George-Kreis

A–Z Hat Stefan George den Hitler-Attentäter Stauffenberg geprägt? War er ein Wegbereiter der Nazis? Unser Lexikon zum 150. Geburtstag eines ambivalenten Poeten
George-Kreis

Foto: Bernd Weissbrod/dpa

A

Anschlag War es nun das „Geheime“ (➝ Zwei Körper) oder doch das „heilige“ Deutschland, das Graf Stauffenberg vor dem Peloton anrief? Die zur Selbststilisierung des George-Kreises passende Version hat Edgar Salin 1948 in einem Artikel über Die Tragödie der deutschen Gegenrevolution erstmals publiziert. Der Dichter, in dem manche einen Vorläufer des Nationalsozialismus (➝ Nazis) sehen wollten, wurde so implizit zum Mittäter an dessen Überwindung.

Sollte des Meisters Geist Verhängnis und Erlösung zugleich sein? Das ist eminent mythischer Stoff. Nüchterner wird man fragen, welcher Weg von der Prägung Stauffenbergs durch George zur Tat führte. Ein Vers Georges gibt eine Ahnung: „dem rad das niederrollt / Zur leere greift kein arm mehr in die speiche.“ Mochte sie auch scheitern, eine symbolische Tat war man der eigenen Ehre schuldig und auch jener Deutschlands,dessen Heiliges nur noch im Geheimen liegen konnte. Darin eine Ehrenrettung des Kreises zu sehen, hieße, Stauffenberg als mystischen Vollstrecker des Willens Georges zu deuten. Der Dichter selbst bedarf solcher Rettung nicht. Joe Paul Kroll

Argonauten nennt Ulrich Raulff in seinem Kreis ohne Meister Ernst Morwitz, Erich von Kahler und Ernst Kantorowicz, die als Juden nach 1933 aus Deutschland fliehen mussten. Zwar berief sich auch Frommels Amsterdamer Kreis (➝ Frommel-Kreis) auf die große Fahrt der Argo. Aber „die situationsgerechte Tüchtigkeit, mit der die Reisenden ihr hölzernes Vehikel während der Fahrt ... den Bedürfnissen der Seefahrt anpassten“, hat eine bessere Entsprechung darin, wie diese drei das George-Bild in den USA modulierten: Morwitz las George rein biografisch, um ihn gegen politische Vereinnahmung (➝ Nazis) abzudichten. Für von Kahler war es umgekehrt: In Princeton las er unter dem Einfluss von Mann, Broch und Einstein die Heldenverehrung im Kreis als Wegbereitung des NS. „Ekas“ Beschäftigung mit den Zwei Körpern des Königs (➝ Zwei Körper)ist schon in seiner NS-kritischen Vorlesung zum „Geheimen Deutschland“ von 1933 erkennbar. Mladen Gladić

B

Bund Dass ein Bund mehr Glamour verspricht als eine ganz normale literarische Assoziation, ahnte schon der Göttinger Hainbund 1772. Aber erst der Soziologe Herman Schmalenbach, ein Freund Georges, hat dazu eine Theorie verfasst: Ein Bund, so schrieb er 1922, ist keine Verbindung des Bluts wie die Familie und auch keine Vertragsbeziehung wie die Gesellschaft, sondern ein ideales Mittelding aus beidem – eine Wahlverwandtschaft. Ein geteiltes Gefühl soll die Mitglieder des Bundes zu einer ewigen Gemeinschaft verknüpfen, deren Sinn und Ziel sich nur den Erwählten erschließt.

Die Liebe des Bundes gilt nicht den Mitgliedern, sondern etwas Höherem, Göttlichem (➝ Zwei Körper). In den Worten Schmalenbachs: dem „mächtigsten heutigen Menschenbinder Stefan George“. Einen solchen Theoretiker kann man sich als Meister des Bundes nur wünschen. Ganz in dessen Sinne ist auch Schmalenbachs Bestimmung dessen, was den Bund gefährdet: Wer heiratet (➝ Gefährtinnen), wird in der Kreisliga nicht mehr aufgestellt. Gut tut, dass das in Georges geheimer Nationalmannschaft kaum jemand im Sinn hatte. Erika Thomalla

F

Frommel-Kreis Schwebt George’scher Geist über Ephebenleibern, keimt leicht der Verdacht auf Konfabulation. Waren Wolfgang Frommels Jünger dunkle Opfer in der Herengracht? Über Mär und Wahrheit entscheidet Justitia, über Tote vermag auch sie nicht zu richten. Das Schlüsselwort in diesem Epigonengate lautet „wirkungsgleich“. Ob pädagogischer Eros, dunkle Begierde oder sexuelle Gewalt, das Ergebnis ist „same same but different“. Kontaminiert wird Frommels Verdienst um das Überleben der Gefährten des Castrum Peregrini nicht. Nicht attraktiv genug für die Errettung? Auch Altruismus folgt Selektionskriterien, sofern ihn der (homo-)erotische Geist und nicht die Ratio steuert. Ute Cohen

G

Gefährtinnen Männerbünde führen zur munteren Mythenbildung. Noch heute glaubt mancher, hinter der Weltpolitik das Wirken von Freimaurern und Illuminaten zu erkennen. Georges problematischer Kreis (➝ Bund) steht dem in nichts nach. Von Salin bis Stauffenberg (➝ Anschlag) reichte die Riege, die Seine Erlauchtheit um sich gesellte. Und die Frauen? Wichtige Weggefährtinnen des Dichterfürsten wie die Malerin Sabine Lepsius oder die Mäzenin Ida Dehmel erschienen wie nächtliche Falter, die diffus um das Licht zirkulierten. Wie bei anderen obskuren Gestalten trifft auch auf George zu: Glücklicherweise sind seine Texte offener als sein (misogynes) Denken. Björn Hayer

K

Kulturtechnik Lesen und Schreiben sind eminent technische Angelegenheiten. Der Buchdruck, schrieb der Pionier der Medientheorie Marshall McLuhan, gibt dem Menschen „ein Auge für ein Ohr“. Das ist insofern metaphorisch zu verstehen, als dass „Hören“ für McLuhan eine Metapher für eine Wahrnehmung ist, die sich nicht nur auf einen Sinn beschränkt, sondern den ganzen Körper involviert. In gedruckten Lettern wird Schrift transparent. Anders als in der mittelalterlichen Manuskriptkultur haftet der Druckschrift keine Spur des Schreibenden an.

Ab 1904 erschienen Georges Gedichte in einer eigens für ihn entwickelten, seiner Handschrift nachempfundenen Typografie. Diese Simulation eines vormodernen Mediums (Wissen), das auf Groß- und Kleinschreibung verzichtete, führt dazu, dass man eher entziffert als liest. Die berühmte Monotonie des Gedichtvortrags im George-Kreis ist direktes Resultat solcher Kulturtechnik. Mladen Gladić

N

Nazis Auch hier heißt der Mystagoge Edgar Salin (➝ Anschlag). Ihm zufolge soll Ernst Kantorowicz (➝ Zwei Körper) bei seiner Abreise nach Georges Grablegung Folgendes beobachtet haben: „Als er den Zug bestieg, sah er, wie an einem anderen Wagenfenster einer der ‚Freunde‘ die Hand zum neu-deutschen Grusse hob und wie vom Bahnsteig zwei der Jüngsten in gleicher Form erwiderten.“ Die Wahrheit ist die sich schon länger abzeichnende Spaltung des Kreises.

Clotilde Schlayer, die Gastgeberin Georges während der letzten Jahre in Minusio, berichtet von den nationalsozialistischen Ansichten Frank Mehnerts, die George ironisch quittiert. Ein Machtwort spricht er ebenso wenig wie gegen Kurt Hildebrandt, dessen „Geistbuch“ über Platon er noch 1933 zur Druckreife begleitet. Zu Hildebrandts Parteieintritt 1933 verweigert er, dessen Kräfte schwinden, jede Äußerung. George will in ihm, wie auch in Mehnert oder Ludwig Thormaelen, nicht den Jünger verlieren. Joe Paul Kroll

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Park „Komm in den totgesagten park und schau“ – so beginnt eines der faszinierendsten Gedichte der Weltliteratur. Was will Georges Ich uns zeigen? Bevor mit dem Jahresausklang alles verwelkt, soll der lesende Spaziergänger noch einmal all die Farben der Natur in sich aufnehmen, darunter „der reinen Wolken unverhofftes blau“, neben dem „tiefe[n] gelb“ auch „das weiche grau“.

Und nicht zu vergessen: die Rosen, welche es zu küssen gilt. Wie ein impressionistisches Gemälde entfaltet sich die im Vergehen befindliche Welt des Herbstes. Was sie erhält, ist das poetische Wort. Allen Untergangsprophetien seiner Epoche (➝ Nazis) zum Trotz sucht George das Heil in einer pathossatten Sprache, der ein Prinzip heilig ist: Errettung. Björn Hayer

S

Satire Ein ehemals linker Poet (Kurt Raab) in der Schaffenskrise schreibt ein Gedicht. – ein „alter weißer Mann“ würde so manche auf Twitter da höchst kreativ ätzen, wenn sie Fassbinders Film Satansbraten aus der Mitte der 1970er Jahre gesehen hätte. Er ist ja auch zu bedauern, schließlich muss er seinen Lover aus dem Weg räumen, sich mit einer nervigen Gattin (Helen Vita) und einem debilen Bruder (Volker Spengler) rumschlagen, der tote Insekten sammelt und außer dem Ausruf „Fliegen ficken“ nicht viel Vernünftiges von sich gibt.

Das Poem, oh Wunder, stellt sich als Plagiat eines George-Gedichts heraus. Trotzdem geht’s nun erst einmal bergauf: Eine Mäzenin (Margit Carstensen) findet sich, und Kranz, so heißt der alte weiße Mann, scharrt einen Kreis von Jüngern (➝ Bund) um sich. Der einstige Sänger der Revolution wird zum elitären Renegaten. Kennt man irgendwie, oder? Mladen Gladić

Staatsmann Im Sommer 2007 trafen sich der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und der Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker in Sacrow an der Heilandskirche. Man spricht auch über Stefan George. Wie aufregend: Weizsäcker hatte George als Kind erlebt. Vom Hausfreund Robert Boehringer wurden er und seine älterer Bruder Carl Friedrich in eine Wohnung in der Nähe des Kurfürstendammes geführt, 1932 muss es gewesen sein. Weizsäcker erinnert sich: „Da saß ich dann als Bub auf dem Sofa, und neben mir saß ein Mann, der mit seinem Griff meinen Nacken so stark umfasste, dass ich den Griff noch heute zu spüren meine.“ Das Gespräch ging gleich weiter zu Georges Gedichten, die von Weizsäcker später teilweise auswendig gelernt hatte. Über den Griff wird kein weiteres Wort verloren. Das ginge heute nicht mehr. Michael Angele

W

Wissen George war ein Hipster, der aus der Provinz in die Großstadt kam und zur Stilikone wurde. Sein Ruhm beruhte auf der Wiederbelebung vormoderner Konzepte wie Abschreiben, Auswendiglernen oder Lautlesen (➝ Kulturtechnik). Als Hipster steht er in ästhetischer Opposition zur bürgerlichen Gesellschaft, ist aber auch ihr Zeitgenosse, der seine Hipness in der zerstreuten Halböffentlichkeit von Fanzines (Blätter für die Kunst), Wohnzimmerpartys (Kugelzimmer) und Starschnitten (Maximin) kultiviert. Hipness ist eine besondere Form des coolen Wissens, eigentlich ein existenzielles Besserwissen (Diedrich Diederichsen), das darauf beruht, besser zu leben und zu wissen als der Mainstream. Dieses Leben und Wissen ist erworben, nicht ererbt.

Der Hipster argumentiert nicht, er demonstriert eine Haltung. Als Esoteriker, Geheimbündler und Besserwisser nimmt er nicht an öffentlichen Debatten, sondern nur an Küchentisch-Debatten teil. Er lehrt nicht durch Argumente, sondern durch Haltung. Dichterhipster wie George und seine Adepten geben sich geschmackssicher in Fragen des dichterischen Sagens, gleichgültig welche Mittel zur Verfügung stehen oder ob andere es vielleicht besser können. Harun Maye

Z

Zwei Körper 1957 erschien Ernst Kantorowicz’ The King’s Two Bodies in den USA (➝ Argonauten).Es stellt die Frage, wie es sein kann, dass Könige zwar sterben, Reiche damit aber nicht vergehen. Die christologische Theorie des Mittelalters besagt, dass der König neben einem sterblichen Körper einen unsterblichen hat. Viel spricht dafür, dass der jüdische Historiker durch Georges Mythos vom „Geheimen Deutschland“ (➝ Anschlag) zum Thema kam. Selbst wenn Deutschland in der Barbarei versinke, gebe es eine überzeitliche Tradition, zu der übrigens auch Dante gehöre. Daran hielt „Eka“ noch fest, als die Nazis ihn 1933 zwangen, seine Professur niederzulegen. Mladen Gladić

06:00 12.07.2018

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