Geschichte als Familie

Genealogie Von der DDR-Justizministerin bis zum Kritiker der Weimarer Republik: Uwe-Karsten Heye erzählt „Die Benjamins“ als Jahrhundertstory. Leider nicht frei von Schwächen
Erhard Schütz | Ausgabe 14/2014 3

In seiner autobiografischen Berliner Kindheit um Neunzehnhundert geht der Kritiker und Autor Walter Benjamin auf ein Foto ein, das ihn im Tirolerkostüm abbildet. Auf dem realen Foto ist sein Bruder Georg dabei. Von dem – auch sonst im Text – aber kein Wort. Auch in den nicht gerade wenigen Biografien über ihn taucht der Bruder allenfalls am Rande auf, die Schwester Dora oft gar nicht. Uwe-Karsten Heye, eine der integreren Figuren im Grenzgebiet von Journalismus und Politik, zuletzt Regierungssprecher unter Gerhard Schröder, hat sich nun erstmals der Geschwister Benjamin in toto angenommen. Und ist noch tiefer in die Familiengeschichte eingetaucht. Seine Darstellung nennt er ein „deutsches Lesebuch, das über das 20. Jahrhundert hinausweist“. Tatsächlich geht es um Wichtiges zur deutschen Geschichte – und spätestens beim Anlesen merkt man, wie lange das Thema schon überfällig war.

Feministische Vorarbeiten

Heye führt zwar Walter Benjamin ständig an, aber – verständlicherweise – gibt es nichts, was nicht schon vielfach und vielfach besser gesagt worden wäre. Walters Frau Dora Kellner und der Sohn Stefan kommen zudem nur randständig vor. Anders steht es um die Schwester Dora, „die oft unterschätzte oder einfach übersehene“ neun Jahre Jüngere. Gestützt auf feministische Vorarbeiten gibt Heye ihr größeren Raum. 1901 geboren, studierte sie Nationalökonomie und wurde – damals keineswegs selbstverständlich – 1924 mit einer Untersuchung zur sozialen Lage der Berliner Konfektionsarbeiterinnen und ihrer Kinder promoviert, arbeitete in der Sozialfürsorge, engagierte sich in der Arbeiterhilfe, publizierte zu sozialen Themen, zum Beispiel 1928 zum Stand der Heimarbeit, war 1929 Mitorganisatorin der Ausstellung Gesunde Nerven, zu der Walter eine kluge Besprechung lieferte, ging 1933 nach Paris ins Exil, wo sie später den Bruder unterstützte. Dann wurde bei ihr Morbus Bechterew diagnostiziert. Der Krankheit wegen ließen die gerade gegen Juden so hartherzigen Schweizer sie ins Land. Dort interniert, arbeitete Dora als unbezahlte Lehrerin, engagierte sich in der internationalen Kinderhilfe und starb unter elenden Umständen 1946 an Brustkrebs. Heute trägt ein Park in Berlin-Friedrichshain ihren Namen.

Straßen in Berlin, Plauen und Schwerin hingegen tragen den Namen ihres Bruders Georg. 1895 geboren, Mediziner, kommunistischer Bezirksverordneter. 1942, zwei Jahre nach dem Suizid des Bruders auf der Flucht vor den Nazis, wurde er ebenfalls in den Tod getrieben. Mit ihm erweitert sich der Fokus dieser Familiengeschichte beträchtlich: Georg hatte nämlich Hilde Lange, eine Freundin seiner Schwester, kennengelernt und war ihr durch die gemeinsame Lektüre des Zauberberg, dessen „schlechthin souveräne Mache“ auch Walter gefesselt hatte, nähergekommen.

1932 kam Sohn Michael zur Welt. Hilde arbeitete als Anwältin und erhielt von den Nazis Berufsverbot. 1933 wurde Georg verhaftet, kam zu Weihnachten wieder frei, wurde 1936 nach Brandenburg verschleppt und starb wohl, neuerlich inhaftiert, indem er sich in den Starkstromzaun des KZ Mauthausen warf. Es ist anrührend und erschütternd zugleich, die Briefe des Paares zu lesen, die Versuche wechselseitiger Ermunterung, vor allem aber die Versuche Georgs, den kleinen Sohn, der als „Mischling“ nicht mehr die Schule besuchen durfte und von der Mutter unterrichtet wurde, zu unterhalten und ihm Normalität zu suggerieren. Die Briefe allein sind es wert, dafür Heyes Buch zu lesen. Bekommen hat er sie von den Nachkommen von Georg und Hilde. Das setzte entschieden Vertrauen darauf voraus, dass die nachmalige Vizepräsidentin des Obersten Gerichts, dann Justizministerin der DDR, hier nicht – wie so oft – als ‚Blut-Hilde‘, als ein eiskaltes Aburteilungsmonster dargestellt werden würde. Wer die warmherzigen Briefe oder ihre Tagebucheintragungen liest, dem wird das ebenso schwer fallen wie einzusehen leicht, wie sie durch das familiäre Schicksal bestärkt wurde, Naziverbrecher ihrer schnellen Strafe zuzuführen. Man muss sich vor Augen führen, wie über sie geurteilt wurde, als Zeit und Spiegel noch Nester von Nazi-Journalisten waren. Da fertigte 1951 eine Titelgeschichte des Spiegel ihr Schicksal zynisch so ab: „Weder als Frau noch als Anwältin waren ihr Glück und Erfolg beschieden.“ Gänzlich anders, naturgemäß, die Sicht des Sohnes Michael: „Eigennutz lag ihr ebenso fern wie berechnender Zynismus. Was auch immer sie getan hat, hat sie aus der tiefen Überzeugung getan, der Sache zu dienen, der sie ihr Leben gewidmet hatte: der Errichtung einer besseren, sozialen Gesellschaft.“

Der dritte Weg

Mit Michael geht die Geschichte der Benjamins weiter. Auch er ein Jurist, Professor, teils in Moskau, vor allem an der Akademie für Rechts- und Staatswissenschaften in Potsdam-Babelsberg, die Kenner für die eigentliche Steuerungsinstanz der DDR halten. Bis zu seinem überraschenden Tod 2000 war er in der Kommunistischen Plattform der PDS aktiv und förderte unter anderem Sahra Wagenknecht. Skandalisiert wurde damals seine Aussage, dass dieMauer „eine völkerrechtlich zulässige, zum damaligen Zeitpunkt durch die Umstände erzwungene Maßnahme“ gewesen sei. Über die Urenkel von Georg und Hilde Benjamin, die Jurastudentin Laura und den Architekturstudenten Jakob, weist die Geschichte der Familie ebenso ins Offene wie über die deutschen Miseren hinaus. Entsprechend schließt Heye mit der Absage Walter Benjamins an jedwede Menschheitslösungen in totalen Systemen, mit dessen Ermunterung, „den Lebenstag der Menschheit ebenso locker aufzubauen wie ein gut ausgeschlafener vernünftiger Mensch seinen Tag antritt“.

Dass Heye erstmals über all die Materialien aus der Familie Georg und Hilde Benjamins verfügen konnte, ist die Stärke seines Buchs. Allerdings fast auch die Einzige. Die Loyalität gegenüber der Familie ist verständlich, aber muß man, um angeblich voreingenommenen Westlern und ganz unkundigen Nachgeborenen Nachhilfe zu geben, sich so in historischen Schulfunk-Memorabilien verlaufen und aber auch ja keine der ältlichen Floskeln wie etwa die von der „Republik ohne Republikaner“ auslassen? Dazu kommt die journalistische Untugend, alles und jedes aktualisierend einspeisen zu müssen, ob das Komasaufen heutiger Jugendlicher oder die Empörung über das internationale Bankertum. Besonders penetrant sind die ausgiebigen Wiederholungen von Zitaten, Fakten, Formeln und Ansichten. Zudem ist einiges einfach falsch. Mindestens viermal wird empört ausgebreitet, wie luschig die Adenauerzeit mit der Nazivergangenheit umging. Einmal davon abgesehen, dass zwar auf der Dreimächteseite nur etwa halb so viele Nazis pro Hunderttausend verurteilt wurden wie im Sowjetbereich, dass es da aber auch keine so skandalösen Willkürurteile und unmenschlichen Haftbedingungen gab. Und die bejammerte zu späte Aufarbeitung der Vergangenheit bundesdeutscher Ministerien: Warum hat Heye selbst, immerhin langjähriger politischer Akteur, nichts dagegen initiiert?

Nervend ist schließlich der Hang zu wohlfeilen Mutmaßungen und rhetorischen Fragen. Ob Walter Benjamin, hätte er überlebt, auch einen Dritten Weg gewollt hätte. Was er wohl am letzten Abend dachte – es folgt eine banalisierende Paraphrase von Zitaten. Oder das: „Ob sich Vater Emil Benjamin in der ‚Vossischen Zeitung‘ über den Mannheimer Parteitag [1906] der Sozialdemokratie informieren konnte, vorausgesetzt, dass die bürgerlichen Blätter darüber überhaupt berichtet hatten, ist nur zu vermuten.“ Ein klein wenig Recherche hätte erbracht, dass sie ihn tatsächlich ignorierte. Solches ist ärgerlich und schade und wäre bei einem Mindestmaß an Lektorat vermeidbar gewesen. Liest man darüber hinweg, dann freilich liest man eine ebenso aktuelle wie herausfordernde deutsche Familiengeschichte. Freilich harrt sie nun noch einer differenzierteren Darstellung.

Die Benjamins. Eine deutsche Familie Uwe-Karsten Heye Aufbau 2014, 361 S. plus Bildanhang, 22,99 €

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06:00 16.04.2014

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