Geografische Choreografien

14. Euro-Scene in Leipzig Das Festival des zeitgenössischen europäischen Theaters präsentiert einen Osteuropa-Schwerpunkt und offenbart konzeptionelle Schwächen

Die Leipziger Euro-Scene ist ein Sonderfall in der internationalen Festivallandschaft. Als einziges ostdeutsches Festival für zeitgenössischen Tanz und Theater leistet sie seit nunmehr 14 Jahren ästhetische Basisarbeit und gewöhnt das lokale Publikum behutsam an künstlerische Ansätze, die über das gewohnte Stadttheater hinausgehen. Mit Choreografen wie Alain Platel, Meg Stuart und Alain Buffard gelang es ihr in den letzten Jahren, besonders den Horizont im Tanz entscheidend zu öffnen. Zugleich versucht die Euro-Scene neben international renommierten Produktionen den Weg für bislang unbekannte Künstler freizumachen, die von den Großfestivals wie Avignon ignoriert werden.

In diesem Jahr präsentierte sich das Festival jedoch programmatisch verändert. Statt einem inhaltlichen Konzept lag der Gastspielauswahl ein geografischer Schwerpunkt zu Grunde. Das "Eigene im Gefüge" - so das Festivalmotto - sollte in 25 Vorstellungen mit 22 Gruppen aus den zehn EU-Beitrittsländern gezeigt werden. Ein bedenkliches Unterfangen, das nicht immer im Sinne der Künstler war. "Ich bin schon oft zu Festivals eingeladen worden, nur weil ich aus Osteuropa komme", sagte der junge Choreograf Mart Kangro aus Tallinn und brachte damit das konzeptionelle Dilemma auf den Punkt. "Was erwarten sich die Leute von einem solchen Programm? Kommen sie, um ein interessantes Kunstwerk zu sehen, oder wollen sie nur einen anthropologischen Blick auf Estland werfen, darauf, wie die Leute dort sind?"

Dennoch hätte es spannend werden können, sich als Zuschauer mit den eigenen festgefügten Vorstellungen zu konfrontieren und Gedanken wie "So etwas kann man bei uns auf keiner Bühne mehr zeigen" als hochnäsigen, westeuropäischen Kulturimperialismus zu enttarnen. Doch leider bot das Programm dafür keine ausreichende Reibungsfläche.

So kam die einzig wahrhaft herausragende Inszenierung von einem Künstler, der schon so lange Teil der internationalen Theaterszene ist, dass man ihn kaum mehr als typisch polnischen Regisseur bezeichnen kann. Krzysztof Warlikowskis Interpretation von Sarah Kanes 1997 entstandenem verzweifeltem Liebesdrama Gesäubert ist von einer Wucht und Intensität, wie man sie selbst an Castorfs Volkbühne nur selten zu sehen bekommt. Neun Akteure durchlaufen hier, in einem Raum zwischen psychiatrischer Klinik und Konzentrationslager, die Folterungen der wahren Liebe, die erst durch Verrat, Verstümmelung und Tod erfahrbar wird. Trotz aller Grausamkeiten wohnt dem Bühnengeschehen immer etwas wunderbar Zartes, Intimes inne. Selbst in der riesigen Messehalle des ehemaligen Leipziger Agra-Geländes, wo Gesäubert aufgeführt wurde, ist die respektvolle Behutsamkeit spürbar, mit der Warlikowski seine Schauspieler durch die seelischen Abgründe führt. Im Gegensatz dazu müssen sich Aufführungen wie der Kantor-Abklatsch Duell des slowenischen Regisseurs Diego de Brea umso mehr als national rückständige Phänomene weitab der zeitgenössischen Theaterszene abqualifizieren lassen.

Betrachtet man die Festival-Auswahl als repräsentativ für die Kunst in den neuen EU-Mitgliedsstaaten, so ergibt sich ein bestürzendes Bild: Es sind keine bemerkenswerten Neuerungen zu erkennen. Besonders im Tanz sieht die Lage düster aus. Künstler wie Kangro oder die zypriotische Choreografin Lia Haraki, die Körperbilder und Selbstverständnisse aufbrechen wollen und konzeptuell arbeiten, sind in Leipzig die Einäugigen unter den Blinden. Zwar ragen die Arbeiten aus den konventionellen, meist von Modern Dance, Ausdruckstanz und Tanztheater geprägten Produktionen ihrer Kollegen heraus, doch müssen sie im internationalen Vergleich im besten Fall als gutes Mittelfeld eingestuft werden.

Natürlich gab es - wie immer bei der Euro-Scene - einige kleine skurrile Entdeckungen am Rande: Die Inszenierung Mietzekatze P. des litauischen Regisseurs Vytautas Balsys überraschte weniger durch die an Robert Wilson angelehnte formalistische Ästhetik als durch den Einfall, Eve Enslers feministischen Befindlichkeitstext Vagina-Monologe von vier kichernden Herren im Frack sprechen zu lassen. Durch diesen einfachen Trick der Verfremdung wird Enslers aus Interviews zusammengestellter Textkorpus plötzlich auch als Kunstwerk interessant. Auch die Arbeit Bewegtes Zuhause von der estnischen Choreografin Renate Keerd, in der sich raue Körpersprache mit einer kindlichen Lust am Ausprobieren vermischte, berührte durch ihren frischen und unbekümmerten Zugriff auf ein Bewegungsvokabular weitab gängiger choreografischer Trends.

Die Verschiebung der Betrachtungskriterien hat nur bedingt mit dem diesjährigen Festival-Thema zu tun. Sie ist seit Jahren ein Problem der Euro-Scene. Was das Festival einzigartig und zugleich wenig repräsentativ für künstlerische Zeitströmungen macht, ist die absolute Subjektivität der Programmauswahl. Ann-Elisabeth Wolff, die das Festvial seit elf Jahren im Alleingang leitet, richtet den Spielplan in erster Linie nach ihrem persönlichen Geschmack aus. Das ist durchaus legitim, geht aber nicht mit dem Anspruch zusammen, "in der vordersten Reihe der europäischen Avantgarde-Festivals" stehen zu wollen, wie es ihre Festival-Abschluss-Pressemitteilung vollmundig verkündet. Denn leider sind Frau Wolffs Vorlieben oft eher biederer als avantgardistischer Natur. Symptomatisch dafür steht die Auswahl des Aura Tanztheaters aus Litauen für die diesjährige Abschlussveranstaltung. Zwar hat die Gruppe sich große Verdienste um die Anerkennung des zeitgenössischen Tanzes in ihrer Heimat erworben, doch ist sie ästhetisch auf einem Stand, wie man ihn heute an den Dreispartenhäusern deutscher Kleinstädte antrifft, wenn auch mal ein modernes Stück getanzt werden darf. Die beiden Choreografien Extremum Mobile und Keimfreie Zone zeigten sattsam bekannte, schier endlose Variationen von Solo- und Gruppensequenzen, während im Bühnenhintergrund Computeranimationen Modernität vortäuschten. Solide Arbeiten mit hohem Körpereinsatz, aber eben Jahrzehnte hinter der aktuellen Entwicklung zurück. Wolffs erklärte Lieblinge der Euro-Scene 2004, der Blasenzirkus aus Budapest, fallen unter die gleiche Kategorie. Die burleske Energie und die Musikalität der Truppe sind beachtlich, doch gibt es in Ungarn auch Künstler, deren Formensprache weniger verstaubt post-sowjetisch daherkommt. So wäre ein Gastspiel des Theatermannes Arpad Schilling oder der Performance-Tänzer von Pal Frenak wesentlich repräsentativer für die gegenwärtige Entwicklung des Landes gewesen.

Ann-Elisabeth Wolff ist zweifellos eine kluge Organisatorin und tapfere Kämpferin für ihr Festival. Nach einer jahrelangen Zitterpartie gelang es ihr in diesem Jahr dank potenter Sponsoren, die Finanzierung der Euro-Scene für die nächsten drei Jahre abzusichern. Diese Sicherheit sollte nun genutzt werden, um die Strukturen des Festival zu demokratisieren, aus der Euro-Scene mehr zu machen als "Wolff-Festspiele". Durch Heranziehen eines zusätzlichen Kurators etwa wäre ein Festival möglich gewesen, das nicht nur gängige Klischees über die Nachbar aus Süd- und Osteuropa bestätigt hätte. Anlässlich des 15. Geburtstags der Euro-Scene im kommenden Jahr sollte die Festivalchefin also über die Ernennung einer zweiten künstlerischen Leitung nachdenken. Nur so kann die Euro-Scene, die von den Festival-Kollegen belächelt, aber wegen ihrer familiären Atmosphäre gerne besucht wird, wieder zu dem Festival werden, das es nach seiner Gründung war - eine Drehscheibe zwischen Ost- und West, auf der ein internationales Publikum Kunstansätzen begegnet, die es anderswo nicht zu sehen bekommt. Die Alternative wäre der Abstieg in die kulturelle Provinz.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 19.11.2004

Ausgabe 15/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare