Geräuschloser Krawall

Parteitag Die Alternative für Deutschland ist plötzlich brav geworden. Sie will die Umfrage-Erfolge nun in Stimmen ummünzen
Geräuschloser Krawall
Weil Krawatte ursprünglich „auf kroatische Art“ bedeutet, nennt man sie hier Langbinder

Foto: Nigel Treblin/Getty Images

Es gibt im Congress Centrum am Theodor-Heuss-Platz in Hannover eine Halle, die ungewöhnlich dürftig ist. Man versteht sofort, dass hier keine Flüchtlinge untergebracht werden konnten, das war den Menschen nicht zuzumuten. Also vermietete man die Immobilie für ein Wochenende an die „Alternative für Deutschland“ (AfD), die nun ihren dritten Bundesparteitag abhielt. Es war dies der erste, der als Delegiertenparteitag – nicht als Mitgliederparteitag wie die beiden vorherigen – aufgerufen war, und so versammelten sich knapp 600 Menschen – überwiegend Männer in Anzügen eines stellvertretenden Landrats – in der langgestreckten erbarmungswürdigen Halle.

Niemand hatte dort sein wollen. Der Parteitag war für Kassel geplant gewesen, die Mitte Deutschlands. Aber die Kasselaner wollten nicht. Jählings stand der Versammlungsort nicht mehr zur Verfügung. In Hannover wollten etliche Hoteliers ihre Zimmer nicht an AfD-Delegierte abgeben. Das schien viele Parteileute zu verbittern. Aber nicht zu sehr. Schöner war es, die Gelegenheit zu nutzen, sich als Opfer undemokratischer Machenschaften aufzuspielen. Die Empörung kam von Herzen, und so wie der Parteitag verlief, so wie er offenbar geplant war, blieb das die einzige Gelegenheit, zu der die kollektive Stimmkraft zum Ausdruck bringen konnte, wovon die Herzen voll waren. Ach, wie werden wir schlecht behandelt! Die Frage „Warum nur?“ warf selbstverständlich niemand auf.

Einen zweiten Hit, der die Halle aufbrüllen ließ, gab es immerhin auch. Er lautete: „Merkel hat versagt.“ Zweite Strophe: „Merkel muss zurücktreten.“ Die AfD-Vorsitzende Frauke Petry hängte in ihrer Rede die neckische Ermunterung an: „Sie schaffen das!“ Der Saal war selig. Das unterdessen berühmte Wort der Kanzlerin hatte zuvor schon der Ko-Vorsitzende Jörg Meuthen in Beschlag genommen, als er vom scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg der Partei in den letzten Monaten – seit dem Umfrage-Tief nach der Trennung von Parteigründer Bernd Lucke und Anhang – sprach und Höhenflüge ankündigte: „Wir schaffen das“, rief er den Delegierten zu und die brachen in Begeisterungsstürme aus. Wirkt Ironie also doch?

Es ist allerdings ein denkwürdiges Phänomen bei der rhetorisch nicht übermäßig begabten Angela Merkel, dass sie nun schon zum zweiten Mal ein Wort in Umlauf bringt, das – zunächst abgelehnt oder skeptisch aufgenommen – rasch zum Schlagwort wird, das viele benutzen. „Alternativlos“ war zunächst als Unwort gebrandmarkt worden, für die Politik fast ungehörig. Heute taucht es immer wieder in Gesprächen und Diskussionen auf. Jetzt in Hannover war „Wir schaffen das“ die Formel, die Wirkung tat. Auf das, was die Leute dabei denken, kommt es gar nicht an. Sie stehen sprachlich im Bann der Angegriffenen, sind nur Anhängsel.

Frauke Petry produzierte bei ihrem Auftreten den Charme einer Krankenschwester im Sanatorium. Kühl und bestimmend, sich ihrer Attraktivität bewusst, aber Erwartungen dämpfend hielt sie eine Rede, die niemanden vom Stuhl gerissen hätte, wenn nicht allen klar gewesen wäre: Hier und heute geht es um ein seriöses Image. Alle hatten Kreide gefressen. Das Einzige, was wie stets bei der AfD funktionierte, war das prompte Aufhüpfen der Zuhörer, sobald sich prasselnder Beifall ausbreitete. Da war es, als ob in einigen eine Apparatur wie bei einem Springteufelchen verborgen wäre: Kaum bewegten sich viele Hände zum Applaus, schon fuhren sie in die Höhe. So gab es auch während der Rede von Frau Petry ein fortwährendes Auf und Ab in den Zuhörerreihen.

Der frühen Rede der Vorsitzenden waren unheildräuend von einem Sprecher einige Hinweise vorausgeschickt worden, die der Sicherheitslage der AfD in Hannover galten. Eine Demonstration von AfD-Gegnern war angekündigt worden. Der Zug von Tausenden – so die hoffnungsvolle Befürchtung – sollte am frühen Nachmittag den Theodor-Heuss-Platz erreichen. Ein Sprecher sagte, wegen des „Mobs“ sollten die Delegierten dann lieber in der Halle bleiben und nicht mal zum Rauchen hinausgehen. Am Abend sollten die Delegierten sich am besten in kleinen Gruppen auf den Weg machen. Mit Überfällen von Seiten des politischen Gegners sei zu rechnen.

Derart eingestimmt begann Frauke Petry. Sie sprach vom Hass, der immer nur Symptom und niemals Ursache sei. Diese Gegenüberstellung ist zwar unsinnig, aber die Worte klingen doch nach und beschäftigen das Gemüt. Wie andere Redner auch surfte sie auf der Welle etlicher Fernsehmoderatoren, die von der Behauptung nicht lassen wollen, der unablässige Flüchtlingszustrom verstärke die Gefahr durch islamistische Terroristen, weshalb man beim Besuch von Weihnachtsmärkten ein mulmiges Gefühl habe. Wer diesen Zusammenhang leugne, sagte Petry, sei „naiv“.

Mit solchen Äußerungen wäre sie derzeit willkommener Gast in allen Talkshows des Fernsehens. Aber genau über diese Talkrunden beschwerte sich die AfD-Vorsitzende. Vertreter ihrer Partei, klagte sie, würden dort immer nur eingeladen, wenn es um Flüchtlinge gehe. Dabei sei die AfD thematisch viel breiter aufgestellt. Wie breit, zeigte sich bei den späteren Beratungen, als die Partei forderte, eine Verschärfung der Waffengesetze für Deutschland abzulehnen. Man wollte sich hier für Jäger und Sportschützen starkmachen. Ein Thema für Günther Jauch wäre das gewesen, aber der macht es nun ja nicht mehr.

Den Höhepunkt ihrer Rede erreichte Frauke Petry mit ihrem Aufruf zum Kampf gegen die „Ängstlichkeit“. Das Motto des Parteitags lautete „Mut zu Deutschland“. Mit dem Mut, so der Tenor ihrer Ausführungen, sei es aber bei den meisten der potenziellen AfD-Wähler nicht weit her. Es herrsche weit verbreitet Ängstlichkeit. Die im Saal Versammelten, lobte sie, seien ja nun gerade die, denen es an Mut nicht mangele. Und jeder wisse, wie schwer das sei, sich zur AfD zu bekennen, welche Nachteile, welche Anfeindungen man erfahre: Am Arbeitsplatz, im Bekanntenkreis und, am schlimmsten, in der eigenen Familie. Da vermeinte man fast, bei der früheren Pfarrersgattin Anklänge an die Erlebniswelt des Urchristentums herauszuhören.

Trockenes Kantinenbrötchen

Der Parteitag schien gerührt zu sein. Aber die Krankenschwester, die zuweilen wirkte wie die Zweitbesetzung der heiligen Johanna am Volkstheater von Rostock, sprach den Delegierten Mut zu und endete ganz unpathetisch mit der Vorhersage, die AfD werde 2017 in den Deutschen Bundestag einziehen. Trocken wie ein Kantinenbrötchen. Das wollten die Delegierten hören. Wieder sprangen sie von den Sitzen.

Der böse Bube der Partei aus dem Osten, der thüringische Landesvorsitzende Björn Höcke, war zu dieser Rede überhaupt nicht erst gekommen. Er traf später in der Halle ein. Er war auch ein Delegierter und sprach zwar nicht zu denselben, aber dafür mit ihnen. Er lächelte viel und gab sich ungemein freundlich. Auch er hatte schließlich begriffen, worum es in Hannover ging: einen guten Eindruck zu machen vor den Landtagswahlkämpfen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt. Da können radikale Töne nur stören. Entsprechend milde ließen sich auch die Landesvorsitzenden dieser Bundesländer vernehmen. Die CDU wurde gar nicht attackiert, abfällig war nur von den „Konsensparteien“ die Rede. Unablässig wurde dagegen die Kanzlerin angegriffen, sie verletze den Rechtsstaat, habe die Lage nicht im Griff, die Regierung sei handlungsunfähig. „Angela Merkel muss zurücktreten“ war die Botschaft des Parteitages. Und, um ein wenig auf dem politischen Weg in die AfD-Richtung voranzukommen, beschlossen die Delegierten Anregungen zur Veränderung des Asylrechts, die über das hinausgingen, was der Parteivorstand empfohlen hatte. Das ist Mut.

Es gab auch Kurioses auf dem Parteitag. Da brachte der niedersächsische Landesvorsitzende, Armin-Paul Hampel, in seinem Grußwort den Vorschlag an die Leute, zur Bekämpfung des Islamischen Staates in Syrien und im Irak solle man für die männlichen Flüchtlinge zwischen 18 und 45 Jahren die Wehrpflicht einführen. Die Delegierten schmunzelten beifällig. Dabei hatte ein Protagonist des rechten Flügels, der brandenburgische Parteivorsitzende Alexander Gauland, kurz zuvor an anderer Stelle die Politik der Bundesregierung gegenüber den Flüchtlingen so bewertet, als hätten die alten Römer selbst den Limes für die Germanen geöffnet. Das haben die Römer zwar lange Zeit nicht getan. Aber sie haben in Rom die dort eingetroffenen Germanen zu Soldaten gemacht, und das hat wesentlich zum Untergang des Römischen Reiches beigetragen. Offensichtlich besteht zwischen den Herren Hampel und Gauland in dieser Sache Klärungsbedarf.

Klärungsbedarf besteht auch nach diesem dritten Parteitag der AfD darüber, wohin diese Partei will. Unaufhörlich bezeichneten sie ihre Sprecher in Hannover als „bürgerlich-konservative“ Partei. Was sie damit sagen wollten, blieb undeutlich. Am Rande des Hauptgeschehens bezeichneten zwei Delegierte aus Bremen die CSU als Schwesterpartei. Seit den Zeiten von Franz Josef Strauß gibt es in Norddeutschland die Sehnsucht nach einer CSU auch außerhalb Bayerns. In Hannover sah es zeitweilig so aus, als wolle die AfD genau das werden. Wenigstens zum Teil. Auf eine Gründung der CSU nördlich der Mainlinie – die tatsächlich einmal erwogen worden war – hätte die CDU mit dem Einmarsch in Bayern reagiert. Das war der CSU damals zu gefährlich. Eine auf Dauer erfolgreiche AfD würde, so die Hoffnung mancher ihrer Parteigänger, die CSU außerhalb Bayerns ersetzen. Dagegen wird sich die CDU erbittert wehren, denn die Rolle der CDU wenigstens als stärkste Partei in den Parlamenten wäre dann gefährdet.

In Hannover fand ein AfD-Parteitag für den Westen, für die alte Bundesrepublik statt. Die CDU sollte geschont werden und wurde geschont.

06:00 16.12.2015
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