Georgi Boos will weitermachen

Kaliningrad In der russischen Ostsee-Exklave hat sich viel Empörung angestaut, die vermehrt zu sozialen Protesten führt. Mancher spricht von einem Labor des zivilen Ungehorsams

Auf dem Obst- und Gemüsemarkt von Kaliningrad skandieren etwa 2.000 Menschen immer wieder „Boosa w atstavku! Putina w atstavku!“ Der Gouverneur und der Ministerpräsident sollten zurücktreten. Als medienwirksames Symbol halten die Demonstranten Mandarinen in die Höhe, eine Anspielung auf Gouverneur Boos, der wegen seines Körperumfangs auch Mandarin genannt wird. Am Rand der Kundgebung steht ein untersetzter Mann in einem schwarzen Mantel, der aufgeregten Babuschkas die Politik des Mandarins erklärt. Er heiße Igor und besitze einen mittelgroßen Fleischbetrieb. Sie sollten wissen, weshalb er hier sei. „Weil ich nicht will, dass es eine neue Revolution gibt“, ruft der Mann in vollem Ernst. „Wir hatten hier schon genug davon!“

Nicht nur in Kaliningrad wird derzeit gegen die Folgen der Finanzkrise demonstriert. In über 50 Städten Russlands verschaffen sich Proteste während der „Tage des Volkszorns“ Gehör. In Wladiwostok, Jekaterinburg und Irkutsk treibt es ebenfalls Tausende auf Straßen und Plätze. Viel für russische Verhältnisse und erst recht für Sankt Petersburg, wenn sich an der Newa tausend Demonstranten dagegen wehren, dass Parks zugunsten von Hochhäusern mit Appartements des höheren Preissegments verschwinden. In Astrachan wird öffentlich gegen die örtliche Mafia gehungert. Aber nicht davon, sondern von Kaliningrad redet man.

Im äußersten Westen

Im West-Zipfel Russlands haben aufbegehrende Bürger etwas zustande gebracht, was der im Westen hofierte Ex-Schachstar Garri Kasparow nie vorweisen konnte: Eine Allianz von Liberalen und Sozialaktivisten bis hin zu den in der Duma sitzenden Oppositionsparteien, den Kommunisten, Gerechtes Russland und den Liberaldemokraten Wladimir Schirinowskis.

Bahnt sich im äußersten Westen der Russischen Föderation etwas an? Wird das ganze Land infiziert? Auf jeden Fall liegt in Kaliningrad viel Wut in der Luft. Mancher Taxi-Fahrer wünscht sich Stalin zurück und glaubt, der aus Moskau stammende Gouverneur würde sich bereichern, seine Beamtenschar die Betriebe „ausrauben“.

Die Bürgerproteste begannen, als 2008 die Zölle für Gebrauchtwagen aus Westeuropa drastisch stiegen. Bis dahin lebten viele in der Stadt gut bis hervorragend vom größten Markt dieser Art in Russland. Nun sind Hunderte von Autohändlern arbeitslos. Zur Last der Zölle kam die der Mieten. Für zwei Zimmer zahlte man Anfang des Jahres in Kaliningrad bis zu 5.000 Rubel (120 Euro). Und das bei Monatseinkommen zwischen 10.000 und 16.000 Rubel.

Gouverneur Georgi Boos hatte ursprünglich viel vor, wollte einen Formel-1-Ring und einen Casino-Komplex mit Hotels am Meer, ein Stahl- und Zeppelin-Werk bauen. Der Flughafen Chrabrowo sollte zum internationalen Drehkreuz aufsteigen, doch blieb der Neubau stecken, ging die örtliche Fluggesellschaft KD Avia im Vorjahr bankrott, sitzt ihr Chef Sergej Grischenko wegen nicht gezahlter Löhne in Untersuchungshaft.

Das einzige Vorhaben, bei dem alles klappt, ist eine 40 Kilometer lange Autobahn von Kaliningrad zur Ostsee, die nachts mit großen Bogenlampen verschwenderisch beleuchtet wird. Ein merkwürdiger Luxus. Ansonsten bleiben die Straßen Kaliningrads nachts mehrheitlich im Dunkeln. Doch gilt die illuminierte Küstentrasse als Prestigeobjekt des Gouverneurs. Während der frühen neunziger Jahre betrieb Georgi Boos in Moskau ein eigenes Unternehmen für Beleuchtungstechnik.

Doroschok wurde gekauft

Einer der Wortführer des zivilen Ungehorsams in Kaliningrad ist der 47-jährige Michail Tschesalin, Gründer einer unabhängigen Hafenarbeitergewerkschaft und Ortsvorstand der Patrioten Russlands. Nicht nur die einfachen Leute, auch die Mittelschicht, die finanziell bisher ein gutes Auskommen genießen durfte, würde die Krise jetzt richtig spüren, meint Tschesalin. Klein-Unternehmer hätten es besonders schwer. „Man nimmt ihnen ihre Verkaufsbuden, Steuern werden erhöht und Verträge verletzt, die Steuerbehörde macht ständig Kontrollen.“ Protest entzündet sich auch, weil das angesehene Hospital der Fischer geschlossen bleibt. „Das Haus wurde nach der Stilllegung absichtlich zugrunde gerichtet“, meint Ljudmilla Selinskaja von der liberalen Oppositionsgruppe Solidarnost. „Unbekannte drehten die Wasserhähne auf und schlugen Scheiben ein.“ Die Frau mit den knallroten Haaren glaubt, weil das Gebäude in einem Bezirk mit alten Bürgerhäusern liege, solle es abgerissen werden, um Platz für neue Villen zu schaffen. „Wir machen jetzt schon unsere 65. Kundgebung vor der Gebietsverwaltung.“

Eine weitere lokale Größe der Kaliningrader Opposition heißt Konstantin Doroschok, ein ehemaliger Autohändler, der schwer bluten musste. Wegen der erhöhten Zollgebühren für eingeführte Gebrauchtwagen habe er jetzt 18 Millionen Rubel (etwa 440.000 Euro) Schulden und müsse sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen, um die Frau und drei Kinder zu ernähren. Durch seine Reisen als Aufkäufer quer durch Europa wisse er, wie man sich anderswo für die eigenen Rechte einsetze. Also habe er die Organisation Gerechtigkeit ins Leben gerufen, die erste Kundgebungen organisiere.

Ende März freilich macht der Ex-Grossist plötzlich einen Rückzieher und sagt ein bereits geplantes Meeting ab. In der Kaliningrader Szene-Bar Sarja erklärt mir ein Aktivist bei Lounge-Musik und Kaffee, warum. „Es gab Hinweise – sagen wir aus seriösen Quellen –, dass es bei einer geplanten Aktion Provokationen geben könne. Eine Schlägerei mit der Polizei zum Beispiel, die von angeblichen Demonstranten ausgelöst wird.“ Das russische Fernsehen hätte die Aufrührer von Kaliningrad dann im ganzen Land als Unruhestifter und Separatisten hingestellt.

Ohne dezente Lounge-Musik im Hintergrund meinen allerdings viele aus der Protestszene – in Wahrheit wurde Doroschok gekauft. Man habe ihm einen Teil seiner Schulden beim Zoll erlassen. Beweise für dieses angebliche Agreement gibt es nicht.

Tatsächlich ist Georgi Boos unermüdlich dabei, die Opposition durch kleine Konzessionen zu zähmen. Er entließ die in einen Korruptionsskandal verwickelte Gesundheitsministerin Jelena Kljujko und berief ein außerordentliches Beratungsgremium ein. Doroschok und andere Oppositionelle wurde zur Teilnahme förmlich gezwungen. Außerdem veranstaltete der Gouverneur parallel zum Flash Mob auf dem Obst- und Gemüsemarkt im regionalen Fernsehen eine vier Stunden dauernde, live übertragene Bürger-Fragestunde. Eine Reverenz an das Vorbild Wladimir Putin, der solcherart Dialog schon seit Jahren pflegt. Für den Gouverneur von Kaliningrad geht es um viel. Im September läuft seine Amtszeit aus. Und Georgi Boos will weitermachen.

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15:00 23.04.2010

Ausgabe 38/2020

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