Germanistinnen, tastende

Berliner Abende Neulich - es war just am Christopher Street Day - hat es mich déjà-vu-mäßig voll in die 60er verschlagen, eine Zeit, in der junge Menschen von Stil ...

Neulich - es war just am Christopher Street Day - hat es mich déjà-vu-mäßig voll in die 60er verschlagen, eine Zeit, in der junge Menschen von Stil und Geschmack beispielsweise so sprachen: "Germanistik? Nenene - da geh ich lieber in die Fabrik!" Und es dann auch tat. Vielleicht im Unterschied zu heute. Und so war es von nicht geringer und anrührender symbolischer Bedeutung, dass mein Zusammentreffen mit dem alten Grauen in der "Backfabrik" stattfand, einem außen frisch geklinkerten und innen weitgehend unverputzten neuen Berliner Event-Tempel am Fuße des Prenzlauer Berges.

Es war im Rahmen eines überbordenden Poesiefestivals, da am Abend eines tropischen Tages wahr- wahnhaft 30 Nachwuchspoeten, auch eine Hand voll Poetinnen darunter, den Reader Lyrik von jetzt repräsentativ vorzustellen hatten, der mit 74 Stimmen den Aufschwung oder zumindest die "schwarze Null" der Lyrikökonomie unter Beweis zu stellen hatte. Niemand unter den darin für würdig Befundenen durfte früher denn 1965 geboren worden sein. Es hat also gar nichts genutzt, dass ich in die Fabrik gegangen, nicht einmal, dass ich mich der Zeugung irgend eines später wie auch immer entartenden Nachwuchses enthalten hatte. So mein zahnendes Denken am Anfang. Aber dann entwickelte sich - rein fachlyrisch gesehen - ein Abend von High Quality und High Speed; in Fünferblöcken wurden die Hoffnungsträger durch die Rohrbrücken der Lyriklounge gepeitscht, zackzackzack, zwischen den Blöcken legte Barbara Morgenstern Musik für Zahnarzthelferinnen auf, und der moderierende alte Dichterhase Gerhard Falkner, offenbar berauscht vom sinnlichen Simmern der sommerlichen Metropole, ordnete schuldlosen Dichterknaben immer wieder weibliche Vornamen zu, so, als gälte es einen Mangel zu beheben, oder eine Vorlust zu stillen. Er schob es auf seine Brillen.

Langsam wurden die zwei Germanistinnen zutraulich: "Wir studieren Germanistik", sagte die eine, die mich durch ihren natürlichen Platzbedarf an die Wand gequetscht hatte. Sie schnappte sich meinen Reader und klappte ihn auf, als wolle sie Mayonnaise von der Wurst auf ihren Stullen kratzen: "Darf ich mal? Den kann ich mir nicht leisten" - "Wir tasten uns an die Lyrik ran." Sagte die andere Germanistin. "Gewöhnungsbedürftig", schnaufte die mit dem Platzbedarf. Meine Augenbrauen zeichneten ratlose Schreckensfragen, ja Entsetzensembleme. "Wie soll man denn an die Lyrik kommen, wenn man es nicht weiß", sagte die andere. Konnten sie im Halbdunkel die Spur meiner Schweißflüsse erahnen? "Wir hatten schon Thomas Mann und Böll." Sagte der Platzbedarf. "Aber auf der Uni gibt es ja kaum Lyrik." Das war der Augenblick, da ich mich wieder in die Fabrik gehen sah.

Jetzt führten die Germanistinnen Buch. Sie hakten ab: Bauer - Haken, Bonné - Haken, Brunner - Haken. Plötzlich Unruhe: "Das ist jetzt Crauss", sagte die Listenführerin, die den Moderator offenbar verschlafen hatte, erklärend in die Runde. Nicht Crauss! - Einwand aus der Crauss-Fankurve. Das ist Falb! "Hier steht Crauss!", die zweite Germanistin. Niemals Crauss! - die Fankurve. "Dann muss die Reihenfolge vertauscht worden sein!" Aufmäkelnd der germ. Plbdf: "Es sollte Crauss sein, ist aber Falb", so er jetzt ein größer werdendes Rund auf seinen Informationsstand hebend. "Es ist Falb, nicht ..." Sturz erster Getränkebehältnisse. "Was mich hier stört", sagte der Platzbedarf, "sind diese klirrenden Gläser." - "Man kommt ja nicht an die Lyrik, wenn man es nicht weiß", so die zweite Germanistin: "Ich taste mich heran." - "Gewöhnungsbedürftig", so der Platzbedarf, der scheinbar begonnen hatte, Eintragungen in meinen Reader zu machen. "Das war jetzt Crauss ..."

Fischer - Haken, Göritz - Haken ... Haken, Haken. "Wieso Kersten Flenter?", aufgebracht der Platzbedarf. "Bei mir im Programm steht Ostermeier. In ihrem Ablaufplan ist kein Ostermeier." Da also war mein Ablaufplan! "Das wird halt so ein Ersatz sein", die zweite Germanistin. "Der ist vielleicht bloß eingesprungen", der Platzbedarf. Haken, Haken, Haken. "Wenn man es nicht weiß, kommt man nicht ran." Bekräftigte er eigensinnig. Dann bildete sein Körper ein ungünstiges Kräfteparallelogramm und er kippte mit dem Stuhl hintüber in den Gang. Gerade begannen ein paar Flaschen durch die Lyriklounge zu kullern. Ich dachte mit Wehmut an die Fabrik. Die zweite Germanistin hob die erste Germanistin mit dem Stuhl so gut es ging in die Senkrechte. Es war alles heil. Die Germanistik kann aufatmen. Das Tasten kann weitergehen.

Scho - Haken, Schulz - Haken, Urweider - Haken, Utler - Haken ... Haken ...

00:00 11.07.2003

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare