Gerhards vierter Sohn

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Gerhard hat drei Söhne. Und, was nicht weniger wichtig ist, drei Ehefrauen. Zwei Russinnen, und eine fast, aber nicht ganz. Seine zweite Frau ist Wolgadeutsche. Sie stammt direkt aus der Gegend von Wolgograd, das früher den Namen des Genossen Stalin trug. Wo Paulus sich seinerzeit verrechnet hat und mit seiner ganzen Armee in einen Kessel von strategischer Tragweite geriet. Aber das schreckte Gerhard nicht, als er die Frau wechselte, obwohl er im östlichen Teil Deutschlands lebte und das mit Stalingrad in der Schule gelernt hatte. Aber Stalingrad hin, Stalingrad her - Hauptsache, eine junge Frau. Gerhard findet, eine Frau muss nicht unbedingt schön sein, aber auf jeden Fall jung. Denn intime Beziehungen mit einer Frau über Vierzig, meint er, das ist eine Missachtung des schwachen Geschlechts und nicht das rechte Vergnügen.

Darum hatte er nicht eine Frau fürs ganze Leben, sondern drei. Eine einzige Frau kann nämlich nicht immer jung sein, Frauen haben die Eigenschaft, zu altern und sich abzunutzen.

Als Gerhards erste Frau also unverzeihlich gealtert war, heiratete er die zweite. Von der ersten trennte er sich nicht ohne Krach. Vor einem gerechten deutschen Gericht in der Stadt Zwickau, wo sie seit langem als Gerhards Ehefrau lebte, mitsamt zwei Kindern männlichen Geschlechts. Nach Zwickau hatte Gerhard sie noch zu DDR-Zeiten geholt, aus dem Gebiet Rjasan. Gegen den Willen ihrer Eltern - Helden des Krieges und der Arbeit.

In die Gegend von Rjasan hatte es Gerhard aus dienstlichen Gründen verschlagen. Er erwies nämlich dem großen Russland technische Hilfe. Seinerseits. Und Russland seinerseits versorgte ihn mit einem sehr guten Gehalt und erstklassigen Ehefrauen und Söhnen.

Von seiner dritten russischen Frau, Aljona, hatte Gerhard eine ganze Weile keine Kinder. Sie war selbst noch ein Kind. Aber sie konnte jeden Moment eins kriegen. Sie war zwanzig. Einunddreißig Jahre jünger als Gerhard. Doch Aljona ignorierte den gewaltigen Altersunterschied. Die Liebe ist ja bekanntlich böse und gemein - wie viele alte Böcke aller Zeiten und Völker wurden unverdient damit beschenkt! Das Alter ist bei der Liebe nicht die Hauptsache.

Die Hauptsache ist: Gerhard ist zurzeit arbeitsloser Alkoholiker. So haben es sein Schicksal und seine Karriere gefügt. Auch die Deutschen sind gegen das Schicksal nicht gefeit. Und entgegen einem gängigen Irrtum werden auch sie erfolgreich Alkoholiker. Gerhard aber ist kein Alkoholiker deutschen Typus, wie man es vom Bier wird. Er ist ein typisch russischer Trinker. Wenn er einmal anfängt mit dem Trinken, kann er nicht mehr aufhören, er trinkt alles aus, was im Haus ist, läuft kurz vor Ladenschluss schnell noch ins nächste Geschäft, dann in eine Kneipe und gegen Morgen zur Tankstelle. Gott sei Dank gibt es in diesem Land Tankstellen mit Öffnungszeiten wie Bestattungsinstitute - rund um die Uhr und ohne Schließtage. Wenn sie nicht wären, müssten Gerhard und solche wie er Bremsflüssigkeit trinken oder Schuhwichse auf Brot streichen. Aber so ist es natürlich herrlich. Ja. Na, und nach der Tankstelle greift Gerhard zur Quetschkommode und spielt bis zum Morgengrauen "Schwarze Augen". Manchmal besäuft er sich dermaßen, dass er die Hymne der Sowjetunion spielt. Was oft anhaltenden, permanenten Suff nach sich zieht.

Dennoch sieht Aljona in Gerhards Alkoholismus nichts Außergewöhnliches. Ihr Papa zum Beispiel war ein schwerer Trinker. Er wurde wegen seiner flammenden Leidenschaft achtzehn Mal entlassen. Anschließend allerdings immer wieder eingestellt. Auch beide Großväter von Aljona waren Trinker und ihre Onkel. Erstaunlich findet Aljona etwas anderes: Erstens, dass ihr ausländischer Ehemann von einem Tag auf den anderen ohne Arbeit und ohne Geld dastand. Und zweitens - seinen Hang zu sexuellen Vergnügungen und Phantasien. Letzteres überraschte sie zuerst angenehm, dann unangenehm. Sie hatte nicht erwartet, dass ein älterer Mann mit Glatze, ein Europäer bis ins Mark, sie in jeder freien Minute unentwegt belästigen würde.

Nein, nicht ohne Grund sind Gerhards drei Ehefrauen miteinander befreundet. Sie leisten einander moralischen Beistand. Aljona, seine letzte Frau, hat überhaupt keine weiteren Bekannten. Nur ihre beiden Vorgängerinnen und deren insgesamt drei Kinder. Woher sollte sie auch andere Bekannte nehmen? Ihr Mann hat sie erst vor einem Jahr ins Land geholt, Mitte Dezember, und in der Nacht vor Weihnachten angefangen, außer Haus zu trinken. So verbrachte sie die ganzen Feiertage tête-à-tête mit dem deutschen Fernseher. Derart einsam verbringt sie den größten Teil ihrer Ehe. Dass Gerhard meist bei ihr ist und ständig Anspruch auf sie erhebt, ändert die Sache nicht wesentlich.

Selbst wenn sie mal jemanden kennenlernt, wie damals beim Deutschkurs für Ausländer, dann macht ihr Mann alles kaputt und bringt sie vor den Leuten verschiedener Nationalitäten in eine peinliche Situation. Just dann, wenn sie ihre neuen Bekannten einlädt, zur Weihnachtsgans zum Beispiel, fängt er maßlos an zu trinken. Er kauft die Gans, brät sie nach bester nationaler Tradition und fängt dann ganz gegen die Tradition an zu trinken. Pfeift darauf, dass die Gäste schon Geld ausgegeben haben für kleine Mitbringsel plus Wodka und sich schon die Lippen lecken nach der kostenlosen Gans.

Manchmal macht Aljona ihrem Mann Vorwürfe, in einem seiner seltenen Augenblicke von Nüchternheit oder Gewissensbissen, dann erwidert er: "Daran seid nur Ihr schuld, Ihr habt mich zum Trinken gebracht und mich so gemacht!"

Sie: "Wer - wir?"

Und er: "Du, deine besten Freundinnen und euer Mütterchen Russland."

Die brüderliche Freundschaft seiner Ehefrauen erbost und ärgert Gerhard. Seiner Ansicht nach haben sie aufeinander wahnsinnig eifersüchtig zu sein statt miteinander befreundet. Er vermutet dahinter einen heimtückischen Plan. Gegen ihn.

Natürlich ist ein deutscher Alkoholiker keine allzu häufige Erscheinung. Aber man kann Gerhard auch verstehen. Der Mann hat sein halbes Leben Russland geopfert. Hat Hilfe geleistet bei Aufbau und Einrichtung irgendwelcher Gasgeneratoren. Und der Dank für seine Verdienste? Er wurde er rausgeschmissen. Es hieß: Wir haben genug von euren Generatoren, wir haben sie satt. In den Händen unserer Spezialisten gehen sie sofort kaputt. Wir haben auch ohne eure Anlagen schon genug Explosionen. Gerhard kehrte also zurück in die Heimat, und dort wurde er aus seiner Firma entlassen. Weil er im Ausland nicht mehr gefragt war. Im Inland war er´s schon lange nicht mehr. Warum sollte er in dieser Lage also nicht trinken, der Gerhard? In so einer Lage ergibt sich jeder hemmungslos dem Suff. Und dann schließen sich auch noch seine Frauen mit und ohne Söhne zusammen!

Und was war das glückliche Ende? Während Gerhard Tag für Tag seine Gesundheit und sein Arbeitslosengeld vertrank, machte sich seine dritte Frau Aljona ernsthaft ans Kinderkriegen. Und kriegte auch eins. Was blieb ihr übrig? Dem Gebären entgeht man nicht, ebenso wenig wie seinem Schicksal.

Gerhard freute sich nach altem russischem Brauch drei Tage lang rund um die Uhr über die Geburt seines neuen Sohnes. Das heißt, er trank mit jedem, der ihm über den Weg lief, lud alle ein. Dann ging er feierlich seine Frau besuchen. Kaufte von seinem letzten Geld eine rote Nelke für sie und ging los.

Er sieht sich den Neugeborenen an. Und ist schlagartig stocknüchtern, als hätte ihn ein Zauberstab berührt. Denn sein neuer Sohn sieht nicht ihm selbst ähnlich, sondern seinem ältesten Sohn Waska als Baby, jenem Schurken Waska, den seine erste Frau ihm vor einem Vierteljahrhundert geboren hat. Klar, dass er sofort nüchtern ist und begreift: Aha, das war also ihr Plan, das ist also ihre Rache, für nichts und wieder nichts.

Zwar regen sich durch die plötzliche Nüchternheit in ihm leise Zweifel, weil Waska jetzt nicht mehr viel Ähnlichkeit mit Aljonas Sohn hat, doch diese Zweifel verdrängt er, als ihm einfällt, dass er Waska lange nicht gesehen hat und sich nur verschwommen daran erinnert, wie er aussieht, außer dass er einen Schnauzbart hat und eins sechsundachtzig groß ist.

Und als dieser letzte Zweifel beiseite geschoben ist, brüllt er los. "Sag mir", brüllt er, "wem sieht dein Sohn ähnlich?"

Aljona sagt erschrocken: "Mir stockt die Milch in der Brust."

Und er: "Mach mir nichts vor mit deiner Milch. Antworte, verdammte Scheiße matj."

Aber Aljona schweigt. Sie weiß nicht, was man einem Deutschen in diesem Fall antwortet. Fremde Länder, fremde Sitten. Sie liegt also da und schweigt, und Gerhard denkt: Wäre ich, denkt er, Italiener oder wenigstens Georgier, würde ich sie im Affekt töten. Wäre ich Russe, würde ich sie eine Woche lang barfuß durch den Schnee jagen. Aber was mache ich an meiner Stelle, als Deutscher?

Nach dieser ausweglosen Entwicklung der Ereignisse fängt Gerhard wieder an zu trinken. Zum Glück ist das neue Arbeitslosengeld gerade eingetroffen, sonst hätte er bei der Bank einen Kredit aufnehmen müssen. Also trinkt er, weint männlich bitterlich und erzählt seinen zufälligen Saufkumpanen, dass sein Sohn von seiner letzten Frau definitiv seinem Waska aus erster Ehe ähnlich sieht.

"Ich hab ihn gezeugt", sagt er, "und dafür ernte ich von ihm nun schwarzen Undank."

Alle hören Gerhard zu, bedauern ihn und sagen: Weine nicht, Gerhard, es gibt Schlimmeres im Leben, Waska ist immerhin kein Fremder.

Und ein Mitfühlender fragt: "Und dein Waska", fragt er, "wem sieht der ähnlich? Dem Vater oder der Mutter?"

Da sinkt Gerhard in tiefes Nachdenken und antwortet, er erinnere sich nicht an diese betrüblichen Einzelheiten, und: "Davon will ich", sagt er, "gar nichts wissen."

Übersetzung: Ganna-Maria Braungardt

Alexander Churgin, 1952 in Moskau geboren, lebt seit 2003 in Deutschland. Zuletzt erschien im Freitag 42/2006 sein Text "Brunhilde und die Liebe".

Ganna-Maria Braungardt, geboren 1956, Studium der Slawistik in Woronesch, bis 1990 Lektorin bei Volk und Welt, seit 1990 freiberufliche Übersetzerin; u.a. Ulitzkaja, Granin, Kissina, Daschkowa ...


00:00 15.12.2006
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