Geschichte, die unsichtbar bleibt

Im Kino Jonathan Demmes Verfilmung von Toni Morrisons Roman »Menschenkind«

In den USA gibt es kein Mahnmal, das an die Schrecken der Sklaverei erinnert, keinen Ort, an den man hingehen könnte, um sich dieser Vergangenheit zu besinnen. Toni Morrisons Roman Beloved (zu deutsch unerklärlicherweise Menschenkind) war ein gelungener Versuch, der Bevölkerung Amerikas zumindest einen literarischen Ort der Erinnerung an die Sklaverei zu schaffen und eine »andere Geschichte« zu schreiben als sie in den Lehrbüchern steht. 1988 erhielt Morrison den Pulitzer Preis für Menschenkind, 1993 wurde sie, als erste Afroamerikanerin, mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Nun ist der Roman verfilmt worden. Und auch damit sollte wohl ein Monument errichtet werden: Talkshow-Star Oprah Winfrey, die Hauptdarstellerin, Koproduzentin und treibende Kraft des Projekts ist, bezeichnete den Film als »meine Schindlers Liste«. Ironischerweise ist der Vergleich mit Stephen Spielbergs Film nur allzu passend: Auch bei Menschenkind hat sich Hollywood zum Teil im Ton vergriffen, mit dem die Geschichte erzählt wird.

Es ist das Jahr 1873, acht Jahre nach Ende des Bürgerkriegs: Sethe, gespielt von Oprah Winfrey, ist eine ehemalige Sklavin, die nach ihrer Flucht aus Kentucky nun in Cincinnati, Ohio, lebt. Zusammen mit Denver (Kimberly Elise), der einzigen Tochter, die ihr geblieben ist, versucht sie, ein »normales Leben« zu führen. Doch die Vergangenheit läßt sie nicht los: Sethe hat damals, vor achtzehn Jahren, eine ihrer beiden Töchter getötet, um sie vor der Sklaverei zu bewahren. Seitdem lebt der Geist dieser Tochter weiterhin unsichtbar in ihrem Haus. Das Dorf ächtet sie, aber Sethe weigert sich wegzuziehen, da sie »nie mehr in ihrem Leben vor etwas weglaufen will.« Paul D (Danny Glover), ein ehemaliger Mitsklave, steht eines Tages plötzlich vor der Tür und bringt Teile der schmerzhaften Vergangenheit wieder ans Licht. Kurz darauf taucht scheinbar aus dem Nichts eine rätselhafte junge Frau auf (Thandie Newton), die sich Menschenkind nennt - der Name, der auch auf dem Grabstein der toten Tochter steht. Damit beginnt für Sethe eine schmerzhafte Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschichte.

Das Drehbuch hält sich eng an die Romanvorlage - die meisten Dialoge sind wortwörtlich übernommen; auch die Personen und Settings folgen haargenau den Beschreibungen im Buch. Das Filmmaterial wurde so behandelt, daß über den Bildern eine Art Patina liegt. Wer den Roman kennt, ertappt sich im Kino ständig dabei, daß die Filmbilder wie eine Materialisierungen der eigenen Bilder im Kopf funktionieren. So verführerisch ist diese Abbildung, daß man die eigene Sprache des Films als Film nur allmählich registriert. Und diese erzählt letztlich eine ganz andere Geschichte.

Dabei beginnt der Film verheißungsvoll - eine langsame Kamerafahrt über einen verschneiten Friedhof, der Blick irrt umher und bleibt schließlich an einem kleinen rosafarbenen, schiefstehenden Grabstein hängen, in den das Wort »Beloved« eingemeißelt ist. Es ist das Grab eines Kindes. Wie dieses Kind zu Tode gekommen ist, bildet den Kern der verworrenen Geschichte, um die sich Menschenkind rankt. Ähnlich eindringlich, präzise, grausam und schön wie dieses Bild ist auch Morrisons Sprache im Roman. Die Geschichte steckt voller Zeit- und Gedankensprünge, verweigert sich einfachen und vertrauten Mustern. Denn eine Geschichte, die zu schmerzhaft ist, um erinnert zu werden, erzählt sich nicht einfach so, man muß sich an sie heranschlängeln. Aber der Film läßt sich kaum ein auf diese Umwege, die erzählt werden müßten, damit man das Ganze wirklich versteht. Stattdessen wird die Story in eine Kombination verschiedener Genres gepreßt: Ein bißchen Geisterfilm, viel Drama um eine Heldin und eine Portion Liebesfilm. Je nachdem, welches Register gerade gezogen wird, folgt die Filmsprache der jeweiligen vertrauten Erzählkonvention.

Regisseur Jonathan Demme (Das Schweigen der Lämmer) hat es sich nicht nehmen lassen, eine Reihe von Horrorelementen in den Film einfließen zu lassen. Das rote Flimmerlicht, in das der Geist das Haus taucht, die lauten Poltergeist-Szenen und die gruselige Dämonisierung der Figur des Menschenkinds, wirken letztendlich deplaziert. Menschenkind ist keine Horror- oder Geistergeschichte. Die Regie findet aber offensichtlich keine andere Sprache, um dem Schrecken der Erinnerung Ausdruck zu verleihen. In anderen Momenten dagegen driftet der Film allzusehr ins Kitschige ab, etwa wenn Sethe beim Überqueren des Ohio Rivers mit der neugeborenen Denver im Arm dem Sonnenuntergang entgegenfährt, und im Hintergrund anschwellende Sphärenchoräle zu hören sind.

Die Figur des Menschenkinds ist brillant von Thandie Newton gespielt - allerdings bleibt die Interpretation der Rolle als geistig behindertes junges Mädchen, das zum Ende hin stark dämonisiert und sexualisiert wird, etwas fragwürdig. Danny Glover (bekannt aus Lethal Weapon) als Paul D ist vielleicht ein bißchen zu lustig und munter für seine Rolle, und der recht wohlgenährten Oprah Winfrey nimmt man die ausgezehrte, vom Leben gezeichnete ehemalige Sklavin auch nicht so ganz ab. Allerdings ist sie - für ihre Verhältnisse - eine erstaunlich stoische und unglamouröse Sethe. Fazit: Es hätte schlimmer kommen können. Da Winfrey seit 1987 die Filmrechte besitzt und das Projekt in jahrelanger zäher Arbeit selbst auf die Beine gestellt hat, hatte sie die Rolle der Sethe von Anfang an für sich selbst reserviert: »Wenn ich die Rolle der Sethe nicht spielen kann, dann werde ich es eben lernen.« Dem Filmprojekt selbst hat sie damit nicht unbedingt einen Gefallen getan.

Kimberly Elise jedoch ist die wahre Entdeckung des Films: Mißtrauisch und unglücklich ist ihre Denver anfangs und zugleich hungrig nach Zuneigung. Erst allmählich wird sie mutiger und selbständiger, man kann ihr geradezu beim Erwachsenwerden zuschauen. Als Paul D ihr zuletzt in der Stadt zufällig über den Weg läuft, ist sie fast schon ein wenig kokett - und doch eigentlich viel zu ernst für ihr Alter. Elise, die bislang in Independent Produktionen sowie in Set It Off mitgewirkt hat, schafft es besser als alle anderen, die Vielschichtigkeit der Geschichte durch ihre Figur deutlich zu machen.

Letztendlich aber stehen Sethe und ihr persönliches Schicksal allein im Zentrum des Films. Sie trägt die Narben der Sklave rei auf ihrem Rücken und in ihrem Herzen. Nur durch ihre Erzählungen, ihren Blick und ihr Verhalten erhält man Einblick in die Monströsität der Geschichte. Während der Roman die Erfahrungen anderer Figuren zu einem größeren Bild über die Sklaverei verknüpft, bleiben diese Charaktere im Film seltsam blaß. So erfährt man wenig über Paul Ds Unruhe, die ihn nie lange an einem Ort verweilen läßt und nichts über seine Gefühle, die er panisch unter Kontrolle hält, aus Angst auseinanderzubrechen. Die Menschen im Dorf bilden ein heiteres kleinbürgerliches Panorama ohne jede Vergangenheit. Sethes Schwiegermutter Baby Suggs, gespielt von der großartigen Beah Richards, predigt zwar einen geradezu revolutionären Sermon der Selbstliebe, hat aber keine Stimme, um über ihr körperliche, sexuelle und seelische Ausbeutung als Sklavin zu sprechen. Der Horror der Sklaverei wird auf Sethes alptraumartige Flashbacks reduziert - und damit, statt als persönliches und nationales Trauma begreifbar gemacht zu werden, auf eine einsame Heldin isoliert.

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