Gepflegte Ignoranz

Gedenken In Bad Reichenhall wird bis heute an Wehrmachtsoldaten erinnert, die in Griechenland Dörfer niedergebrannt haben. Doch es gibt auch Protest

Mit seinen fast 93 Jahren ist Nikolaos Marinakis von Kreta ins oberbayerische Bad Reichenhall gekommen. In den Ort, aus dem diejenigen stammen, die seine Heimat zerstörten, als er ein junger Mann war. Gegen die er Widerstand leistete. Ende Mai 1941 landete die Wehrmacht auf der griechischen Insel Kreta, die Soldaten mordeten und brannten ganze Dörfer nieder. An den Kriegsverbrechen waren auch die Reichenhaller Gebirgsjäger beteiligt. In ihrem Tätigkeitsbericht liest sich das später so: „Wegen Freischärlerei, Fledderei oder unerlaubten Waffenbesitzes wurden vom Standgericht abgeurteilt und erschossen: 146 männliche und 2 weibliche Personen.“

Nun ist Marinakis zu einem Podiumsgespräch in Deutschland eingeladen. Er berichtet über die Gräueltaten und kommt in Kontakt mit Historikern, mit Aktivisten, mit einigen Bewohnern von Bad Reichenhall. Wäre er ein paar Tage länger geblieben, hätte er auch die andere Seite der Stadt kennengelernt.

Bis heute wird im Ort jedes Jahr der Toten von Kreta gedacht. Besonders gern erinnert wird hier an die getöteten Invasoren, und damit an die Täter. Die ja auch auf eine gewisse Weise Opfer seien,wie Georg Seifritzberger meint. „Wer will schon sterben?“ Seifritzberger ist aktiv in der Gebirgsschützenkompanie, einer Art Schützenverein. Die Kompanie organisiert das jährliche Gedenken, zusammen mit den Veteranen vom Kameradenkreis der Gebirgsjäger.

Rechte Traditionspflege

Dieses Mal versammeln sich rund 50 Leute am Gedenkstein. Einige Veteranen sind dabei, aber auch mehrere junge Soldaten, die in der örtlichen Bundeswehrkaserne stationiert sind. Bürgermeister und Pfarrer halten Reden, zwischendurch wird Blasmusik gespielt.

Nach dem Ende der Veranstaltung steht ein älterer Herr immer noch vor dem Kranz, den der Kameradenkreis am Kreta-Gedenkstein abgelegt hat. Der Mann ist 71 Jahre alt, etwas schwach auf den Beinen, aber unbeirrbar. „Wie stehen Sie denn zum Vorwurf, dass hier in Bad Reichenhall immer noch Mörder zu Opfern und Helden stilisiert werden?“ Der Mann schüttelt den Kopf und antwortet mit einer Gegenfrage: „Wir reden immer nur über die deutschen Verbrechen, aber was haben die Alliierten denn gemacht?“

Eigentlich ist Bad Reichenhall eine idyllische Stadt irgendwo zwischen Watzmann und dem Chiemsee. Im Sommer kommen Horden von Touristen, als „Preißen“ werden sie hier halb abschätzig, halb liebevoll bezeichnet. Orte wie Bad Reichenhall gibt es am bayerischen Alpenrand viele: Die Bürgermeister sind Männer von der CSU, der Nachwuchs wird im Schützen- oder Trachtenverein sozialisiert. In Bad Reichenhall scheint die Zeit stillzustehen, im positiven wie im negativen Sinne. Der Ort steht auch für rechte Traditionspflege und Verdrehung der Geschichte.

Ein großes Wandgemälde prangt an der Rückseite der katholischen Kirche im Zentrum der Stadt. Der Putz fällt langsam ab, die Farben sind verblichen, aber das Wandgemälde, das hier im April 1945 an die Wand gepinselt wurde, gibt Aufschluss über das Geschichtsverständnis, das so mancher Reichenhaller bis heute hegt: Es stellt die Luftwaffe der Alliierten als apokalyptische Reiter dar. Schuld sind die anderen. Und so findet am 8. Mai, dem Jahrestag der Befreiung vom Nazismus, regelmäßig ein Totengedenken statt, das an zwölf Franzosen erinnert, die in Bad Reichenhall ihr Leben ließen, weil sie auf Seiten der Waffen-SS gekämpft hatten.

Überregionale Aufmerksamkeit wurde Bad Reichenhall zuteil, als Kinder in der örtlichen Kaserne mit Zielerfassungssystemen von Panzerfäusten auf ein nachgebautes Dorf mit dem Namen „Klein-Mitrovica“ zielten. Und dann gibt es noch den Fall, der ein paar Jahre zurückliegt: Ein 16-jähriger Reichenhaller erschoss mehrere Menschen, seine Katze und sich selbst. In seinem Zimmer fanden die Ermittler ein Hitlerbild, ans Kopfende des Bettes war ein Hakenkreuz geschmiert. Einzelfälle, könnte man meinen, hätten in Reichenhall in den vergangenen Jahren nicht immer wieder SS-Gedenken stattgefunden. Und wäre da nicht die jährliche Gedenkveranstaltung auf der Kreta-Brücke. Linke Kritiker bezeichnen den Kameradenkreis als „Selbsthilfegruppe für Kriegsverbrecher“.

Auch die Linken kommen seit einigen Jahren regelmäßig nach Bad Reichenhall: Kundgebungen haben sie durchgeführt, Demonstrationen angemeldet, Flugblätter verteilt, sich an die Stadt und ihre Einwohner gewendet. Immerhin haben sie erreicht, dass die Kaserne seit August 2012 nicht mehr nach dem Wehrmachtsgeneral Rudolf Konrad benannt ist, einem Kriegsverbrecher und Antisemiten. Ansonsten aber hat sich kaum etwas getan. Und so sind die Aktivisten des linken Rabatz-Bündnisses in diesem Jahr wieder nach Bad Reichenhall gekommen. Im vergangenen Jahr hat das Bündnis für sein zähes Engagement sogar den Hans-Frankenthal-Preis von der Stiftung Auschwitz-Komitee verliehen bekommen.

Vor Ort ist man den Antifaschisten allerdings weniger dankbar. Seit die Aktivisten Jahr für Jahr kommen, ist das Totengedenken zum Politikum geworden. Die Stadt versucht, sich um den Konflikt herumzulavieren. Einerseits wollen sie den „Kameraden“ nicht in den Rücken fallen, andererseits aber auch nicht als Relativierer dastehen. Der CSU-Bürgermeister Herbert Lackner hat „leider keine Zeit für die Presse“, auch per Mail ist er nicht zu erreichen, auf Anfragen antwortet ein Sprecher der Stadt: „In Bad Reichenhall werden die Kriegshandlungen der Wehrmacht nicht ansatzweise glorifiziert.“ Anna Jade vom Rabatz-Bündnis hingegen sieht im Kreta-Gedenken „eine unverhohlene Verherrlichung des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges“.

Auf der Demo, die kürzlich in Bad Reichenhall stattfand, tönten die Sprechchöre durch die Gassen: „Mörder unterm Edelweiß – wir machen euch die Hölle heiß!“ Die meisten Teilnehmer waren angereist, aus München, Salzburg oder Rosenheim. Welten prallen an diesem Tag aufeinander. Antifa-Fahnen flattern vor der Bergkulisse, Passanten stehen mit irritiertem Gesichtsausdruck am Straßenrand. Einige lesen die Flugblätter durch, die ihnen Aktivisten in die Hand drücken, andere schütteln nur mit dem Kopf.

Wochenlang hatten sich Antifa-Gruppen aus Südbayern auf diesen Tag vorbereitet und im Kurgastzentrum ein Hearing mit Historikern, griechischen Zeitzeugen und Aktivisten organisiert. 130 Zuhörer sind gekommen, ein paar von ihnen stammen aus dem Ort – immerhin. Im Mittelpunkt des Programms steht Nikolaos Marinakis. Er berichtet, wie damals die Ortschaft Skines von den Reichenhaller Gebirgsjägern zerstört wurde. „Sie haben Benzin mitgebracht und ein Haus nach dem anderen angezündet. 350 Häuser waren es. In einem dieser Häuser lebte ein alter Mann, der nicht mehr laufen konnte. Auch er ist verbrannt.“ Es wird ganz still im Raum, Marinakis greift zu einem Taschentuch. Insgesamt verloren bei der Besatzung Griechenlands durch die Wehrmacht 300.000 Menschen ihr Leben. Marinakis war 15 Jahre alt, als er sich dem Widerstand gegen die deutsche Besatzung anschloss. Mit Flinten, aber auch mit Mistgabeln und Steinen leistete die kretische Bevölkerung Widerstand.

Beim Hearing spricht auch Aristomenis Syngelakis, er ist seit vielen Jahren im Nationalrat für die Entschädigungsforderungen Griechenlands aktiv. Viele Schulden hat Deutschland nie beglichen. Goldreserven der griechischen Nationalbank und Zwangsanleihen gehören dazu, es geht um umgerechnet rund zwölf Milliarden Euro – ohne Zinsen. Hätte man Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg nicht so viele Schulden erlassen, das Wirtschaftswunder wäre nicht möglich gewesen, davon ist Syngelakis überzeugt.

Syngelakis läuft auch auf der Demo mit. An der Kreta-Brücke nimmt er einen Vorschlaghammer in die Hand. Die Demonstranten haben eine Gedenktafel dabei, die an die getöteten Zivilisten von Kreta und den Widerstand der Bevölkerung erinnert. In dem Ort Skines gibt es schon ein Denkmal für die von deutschen Soldaten erschossenen Widerstandskämpfer, nach dem Krieg haben es die nach Skines zurückgekehrten Einwohner gebaut. In Bad Reichenhall hat man sich für das Gegenteil entschieden, dort ist der Gedenkstein den Gebirgsjägern gewidmet.

Zumindest für eine kurze Zeit ändert sich das: Vor dem Kreta-Gedenkstein der Gebirgsjäger schlagen die Demonstranten einen Pflock in die Erde, daran ist ihre eigene Gedenktafel befestigt. Die griechischen Aktivisten stimmen ein Partisanenlied an, Syngelakis und ein deutscher Antifaschist fallen sich in die Arme. Die Tafel nehmen sie an diesem Tag wieder mit. Aus Angst davor, dass sie zerstört werden könnte.

06:00 15.06.2016
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