigen Worte gestrichen. Auch international gibt es derzeit niemanden, der Pflüger das Wasser reichen könnte: Spannungsliteratur auf höchstem Niveau, perfekt geschliffen wie der Koh-i-Noor.

Pflüger, gerade 60 Jahre alt und 1,92 Meter hoch, wirkt in der Begegnung wie eine jener Figuren, die Alexander Kluge für seine Fernsehminiaturen erfunden haben könnte; Peter Berling als Kapitän eines Walfängers kommt da in den Sinn. Nur, dass bei Pflüger alles echt ist. Er hat sein Theologie- und Philosophiestudium abgebrochen, ist in Berlin längere Jahre Taxi gefahren; das Drehbuchschreiben brachte er sich selbst bei. Bisher 26 Tatorte, davon die Weimarer (mit Nora Tschirner und Christian Ulmen), hat er miterfunden, etliche Fernsehspiele und Dokumentarfilme, viel an Hörspiel und einiges an Theater, dazu Drehbuch-Credits für zwei große Kinofilme in der Regie von Volker Schlöndorff: das Solidarność-Epos Strajk und das KZ-Drama Der neunte Tag. Eine komplette Debatte darin, zwischen dem Gestapo-Hauptmann und dem KZ-Häftling und Priester (August Diehl und Ulrich Matthes), hat Pflüger aus Kierkegaard-Zitaten und dem Goebbels-Roman Michael gebaut. Den Anstoß für die Figur der erblindeten Jenny Aaron gaben ihm die Bücher von Jacques Lusseyran, im Zweiten Weltkrieg Mitglied der Résistance.

Bei Suhrkamp fühlt Pflüger sich angekommen, ist voll des Lobes über das Familiengefühl und seinen Lektor Thomas Halupczok: „Das ist der Verlag, mit dem ich aufgewachsen bin, der mich geistig geprägt hat. Mir wird im Haus stark vermittelt, dass man an die Kriminalromane denselben literarischen Anspruch wie an jeden anderen Suhrkamp-Titel hat. Nie habe ich das Gefühl, dass man hier als Genre-Autor zweite Schublade ist. Es ist schön, so eine Wertschätzung zu spüren.“ Die äußert sich auch in der Gestaltung, besorgt von Super-Typograf Erik Spiekermann.

Info

Niemals Andreas Pflüger Suhrkamp 2017, 475 S., 20 €

06:00 20.11.2017

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