Gerecht ist das nicht

Klimawandel Was schuldet der Globale Norden dem Süden? Nicht nur Fridays for Future hat klare Antworten auf diese offene Frage

„Zehn Personen ziehen durch die Wüste. Zusammen verfügen sie nur noch über einen spärlich gefüllten Wasserkanister. Vor allem drei von ihnen haben bereits zwei Drittel davon getrunken. Nun streiten sie über eine gerechte Verteilung des Restes. Die besagten drei sind allenfalls bereit, das verbleibende Wasser zu gleichen Teilen aufzuteilen, die anderen empfinden das als ungerecht und fordern höhere Anteile für sich – diese Parabel aus dem Report „Global aber gerecht. Klimawandel bekämpfen, Entwicklung ermöglichen“ des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und des Instituts für Gesellschaftspolitik München aus dem Jahr 2010 veranschaulicht das heutige Dilemma der Weltgemeinschaft: Rechnerisch bleiben uns für den Zeitraum von 2012 bis 2100 höchstwahrscheinlich noch um die 750 Gigatonnen CO₂, die wir unter dem Strich ausstoßen dürfen, wenn wir das 1,5-Grad-Ziel erreichen wollen. Wie sollen wir dieses Budget aufteilen, und welche Maßnahmen müssen wir zudem ergreifen, damit es sich für alle gerecht anfühlt?

Bezüglich des Klimawandels tragen die Länder des Globalen Nordens gegenüber dem Süden eine historische Schuld. Denn sie haben das Gros der Emissionen verursacht. Den größten CO₂-Fußabdruck verbucht heute das reichste Zehntel der Weltbevölkerung. Laut einer aktuellen Oxfam-Studie waren sie für 52 Prozent der kumulativen CO₂-Emissionen von 1990 bis 2015 verantwortlich. In 25 Jahren bliesen sie knapp ein Drittel der Emissionen in die Atmosphäre, die allen noch verblieben. Die ärmere Hälfte der Menschheit generierte dagegen sieben Prozent der Klimagase. Es sind ebendie Menschen, die am schlimmsten von Wirbelstürmen, Dürren und Überschwemmungen heimgesucht werden. Gleichzeitig ist in der Klimarahmenkonvention ihr Recht auf nachhaltige Entwicklung festgeschrieben, was mit einer Erhöhung ihrer Emissionen einhergehen wird.

Obwohl dies, das Verursacherprinzip und die unterschiedliche Wirtschaftskraft der einzelnen Staaten, bereits 1992 in der Erklärung von Rio anerkannt wurde, ist die Frage danach, wer welche Verantwortung zu tragen hat, bis heute einer der großen Zankäpfel bei den Klimakonferenzen. „Gerade die ehemaligen Industrieländer sind in den 1990er und 2000er Jahren nicht auf ihre konkrete Verantwortung eingegangen, haben die Maßnahmen nicht umgesetzt und ihre Finanzen nicht bereitgestellt“, sagt die Referentin für Internationale Umweltpolitik der Heinrich-Böll-Stiftung, Lili Fuhr. „Jetzt sind wir an einem Punkt, wo die Krise immer drastischer wird und immer klarer, dass es nicht mehr reicht, wenn nur die Reichen handeln, sondern alle fundamental umsteuern müssen.“

Gestritten wird schon seit Jahren über die Finanzierung von Klimaschutz, -anpassung und unabwendbaren Schäden durch die Erderwärmung. Bereits 2009 hat der Norden dem Süden versprochen, bis 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar für Schutz und Anpassung zu zahlen. Diese Summe wurde bis heute nie erreicht. Auch wenn nun ein Finanzierungsplan für die nächsten Jahre vorliegt, sind weiter viele Fragen ungeklärt: „Eine Erreichung des 100-Milliarden-Ziels ist begrüßenswert, aber es fehlen noch konkrete Zusagen zu einem angemessenen Anteil der Finanzierung für Anpassungsmaßnahmen“, konstatiert der Vorstandsvorsitzende des Verbands Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe (VENRO), Bernd Bornhorst. „Wir fordern mindestens 50 Prozent der Summe, und zusätzlich zu den vereinbarten 100 Milliarden ausreichende Mittel für den Umgang mit Schäden und Verlusten.“ Die Gelder sollten nicht zurückgezahlt werden müssen, „aus dieser Schuldenfalle kommen viele ärmere Länder nicht mehr heraus“.

Ungläubige Blicke gen Ahrtal

Forscher*innen schätzen die Kosten für Schäden und Verluste im Globalen Süden bis 2030 auf bis zu 580 Milliarden Dollar, bis 2050 auf bis zu 1,8 Billionen. „Die Industrieländer haben sich immer darum gewunden, neue Finanzmittel dafür zur Verfügung zu stellen“, so Fuhr. „In den letzten zwei Jahren haben wir nun gesehen, wie schwerwiegende Schäden der Klimawandel jetzt schon verursacht. Die Entwicklungsländer schauen mit großen Augen darauf, was bei uns im Ahrtal passiert ist und welche Mittel da bereitgestellt werden.“

An Klimagerechtigkeit mangelt es aber auch im Inland. Die Erderwärmung trifft arme Menschen stärker als reiche, dasselbe gilt für Kategorien wie Geschlecht, Hautfarbe, Alter und Bildung. „Man kann sich die Gerechtigkeitsfrage aber auch bei der Gestaltung des Wandels und der politischen Maßnahmen stellen: Wessen Interessen werden damit unterstützt, und wer hat Mitsprachespielräume?“, fragt Fuhr.

So nützen einkommensschwachen Familien in unserer Gesellschaft, die ab Januar höhere Energiepreise schultern müssen, weder Sanierungsförderungen für ihre Mietwohnungen noch Zuschüsse für den Kauf eines Elektroautos. Fridays for Future fordert stattdessen eine radikale und gerechte Mobilitätswende: „Das bedeutet, das ganze System so zu verändern, dass Menschen besser zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sein können und der ÖPNV deutlich günstiger wird. Mobilitätswende darf nicht nur beim Auto ansetzen“, sagt Line Niedeggen, Aktivistin und Sprecherin für globale Klimagerechtigkeit bei Fridays for Future.

Überhaupt spielt Klimagerechtigkeit in Politik und Wissenschaft kaum eine Rolle. Als Heilsbringer gelten neue Technologien. So raten Gunnar Luderer vom PIK und sein Team in dem Report „Deutschland auf dem Weg zur Klimaneutralität 2045“, bis 2030 ein Drittel der PKWs mit Verbrennungsmotor durch E-Autos zu ersetzen. Zwar fordern auch sie einen zügigeren Kohle-Ausstieg, aber auch die Verklappung von bis zu 74 Megatonnen CO₂ im Untergrund. Das wäre das 30-Fache der Kapazität der sich noch in Entwicklung befindlichen CCS-Anlage Porthos in Rotterdam.

Klima- und Ressourcengerechtigkeit bleiben in der Studie auf der Strecke. Mehr Bedarf an Lithium, Nickel oder Kobalt für den massiven Ausbau der erneuerbaren Energien und der Elektromobilität führe zu kritischen Engpässen in der Versorgung, heißt es da. Auf die Idee, dass uns diese Rohstoffe gar nicht zustehen könnten, kommen die Autor*innen wohl nicht. Wenn sie so schon knapp sind, was geschieht, wenn der Energiebedarf im Globalen Süden wächst und die Menschen ihn mit Wind und Photovoltaik decken wollen?

Laut dem kongolesischen Wissenschaftler Jacques Nzumbu Mwanga hat der Rohstoffabbau in seinem Land gravierende Folgen: „Großflächiger industrieller Bergbau der nachgefragten Mineralien geht meist mit der Zerstörung großer Urwaldflächen einher. Dies führt zu Biodiversitätsverlust und wird oft von Landgrabbing oder -vertreibungen begleitet.“ Hinzu kommen Wasser-, Boden- und Luftverschmutzung. Die meisten Anwohner*innen profitieren zudem nicht von den Minen, da die qualifizierten, gutbezahlten Arbeitsplätze oft an Ausländer*innen vergeben werden.

Niedeggen warnt davor, neokoloniale Strukturen zu reproduzieren. „Es ist nicht klimagerecht, wenn wir etwa in Bolivien Lithium abbauen lassen, um hier ganz viele Elektroautos zu bauen. Dafür benötigen wir zu viele Ressourcen. Tatsächlich brauchen wir weniger Autos.“

Laut Juliane Dickel, Referentin für internationale Klimapolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz, entsteht etwa die Hälfte der Treibhausgasemissionen bei der Bereitstellung und Umwandlung von Rohstoffen. „Damit ist eine konsequente Ressourcenwende, die deren Verbrauch drastisch senkt, Teil der Lösung der Klimakrise. Dafür brauchen wir eine nachhaltige Ressourcenpolitik mit einem stringenten rechtlichen Rahmen, verknüpft mit einer soliden Lieferkettenregulierung, die negative Auswirkungen auf andere Länder, gerade im Globalen Süden, auflöst.“

Die Böll-Stiftung fordert mehr Ehrgeiz bei den Industrieländern, ihre Emissionen zu reduzieren, den schnellen Ausstieg aus Kohle, Öl, Gas und die Vermeidung von „Scheinlösungen und Irrwegen“ wie Geo-Engineering oder einem neuen Marktmechanismus für CO₂. Vielmehr müsse man schauen, „inwiefern man am Ende die großen Konzerne zur Kasse bitten kann“. Dabei denkt Fuhr an eine Abgabe auf die Förderung fossiler Energie, die Klimaschäden gegenfinanzieren könne. „Das würde heißen, tatsächlich das Verursacherprinzip umzusetzen.“

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06:00 10.11.2021

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