George Floyd ist tot, die Märkte jubeln

Kapitalismus Ein Mensch stirbt, die Kurse steigen. Warum? Präsident Trump meint, das Rätsel gelöst zu haben: Gott hatte seine Finger im Spiel
George Floyd ist tot, die Märkte jubeln
Wenn es der Herr schon nicht vermag, kann es dann wenigstens der Markt richten?

Foto: Mark Ralston/AFP/Getty Images

Während die Pandemie weltweit die Märkte stoppte und das Elend exponentiell vergrößerte, begann an den Börsen bereits im Mai eine exponentielle V-Kurve: Die Kurse stiegen so steil, wie sie im März abgestürzt waren. Die Medien schwiegen oder sahen ein Rätsel. Elend und Angst bei den Armen der Welt – Jubel, Trubel, Heiterkeit bei „den Märkten“.

Dann der Foltermord von Minneapolis. Die USA im Aufruhr, der die Welt „angesteckt“ hat – aber „die Märkte“ reagierten nicht nur „gelassen“, sie „legten phänomenal zu“, sodass das V in Sichtweite des letzten All-Time-High geriet. Triumphierend veröffentlichte Fox News die Grafik eines säkularen Rankings: Der Märkte-Jubel über George Floyd hatte mit 3,4 Prozent an einem Tag den Aufschwung nach dem Mord an Martin Luther King 1968 (2,9 Prozent) geschlagen – auch die mickrigen 1,2 Prozent bei Rodney King und Michael Brown. Offenbar fanden das selbst einige Fox-Fans etwas zu schrill.

„Gott“ sei Dank konnte der Präsident in seiner Rede vom 5. Juni in Washington das „Rätsel“ lösen. Es hieß, er habe nicht wie vorgesehen über die Ökonomie gesprochen, hat er aber doch! Zwar stand George Floyds Körper in seinem Sarg noch „über Erde“, aber seine Seele war ja schon im Himmel, von wo sie herunterschaute auf die Grafik und in das Halleluja der Märkte einstimmte: Trump sagte, er hoffe, Floyd im Himmel möge erkennen, dass es ein „großartiger Tag“ sei und sagen: „It’s a great, great day in terms of equality.“ Equality? Der Glaube des Donald Trump: Wenn die Märkte Rekorde hinlegen, sprudelt noch mehr Geld in die Milliardäre und kann „runterrieseln“ (trickle-down) zu den Armen, auch zu den People of Color. Sogar die sind gut fürs Shopping. Dann geht die Arbeitslosigkeit zurück, aber nicht zu viel, Löhne bleiben niedrig und Märkte können weiter wachsen. Deshalb gilt: „We’re ... opening with a bang ... This is better than a V. This is a rocket ship!“ Selbst Warren Buffett hätte Flugzeugaktien abgestoßen, doch die gingen jetzt „durch die Decke“. Trumps Seele jubiliert. Seine Seele ist die Seele der Märkte. Wie nennen unsere Medien ihn? „Erratisch“, einen „Irrwisch“ – aber so sind die Märkte. Diese Seele ist tiefreligiös: Welch ein Symbol, als Trump die Bibel hochreckte und eine Rocket-Ship-Aktienkurve senkrecht in den Himmel stieß, wo Floyds Seele schon wartet und wo ganz oben, am höchsten Punkt der Kurve, der Gott der Märkte sitzt.

Typisch USA – calvinistischer Kapitalismus, Max Weber? Auch die Märkte der G 7 jubilieren und haben ihr V fast erreicht. Man kann jede Formel Trumps ins Deutsche übersetzen – auch den „bang“ in den „Wumms“ – „unsere Märkte“ haben offenbar die gleiche Seele, auch ohne Bibel: Auch ihre Seele ist zwar oft „nervös“, aber (mit Heidegger) im Ernstfall meist „gelassen“. Auch sie lebt in Kurvenlandschaften: fiebert ambivalent mit den Exponentialkurven (beim Virus schlecht, bei den Aktien gut), sucht vergeblich Normalverteilung und Normalwachstum – weil sie jede Chance auf Supernormalität, die nun mal in jedem Risiko drinsteckt, wahrnehmen muss. Nicht bloß V, sondern Rakete, „gestärkt aus der Krise hervorgehen“. Viel ist von „Systemrelevanz“ die Rede: wenig vom System selbst, in dem Kapitalismus und Normalismus gekoppelt sind. Wohin geht die Reise? Die meisten Leute möchten zurück zur alten Normalität, aber die Seele der Märkte will zu einer neuen, „großartigen“. Davor haben die meisten Leute zu Recht Angst: Erzähl noch mal den Witz vom „Runterrieseln“.

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06:00 12.06.2020

Ausgabe 42/2020

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