Geschichte, in einem Schrank verwahrt

Alltag Das schlesische Dorf Ziegenhals hat einen Austausch seiner Bevölkerung erlebt. Geblieben sind unbelebte Dinge, die von einer deutschen und einer polnischen Vergangenheit erzählen

Aus der Luft über der Schweiz und über Österreich sieht man Dörfer mit einem stabilen Zentrum, einem Platz und einer Kirche darauf, an das sich die Häuser anlehnen, dann über der Slowakei und über Tschechien entrollen sich die Häuserreihen und stellen sich in Reih und Glied entlang der Landstraße, als wartete man auf die Ankunft und die Anweisungen eines hohen Tieres aus der Kreisstadt. Weiter über Südpolen sind sowohl Dorfzentrum wie Disziplin dahin, der Gemeinschaftssinn hat sich aufgelöst. In den Tälern und auf den Hügelhängen sind zerstreut einzelne Punkte zu sehen, verschieden in Form und Farbe. Je näher an den Ballungszentren, umso beliebiger ist ihr Standort, nur die Dichte nimmt zu, als hätte jemand Säcke mit bunten Murmeln ausgeleert, die gegen das Gesetz der Schwerkraft zum Stillstand gekommen sind. Wie leben die Menschen in diesen Häusern?

Maria Kopacka, 33-jährig, Germanistikdozentin, kehrt abends von ihrer Arbeit an der Universität in Nysa (Neisse) nach Glucholazy zurück, einem kleinen oberschlesischen Ort nah an der tschechischen Grenze. Hier wohnt sie in ihrem Elternhaus - zusammen mit den Eltern, dem Bruder, der Schwester und der Tante. Hier, in diesem alten Haus ist sie aufgewachsen, auch ihre Mutter hat Kindheitserinnerungen daran. Noch früher, vor 1945, war es das Haus eines reichen Bauern, des Deutschen Klaus Schmied, eines glühenden Nazi-Anhängers. Nachdem die Niederlage des Deutschen Reiches unabwendbar geworden war, hatte er seine Familie in die Scheune zusammengerufen und ausgelöscht - seine Frau samt den gemeinsamen zwei Töchtern und anschließend sich selbst.

Nur der damals 17-jährige Sohn Wilhelm war der väterlichen Allmacht buchstäblich entflogen - während der Bluttat machte er gerade bei der Wehrmacht seine Pilotenausbildung.


Nach der Vertreibung der deutschstämmigen Bevölkerung soll das leere Schmied-Haus wie alle übrigen Häuser in Ziegenhals - wie Glucholazy damals hieß - einer polnischen Familie zufallen. Die Neusiedler kommen aus ganz Polen her, meist sind es Flüchtlinge aus den ostpolnischen Gebieten, die die Sowjetunion annektiert hat. Jene wenigen gut assimilierten Deutschen, die bleiben dürfen, werden polonisiert. Auch Marias deutschstämmiger Vater muss den Familiennamen seiner polnischen Frau annehmen - aus Schäfer wird Kopacki. Marias Großvater mütterlicherseits, der die Hauswahl vornimmt, überlegt praktisch: Lieber beziehen wir ein Haus von Verstorbenen als eins von Vertriebenen, die eines Tages zurückkommen könnten, um es zurückzufordern.

Die ersten Jahre über sitzen die Neusiedler auf ihren Koffern und wagen sie nicht auszupacken, die Angst, aus den fremden Häusern verjagt zu werden, ist noch da. Marias Tante fürchtet sich bis heute, und Maria neckt sie: "Tantchen, beeil dich, die Deutschen sind da, wir müssen weg!" Die Tante wird zudem von einer Schatz-Obsession verfolgt - seit sie kurz nach dem Krieg in der Scheune eine Schachtel mit Teetassen fand, sucht sie einen großen Schatz, der irgendwo versteckt liegen muss. Die Furcht, die anderen würden alles wegnehmen und die Illusion, es seien ebenfalls die anderen, die Wohlstand bringen könnten, verraten eine fragile und bedrohte eigene Identität, als sei man hier nie angekommen. Glucholazy mag Außenstehenden unansehnlich erscheinen, für Maria ist es ihre Heimat. Als Kind wusste sie nicht, wie der Bach, die umliegenden Hügel und die Wiesen.

heißen. Später fragte sie eine alte Deutsche, die ihr die Namen verriet. Sechzig Jahre sind zu kurz, um eigene Namen zu geben, meint Maria, die die überlieferten deutschen Bezeichnungen für die Ortschronik niederschrieb.


Als nach der Wende etliche Besitzer nach Glucholazy kommen und an die Tür ihrer einstigen Häuser klopfen, bleibt es um das Schmied-Kopacki-Haus still. Drinnen wartet man auf Wilhelm - vielleicht ist er am Leben, vielleicht wird er kommen. 1992 endlich ist er da. Seither kehrt er immer wieder, manchmal allein, manchmal mit seiner Frau aus Münster, mit der er sich nach dem Krieg in Bayern niedergelassen hat. Wilhelm nimmt Maria mehrmals auf einen Rundflug mit, sie fliegen über Ziegenhals-Glucholazy, schauen sich aus der Höhe die alten Geschichten an. Wilhelm ist froh, dass er damals als Wehrmachtspilot keine Bomben abgeworfen hat, er sei zu jung gewesen, freiwillig habe er sich zur Armee gemeldet, habe lediglich fliegen lernen wollen, beruhigt er Maria.

Maria spricht mit Achtung von Wilhelm, sie sind nicht nur gemeinsam geschwebt, sondern haben auch bodenständige Projekte in Glucholazy zum Leben verholfen, einen Kindergarten gegründet, unter anderem. Als Maria ihm vorschlägt, im Schmied-Kopacki-Haus eine Stiftung zu gründen, lehnt er ab. Er wolle nicht die väterliche Vergangenheit mit gemeinnützigen Taten verbinden. Maria verbringt mehrere Sommer bei Wilhelms Familie in Bayern, sie verdankt Wilhelm, der für ihre Ohren das beste Deutsch spricht, das sie je gehört hat, ihre guten Kenntnisse der Sprache des Nachbarlands.


Seit zwei Jahren ist Wilhelm tot. Die deutsch-polnische Hausgeschichte rumort indessen weiter. Maria, die zwischen den beiden Familien vermittelt, sieht das Happy End in Gefahr. Kürzlich hat sich Wilhelms Tochter gemeldet. Sie will den großen alten Schrank haben, der im Wohnzimmer steht, seit das Haus errichtet ist. Er ist das Hochzeitsgeschenk ihres Urgroßvaters an ihre Großmutter. Sie komme bald mit einem Anhänger vorbei, um den Schrank zu sich nach Bayern zu holen. Und wie beiläufig sagt sie, falls er zu hoch sei, werde sie ihm die Beine absägen.

Seit dem Anruf sind die Kopackis in Sorge um die bevorstehende Leere im Haus. Maria fürchtet, sie werde sich darin nicht mehr heimisch fühlen. Natürlich werde ihre Familie den Schrank abgeben, fügt sie sanft hinzu, doch vorher will sie der Ahnungslosen die polnische Geschichte vom Schrank erzählen. Wie nicht nur Wilhelm, sondern auch Marias Mutter und sie selbst mit dem Schrank aufwuchsen, ihn unzählige Male öffneten und schlossen, wie er die Schätze von drei Generationen ihrer Familie aufbewahrte und wie seine Präsenz als Gewähr für Geborgenheit empfunden wurde. Wo soll sein Platz sein? Maria, die die Vertreibung der Deutschen ein Unrecht nennt, versucht den Wunsch nachzuvollziehen, einen greifbaren Beweis vom hoffnungsvollen Anfang einer Familie aus einer friedlicheren Zeit zu besitzen - über das grausame Ende nämlich herrsche bei den Nachkommen ein Gebot des Schweigens, gar des Nichtwissens. Oder ist der Schrank lediglich ein Schrank, funktionstüchtig auch ohne Beine?

Nur zaghaft stellt sich Maria die Frage, ob es nicht an der Zeit sei, die Vergangenheit samt Schrank zu verabschieden und aus dem Elternhaus auszuziehen. In einer Gegend, wo durch Kriege, Vertreibung, Kommunismus und Kapitalismus die äußeren Sicherheiten schlagartig weggefegt wurden, gibt der Rückzug auf die Familie einen Halt. Marias Studenten lernen Deutsch, das ein Fenster zur Welt geworden ist und wissen, dass viele von ihnen im Ausland arbeiten werden. An den Wochenenden verlassen sie Nysa und kehren in ihre Elternhäuser zurück, die verstreut im Umland liegen. Das Denken in Schlesien kreist um das Eigenheim, sagt Maria und eine leise Kritik schwingt mit. Doch zugleich schätzt sie das Hausinnere als Zentrum, um das herum sich die Familie versammelt und Geschichten erzählt, auch eine von der zarten Seele der vielbeschworenen deutsch-polnischen Freundschaft, die in einem alten Schrank liegt.


Als die Geschichte Anfang des Jahres in einer Schweizer Zeitung erscheint, erhält sie - die schon die Ebene großer geschichtlicher Bewegungen mit der des persönlichen Bewahrens verbindet - eine weitere Schicht. Die

Ziegenhalser Landsmannschaft übernimmt sie in ihrem Neisser Heimatblatt mit folgendem Kommentar: "Wer die Zeilen aufmerksam liest, weiß bald um die Zusammenhänge, der weiß, wer mit "Klaus Schmied" gemeint ist. Natürlich heißt er anders. Ob der Betreffende ein glühender Nazi-Anhänger war, sei dahingestellt. Vielleicht hat er vorweggenommen, was sonst aus Rache und Hass ihm und seiner Familie wiederfahren wäre. Der allein überlebende Sohn hat schwer an diesem Schicksal getragen. ... Sicher wissen Sie nun, um wen es sich handelt und wo das Elternhaus steht. Der Verfasserin sei Dank für die Schilderung unser aller Schicksal."

Auf diesem Wege erfahren die Nachkommen "Klaus Schmieds" von der Publikation, rufen eilig einen Familienrat zusammen, aufgewühlt auch durch die Bezeichnung "Nazi" für ihren Großvater und über dessen Mord, den der Redakteur doch auf eine merkwürdige Art in Schutz nimmt. Der Familienrat schließlich fasst einen Entschluss: den Schrank der polnischen Familie zu überlassen.

* Alle Namen wurden geändert. Von der Verfasserin erschien 2003 im Berliner Aufbau-Verlag Die Sammlerin der Seelen. Unterwegs in meinem Europa.

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