Gepflügte Erde ist Menschenerde

Soldatenfriedhöfe bei Wolgograd Deutsche und Russen liegen sich gegenüber - wie vor sechs Jahrzehnten, als die entscheidende Schlacht des Zweiten Weltkrieges begann

Am 3. September 1942 vereinigen sich Teile der 6. Armee und 4. Panzerarmee der Wehrmacht an der Peripherie von Stalingrad. Unmittelbar danach beginnt mit einem Großangriff auf das Stadtzentrum eine fünfmonatige Schlacht an der Wolga, die am 2. Februar 1943 mit der Kapitulation der faschistischen deutschen Truppen enden wird.

Wir fahren auf einer Straße ohne Mittelstreifen und Schilder. Unter einem wolkenverhangenen Spätsommerhimmel liegt die braungraue Steppe, unterbrochen von Hügelketten und wucherndem Buschwerk. Abends ist bereits die Kühle des Herbstes spürbar, der am Ufer der Wolga über Nacht kommen und dann für zwei bis drei Monate bleiben kann. Plötzlich taucht rechts am Straßenrand ein schlichtes, schwarzes Holzkreuz auf, fast so hoch wie die Birken der Gegend. "Der deutsche Soldatenfriedhof", sagt leise mein Begleiter Matthias Gursk und zeigt dann auf die gegenüber liegende Seite, "und dort drüben, das ist der russische ..."
Hier haben vor 60 Jahren Geschütze die Gegend gepflügt, nachts den Himmel entflammt, Menschen pulverisiert erst zu Staub-, später zu Schneewolken im Winter ´42, hier haben sich sowjetische und deutsche Soldaten vor einem Sturmangriff den Schweiß getrocknet, bevor sie über die Grabenbrüstung stiegen - und nun liegen sie sich wieder gegenüber.

Rossoschka war nach der Schlacht verbrannt, gesprengt, zerbombt, ausgelöscht...


Matthias Gurski ist Beauftragter des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge für Südrussland. Seit 1992 leitet er hier das Projekt Deutscher Friedhof Rossoschka. Das vor drei Jahren eingeweihte Begräbnisfeld liegt 35 Kilometer westlich von Wolgograd. Das Dorf Rossoschka, das sowohl dem deutschen wie dem russischen Friedhof den Namen gibt, lag im Spätherbst 1942 mitten im Kessel, in den die Rote Armee die Truppen des Generaloberst Paulus gedrängt hatte.
Als die Entscheidungsschlacht begann, sollen in Rossoschka noch mehr als 2.000 Menschen gelebt haben, davon allein 500 Kinder, erzählt Gurski. Nach der Schlacht gab es den Ort nicht mehr - Rossoschka war verbrannt, gesprengt, zerbombt, ausgelöscht. Ein Ort nirgends, die Reste später, nach dem Krieg, von der Steppe verschluckt wie so manches rings um Stalingrad. Erst in den fünfziger Jahren wurde ein paar Kilometer westlich mit dem Wiederaufbau begonnen. Doch das war ein anderes Rossoschka, auch wenn es so hieß wie früher.
1992 ebnete ein Staatsvertrag zwischen Deutschland und Russland der deutschen Kriegsgräberfürsorge den Weg zu mehr als hunderttausend Soldaten, die bis dahin weit verstreut in russischer Erde lagen. Der Bürgermeister Wolgograds formulierte nach dem Vertrag sofort eine Einladung, die Deutschen seien willkommen. Matthias Gurski nimmt an, dass die freundliche Geste seinerzeit nicht völlig uneigennützig war. "In der Administration der Stadt hegte man wohl die Erwartung, aus unserer Präsenz einen wirtschaftlicher Nutzen für die Region ziehen zu können."
Als deutlich wird, dass der Volksbund keine kommerziellen Interessen hat, lässt das Engagement merklich nach, stattdessen machen sich Vorbehalte bemerkbar. "Als wir anfingen zu bauen, kam der Einwand, der deutsche Soldatenfriedhof dürfe nicht errichtet werden, solange es an gleicher Stelle keinen russischen gäbe. Das Verteidigungsministerium in Moskau hat dann auch sofort Geld bereit gestellt, das allerdings nie ankam." So wird der zweite Friedhof Rossoschka mit Gräbern für 3.000 sowjetische Soldaten aus Sand und Stein und der eigenen Kraft gebaut.
1998 sind die Arbeiten des Volksbundes abgeschlossen, die Einweihung steht bevor. Da kommt der nächste Einwand. Eine letzte Ruhestätte deutscher Soldaten mitten im Wolgograder Gebiet könne nicht eröffnet werden, wenn das russische Pendant noch in einem desolaten Zustand sei. Daraufhin habe sich die deutsche Seite an der Instandsetzung des russischen Friedhofs beteiligt, so Gurski, "um das Ganze endlich abschließen zu können".
Die Einweihung findet im Frühsommer 1999 statt. Mit dem Verweis auf die Beteiligung deutscher Soldaten am Luftkrieg gegen Jugoslawien zur gleichen Zeit untersagt die Gebiets-Duma eine Zeremonie mit politischer Prominenz.
Auf dem deutschen Friedhof liegen seither zwei in hellem Stein eingefasste Gräberfelder nebeneinander - ein kleineres Trapez und ein weites Rondell mit einem Durchmesser von 150 Metern. Jeweils an der Stirnseite beider Flächen finden sich Granittafeln mit den Namen der Gefallenen, die bis heute identifiziert werden konnten. Auf dem ersten Feld hatte bereits die Wehrmacht noch während der Kämpfe zwischen September 1942 und Januar 1943 etwa 1.000 Gefallene beerdigt. Dazu gekommen sind später die Gebeine von 600 deutschen Soldaten, die man nach der Schlacht in Kellern, verfallenen Unterständen, zugeschütteten Verbindungsgängen und Granattrichtern fand. Im weitläufigen Areal nebenan sind 36.000 Menschen bestattet, deren sterbliche Überreste seit 1992 im gesamten Wolgograder Gebiet exhumiert wurden. Keine endgültige Zahl, denn bis heute werden Gebeine von Gefallenen hierher gebracht. In der Umgebung von Rossoschka sind die Sommermonate über unausgesetzt Suchtrupps der Militaria-Händler mit modernster Technik unterwegs, um sich hemmungslos durch den Boden zu wühlen. Begehrt sind deutsche Ehrenabzeichen, die Bruchstücke von Waffen, Kochgeschirren, Stahlhelmen, das Gold aus den Zahnprothesen der Toten. Die Expeditionen werden noch immer fündig.

Begehrt sind Ehrenabzeichen, Waffen, Kochgeschirr, Stahlhelme, Gold aus Zahprothesen...

Im Haus der Offiziere von Wolgograd treffe ich Gamlet Dallakjan. Der 82-Jährige war schon als Melder an den Gefechten beteiligt, als sich Anfang September 1942 die Waage noch zugunsten der Deutschen neigte und es zunächst Generaloberst Paulus war, der mit seiner 6. Armee den Belagerungsring um Stalingrad immer enger zog. Auf Entsatz für die eingeschlossene 1. Sowjetische Gardearmee bestand kaum noch Hoffnung. Einige Kriegsveteranen - so erzählt Dallakjan -, die das alles mitgemacht hätten, seien bis heute entschieden gegen deutsche Kriegsgräber auf den Schlachtfeldern von einst. "Sie können nicht verzeihen, dass die Mutter oder der Bruder von den Deutschen getötet wurden. Aber sind denn damals in all den Monaten keine Deutschen gefallen? Die Deutschen haben uns umgebracht, wir haben sie umgebracht ..."
Dallakjan denkt, es sei genügend Zeit vergangenen, um entlang der Front der Jahre 1942/43 auch an die umgekommenen Deutsche zu erinnern. Der Gouverneur des Wolgograder Gebietes, Nikolai Maksjuta, ein Kommunist, habe sich ebenfalls für Rossoschka eingesetzt. "Vor 900 Veteranen hat der lautstark erklärt, man könne diese Friedhöfe jetzt nicht mehr verhindern."
Von Gouverneur Maksjuta stammt auch die Idee, der 1961 in Wolgograd umbenannten Stadt zum 60. Jahrestag der Schlacht wieder den Namen Stalingrad zurück zu geben. In der Bevölkerung besteht offenbar viel Sympathie für diesen Vorstoß, allerdings keine eindeutige Mehrheit. Auch viele Veteranen sind dafür, die Entscheidung von 1961 zu korrigieren. "Wir kämpften für diese Stadt. Der alte Name ist uns einfach näher", meint der Vorsitzende des Veteranen-Verbandes, Nikolai Fedotow.
Zu den Wolgogradern, die keine Einwände gegen einen deutschen Gedenkort Rossoschka haben, gehört auch die Physiklehrerin Galina Oreschkina, die außerhalb des Unterrichts für den russischen Ehrenhain arbeitet. Sie sucht mit jungen Freiwilligen nach den Überresten sowjetischer Soldaten, um sie bestatten zu können. Das sei eine gefährliche und vor allem mühsame Arbeit, denn während die Deutschen über ihre Erkennungsmarken identifiziert werden könnten, sei es bei den eigenen Soldaten viel schwieriger. Wer 1941 unmittelbar nach Kriegsbeginn einberufen wurde, trug nur eine kleine Kapsel mit einem Schraubverschluss bei sich, um darin einen Zettel mit den persönlichen Angaben - Name, Geburtsdatum, Wohnort - aufzubewahren. Nach 60 Jahren ist auf einem solchen Stück Papier nichts zu sehen, wenn es überhaupt noch auffindbar ist.
Stalin habe diese Erkennungskapseln noch im Krieg abschaffen lassen, erzählt Galina Oreschkina. "Offenbar waren ihm die Verluste der Armee zu hoch, und er glaubte, das so verschleiern zu können. Außerdem sollte bei der Gefangennahme unserer Soldaten nicht gleich erkennbar sein, bei wem es sich um einen Kommandeur oder Politkommissar handelte ..." Auch während der Kämpfe um Stalingrad galt Keitels "Kommissarbefehl", wonach in Gefangenschaft geratene Kommissare sofort zu erschießen waren.
Dann berichtet auch Galina von den zwielichtigen Spähtrupps der Militaria-Zunft, die sich von ihren Freiwilligen gestört fühlten. "Diese Leute sind perfekt ausgerüstet. Sie arbeiten mit Minensuchgeräten und Metalldetektoren, um Hohlräume aufzuspüren. Um alte Schützengräben auszuheben, setzen die sogar Bagger ein ..." In der Innenstadt von Wolgograd, in der Straße des Friedens, florieren Antiquitäten-Geschäfte, die sich der geborgenen Erbschaft des Krieges annehmen. Jetzt im Sommer, wenn die Touristen kommen, davon ist Galina überzeugt, würden diese Fundstücke auch an den offiziellen Gedenkstätten Wolgograds verkauft. "Wer will, kann sich dort mit Munitionsgurt und verrosteter Pistole fotografieren lassen. Sie hören schon, mir ist der ganze Militaria-Rummel zuwider."
Ihr gehe es um Völkerverständigung, deshalb organisiere sie seit Jahren zusammen mit anderen deutsch-russische Begegnungscamps an der Wolga. "Ich bin froh zu sehen, wie sich die Jugendlichen dort zusammen erholen und später in Briefen daran erinnern. Das ist auch Patriotismus, nicht im engeren Sinne, sondern in einem tieferen. Patriotismus heißt für mich: Sieh deine Wurzeln. Du bist ein Mensch und kein Tier. Die getötet haben, denen muss man vergeben können. Und wer getötet wurde in Stalingrad, der braucht ein Andenken, damit er nicht vergessen wird ..."

00:00 30.08.2002

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