Geregelte Abläufe

Hochschule Von Münkler bis Gomringer: Identitätspolitik schafft es in die Schlagzeilen. Aber ist das jetzt schon eine neue Studierendenbewegung?

Berlin-Mitte, Frühjahr 2015: Der renommierte Ein-Mann-Thinktank Herfried Münkler, der an der Humboldt-Uni lehrt, wird auf dem Blog „Münkler-Watch“ verbal hart angegriffen. Es missfällt, dass Münkler nicht zimperlich ist bei seinen politischen Kommentaren: Die, die noch wollen, dass nie wieder Krieg von deutschem Boden ausgeht, schimpft er „Stechschritt-Pazifisten“. Tonfall und Auswahl der Autoren in der Vorlesung zur politischen Ideengeschichte sind weitere Steine des Anstoßes. Lang und breit Passagen aus der Bibel zu zitieren, die Vergewaltigung schildern hält man für potenziell verletzend – vor allem für die weibliche Hörerschaft. Die Leseliste: unausgewogen. Außer Hannah Arendt und Chantal Mouffe keine Frauen, Afrikanerinnen schon gar nicht – Frantz Fanon, ja, der ist aber aus Martinique. Dafür der Faschist Carl Schmitt.

Berlin-Hellersdorf, April 2016. Studierende der Alice-Salomon-Hochschule schreiben einen offenen Brief. Es geht um ein Gedicht des Pioniers der konkreten Poesie, Eugen Gomringer. Der Poet ist Träger des Poetikpreises der Hochschule. Avenidas, das in großen Lettern auf ihrer Fassade prangt, hat acht Zeilen und besteht aus vier Begriffen in spanischer Sprache. Zu deutsch: „Blumen“, „Alleen“, „Frauen“ und „ein Bewunderer“. Der ist der Stein des Anstoßes, denn er steht in der Lesart vieler für einen männlichen Blick auf Frauen, die hier mit Blumen gleichgesetzt würden, eine alte Metapher. Daher wird nun „eine Stellungnahme, von wem und mit welcher Begründung dieses Gedicht für die Hochschulwand ausgewählt wurde“ gefordert und auch „die Thematisierung einer Gedichts-Entfernung/-Ersetzung im Akademischen Senat zum nächstmöglichen Zeitpunkt“. Im September 2017 explodiert die Sache. Der Senat beschloss die Ausschreibung einer Neugestaltung der Fassade. Und ein wahrer Shitstorm brach über die Initiatorinnen der Debatte herein.

Deshalb wollen sie, die den offenen Brief noch mit Klarnamen unterzeichnet hatten, bei unserem Gespräch auch nicht namentlich genannt werden. Verwundert sind sie über das, was sich entsponnen hat. Nazi-Vergleiche, Zensur-Vorwürfe und blanke Misogynie schlugen ihnen entgegen. „Uns ging es darum, in Erfahrung zu bringen, warum dieses Gedicht dort steht und eine Debatte darüber anzustoßen, wie diese Fassade gestaltet sein soll.“ Mit Zensur habe das nichts zu tun. In der Tat erscheint der Vorwurf absurd, angesichts des Konzepts der „Fassadenpolitik“, das sie vorgelegt haben. „Ich habe viel darüber gelernt, wie Debatten heute geführt werden“, erklärt eine von ihnen. Völlig irrationale Vorwürfe brachen über sie herein. Die heftigen Reaktionen, von denen sie erzählen, sind nicht singulär. Münkler hatte die kritischen Studierenden seinerzeit als Feiglinge bezeichnet, die im Schatten der Anonymität des Internets aus dem Kontext gerissene Zitate verbreiteten. Das Gegenteil von Meinungsfreiheit, Verleumdungsfreiheit würde hier eingeklagt, schrieb damals die FAZ.

Hysterische Öffentlichkeit

Zu behaupten, die deutsche Hochschule sei in Zeiten ihres zunehmenden Umbaus zu einer den Verwertungsmechanismen vorgelagerten Veredlungsstätte von Arbeitskraft unpolitisch geworden, scheint mit Blick auf diese Beispiele falsch. Aber beweisen die Reaktionen auf Initiativen und Proteste, beweisen diese Proteste selbst, dass wir Zeugen einer neuen Studentenbewegung werden? Wahrscheinlich nein. Und wahrscheinlich hat sowohl die Art und Weise der Reaktionen wie auch die Art und Weise dieser studentischen Politiken gleichermaßen damit zu tun, dass man nicht von etwas sprechen kann, das mit dem vergleichbar ist, was wir meinen, wenn wir etwa 1968 sagen. Der Ton der Kritik entbehrt zwar oft nicht der Hysterie, die Bild & Co. dem SDS und Rudi Dutschke in den späten 1960ern entgegenbrachten – Gegenstand dieser Hysterie ist aber nicht etwa die Angst vor einem gesellschaftlichen Umsturz, den die Studierenden ins Werk setzen könnten. Vielmehr geht es um die Angst vor der Änderung des mikropolitischen Klimas.

Um die Genese dieser Angst, die in Teilen ihre Berechtigung haben mag, nachzuvollziehen, lohnt sich ein Blick in die USA. In Blood of the Liberals erzählt der New Yorker Autor George Packer davon, wie er in den 1980ern an die Elite-Universität Yale kommt. Dort ist der ambitionierte junge Mann genauso schockiert von der Identitätspolitik der Gruppen und Grüppchen der Schwarzen, Lesben und Schwulen, wie gelangweilt von den Sprösslingen der konservativen Ostküsteneliten. In den Seminaren geht’s ihm nicht besser. Hier hat das große intellektuelle Ding der 1980er, der französische Poststrukturalismus, Einzug gehalten. Dessen Kritik an objektiven Wahrheiten wird an amerikanischen Hochschulen jedoch vor allem als Kritik an der Wahrheit des weißen, heterosexuellen Mannes gelesen. Zwar ist diese Kritik in der spezifisch US-amerikanischen Situation politisch nachvollziehbar. Aber sie leistet einer Atmosphäre, in der tausend Identitäten zu blühen beginnen, Vorschub. Für Packer bleibt damit nicht nur die Arbeit an den Verhältnissen innerhalb der Uni selbst auf der Strecke. Aufgeklärte Ideale wie Freiheit, Rationalität, Gleichheit und Gerechtigkeit gehen verloren. Wo Diskussionskultur herrschen sollte, wird auf Befindlichkeiten und politische Korrektheit gepocht.

Dass Fragen von Identität und Korrektheit in den geschilderten Fällen eine Rolle spielen, liegt auf der Hand. Sie haben gemeinsam, dass sich Studierende vermittelt über eine Gruppenzugehörigkeit angegriffen fühlten: Deutlich wird das in der Besorgnis der Münkler-Kritiker, dass sich vor allem Studentinnen unwohl fühlen könnten, wenn der Professor Vergewaltigungsszenen rezitiert, um auf die sexualisierte Grausamkeit der Vorzeit aufmerksam zu machen. Auch die Kritikerinnen des Gedichts an der Hochschulfassade argumentieren insofern identitätspolitisch, als dass sie die Effekte des Gedichts vor allem auf Frauen im Auge haben. Hier ist man allerdings gut beraten, zu unterscheiden, in welchem Kontext Texte, Theorien und Standpunkte, die als anstößig empfunden werden, vorkommen. Während es eine Feier eines Gedichts darstellt, wenn man es in übergroßen Lettern an eine Wand malt, steht wissenschaftliche Beschäftigung mit Texten auch von Vordenkern des Faschismus auf einem gänzlich anderen Blatt.

Im Gespräch mit den zwei Autorinnen des Gomringer-Briefes fällt noch etwas anderes auf: Die Debatte um die Fassade steht in keinerlei Relation zu deren Bedeutung an der Hochschule. Es handelte sich nicht nur um eine interne Angelegenheit, sondern auch nur um einen winzigen Teil dessen, was studentisches Engagement in Hellersdorf ausmacht. Da geht es um AfD-Umtriebe im Vorort-Kiez, studentische Tarifverträge oder das prekäre Praktikum, das Studierende der Sozialen Arbeit obligatorisch absolvieren müssen. Warum interessiert das die Zeitungen nicht? Ein genauerer Blick zeigt tatsächlich: In der Öffentlichkeit gibt es eine verzerrte Wahrnehmung. Bei der Debatte um „Allgender-Toiletten“, erinnern sich unsere Gesprächspartnerinnen, sei das öffentliche Interesse an einer hochschulinternen Angelegenheit plötzlich ebenso enorm gewesen. Darüber schütteln sie den Kopf.

Aber wie auch immer die Kämpfe gerichtet sind, sie sind vor allem eins: lokal. Werden die großen Fragen überhaupt gestellt? Zumeist nicht. Das mag auch daran liegen, dass nicht nur ein breites politisches Engagement fehlt, sondern auch der Zusammenhalt derer, die sich einbringen. Erst vor kurzem zerbrach an der Uni Duisburg-Essen ein AStA daran. Die ohnehin merkwürdige Kombination aus RCDS und Antiimperialististen zerstritt sich über eine Veranstaltung zum Nahostkonflikt. Tatsächlich findet sich gerade bei diesem Thema einiges an studentischem Engagement. Vielerorts haben sich inzwischen Referate oder Bündnisse gegen „jeden“ Antisemitismus (was heißt, dass auch und gerade solcher von linker oder muslimischer Seite ins Visier genommen wird) gebildet. Für größere Bekanntheit sorgte der Fall der Dozentin Eleonora Roldán Mendívil an der FU Berlin. Sie hielt dort ein Bachelor-Seminar zu Rassismus und Kapitalismus. Bis jemand einen Blog fand, auf dem sie gegen Israel hetzte, und ein Video auftauchte, in dem sie von einer dritten Intifada träumt. Die Hochschule reagierte, Mendívil lehrt hier nicht mehr. Eine Podiumsdiskussion zum Thema artete in Verbalausfälle aus. Das zeigt auch, wie tief die Gräben teilweise sind. Antirassisten, Queerfeministinnen, Antideutsche, Antiimperialisten, Traditionslinke – während Laien hier den Überblick verlieren, sind die theoretischen Divergenzen teilweise gravierend. Einen gemeinsamen Nenner zu finden, fällt schwer.

Zehn Prozent Interesse

Zusammenarbeit gibt es – wenn überhaupt – in der Vertretung studentischer Interessen. „In den Punkten funktioniert die Zusammenarbeit gut“, erzählt Leon Grünig, Teil des vierköpfigen AStA-Vorstands der Uni Freiburg. Dort wird gerade gegen die Einführung von Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer und Studierende im Zweitstudium gekämpft. Eine Klage vor dem Verwaltungsgericht Freiburg wird mit Mitteln des Studierendenrates unterstützt. Doch die große Solidarität bleibt aus. „Das trifft die Mehrheit nicht“, erklärt Grünig und fügt hinzu, dass die Betroffenen auch schlecht vernetzt sind.

Tatsächlich stellt Hochschulpolitik das Gros studentischen Engagements dar. Die schafft es natürlich nicht ins Feuilleton: nicht sexy genug. Wen interessiert denn schon die Verteilung von Qualitätssicherungsmitteln, die Anwesenheitspflicht bei Vorlesungen? Doch auch das Interesse daran ist nicht so groß, wie es vielleicht sein sollte. Die Beteiligung an Wahlen zur Studierendenvertretung ist nirgends sehr hoch, oft gehen nur zehn Prozent an die Urnen. Mehr und mehr nehmen junge Studierende ihre Vertretung nicht als solche wahr – sondern vielmehr als Serviceangebot. Ersti-Woche, Kneipenführer, Semesterpartys finden sie super, Gremienarbeit, sich mit dem Rektorat streiten und auch mal eine Demo organisieren eher nicht so. Auch das Verhältnis der Studierenden zum Staat hat sich gewandelt. Während einst jede Veränderung erbittert erkämpft werden musste, gibt es inzwischen für die meisten Angelegenheiten geregelte Abläufe. Aus revoltierenden Studenten wurden jedoch mitnichten gleichberechtigte Partner, vielmehr Bittsteller. Grünig bestätigt diesen Eindruck. Unmotiviert klingt er dabei, als hätten die Mühen der Ebene den Traum vom großen politischen Wurf eingekerkert. Hat etwa die Demokratisierung der Universitäten der Politisierung der Studenten den Saft abgedreht? Und warum dann noch Zeit und Kraft aufbringen für etwas, das er selbst als „Kampf gegen Windmühlen“ bezeichnet, angesichts der studentischen Unterrepräsentation in den Gremien? „Wir haben Möglichkeiten, vor allem finanziell, Räume für coole Gruppen zu schaffen“, sagt Grünig. Das sei nicht zu unterschätzen. Unseren Gesprächspartnerinnen geht es um die Verbesserung der Studienbedingungen. Und dann sagt Grünig noch diesen Satz: „Wenn wir es nicht machen, macht es der RCDS.“ Nach Revolution klingt das nicht.

In der gedruckten Version dieses Artikels war vom Zerbrechen des Astas der Uni Marburg die Rede. Der Fehler wurde hier korrigiert.

06:00 16.10.2017

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