Geröll bergan und bergab

Tourismus Gehören wir Menschen in die Berge – und wenn ja, wie viele? Der Deutsche Alpenverein sucht seit 150 Jahren die Antwort
Geröll bergan und bergab
Die Welt als Fels und Wolken: Der Deutsche starrt gern drauf

Fotos: C.D. Friedrich, Andrin Owassapian, Daniel Ernst, Max Münch

Wenn man früh im Mai überlegt, wohin es in den Ferien gehen soll, liefern die Berge noch keine befriedigende Antwort. Der Hirte aus Albrecht von Hallers Alpengedicht wendet sich schon im Mai mit dem ersten lauen Westwind, „wann sich der Erde Schoß mit neuem Schmucke zieret“ dem Gebirge zu, um „das erste Gras zu finden/ Wo kaum noch durch das Eis der Kräuter Spitze sprießt“. Ich wohne in der Stadt, Anfang Mai klingt ein Sommer am Meer vielversprechender, nach laxer Eleganz, Sonnenstunden, die man an langen Tafeln unter Bäumen verbringt, früh Schwimmen, spät Schwimmen, Weißwein, gegrilltem Fisch, wenige, kurze Exkursionen. Meer wäre Ruhe, Rast, Gelassenheit. Die Berge hingegen haben noch den Geschmack von Schnee und letzten Abfahrten, von eisigem Wind. Die Idee, doch über den Grat zu laufen und es hinten herunter zu versuchen, zieht noch in den Oberschenkeln.

Dann lehnt der Monat in den Sommer, vorsichtige Gedanken an die Alpen: Beschwerliche Anreise, frühes Aufstehen, schmerzende Füße, Wochen in immergleichen Kleidern, zu wenig Bücher, Geröll bergan und bergab, seltsame Preise für Essen, das allerdings schmeckt als sei es mit Sternen behängt. Irgendetwas in von Hallers Lehrgedicht, erstes literarische Zeichen eines fundamentalen Wandels der Gebirgswahrnehmung, hallt nach. „Denn hier, wo die Natur allein Gesetze gibet/Umschließt kein harter Zwang der Liebe holdes Reich.” Von Haller veröffentlichte die Zeilen 1729, die Alpen waren noch ein gefürchteter, gemiedenen Schreckensort, öffneten sich Forscherdrang, Männervereinen, Erstbesteigerlust, wurden langsam Sehnsuchtslandschaft.

Also muss ein Buch her, zur Hilfestellung: Die Berge und wir, eine bildbandgewordene Feier zum 150. Jubiläum des Deutschen Alpenvereins – und schreckt gleich ab: Auf die „Alpinisierung des Alltäglichen“ verweist der Ethnologe Daniel Habit in seinem klugen Essay, so weit fortgeschritten, dass auch am Berliner Alexanderplatz alpine Dekoration die Kommerzarchitektur tapeziert. Fällt einem auch sofort auf. Habit untersucht „Hüttenzauber“ in Fußgängerzonen, alpin verziertes Spielzeug aus dänischen Plastikbausteinen; den Umstand, dass ein Großteil des deutschen Fernsehens wohl mindestens aus den Voralpen sendet: „Wie kaum eine andere Landschaft sind die Berge zu einem gesellschaftlichen Gesamtphänomen geworden, das alle Lebensbereiche durchdringt, tausendfach medial inszeniert, als Werbeträger instrumentalisiert, als Projektionsfläche reproduziert.“

Schon 1921 nur für Arier

Die Alpen als Sehnsuchtsort, ihre stückweise Erschließung im 19. Jahrhundert, die mythologische, bergsteigerische, glaziologische Dimension des Erfassens der Alpen ist ein Mehrwert des Bandes. Ein weiterer sind Hinweise auf „eine klare Verschiebung des Fokus von wissenschaftlichen und naturästhetischen Momenten zu einem persönlichkeitsbildenden Moment, das aus der Überwindung von Schwierigkeiten resultieren würde“ etwa zwischen 1870 und 1930: Die Rolle der Alpen veränderte sich wieder. Ein männlich konnotierter Leistungsbegriff, länger unter einem wissenschaftlichen Kleidchen verborgen, machte sich immer häufiger am Fels zu schaffen.

Die Kapitel durchstreifen Gebirge und Verein, klauben große Brocken aus der Historie, vermessen Disziplinen und Technologie des Kletterns und horchen in den Resonanzraum ihrer kulturellen Bedeutung: Vom persönlichkeitsbildenden Moment ging nach dem ersten Weltkrieg ein direkter Steig zur „Pflicht für die Volksgemeinschaft“, in dem Nationalismus, Militarismus und Revanchismus eine Seilschaft bildeten, die mit Hilfe des Alpenvereins für den Nationalsozialismus funktionierte.

Und zwischendrin wollte der Verein die Berge ganz gerne judenfrei und stramm nationalsozialistisch haben, schon 1921 führte er einen Arierparagraphen ein und benannte erst Anfang er 2000er Jahre Hütten um, deren Patrone bis dahin überzeugte Nazis waren. Um diesen Teil seiner Geschichte kümmerte sich der Deutsche Alpenverein 2011 mit der Ausstellung Berg Heil – ob damit allerdings das Kapitel abgeschlossen sei, bezweifelten nicht nur die Autoren des damaligen Begleitbandes. Kurzer Anruf beim Wirt der Wolayerseehütte, ein freundlicher Mann, der erzählt, dass die Umbenennung der Eduard-Pichl-Hütte 2002 mit Murren aufgenommen worden war, immerhin, der glühende Antisemit, Burschenschaftler, NS-Funktionär hatte ja etliche Gipfel erstbestiegen, hochgeschätzt, wie man so sagt. Noch immer gibt es Reiseveranstalter, die die Pichl-Hütte als Ziel angeben. Und sonst so? Würden sich wieder Stimmen breitmachen, die ihm gar nicht gefielen, in denselben Bergen, in denen jetzt immer komfortablere, besser zu erreichende Hütten stehen, in denen immer mehr, immer besser ausgerüstete Wanderer immer runderen Service fordern – auch wenn der Alpenverein zum Schutz der Berge einmal für Kargheit gefochten hatte, neue Stiege verbieten wollte, vor Überlastung warnte. Irgendwo, rätselt der Hüttenwirt, gäbe es da einen Zusammenhang.

Für die Alpen, hat der renommierteste Alpenforscher Werner Bätzing vor ein paar Jahren geschrieben, gibt es „nur dann eine positive Zukunft, wenn zentrale Selbstverständlichkeiten unserer modernen Welt infrage gestellt werden.“ Dazu gehören grob überblickt Wirtschafts- und Besiedelungsformen, Industrie- und Dienstleistungslogik. Das, was als Massenabfertigung durchgeht und bedeutet, dass jeder überall hin- und durchkommen können muss, offensichtlich um dort seinen Müll zu hinterlassen. Am Mont Blanc drängelten sich im vergangenen Jahr fast 25.000 Menschen. Wie niedlich lesen sich da die Diskussionen gegen die Zugspitzbahn der 1920er Jahre! Und zeigen, dass der Alpenverein, der früh organisierte, moralische Instanz sein wollte, von Tourismusverbänden und Wirtschaftsinteressen beiseite geschoben wurde. Auch heute hat er zu den zentralen Selbstverständlichkeiten unserer modernen Welt zwar etwas zu sagen, nur hört kaum jemand hin.

Die geschundene Natur

Viele Geschichten erzählen die Autoren entlang einzelner Personen. Dagegen treten Originalquellen über Mühen früher Besteigungen zurück, Wandlungen der Landschaftswahrnehmung, literarische Bezüge werden dünn. Eine kurze Einführung zu Bergwelten auf Instagram als Verlängerung der deutschen Romantik plus Warenästhetik („scheint es um eine Simulation von Authentizität zu gehen“) erzählt nicht wirklich Neues – das Kapitel zur Privatfotografie geht der Schätzung, nachdem bereits 1913 rund 90 Prozent der Bergbesucher eine Kamera dabeihatten, auf wenigen Seiten nach.

Auch die düsteren Zeichen nehmen wenig Raum ein. Eher an den Rändern und ohne Bildmaterial blickt der Alpenverein auf geschundene Natur, zurückweichendes Gletschereis, die Perspektive, dass wir mit immer mehr Ausrüstung, Sportarten und Bewegungsmitteln – denken wir kurz an die schon im Flachland lächerlichen E-Bikes – auf immer höhere Berge drängen. Dass wir immer mehr Gelände durchpflügen, kolonisieren, kommerzialisieren.

Wie also mit den Bergen, den sie bestürmenden Touristen, der immer extensiveren Nutzung der Täler umgehen? Bisschen blättern. Sätze stehen da, die aus Verwaltungsvorschriften geliehen sein könnten, matter Grundton: „Heute wie damals galt es für den Alpenverein zu Problematik des enormen Erschließungsdrucks der Berge Position zu beziehen und schließlich (…) Mechanismen der politischen Einflussnahme zu finden.“ Und was wären die? Auch Daniel Habits hofft, dass die Anziehungskraft der Alpen auf Touristen und im Umkehrschluss die Alpinisierung urbaner Lebenswelten als Beitrag zum Schutz des Naturraums gelesen würde – nur klingt das wie Nebel eines bemühten Optimismus.

Als der klassizistische Kunsttheoretiker Johann Joachim Winckelmann 1760 den Gotthard überquerte, ließ er die Fenster seiner Kutsche verhängen, zu sehr ängstige ihn die Wildheit des Gebirges. Heute würden Vorhänge Unrat an Straßenrändern verbergen, zunehmende Verkarstung der Höhenlagen, Schuttablagerungen, hinter denen die Gletscher verschwunden sind. Und manche Kolonne Bergtouristen, die sich sicher nicht dümmer anstellen, als der Autor selbst.

Anfang Juni also die ungemütliche Frage: Genügt es, einen Bildband zu lesen, oder muss ich tatsächlich in die Berge?

Info

Die Berge und wir. 150 Jahre Deutscher Alpenverein Deutschen Alpenverein (Hrsg.) Prestel Verlag, 320 S., 300 Abb., 39 €

06:00 14.07.2019

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