Geschenk der Götter

Sportplatz Kolumne

Die Olympische Charta ist eindeutig, sie besagt, dass die Aktivität der Olympischen Bewegung "auf Dauer angelegt und weltumspannend" sei. Fünf Ringe, fünf Kontinente. Ihren "Höhepunkt" erlebt diese Aktivität "in der Zusammenführung der Athleten der Welt zum großen Fest des Sports, den Olympischen Spielen". Die Olympische Charta ist die Verfassung dieser Bewegung, und sie ist verbindlich. Die Rede ist von einem Fest ("festival"), nicht von einer Party oder einem Event. Die Rede ist weder von Arbeit noch von Freizeit, weder von Ernst noch von Spaß, sondern vom Sonntag der Bewegung. Sollte das nur noch für Theologen aufregend sein? Die diesjährigen Kugelstoßwettbewerbe finden im heiligen Hain des antiken Olympia statt. Ist das ein Werbegag? Oder soll das die Götter locken? "Das Fest ohne Götter ist Unbegriff." (Josef Pieper) Für Coubertin, den "Neubegründer" der olympischen Spiele, waren die Spiele eine Religion. Ist das bloß ein zu entsorgender Ballast in der Moderne oder mehr? Die Sache zählt. Ein Event macht einen Kult um etwas, ein Fest ist kultisch.

Der Kultus lockt das, was nicht in der Hand der Menschen liegt. Das muss kein höheres "Geschick" (Heidegger) sein. Nach alter Überlieferung (Vergil) ist die Muße des Festes ein Geschenk der Götter. Wir müssen etwas dafür leisten. Götter wollen umschmeichelt, in aller Regel umtanzt sein. Aber was wären das für Götter, die sich durch unser Schmeicheln kaufen ließen. Sie geben Geschenke - oder lassen es. Je nachdem. Doch was wären das für Götter, die sich durch unser Schmeicheln nicht erbarmen ließen. Wir müssen und können etwas leisten für unser Glück. Nur fabrizieren können wir das Festliche nicht. Sondern Glück muss man halt haben.

Feste wollen gepflegt werden. Zweifellos verlangen sie eine gute Vorbereitung - eine eigene Ökonomie ihrer Bedingungen und Beteiligten sozusagen. Pflege aber, oder auch cultura, ist akribische, keinesfalls lückenlose Vorbereitung. Eine Festkultur muss einladend sein, also gespannt darauf, wer und was da kommen wird. Wenn man es unbedingt metaphorisch will: In der Planung sollen Plätze frei gehalten werden für die Götter. Wir kennen doch jene Feiern, die in einem toten Ritual alles Eigene der Beteiligten ersticken. Die Olympischen Spiele von 1936 haben die Herrschaftsstrategie der lückenlosen Planung durch viel Pomp übertüncht.

Dabei sein ist alles, ist nicht alles. Es geht ernsthaft darum zu gewinnen, sonst ist es kein Spiel. Ein Fest des Sports ist eine Begegnung der Athleten. Eine gute Ökonomie stellt die Bedingungen bereit: vom Training über die Nahrungsergänzungsmittel bis zum Stadion. Aber die sportliche GegnerIn ist nicht einfach eine besonders komplizierte Bedingung der Herstellung des eigenen Sieges neben zahllosen anderen Bedingungen wie Windverhältnissen, eigener Verfassung, Kleidung, Werbevertrag, was immer. Ein sportlicher Wettkampf macht nicht einen Kult um seine Bedingungen, sondern ist die Herausforderung des sportlichen Gegners. Nur dann kann und darf man gespannt bleiben, was dabei herauskommen wird. Sieg und Niederlage fallen zu. Ein Geschenk der Götter.

Eine losgelassene Ökonomie des Sports, abgesichert durch eine Ideologie des Leistungssports, kennt die Athleten nur als Instrument des Herstellens von Siegen oder Events. Vielfach kennen dann auch die Athleten sich und ihre Gegner nur als Bedingungen des Fabrizierens. Vieles scheint gar auf dem Kopf zu stehen: dass die Spiele ihrer eigenen Ökonomie bedürfen, scheint ein bloßes Hirngespinst. In Wahrheit scheint eine globale Ökonomie sich ihre Spiele zu halten. Es hilft nicht, das anders zu interpretieren. Aber man kann Errungenschaften bewahren wollen. Eine Verfassung taugt nicht nur für Sonntagsreden. Man kann sie auch beim Wort nehmen. Und das besagt, dass eine Kultur des Festes ihre Ökonomie einbinden muss. Dann könnte man gespannt sein, was sich ereignet.


00:00 13.08.2004

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